Ausgabe 
22.12.1923
 
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Messe über der Krippe gefeiert Der Heilige fungierte dabei als Statoil und sang mit lauter Stimme das Evangelium. Dann predigte er dem umstehenden Volke von der Geburt des Königs der Armen und erzählte mit dem Ausdruck himmlischer Sanft­heit von der kleinen Hütte zu Bethlehem. Lift fiel in seineil Rede der Raine Jesu Christi, ganz entflammt von unsagbarer Liebe, nannte er ihn das Kind von Vethlehem. So -oft eti Bethlehem" aussprach, nahm seine Stimme den blökenden Ton tarn Schafen an. Er füllte seinen ganzen Mund mit diesen Stimme und mehr noch mit sanfter Zärtlichkeit und trank die Süßigkeit dieser Worte. Währenddessen wurde dem Giovanni Deleta, der dem Heiligen alles, was zu dieser neuen Art der Vorstellung gehörte, besorgt hatte, die Vision eines schönen, liebreizenden Kindes, das in jener Krippe lag und das der Heilige zärtlich liebkoste und umarmte."

So ging von dem kleinen, weltentlegenen Oertchen Greccio eine Sitte aus, die sich» bald in der ganzen Welt verbreite^. Durch Giotto in der Basilika von Assisi im Bilde unsterblich gemacht, wirkte die Heilige Rächt von Greccio in der Kunst und Literatur aller späteren Jahrhunderte nach. Obwohl aber die Darstellung der Krippe in allen christlichen Ländern viel allgemeiner als selbst der Weihnachtsbaum eingebürgert wurde, blieb ihre wahre Heimat doch- immer Italien, besonders Rom und Reapel. Während bei uns im Rvrden der Weihnachts-- baum im Mittelpunkt der Festfreude stand, war es in Italien die Krippe. Jede Familie besah eine Krippe. Sie bildete sich, im Lause der Zeiten zu einem unerhörten Luxus aus. Welche ein weiter Abstand zwischen der primitiven Vorführung des heiligen Franz von Assisi, bei der Ochs und Esel noch in Natura figurier­ten, und jener kunstvoll angefertigten Figürchen des Äarrocks, in denen die Volkskunst eine ihrer höchsten Blüten feierte! Wieviele solcher Volkskünstler gab es damals in Rom, die um die Weihnachtszeit Krippen oft mit Hunderten von Gestalten schufen. Als Hintergrund wurde nicht mehr die einfache Hütte von Vethlehem gewählt, sondern z. B. das Forum Romanum mit all seinen Tempeln und Rainen getreu der Ratur nach­gebildet. Die Figuren, jede ein kleines Kunstwerk für sich, waren mit kostbaren Gewändern versehen.

Leider ist, wie so vieles andere in Italien, auch diese Volks­kunst ganz und gar in Verfall geraten. Was heute in Rom zur Weihnachtszeit an Krippen fabriziert wird, ist allerschlimmste Mache und beinahe erschreckend anzusehen. Aber hie und da besitzt noch eine Familie Krippenfigürchen aus der überreichen Fälle früherer Zeiten. Sie werden dann am Weihnachtsfest liebevoll hervorgeholt und mit Stolz den Freunden und Kindern gezeigt. Riemand indessen erinnert sich mehr daran, dast dies schöne Symbol der Weihnachtsfreude auf den Heiligen von Assisi und feine Liebe zu Gott und den Mitmenschen zurückgeht.

Aber dort in dem kleinen fernen Bergörtchen wissen es noch die im mittelalterlichen Glauben und Erinnern sortlebenden Be­wohner and ihre Nachbarn im weiten älmkreis. Sie werden sich in der Weihnachtsnacht 1923 wie ihre Voreltern von 700 Jahren um die Felsengrotte am steilen Abhänge versammeln. Wieder werden jene Wälder und Berge von unzähligen Lichtern er­glänzen und von frohen Menschenstirmnen widechallen. Aber die Messe über der Krippe celebriert nicht mehr der Heilige von Assisi, sondern irgendein hoher Geistlicher, der mit vielen anderen eigens zu diesem Zwecke 'herbeikommt. Schon Monate vorher hat sich das große Ereignis angekündigt, und der kleine Ort ist stündig von zahlreichen Pilgerzügen belebt, die zur heiligen Grotte eilen.

