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Aus neuen Briefen Meister Raabes.
Die erste eingehendere Darstellung von Wilhelm Raabes Werk und seiner Bedeutung für unsere Dichtung war die Arbeit von Professor Paul Gerber, die ihren hohen Wert in der Raabe-Literatur behalten wird, wmn sich auch seitdem durch Io viele neue Veröffentlichungen unser Bild des grohen Epikers vertieft hat. Der Briefwechsel, den Raabe mit Gerber geführt hat, wird jetzt von Prof. L e m ck e in „Westermanns Monatsheften" herausgegeben, und wir erhalten dainit ein neues wichtiges Zeugnis von Meister Raabes Persönlichkeit. Durch «inen Artikel, den Gerber über „Stopfkuchen" veröffentlichte und den er- Raabe zufchickte, begann die persönliche Beziehung zrrüschen beiden.
„Sie haben sich vortrefflich hineingelesen in die Geschichte von der Eroberung der roten Schanze," schreibt Raabe in der Antwort, „dah es sich dabei auch ein wenig allegorisch oder symbolisch um den künstlerischen Lebensweg des Autors und die Eroberung der Kunst, eine humoristische Erzählung zu sch eiben, handele, konnten Sie natürlich nicht wissen. Und für den objektiven Wert der Dichtung spricht das ja auch. Also Sie wollen nun noch weiter über mich und meine Schriften schreiben? Das ist sehr ehrenvoll für mich, und ich wünsche guten Erfolg; aber schon einige andere werte Freunde und Gönner haben sich an solche Ausgabe gemacht und — bald den Mut und die Feder sinken lassen! jedenfalls aber die Dache noch etwas verschoben bis aus weiteres."
In einem späteren Briese vom 27. Avvember 1894 kommt Raabe aus Gerbers Arbeit zurück: „Ihre Mitteilungen über Lhre Bemühungen um mein literarisches Wohl und Wehe sind mir natürlich höchst erfreulich. Mögen die Götter ihre Bemühungen
tmv nicht das Leben selbst — hat das Privilegium, das wählen zu können, was ihr zusagt: die bildende Kunst aus der Fülle der Erscheinungen, die musikalische Kunst aus der Gesamtheit der Gemütsbewegungen; andererseits hat sie das Recht, das abzustohen, was nicht zu ihr gehört, was auherhalb ihrer selbst liegt; und dazu mutz ich u. a. die soziale Tendenz, die propagandistische Geberde rechnen; sei der Autor noch so heftig von solchen Motiven erfüllt, hier wird der Dichter zun: Bclksredner. Beethoven lag das Trotzige, das Grollende und das Versöhnende am nächsten der eigenen Ra- tur; darin war er makellos aufrichtig; und mit dieser Erkenntnis gewinnen wir — aus die Frage: Was bedeutet Beethoven den Heutigen? — die erste wichtige Antwort. Aufrichtigkeit ist eine der unbedingten Rotwendigkeiten für das Werden und Wirken des Schaffenden.
Darin ist D:ethoven uns allerdings ein höchster Mahstab, dah seine strenge Aufrichtigkeit ihn instinktmätzig zu den Bezirken führt, die ihm ganz eigen sind. Aber diesen Mahstab können wir an allen wirklich Bedeutenden wahrnehmen, von Dante an dis — ja bis zu Beethoven;-und so zwingend ist die Kraft der Aufrichtigkeit, dah auch das weniger Bedeutende durch sie einen hohen Rang, einen bleibenden Wert gewinnt — Können, Gemüt und Einbildungskraft vorausgesetzt —! ich nenne von Späteren, weil sie von selbst hervortreten, Weber, Chopin und Dizet.
