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Zimmers stöhnte gequält vom Rheumatismus irgendeine achtzigjährige Greisin, die einmal irgendwo als Kinderfrau gedient hatte und jetzt einsam starb, ächzend, brummend und mit dem Knaben schimpfend, so Mß er sich schon fürchtete, ihrer Ecke zu nahe zu kommen. Der Knabe verschaffte sich im Gang etwas zu trinken, aber ein Stück Brot war nirgends zu finden, und vielleicht zum zehnten Male schon versuchte er, seine Mutter zu wecken. Es wurde finster und dem Knaben wurde ängstlich zumute: es war schon lange Abend, aber es wurde kein Licht angezündet. Der Kleine befühlte das Gesicht der Mutter und Wunderte sich, Mß die Mutter sich gar nicht rührte und so kalt Var, wie die Wand. „Es ist sehr kalt hier", dachte er. Eine Weile blieb er stehen, unbewußt seine Hand auf der Schulter der Entschlafenen lassend, dann hauchte er auf seine Finger, um sie zu erwärmen. Plötzlich nahm er von der Pritsch: seine Mühe und ging leise tastend aus dem Kellergewölbe hinaus. Er wäre schon früher gegangen, aber er fürchtete sich vor dem großen Hund, der oben auf der Stiege den ganzen Tag vor den Türen der Nachbarn heulte. Jetzt war der Hund nicht mehr M, und gleich befand sich der Knabe auf der Straße.
Herrgott, was war Ms für eine Stadt! Nie zuvor hatte er etwas Aehnliches gesehen. Dort, von wo er kam, war es so finster pes Nachts: eine einzige Laterne beleuchtete die ganze Straße. Die Fenster der niederen Holzhäuschen wrrden mit Läden verschlossen: die Straßen werden schon bei einbrechender Dämmerung teer. Alle schließen sich in ihren Häusern ein, nur ganze Herden von Hunden, Hunderte, Tausende von Hunden heulen und bellen die ganze Nacht hindurch. Aber dort, von wo er mit seiner Mutter gekommen war, war es so warm gewesen, und er hatte zu essen gehabt und hier — „v Gott, wie gerne möchte ich etwas essen!" Mchte er. Unb was für ein Poltern und Lärmen ist hier, was für Licht und wie viele Menschen, Pferde und Wagen, und ein Frost, ein Frost! Dampfend strömt den gejagten Pferden der Atem aus den Nüstern; durch den lockeren Schnee fliegen auf den Steinen die Hufeisen, und alles drängt sich, und, o Gott, wie gerne möchte ich essen, wenigstens irgend etwas, und wie weh tun auf einmal die Fingerchen. Ein Schutzmann ging vorbei und Wandte sich ab, um den Knaben nicht zu sehen.
Da wieder eine neue Straße — ach, wie breit sie ist! Hier wird man sicher übersahren: wie sie alle schreien, laufen und fahren, und das Licht, das viele, viele Licht! And was ist Ms? pH, wie groß Ms Fenster ist und hinter dem Glas ist ein Zimmer und im Zimmer steht ein großer Daum, der bis zur Decke reicht. Der Weihnachtsbaum! Am Daume hängen so viele Lichter, goldene Papierketten und Aepfel und um den Daum ?ehen Puppen und kleine Pferde, und Im Zimmer laufen Kinder erum; schön gekleidet und sauber; sie lachrn und spielen, essen und trinken etwas. Da, dieses Mädchen hat angefangen, mit einem Knaben zu tanzen. Wie hübsch ist Ms Mädchen! Hetzt hört er die Musik durch die Fensterscheibe. Der Knabe schaut, wundert sich, lacht und freut sich, aber die Fingerchen tun ihm weh, auch die Zehen. Die Finger sind ganz rot geworden, lassen sich nicht mehr biegen, und es tut weh, wenn er sie bewegt. Plötzlich merkt per Kleine, wie sehr ihn die Fingerchen schmerzen, er fängt an -u weinen und läuft weiter. Auf einmal sieht er wieder Mrch ein anderes Fenster ein Zimmer, in dem auch solche Daume stehen, aber auf den Tischen sind verschiedene Kuchen — rote, gelbe Mandelkuchen, und es sitzen dort vier reichgekleidete Damen. Die Tür geht