Manches hat sich im Laufe der Zeiten freilich in der ur­sprünglicher, Einsiedelei verändert. Wurde doch erst vor zehn Jahren neben dem alten Kloster eine Kirchs errichtet. Die Straße, die aus dem Tale emporführt, nötigt den Besucher, vom Dach in das Kloster zu treten. Man Beginnt in dem dritten Stock, um in die unteren hinabzusteigen. Das Kloster bewohnen gewöhnlich sechs oder sieben Mönche, die sich In dem Beistand von Sterbenden, in der Predigt des Evangeliums und in der Ausübung von Mildtätigkeit ablösen, wahrend auch sie ihrer­seits 'von der Mildtätigkeit der Bewohner leben, die namentlich um die Weihnach.tszeit mit ihren Gaben nicht zurückzuhalten pflegen,

Der Waldteufel.

Von Rikolai Ljesskow

(Fortsetzung.)

Das Unglück war in einem Augenblick geschehen, seine Folgen aber waren zahllos: Apollinarijs Gitarre war zertrümmert, und die zerschlagenen Eier liefen aus und verklebten mit ihrem Inhalt unsere Gesichter. Obendrein begann Rosjia zu heulen.

Ich war maßlos bestürzt und bedrückt und so verwirrt, daß ich selbst wünschte, man möge uns lieber gar nicht Befreien; aber ich hörte schon die Stimmen unserer Annuschkas, die sich um un­sere Befreiung mühten und die Ursache unseres Sturzes auf eins für mich sehr günstige Weise erklärten. Ich und der Falbe seien ganz unbeteiligt; alles sei das Werk Sseliwans,

Das war sein« erste List, um uns nicht in seinen Wald zu

lassen. Indes erschreckte sie niemand sehr. Im Gegenteil, sie er­füllte alle mit heftigem Anwillen und verstärkte unsere Gntschlos- senheit, das Programm das wir uns ausgedacht hatten, koste es was es wolle, durchtzusühren.

Es war nur erst notwendig, den Wagen aufzuheben, uns wieder auf die Deine zu stellen, am Bach das unangenehme Giklar von uns abzuwaschen.'und nachzusehen, was nach unserem Unfall noch heil geblieben war von den Sachen, die wir als Tagespro« viant für unsere zahlreiche Gruppe mitgenommen hatten.

All das wurde auch irgendwie ausgeführt. Mich und Rosjka wusch man am Bach, der dicht an Sseliwans Wald vorbeilief, und als ich meine Augen aufschlug, erschien mir die Welt recht unansehnlich. Die rosa Kleider der Mädchen und mein neues Röckchen aus himmelblauem Kaschmir waren nun ganz unbrauch­bar; der Schmutz und die Eier hatten sie ganz verdorben, und ohne Seife, die wir nicht mitgenommen hatten, konnte man sie nicht auswaschen. Der Kessel und die Pfanne waren zertrümmert, und vom Dreifuß waren alle Füßchen abgebrochen. Von Apollinarijs Gitarre war nur mehr der Griff mit den herumgewundenen Sai­ten übriggeblieben. Das Brot und der andere trockene Mund- vorrat lagen im Schmutz. Zum mindesten drohte uns Hunger für (Ben ganzen Dag, abgesehen von den übrigen Schrecken, die sich in der ganzen Ilmwelt fühlbar machten. Der Wind pfiff durch das Tal des Baches, und 6er schwarze Wald, den noch kein Grün schmückte, rauschte und winkte uns unheilverkündend mit seinen Zweigen.

Unsere Stimmung war erheblich gesunken, besc-nders die der Rosjta, die fror und weinte. Aber trotzdem entschlossen wir uns, in Sselitvans Reich einzudringen, möge kommen, was wolle.

Jedenfalls konnte sich dasselbe Abenteuer nicht ohne Ab­wechslung Wiederholern

lO.Kapitel.

