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auf, die Wand der Wolken löste sich mählich, leise polternd rollten ie weiter. Wie von Wut lief noch ein leifeS, letztes Zittern durch sie Bäume, sie beugten und krümmten sich, dann aber fielen die Laubhände, die schon gierig aufgereckt waren, schlaff zurück, wie tot. Immer durchsichtiger ward der Wolkenflor, eine böse, gefährliche Helle stand über der wehrlosen Welt. Es war nichts ge- cheheu. Das Gewitter hatte sich verzogen.
Ich zitterte am ganzen Körper. Wut war es, was ich fühlte, eine sinnlose Empörung der Ohnmacht, der Enttäuschung, Les Verrats. Ich hätte schreien können oder rasen, eine Lust kam mich an, was zu zerschlagen, eine Lust am Bösen, Gefährlichen, ein sinnloses Bedürfnis nach Bache. Ich fühlte in mir die Qual der ganzen verratenen Natur, das Lechzen de" kleinen Gräser war in mir, die Hitze der Straßen, der Qualm des Waldes, die spitze Glut des Kalksteines, der Durst der ganzen betrogenen Welk. Fast körperlich begann dieser Brand in mir zu werden, und als ich jetzt mit den Fingern nach dem Holz der Tür griff, knisterte es leise unter ihnen wie Zunder, brenzlig und trocken.
Der Gong lärmte zur Abendmahlzeit. Ich ging hinein in den Speisesaal. Die Leute saßen schon an ihren kleinen Tischen. Sie sprachen leise, aber doch, mir war es zu laut. Denn mir ward alles zur Qual, was an meine aufgereizten Nerven rührte: das leise Lispeln der Lippen, das Klirren der Bestecke, das Rasseln der Teller, jede einzelne Geste, jeder Atem, jeder Blick. Alles zuckte in mich hinein und tat mir weh. Ich mutzte mich bemeistern, um nicht etwas Sinnloses zu tun, denn ich fühlte eS an Meinem Pulse: alle meine Sinne hatten Fieber Ich versuchte einen Bissen, vermochte aber nicht, ihn hinabzuwürgen.
Neben mir rückte ein Sessel. Ich fuhr aus. Jeder Laut streifte jetzt an mich wie heißes Eisen. Ich sah hin. Fremde Menschen faßen dort, neue Nachbarn, die ich noch nicht kannte. Ein älterer Herr und seine Frau, bürgerliche ruhige Leute mit runden gelassenen Augen und kauenden Wangen. Aber ihnen gegenüber, halb mit dem Rücken zu mir. ein junges Mädchen, ihre Tochter offenbar. Nur den Nacken sah ich, weih und schmal und darüber wie einen Stahlhelm schwarz und fast blau das volle Haar. Sie sag reglos da, und an ihrer Starre erkannte ich sie als dieselbe, die früher aus der Terrasse lechzend und aufgetan vor dem Regen gestanden wie eine weiße, durstende Blume. Ihre kleinen, kränklich schmalen Finger spielten unruhig mit dem Besteck, aber doch, ohne daß es Hirte; und diese Stille um sie tat mir wohl. Auch sie rührte keinen Bissen an, nur einmal griff ihre Hand hastig und gierrg nach denr Glas. Oh, sie fiihlt es auch, das Fieber der Welt, spürte ich beglückt an diesein durstigen Griff, und eine freundliche Teilnahme legte meinen Blick weich auf ihren Nacken. Einen Menschen, einen einzigen Menschen empfand ich jetzt, der nicht ganz ab- geschiede-n war von der Natur, der auch mitglühte im Brande einer Welt, und ich wollte, datz sie wisse von unserer Bruderschaft Ich hätte ihr zuschreien mögen: „Fühle mich doch! Fühle nach doch! Auch ich bin wach wie du, auch ich leide! Fühle mich! Fühle mich! Wit der glühenden Magnetit des Wunsches umfing ich sie. Ich starte in ihren Rücken, umschmeichelte von ferne ihr Haar, bohrte mich ein mit dem Blick, ich Ivies sie mit den Lippen, ich pretzte sie an, ich starrte und starrte warf mein ganzes Fieber aus, damit sie es schwesterlich fühle. Wer sie wendete sich nicht um. Starr bl reo sie, eine Statue, sitzen, kühl und fremd. ,