Ein zweites Moment, das die heutige Jugend sich zu Herzen nehmen mag, ist — bei Beethoven — das Zurücktreten des Virtuosenhaften gegenüber der „Idee". Beherrscht er auch mit Ueberlegenheit das Orchester und den Kontrapunkt, so Denken wir doch nie in erster Linie von Beethoven als von einem »Orchestrator" oder einem „Kontrapunktiker". Man hat ihm zwar die Sonderetikette des „Symphonikers" aufgesteckt, doch ist dieses eine Konvention wie jede andere Etikettei Eine Hammerklavier- Sonate und ein Oig-Moll-Streichquartett wiegen an Gehalt die Symphonie sicherlich auf; in der Tat ist es bä Beethoven ziemlich gleichgültig, welches das Mittel ist, das uns seine Gedanken zuführt. Als „Spezialisten" haben ihn seine Vorgänger über- troffen. Bachs Harmonik ist kühner und reicher, Mozarts Orchester equilibrierter, Haydns Quartettsatz reiner und durchsichtiger. Das liegt daran, dah Beethoven ungestüm ihn oft über die bequemen Möglichkeiten der Instrumente, der Singstimme, hinausgreifen lieh; wodurch das „Riskierte" in den Vortrag kam, das dem Wohlklang gefährlich wird. Dafür aber zwang und verhalf er Instrumentalisten und Orchester zu größeren Leistungen: der Schwierigkeit, der Ausdauer und des Denkens. Richt immer zeigt in der Beschränkung sich der Meister, sondern ebensosehr in der Erweiterung, sobald er sie beherrscht.
Diese Geste Beethovens ist leider nachträglich eifrig aufgegriffen worden; die Uebertrumpfung um ihrer selbst willen gepflegt, führt zur Dekadenz; darum, weil der Abstand zwischen Inhalt und Aufwand immer klaffender gerät. Das dritte Horn, das zu dem, üblichen Einzelpaar in der „Eroica" hinzukam, erregte Aufsehen und Bedenken; wenngleich seine Verwendung begründet und überzeugend durchgeführt ist. Wo ist eine ähnliche Berechtigung bei den acht und zwölf Hörnern mancher heutigen Partitur?
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Um die Menschheit zu leiden ist höchst „menschlich", ehrfurcht- aebietend, dankens- und liebenswert; anbetungswürdig aber ist das „Göttliche", welches keine Zweifel kennt noch weckt, und alles Leiden vergessen macht.
segnen, dah sie, di« höchsten Herrschaften, mir aber wenigstens jetzt, nach dem 40. Tintenarbeitsjahr, die Feder sanft aus der Hand nehmen, kann ich leider nicht glauben. Ich werde wohl noch eine Weile auf immer abschüssigerem Pfade stolpern und strauchelnd weiter müssen; nun, sehr lang kann der Weg nicht mehr sein; das ist wenigstens ein Trost so um die Stunden, wo so ein alter Kerl nachts wach auf dem Bett sitzt und ihm das kommt, was er am Tage vor dem Manuskript vergeblich gesucht hat: Bilder und Gedanken! Aber nicht der angenehmsten Art." Wie schwer ihm damals bereits das Schaffen wurde, geht aus einer andern Stelle hervor, die von den eben erscheinenden „Akten des Vogelsangs" handelt. „Die Akten des Vogelsangs" haben nur ein jahrelanges Quälen und Würgen zuwege gebracht," bekennt er. „Ob sich das Elend gelohnt hat, kann ich wirklich nicht sagen; erhalten Sie mir jedenfalls Ihre Teilnahme. Man ist eben ins 65. Lebensjahr gekommen!" In einem späteren Schreiben sagt er von diesem Buch: „Die Akten des Vogelsangs werden dem Publikum wohl wieder einmal einigen Grund zur Verwunderung geben. Auf der Buchausgabe werden Vie ein Wort aus dem Peter Schlemihl finden, welches 40 Jahre nach der „Chronik der Sperlingsgasse" nicht ohne Grund am Schlüsse einer so langen literarischen Lebensarbeit steht."