in einem fort, und wer hereinkommt, bekommt Kuchen, und es kommen viele Menschen herein. Der Knabe schleicht heran, öffnet plötzlich die Tür und tritt ein. Ach, wie schrie man ihn an, man jagte ihn fort! Eine Dame trat auf ihn zu, steckte ihm geschwind eine Kopeke in die Hand, öffnete ihm die Türe. Wie er erschrak! Die Kopeke entglitt seinen Händen und kollerte teuf die Stufen herab, denn der Kleine konnte seine roten Fingerchen nicht schließen und die Kopeke nicht festhalten. Er lies hinaus, er eilte fort, schneller, immer schneller lief er; wohin — vas wußte er selbst nicht. Gr hätte gerne wieder geweint, aber er fürchtete sich; er läuft, läuft und haucht in seine Händchen. Kummer erfaßt ihn, denn er fühlt sich auf einmal so verlassen, «s wird ihm so Mag. Da plötzlich, o Gott! Das gibts schon wieder? Ein ganzer Knäuel von Menschen steht M und staunt: Auf dem Fensterbrett, hinter der Glasscheibe stehen drei kleine herausgeputzte Puppen, in roten und grünen Kleidern und schauen ganz, ganz wie llebendig aus. Irgendein alter Mann sitzt dort und scheint auf einer großen Geige zu spielen; zwei andere stehen dabei und spielen aus kleinen Geigen, wackeln mit den Köpfen im Takt, blicken einander an, und die Lippen bewegen sich. Sie sprechen, sie sprechen bestimmt, nur wegen der Fensterscheibe hört man sie nicht! Anfangs Mchte der Knabe, sie seien lebendig, als er aber erriet, daß es Puppen seien, fing er plötzlich »u lachen an. Nie zuvor hatte er solche Püppchen gesehen und wußte auch nicht, Mh es solche gibt. Eigentlich hatte Ur Lust, zu weinen, aber die Püppchen sind so spaßig, so svaßig! Plötzlich fühlt er, MH ihn rückwärts irgendwer am Röckchen packte: Ein großer böser Knabe stand neben ihm, versetzte ihm einen Schlag auf den Kopf, riß ihm die Mütze herunter und stellte ihm ein Dein. Der Kleine fiel um, er hörte .schreien, erschrak, sprang auf und fing an zu laufen, zu laufen. Auf einmal Mnd er — er wußte nicht, wo es war — vor einem abgesperrtenl
Er kroch unten durch und befand sich auf einem fremden
Hose.- Er versteckte sich hinter aufgestapeltem Hotz. „Hier wird man mich nicht finden, es ist auch finiter hier."
Der Kleine hockte sich nieder, knickte zusammen und konnte .nicht zu sich kommen. Aus einmal, ganz plötzlich, wurde es ihm so wohl: die Füßchen und die Händchen hörten auf, zu schmerzen, und es wurde ihm so warm wie auf einem Ofen. D,r «erschauerte er: Ach, er wäre ja fast eingeschlasen! Wie schon wäre es, hier einzuschlafen! „Ich bleibe eine Weile M sihen, dann gehe ich wieder, mir die Püppchen anzuschauen" Mchte der Knabe und lächelte in GeMnken an sie: „Ganz wie lebendig." Plötzlich hörte er seine Mutter. Sie fang ihm ein Liedchen. „Mama, ich schlafe, ach, wie schön ist es hier, au schlafen!"
„Komm mit mir, mein Knabe, zum Weihnachtsbaum" — flüsterte über ihm eine leise Stimme.
Anfangs Mchte er, es wäre wieder seine Mutter, aber nein, sie war es nicht; wer hatte ihn also gerufen? Es ist finster,, er sieht nicht, aber jemand bückt sich über ihn und «umarmte ihn in der Dunkelheit; und er streckte ihm die Hand entgegen' und. . . und plötzlich — oh, was für ein Licht! Was für ein Weihnachtsbaum! Das ist ja kein Tannenbaum, solche Däume hat er nie zuvor gesehen! Wo befindet er sich nur? Alles glänzt, alles leuchtet und rings herum — lauter Püppchen — aber nein, es sind lauter kleine Knaben und Mädchen, alle so leuchtend; sie drehen sich alle um ihn, schweben umher, alle küssen sie ihn. nehmen ihn, tragen ihn mit sich, jetzt schwebt er selbst und er sieht: Seine Mama schaut ihn an und lächelt freudig.