Das Diner war zu Ende, die Leute standen lärmend auf: auch meine Nachbarn erhoben sich und gingen an mir vorbei. Der Bater zuerst, gemächlich und satt, mit freundlichem, lächelndem Blick, dann die Mutter und zuletzt die Tochter. Hetzt erst sah ich ihr Gesrcht. Es war gelblich bleich, von derselben matten, kranken Farbe tote draußen der Mond, die Lippen waren noch immer, wie frühes halb 'geöffnet. Sie ging lautlos und doch nicht leicht. Irgend etwas Schlaffes und Mattes war an ihr, das mich seltsam gemahnte an das eigene Gefühl. 3n diesem Augenblick sah sie mich an. Starr und schwarz stieß ihr Blick in mich hinein und blieb in mir festgehakt, tief und saugend, datz ich nur ihn spurte, iyr helles Gesicht darüber entschwand und ich einzig dieses dusternds Dunkel vor mir fühlte, in das ich stürzte wie in einen Abgrund. Sie machte noch einen Schritt vor, aber der Blick ließ mich nicht los, blieb in mich gebohrt wie eine schwarze Lanze, und ich spurte sein Eindringen tiefer und tiefer. Nun rührte seme Spitze bis an mein Herz, und es stand still. Gin, zwei Augenblicke hielt: fleifo den Blick an und ich dm Atenr, Sekunden, wahrend derer ich mich machtlos weggerisseii fühlte von dem schwarzen Magneten dieser Vuville. Dann war sie an mir vorbei, And sofort fuhlle ich mem Blut vorstürzen wie aus einer Wunde und erregt durch den ganzen
Was^— was war das? Wie aus einem Tode wachte ich aus. War das mein Fieber, das mich so wir machte, datz ich im fluch- tiaen Blick einer Vorübergehenden gleich ganz mich verlor? War es mein Wahnsinn, war es der der Welt? Ich war erregt und wollte Antwort wissen, und so ging ich ihr nach In Me ^He Sle hatte sich dort niedergeseht neben ihre J”
einem Fauteuil. .Unsichtbar war der gefährliche Blick unter den verhängten Lidern. Sie las ein Buch, aber ich. glaubte ihr nicht, datz sie lese. Ich war gewiß, datz, wenn sie fühlte wie ich, wenn sie litt mit der sinnlosen Qual der verschwülten Welt, daß sie nicht rasten könnte im stillen Betrachten, datz dies ein Verstecken war ein Verbergen vor fremder Neugier. Ich ^lste nuch gegmr- mS und ftarrtefie an. ich wartete fiebernd auf den Blick, der mich
wollen kn den Wald, wo Schatten Mau zwischen den Baumen zitterten, um dort zu liegen, um nur diesem gelben, beharrlichen Blick der Sonne zu entgehen; aber auch diese wenigen Schritte schon wurden mir zu viel. Go blieb ich fitzen auf einem Rohrsessel vor dem Eingang des Hotels, eine Stunde oder zwei, eingepretzt in den schmalen Schatten, den der schirmende Dachrand tn den Kies
Da auf einmal war mir, als ob durch die Natur ein Atem ainae, leise, ganz leise, als ob ein heißer, sehnsüchtiger ^ufzer slch aufhübe von irgendwo. Ich raffte mich empor. War das nicht Wind? Ich hatte schon vergessen, wie das war, zu lange hatten die verdorrenden Lungen dies Kühle nicht getrunken,. und noch fftblte ich ihn nicht bis an mich heranziehen, eingepreßt tn meinem Winkel Dachs chatten; aber die Bäume dort drüben am Hang mutzten eine fremde Gegenwart geahnt haben, denn mit einem Wale begannen sie ganz leise zu schwanken, als neigten sie sich flüsternd einander zu. Die Schatten zwischen ihnen wurden un- rubig Wie ein Lebendiges und Erregtes huschten sie hin und her, und plötzlich hob es sich auf, irgendwo fern em tiefer schwm- Eder Ton. Wirklich: Wind kam über die Welt, ein Flüstern, em Wehen und Weben, ein tiefes, orgelndes Brausen und letzt ein stärkerer, mächtiger Stoß. Wie von einer iahen Angst getrieben, liefen plötzlich qualmige Wolken von Staub über die Straße, alle in gleicher Richtung, die Vögel, die irgendwo im Dunkel güagert Hatten, zischten auf einmal schwarz durch die Lust die, Pferde schnupperten sich den Schaum von den Nüstern, und fern im — ale