Alle bekreuzigten sich und traten in den Wald. Wir gingen zaghaft und unentschlossen, aber jeder: verbarg seine Angst vor den alleren. Alle verabredeten, sich möglichst oft zuzurufen. Ueb-ri- gens erwies sich das Zurufen als nicht sehr notwendig, weil nie­mand weit hineinging und alle sich wie zufällig am Waldrand« zufammendrängten und längs des Waldsaums in einer Linie gin­gen. Apollinarij allein zeigte sich kühner als die anderen und drang etwas in das Dickicht ein; er bemühte sich, einen möglichst öden und unheimlichen Ort zu fiirdeu, wo die Deklamation einen recht schrecklichen Eindruck auf die Zuhörerinnen machen mußte; kaum war aber Apollinarij unseren Blicken entschwunden, als Plötz­lich der ganze Wald von seinem durchdringenden, raseirden Schrei widerhallte. Riemand vermochte sich vvrzustellen, welche Gefahr Apollinarij Begegnet war, aber alle ließen ihn im Stich und stürzten aus dem Wald auf die Lichtung und dann, ohne sich umzusehen, lauf die Straße nach Hause. So liefen alle unsere Annuschkas und alle Mosjtas, und hinter ihnen jagte der Pädagog selber, der ttoch immer vor Entsetzen schrie; aber ich und mein kleiner Bruder blieben allein zurück.

Von unserer ganzen Gesellschaft war niemand dageblieben: nicht nur alle Menschen hatten uns im Stich gelasseir, auch daS Pferd war dem unmenschlichen Beispiel der Menschen gefolgt. Von ihrem Geschrei erschreckt, schüttelte es den Kopf, machte kehrt und lief spornstreichs nach Hause, wobei es alles, toctä noch auf dem Wägelchen geblieben war, in Gruben und Wasserlachen verstreute.

Das war kein Rückzug, sondern eine vollständige und ganz schimpfliche Flucht, die nid)t nur vom Verlust des Trains be­gleitet war, sondern auch von der Einbuße jedes gefunden Men­schenverstands; außerdem waren wir Kinder der Willkür des Schicksals preisgcgeben.

Gott weiß, was uns alles in unserer schutzlosen Derwaistheit hätte zustotzen tonnen, die um so gefährlicher war, als wir allein den Weg nach Hause nicht finden tonnten, und unsere Fußbeklei­dung, die aus weichen bockledernen Schuhen mit dünnen Randsohlen bestand, ganz ungeeignet war, um die vier Werst auf feuchten Wogen, auf denen vielerorts noch kalte Lachen stairden, zurückzu- legen. Bevor wir unsere schreckliche Lage noch ganz begriffen hat­ten, begann es, um unsere Rot vollständig zrr machen, überni Walde zu donnern, und von der entgegengesetzten Seite, vom Bache wehte es naßkalt her.

Wir blickten nach dem Hohlweg unb sahen, daß von der Seite, wo unser Weg lag und wohin unser Gefolge so schmählich geflohen war, eine gewaltige Regenwolke mit dem ersten Frühlingsgewitter heranzog, bei dem sich die jungen Mädchen aus einem filbernert LöffelHen zu waschen pflegen, um weißer als Silber zu werden.

Als ich mich tn dieser schrecklichen Lage sah, war ich nahe daran, zu weinen, während mein kleiner Bruder schon weinte. Er war ganz blau gefroren und zitterte vor Furcht ünd Kälte. Seinen Kopf patte er unter einen Strauch gebeugt und betete inbrünstig zu Gott.

Anscheinend nahm Gott fein Kindergebet an, und uns ward unsichtbare Rettung gesandt. 3n dem Augenblick, als der Donner zu rollen begann und wir unseren letzten Mut verloren, wurde im Walde hinter den Büschen ein Knistern hörbar, und aus dem dichten Haselnußgezweig schaute uns das breite Gesicht eines un­bekannten Dauern an. Das Gesicht erschien uns so schrecklich, daß wir aufschrien und Hals über Kopf auf das Flüßchen zu liefen,