.„Mama, Mama, wie schön ist es hier, Mama!" — ruft der Knabe und küßt wieder die Kinder. Er möchte den Kindern schnell von den Püppchen hinter der Glasscheibe erzählen. „QBer seid Ihr, Knaben? Wer seid Ähr, Mädchen?" fragte er sie in Liebe und lacht.
„Das ist der Weihnachtsabend bei Christus" — antworteten sie ihm. „An diesem Tage hat Christus immer einen Weih» nachtsbauin für kleine Kinder, die dort keinen eigenen Daum haben." And er erfuhr, Mh diese Knaben und Mädchen genau solche Kinder waren wie er. Einige von ihnen erfroren schon in ihren Körben, als man sie vor den Türen der Petersburger Deamten liegen ließ, andere erstickten bei ihren Pflegemüttern, als Ms Findelhaus ihnen die Kinder auslieferte, andere starben an den ausgezehrten Brüsten ihrer Mütter (während der Hu gers- not in Samara) und wieder andere kamen in der iticfigen Schwüle im Wagen vierter Klasse um. Sie alle sind jetzt M, sie alle sind jetzt Engel, alle bei Christus, und er selbst ist mitten unter ihnen, reicht ihnen seine Hände und segne! sie und ihre sündigen Mütter. And die Mütter dieser Kinder stehen alle M, abseits und meinen. Hede erkennt ihr Kind, und die Kinder schweben zu den Müttern, Kissen sie, wischen ihnen die Augen mit ihren Händchen ab und bitten sie, nicht zu.weinen, weil sie es hier so gut haben.
Am nächsten Morgen fanden die Hausbesorger hinter dem Holz die kleine Leiche eines hergelaufenen, erfrorenen Knaben: man sand auch seine Mutter. . . Die war noch früher gestorben als er; es gab ein Wiedersehn beim Herrgott im Himmel.
And wozu habe ich nur diese Geschichte erfunden, die so wenig hineinpaht in ein gewöhnliches, nüchternes Tagebuch und dazu noch in das Tagebuch eines Schriftstellers? And ich versprach doch, vor allem wirkliche Begebenheiten zu erzählen. Aber die Sache ist nämlich die, Mh es mir immer so ist, als ob alles, was in der Kellerwölbung und hinter dem Holze geschah, sich wirklich zugetragen haben könnte. Aber vom Weihnachtsabend bei Christus — da weiß ich wirklich nicht, was ich sagen! soll, ob so etwas geschehen konnte ober nicht. Nun aber — bin ich denn nicht Romanschriftsteller, um zu erfinden?
Napoleon im Lichte seines Kammerdieners.
(Gin neues Grinnerungsbuch.)
Ein lebendiges Bild von der Persönlichkeit Napoleons während seiner letzten Hahre wird in den persönlichen Erinnerungen seines zweiten Kammerdieners Louis Etienne St. Denis geboten, die unter dem Titel „Napoleon von den Tuilerien bis nach St. Helena" mit einer Einleitung von Prof. G. Michaut erschienen sind. Die Memoiren sind von dem großen Napoleon- Forscher Frödäric Masson für echt erklärt worden und haben nach seiner Ansicht einen nicht unbedeutenden geschichtlichen Wert. Sie waren der Welt aus allerlei Zweifeln lange vorenthalten, dürften sich aber nun unter den Erinnerungsbüchern, die den „intimen" Napoleon schildern, einen ersten Rang erobern. St. Denis war der Sohn eines kleineren Beamten vom Hofe Ludwigs XVI., ein vortrefflicher Beobachter und gebildeter Mann. In den traurigen Tagen auf St. Helena diente er dem Kaiser nicht nur zu persönlichen Handleistungen, sondern er verwaltete auch seine Bibliothek, schrieb für ihn Handschriften ab usw Er war seinem Herrn mit Leib und Seele ergeben. Da er kein Tagebuch geführt hat, so stammen seine Erinnerungen aus der Zeit nach Napoleons Tod und weisen kleinere Irrtümer auf, sind aber im ganzen von großer Wahrhaftigkeit. Er berichtet allerlei Neues von dem großen Manne. So erzählt er z. D„ daß der Kaiser sich sogar um die Bücher kümmerte, die seine Dienerschaft las: „War ®$, ein gutes Buch, so legte er es wieder


