Was gab uns Beethoven?
Von Ferruccto Dufvnt.
Ferruceio Dufoni, bet große Komponist und Meister des Klaviers, der zugleich ein hervorragender Musik» ästhetiker und geistvoller Schriftsteller ist, gibt in War Hesses Verlag zu Berlin seine „verstreuten Aufzeichnungen" aus der Zett von £837 bis 1922 unter dem Titel „Vo n der Einheit der Musik" heraus. Unter den noch ungedruckten 'Beiträgen dieses Werkes dürste besonders die tiefschürfende Betrachtung über Beethoven Aussehen -erregen, die wir hier wiedrrgeben.
Die SHriftleitung.
Häufig, beim Durchsprelen einer Mozartschen Partitur am Klavier, geschah es, daß mein Zuhörer ausrief: „Das ist ja schon ganz Beethovenisch!" Umgekehrt traf es sich auch, dah an ge» wissen Momenten eines Beethvvrnschrn Stückes mein Jünger bemerkte: „Das ist ja noch ganz Mozartisch." Das erste von der Geste respektvollen Erstaunens, das zweite von der eines nachsichtigen Lächelns begleitet. Sn den beiden Fällen übersah mein Zuhörer, dah Mozart — wo er „beethovenisch" anmutet —. bedeutend und original, hingegen, daß Beethoven, wo er an Mozart erinnert, unbedeuteno und entlehnend ist. Mit anderen Worten: ein Mozart kann zuweilen auch den Ton anschlagen, der unsere Zeit bei Beethoven mit Ehrfurcht erfüllt,- Beethoven kann aber Mozart, wo er ihm vorschwebt, nicht erreichen. Er hat Mozart in den Hintergrund gedrängt: derart, dah meine Veneration erröten muhte, eine Opuszahl von Beethoven ungenau zu zitieren: nicht aber sich zu schämen brauchte, ein Konzert oder eine Oper -von Mozart gar nicht zu kennen, Moritz Heimann, in einer seiner Novellen, läßt einen deutschen Dichter in Italien sagen: „Einen Beethoven haben sie nicht." Wan kann wohl sagen: „Ger göttliche Rossini!" Wan kann auch sagen „der göttliche Mozart!" Wer man kann nicht sagen „der göttliche Beethoven". das klänge nicht gut. Man muh sagen „der menschliche Beethoven"! So groh ist er. — Abgesehen davon, dah eine einzelne Erscheinung nicht in jedem Sanfte in je einem Exemplar vorhanden ist (keines anher England hat einen Shakespeare, keines außer Stallen einen Michelangelo: einen Cervantes besitzt nur Spanien), so gibt doch der Wslpruch Heimann einen Schlüssel zum besonderen Problem: das Menschliche tritt mit Beethoven zum erstenmal als Hauptargument in die Tonkunst, an Stelle des Fvrmenspiels.
Sogleich drängt sich die Frage auf, ob das ein Gewinn, eine Erhöhung für die Musik bedeuten könne: ob es die Aufgabe der Musik ist, menschlich zu sein, anstatt rein-klanglich und schön- gestaltend zu bleiben. Das Herz Beethovens war groh und rein und -es empfand für die Menschheit, es litt um sie, und für sie schlug eS. Das ist zunächst eine Angelegenheit der Gesinnung, des Gemüts: der Künstler Beethoven hatte zu formen; und fein sprichüwetliches „Ringen" mag nichts anderes fein, als das schwierige Bemühen, menschliche (das ist zuweilen auhermusi- Aalische) Erregungen in musikalische Formen zu bringen. Dieses ist ihm gelungen, oft gelungen, aber die Musik wurde dadurch in eine andere Region geführt, als die ist, die sie bisher bewohnt hatte. Wir haben durch Beethoven uns nun daran gewöhnt, diese Region als die der Musik einzig homogene, als ihren eigenen Bezirk zu denken, und werden wohl noch eine Zestlang zu diesem Prinzip uns bekennen.