Ich zitterte vor Erregung. Mein Blut war von dm feinen Stacheln der Hitze aufgereizt, meine Nerven knisterten und spannten sich, nie hatte ich so wie jetzt die Wollust des Windes geahnt die selige Lust des Gewitters. And es kam, es zog.heran, es schwoll und kündete sich. Langsam schobder Wind weiche Knäuel von Wolken herüber, es keuchte und schnaubte hinter den Bergen, als rollte jemand eine ungeheure Last. Manchmal.hielten die,e schuau- benden. keuchenden Stöße wie ermüdet wieder inne. Dann zitterten sich die Dannen tangfam still, als ob sie horchen wollten, und mein E^^Aber Hchon"amen sie, von unsichtbarer Hand geschoben, träge herangedunkelt, runde, wulstige Säcke und man sah: sie waren schwer und schwarz von Regen, denn sie polterten murrend wie feste wuchtige Dinge, wenn sie aneinanderstietzen, und manchmal suhl' ein leiser Blitz über ihre schwarze Flache wie ein dnstern- M Streichholz. Blau flammten sie dann auf und gefährlich, und imitier dichter drängte es sich heran, immer schwarzer wurden si° an ihrer eigenen Fülle. Wie der eiserne Vorhang eines Theaters senkte sich allmählich bleierner Himmel nieder und nieder. Vch hörte hinter mir die Menschen herumeilen aus dem Walde.kamen tte aus der Tür des Hotels, von allen Seiten fluchteten sie, die Dienstmädchen liehen t>te Rolläden herunter und krachend
die Fenster. Alles war plötzlich tätig und aufgeregt, rührte sich, be- E^^rw^ich^au?'einmal knapp hinter mir einen Seufzer, stark aufbrechend aus gequälter Brust und noch nut ihm flehentlich verschmolzen das sehnsüchtige Wort: „Wenn es doch nur schon regnen wollte!" So wild, so elementar war diese Stimme, war di^er Stoß aus einem bedrückten Gefühl, als hätte es die durstende Erde selbst gesagt mit ihren aufgesprungenen Lippen, die gequälte, erdrosselte Landschaft unter dem ?l^ruck des Himmels Ich wendete mich um. Hinter mir stand em Mädchen, baä offen fair die Worte gesagt, denn ihre Lippen, die blassen und fein geschwungenen, waren noch im Lechzen aufgetan, und ihr Arm, der- sich an der Tür hielt, zitterte leise. Nicht zu mfir hatte sie gesprochen und zu niemandem. Wie über einen Abgrund bog sie sich in die Landschaft hinein, und ihr Blick starrte sP^llos hin- aus in das Dunkel, das über den Tannen Heng. Er war schwarz und leer dieser Blick, starr als eine grundlose Tiefe gegen den Himmel gewandt. Nur nach oben griff seine Gier, griff tief tn Me geballten Wolken, tn das überhängende Gewitter, und an mich rühtte er nicht So konnte ich ungestört die sremde betrachten und sah wie ihre Brust sich hob, wie etwas würgend nach oben jschütterte, tote jetzt um die Kehle, die zartknochig aus &em offenen Kleide sich löste, ein Zittern ging, bis endlich auch die Lippen bebten dürstend sich auftaten und wieder sagten: „Wenn es doch nur schon regnen wollte" And wieder war es mir Seufzer der ^^Etwws zffchte^le^neben mir ins Gras. ®itmis Pickte hart stuf dem Gesims. Etwas knirschte leise im heißen Kies. Aeberall toar plötzlich dieser leise surrende Ton. And plötzlich begriff ichs, daß dies Tropfen waren, die schwer niederfielen, die ersten verdampfenden Tropfen, die seligen Boten des rauschenden,
Nhlenden Regens. Qh, es begann! Es hatte begonnen^ Eine Veraeffenbeit eine selige Trunkenheit kam über mich. Ich war wach wie °nie 2ch Wrang vor und fing einen Tropfen in der Hand Schwer rmd kalt klatschte er mir an die Finger. Aber seltsam. die Tropfen fielen nicht schneller. Man konnte sie zahlen Einer, ein«: einer einer fielen sie nieder, es knisterte, es zischte, es sauste leise 'rechts 'und links, aber es wollte nicht zusammenkling^ zur großen rauschenden Musik des Regens. Der Simmel blickte schwarz und starr nieder mit umdüsterter Stirn, tolmsttll bliebes mimiten lang' bann aber schien es, als ob ein lEes, hohmsches Leuchten toer sein Antlitz ginge. Don Westen her hellte sich die Höhe


