Samstag, 24. Marz
1923 — Nr. n
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Strindbergs letzte Liebe.
Aus den Erinnerungen von Fanny Falkner.
__ Eitrindderg hat von der Ehe gefordert, daß sie ihn „mit der Menschheit durch das Weib versöhne", und dreimal ist er an dem Versuch diHes Ideal zu erreichen, gescheitert. Während die Geschichte dieser drei Ehetragödien in seinen Werken mit so schonungslosem Dekennerdrang dargestellt ist. wußten wir bisher von seinem vierten Versuch einer „Versöhnung mit der Menschheit durch das Weib"sehr wenig. Lind doch hat der Sechziger noch einmal die feste Absicht gehabt, die von ihm so furchtbar empfundenen Ehebanden auf sich zu nehmen. Es war eine Zwanzigjährige, mit Der er sich verlobte: die Malerin und Schauspielerin Fanny Falk- ner. Er Sam zu dem Mädchen in nähere Beziehung, indem er in Dos Haus zog, in dem die Familie Falkner wohnte, und sich
Fannys Mutter in Pension gab. In diesem Haus, das er den „Blauen Turm" taufte, hat er noch einige Jahre glücklichen Schaffens verlebt, und Fanny trug nicht wenig zu der milden, müden Heiterkeit seines Herbstes bei. Er lebte mit ihr und mit der Familie so vertraut, wie es bei einem solchen mißtrauischen Fanatiker der Mbett möglich war; er bringt Fanny zur Bühne, nennt sie sein „Dstermädchen", werl sie sein Bild von der Heldin des Dramas „Ostern' verwirüichte, studiert mit ihr die Hauptrolle in „Schwanenweih" ein, in der sie grobe Erfolge erringt. Sie wird feine „Sekretärin", er läßt sich von ihr malen, und schließlich nach emer langen Zeit des aufreibenden Anziehens und AbstoßenS wahrend deren auch sie unter dem dämonischen Zauber des Genies steht, verlobt er sich mit ihr. Aber Fanny konnte sich nicht ent- schlieyen, den gealterten Dichter zu heiraten. Der Altersunterschied war zu grob. Ihre Beziehungen zu ihm hat sie später in einer Schrift „Strindberg im Blauen Turm" geschildert, die Mt in der älebertragung von Emil Schering bei Georg Müller in München erscheint. Die Eindringlichkeit der Beobachtung und die schlichte Ehrlichkeit der Darstellung macht dies Buch zum wichtigsten Zeugnis von den letzten Schaffensjahren des Meisters.
Mit allen Einzelheiten hat sie seine Lebensweise im „Blauen Turm" erzählt. Am 10. Juli 1908 zog Strindberg in ®cn „Blauen Turm". Alles, was er aus feiner Wohnung im gKoten Hause" mitbrachte, waren einige Koffer mit Büchern. Photographien und Kleidern, die fast alle auf den Boden kamen. Die Möbel hatte er irgendwo in Verwahrung gegeben. Er schien übel daran zu sein, als er zu uns kam; leidend, qualvoll, schlecht gepflegt und abgetakelt. Er gab sich auch als krank und müde aus Und sprach von Krämpfen, die nach seiner Ansicht von Krebs her- rührten. Er hatte es sicher nicht gut gehabt unter seinen vielen wecysÄnden Dienstmädchen. Die Tagesordnung wurde sofort bestimmt, bis in jede Einzelheit. Er ging sehr früh spazieren, nachdem er eine Lasse Kaffee getrunken hatte. Etwa um 8 Ahr kam er zurück und setzte sich sofort an den Schreibtisch. Dann arbeitete er bis elf, bis ihm das Frühstück heruntergebracht wurde. Es bestand aus seinen Wunsch nur aus einigen Dutterbrötchen mit Anschovis und Renntierbvaten. Als Strindberg in den „Blauen Turm" ein» Avg, hatte er die Vorstellung, ein spartanisches Leben werde ihm gut tun. Gr begann auch mit diesen drei Butterbrötchen mit einfachem Belag; als aber meine Mutter diesen Belag immer avpe- machte, gelang es ihr auch allmählich, die Ration zu vergröbern, und es zeigte sich. Lab es ging. Die Folgen blieben nicht «uS, Strindberg lebte wieder aus. wurde ruhiger, munterer; eS fetzte so viel Fleisch an. dab der Schaber seine Anzüge weiter Michen mußte. Daß sein Öntereffe für das Häusliche stieg, drückte