Dieser wehmütig resignierte Grundton zittert durch alle diese Briefe und verleiht ihnen ihre eigentümliche Stimmung. Schon im ersten Brief vom 9. Januar 1833 schreibt Raabe: „Ihre Wünsche zum Jahreswechsel nehme ich gern an; aber Sie haben einem alternden, nicht mehr „frischen" Mann geschrieben. Und am Johannistage des vorigen Jahres ist mir meine jüngste Tochter im Alter von 16 Jahren gestorben; da werden einem wohl die Dinge dieser Welt im allgemeinen und die literarischen im besonderen auf ihren wirklichen Wert heruntergedrückt." 1836 erzählt er dann von feiner Tochter in Wilhelmshaven, deren Mann als Stabsarzt in die Tropen geschickt worden war. „Mein Schwiegersohn hat krank von Pokohama über San Francisco zurückkehren müssen," heitzt es am 5. Oktober 1836. „Malaria und Tropenänomie, zu welch letzterer er sich die Anlage schon vor, einigen Jahren aus dem Inneren von Ostafrika mitgebracht hat. Den Enkel haben wir hier — der Vater hat ihn noch nicht zu Gesicht bekommen. Die Mutter ist natürlich in Wilhelmshaven."
Gerber erkundigt sich nach mehreren schwer auffindbaren Schriften des Dichters, so besonders nach der damals ganz aus dem Buchhandel verschwundenen Rovellensammlung „Halb Mär, halb mehr". „Dah Sie „Halb Mär, halb mehr" noch aufgegabelt haben, wird Ihnen mehr eine Kuriosität als ein Genuß gewesen sein," bemerkt Raabe zu dem endlichen Fund des Werk- chens. „Neulich erzählte mir em Buchhändler, dah ein Exemplar von der Schnurre jetzt im Antiquariat an die 12—15 Mark gelte; so ist man in dieser Hinsicht schon bei Leibesleben zu einem Klassiker geworden. Hätten Sie mich um Rat gefragt, so würde ich Ihnen sehr abgeraten haben, bei den von Ihnen erwähnten Herren Verlegern mit Ihrer Arbeit über mich an den Ladentisch zu gehen . . . Aber geben Sie die Hoffnung noch nicht auf; vielleicht findet sich unter den deutschen Sosiern doch noch ein recht vertrauensvoller, der Ihr Werk an seiner Kolumna feil- bietet."
Der Weihnachtsabend bei Christus.
Von F. Dostojewski*).
Ich bin ein Romanschriftsteller und ich glaube, dah ich ein« „Geschichte" erfunden habe. Warum schreibe ich „ich glaube"? Ich weih es ja bestimmt, dah ich die Geschichte erfunden habe, aber es scheint mir immer so, als ob sie sich 'doch einmal! irgendwo wirklich zugetragen hätte; und gerade am Weihnachtsabend in irgendeiner großen Stadt bei schrecklichem Frost- wett er.
Ich erinnere mich eines Knaben, der in einem Kellergewölbe wohnte. Der Knabe war noch sehr klein, kaum sechs Jahre alt oder noch jünger. Dieser Knabe erwachte an einem Morgen in dem feuchten alten Kellergewölbe. Er war mit einem bünnen Röckchen bekleidet und zitterte vor Kälte. Er sah auf einem Koffer und langweilte sich. Aus seinem Munde stieg ein Weiher Hauch, und der kleine Knabe belustigte sich damit, den Dampf herauszublasen und zu beobachten, wie er weiterflog. Aber er hatte Hunger. Einige Male im Laufe des Morgens näherte er sich der Pritsche, auf der seine kranke Mutter lag. Sie lag auf einer ganz dünnen Unterlage und statt eines Kissens hatte sie ein Bündel unter dem Kopfe. Wie kam sie nur hierher? Vermutlich war sie mit ihrem kleinen Knaben aus einer fremden Stadt gekommen und plötzlich erkrankt. Die Vermieterin der Schlafstelle war schon vor zwei Tagen von der Polizei geholt worden, die Mieter hatten sich zerstreut, da gerade Feiertag war; nur einer, völlig betrunken, der stets über die Feiertage nicht nüchtern bleiben konnte, lag in seiner Ecke. 3n der anderen Ecke des
*) Entnommen ans „F. Dostojewski, Novellen, mit Vvr- wort von A. Lunatscharski. (Bereinigung internationaler Verlagsanstasten Berlin SW 61.)" Das kleine Buch unterrichtet sehr instruktiv über das Schaffen des in die Tiefe des Lebens «in- dringenden Russen.