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1923 — Nr» 8 c-
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Beethovens menschliche Ideale sind hoch und lauter; ste find die Sdeale der Gerechten aller Zeiten und Zonen: der Drang «ach Freiheit, die Erlösung durch Liebe, die Brüderlichkeit aller Menschen, Liberte, sgalits, fraternlte: Beethoven ist ein Ergebnis von 1793 und der erste große Demokrat in der Musst. Gr will, dah die Kunst ernst, das Leben heiter sei. Sein Werk tönt voller Unmut, denn das Leben ist eben nicht heiter; mit schöner Sehnsucht nach dieser Verwirklichung holt er immer wieder vom Leiden aus, ingrimmig und rebellisch. „Ron per Portas, per murvs, per muros", „Muh es fein? Es muh fein", „O. Freunde nicht diese Töne". „So pocht das Schicksal an die Pforte". DaS sind einige der „Mottos", die Beethoven erfüllen; stetiger Trotz, Wunsch nach Auflösung der Dissonanz, und — mit dem Kopf durch die Wand. Das Herz ist greis, die Gesinnung golden, der Kopf nicht enftprechend diszipliniert. Darum Goethes Bedenken gegen Beethovens Art; Bedenken, die zuungunsten Goethes gerne gedeutet werden, und die — dennoch —! (legt man Goethes umfassendes Verständnis für Mozart auf die Wag« schale) eher Anlah zum Rachdenken hätten geben sollen. Aber über Beethoven wird feit einem halben Jahrhundert nicht diskutiert.
©einen Zeitgenossen bedeutete Beethoven zunächst eine staunenswerte Kuriosität (ein Konzertabend, worin er zum ersten Male die fünfte Symphonie, die sechste Symphonie und das Klavierkonzert in Q-Dur aufführte, lieft das Publikum recht unberührt; Fidelio war zweimal ein „Fiasko"; das Violinkonzert wurde als unmelodisch und erzwungen bezeichnet); doch bald darauf schlug die Situation um, der Umschwung hielt an und wuchs zwei Generationen über den Kopf.
Eine militante Priesterschaft organisierte sich ohne Verabredung (anders als bei Wagner) und bewachte fortan das zum Symbol gediehene Werk der mus.kalischen Menschlichkeit. — Zwei Generationen hindurch war es das Ziel der ehrgeizen Komponisten, ihre neunte Symphonie zu schreiben. Brahms, Bruckner. Mahler — wie sehr man sie ausemanderhalten möchte, trotzdem in der Kunst nicht die Richtung, sondern die Begabung entscheidet —, sie sind sämtlich von der Monomanie erfüllt, zu ihrer eigenen neunten Symphonie zu gelangen. „Man folgt am treuesten einem graften Beispiel, indem man sich von ihm abw endet," so sagte ich einmal, und meinte damit: Das Beispiel ist deshalb groft, weil es einen neuen Typus schafft; wiederholt man den Typus, so ist die Idee des Beispiels wiederum zerstört.
Durch Beethoven entstand in seinen Nachkommen der Ehrgeiz der Bedeutung, der Tiefe, des Zyllopischen; die Mafte der Breite -und der Mittel türmten sich chronologisch auf. Sin Haydn fertigte noch Symphonien mit derselben Unbefangenheit — und Freude —! wie er ein Klaviermenuett niederschrieb. Aach Beethoven mutzte alles „gewaltig" sein; schon das erste Werk eine» jungen Komponisten wollte alles Gewesene an Wucht übertreffen. Sie Freude, die Beethoven aus Sehnsucht nach der Abwesenheit fanatisch besingt, hat sich verborgen. Früher begrüßte der Zuhörer die Veranstaltungen zu einer Musikaufführung mit dem Lächeln angenehmer Erwartung; jetzt fetzt man sich mit geschlossenem Augen und hoffnungslosem Ernste zum Lauschen hin. Ein Stück, das heiter und kurz geraten ist, mag es noch so schön und meisterlich fein, wird als Werk zweiter Ordnung betrachtet.
Menschlich zu schwingen ist diejenige Eigenschaft in der Kunst, ohne die sie zum Kunstgewerbe herabsinkt. Aber was ist nicht menschlich? Ausnahmslos ist alles, was vom Menschen empfunden und unternommen wird Die Kunst — darum ist ste die Kunst