M) u. «. darin auS, daß er Tischzeug, Silber. Kaffeeservice ein» kaufte. Einen Kafseekvcher hatte er bereits; den benutzte er jeden Tag für seinen Morgenkaffee, den er von keinem anderen kochen ließ. Strindbergs Aeigung zu aszetischer Lebensart, die er am Anfang dieser Epoche zeigte, hing sicherlich damit zusammen, daß er sich wirklich krank fühlte. Es ist jedoch möglich, daß dieses Gefühl zum Teil aus Einbildung beruhte — er hatte eigentlich nichts dagegen, sich gequält zu fühlen, der zu sein, der die großen Schmerzen zu tragen hatte. Heber den Arbeitstisch, der groß und bequem war, breitete sich eine von diesen orientalischen Decken aus. die einst in Stockholm von umherwandernden Südländern verkauft wurden. Diese Decke nahm Strindberg fort, um sie an die Wand vor dem Schreibtisch zu hängen, dann kaufte er sich selbst eine andere in mehr „arabischem Stil", die er auf den Tisch legte. ®r hat selbst erklärt, dieser einfache WanLbehang, den er beständig vor Augen hatte, habe seine Gedanken auf die alten Geschichten von „Abu Casems Pantoffeln" geführt und ihn zu dem Märchen-! spiel mit diesem Titel inspiriert. Diese Arbeit war die erste, die er in seinem neuen Heim ausführte. Von meinen kleinen Geschwistern lieh er, was sie von „Tausendundeiner Aacht" besaßen; er kaufte sich mehrere Bände der Bibliothek „Saga", darunter einige deutsche Märchen."
Strindberg verkehrte mit der Umwelt am liebsten schriftsich und schrieb auch dem jungen Mädchen, das ihm besonders nahe stand, täglich „Promemorias". Die innere Spannung, in der sich fein unermüdlich schassender Geist stets befand, strahlte eine nervöse iln» ruhe um ihn aus; auch war er außerordentlich mißtrauisch. „Mit allen seinen großen Zügen legte er Äteinigfeiten oft eine Bedeutung bei, die bestürzte. Alles in seiner Aähe wurde leicht-unruhig. Er war ganz unberechenbar. Darum wußte man niemals, was kommen würde, wenn er im Telephon läutete, oder wenn man in seine Tür trat. Immer hing über unseren Köpfen die Gefahr, daß er eines Tages alle um sich vernichten könnte. 3n Geldfragen toait er auch unberechenbar. Doch muß man sagen, daß er äußerst sparsam lebte. Einst überraschte er uns durch eine Karte mit diesem kräftigen Inhalt: „Wo ist meine Wäsche und mein Silber? Ich kaufte für 125 Kronen, als ich hierherzog." —»Als Antwort bekam er eine Abhandlung, die ihn aufklärte. Das Silber würde sich auf seinem Platz im Büfett wiederfinden, sobald es geputzt worden sei, was nach einem eben abgehaltenen Festessen geschehen müsse. Von der Wäsche liege soundso viel im Schranke, das übrige sei bei der Wäscherin. Diese nicht unwesentlichen Einzelheiten hatte er ganz übersehen bei der strengen Revision, die er plötzlich vor» genvmmen. Wenn eine Idee bei ihm entstand, mochte es sich um etwas Großes oder Kleines handeln, wurde sie sofort in Handlung umgesetzt, rücksichtslos, impulsiv, ohne daß et daran dachte, wie dieses Vorgehen auf andere wirken könnte ... In der Frage des Aufräumens konnte er raffinierte Methoden erfinden, um den zsu erreichen, den er für den Schuldigen hielt. So fiel es ihm ein, aus der obersten Latte einer Jalousie einen Knopf anzubringen, um zu sehen, ob es dem gelang, sich die Aufmerksamkeit der Aufwär- terin beim Staubwischen zuzuziehen. Da alle Fenster und Balkontüren Jalousien besaßen, so war es wohl zu verzeihen, wenn eine Latte übersprungen wurde und der 5tnobf unberührt bleibt. Denselben Lrick wandte er beim „Grünen Sack" an. wie er den Schrank mit grünen Glasscheiben nannte, in dem er seine wissenschaftlichen Manuskripte verwahrte. Er legte einen Knopf auf den Schrank pnd sah später nach, ob er liegen geblieben war. Falls er die Dache humoristisch genommen hätte, könnte man diesen Kunstgriff


