Ausgabe 
22.12.1923
 
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sarMchsten Gefühle hegten und deren Geheimnisse So war es auch bei uns. Wir verheimlichten sogar, soweit totr es konnten, vor Len Eltern die Sünden und 6t>$e Beziehungen werden in vielen Werken, die das Gutsbesitzermllleu lener Zeit schildern, erwähnt Mrs mich anbelangt, so ist für mich diese Kinderfreundschast mit unseren ehernalrgen Leibeigenen eine ungemein freundliche und Warane Erinnerung. Durch sie kannten wir alle Nöte und alle Sorgen des armseligen Lebens ihrer Verwandten und Freunde im Dorfe und lernten M i t le i d m i t dem V o l k e ha b e n. Leider war dieses gute Volk selbst nicht immer gerecht und neigte manch­mal aus ganz nichtigen Ursachen dazu, seinen Nächsten anzu­schwarzen, unbekümmert um den Schaden für diesen Nächste!,. So verfuhr dasVolk" auch mit Sseliwan, von dessen wahren, Eha- vakter und dessen Sitten es gar nichts wissen wollte: die Leut« verbreiteten vielmehr kühn und ohne Scheu, sich gegen die Ge­rechtigkeit zu versündigen, solche Gerüchte über ihn, die ihn für a_r<x:$u ^nem schrecklichen Waldteufel machten. Erstaunlicherweise erschien alles, was man über ihn erzählte, nicht nur wahrscheinlich, sondern hatte sogar gewisse sichtbare Anzeichen, nach denen man glauben muhte, Latz Sseliwan in der Lat ein schlechter Mensch sei und Latz in der Nähe seiner einsamen Behausung wirklich schreck­liche Uebel taten geschähen.

(Fortsetzung folgt)

Des Weidmanns Hülfest.

Von Eberhard von Riesenthal*).

Aus alter Zeit.

War der Ragnarök, der Weltuntergang, nahe? Kämpften die Götter Germaniens ihren letzten Kampf mit den kühnen Dämonen? Wird Surt, der Feuerdämon, Len Weldbraiid entfachen? Furcht­sam, voll heiliger Scheu, verschlossen die Jäger ihre Wohnstätten, bewachten die Frauen das Herdfeuer, damit kein -Unglück sie träfe. Der würdige Priester des Stammes aber murmelte geheimnisvoll« Worte, das Anheil zu wenden. Niernand wagte bei dem Wüten der Waldgeister die so bewahrte Wohnstätte zu verlassen. Jedwedes Wild hatte sich in die Hohlen und Dickungen gesteckt.

Endlich lietz der Schneesturm nach. Tiefes, feierliches Schwei­gen in der eisigkalten Winternacht. Schwer tragen die riesigen Tannen im weihen Winterwalde an der Schneelast, schier wollten sie der ungeheuren Wucht erliegen. Selbst den schäumenden Wild­bach hatte der Frost in Ketten gelegt,- auf seiner Oberfläche starrt« eine starre Eisdecke, mir unter ihr rauschte und schäumte es zu­weilen, als wolle der wilde Geselle in wachsender Wut seine Deck« über den tiefen Hohlbvden sprengen.

Langsam steigt die Dämmerung hoch: der Dag beginnt. Da wird^ auch dort bei den alten Donarseichen, durch die klagend der Morgenwind weht, lebendig Ein Hornruf ertönt, ihm wird Antwort durch den Wächter, und aus dem Nebelmeer lösen sich wilde Gestalten in Wisenthäuten gewickelt, bewillkommnet von den hier hausenden Jägern zur gemeinsamen Jagd. Denn heute soll zu Ehren sreyrs, der Fruchtbarkeit und Frieden verleiht, für Whe- uachten Wildbret besorgt, für Las Julfest der Juleber erlegt wer- ocn. Nach kurzem Umtrunk am flackernden Herdfeuer bricht die Jägcrschar auf, bewaffnet mit Speer und Schleuder, begleitet von riesigen Hunden, durch Hörige am Riemen geführt. Bei tiefer Taiinenschlucht wird gehalten, die Fährten geprüft, ob starke Sauen zugegen. r Die Götter sind gnädig: Fährte auf Fährte führt hinein in die Schlucht, der Neuschnee verrät es den Jägern. Auf den Wink Les Führers wird der Finder geschnallt, bald hört man tiefen Boll. Run wird auch den Hatzhunden die Halsung gelöst: in wilder Gier stürzt die Meute von dannen. Doch, bald ertönt ihr Geläute, erst hier, dann dort, nun endlich, der herrliche Standlaut Jetzt gilt's von den Jägern der erste zu sein, dem Keiler den Fang- flotz zu geben. Jetzt naht der Augenblick,wo an die Rippen pocht das Männerherz", wo Herz und Hand eins sein müssen. Denn writschnauberld, die Gewehre wetzend, empfängt den Jäger der grimme Basse, den Rücken gedeckt, vor sich die heulende Meute, alnd sieh, allen voran war Wingolf, der Kecke, gestürmt: ihn drängt es zur Tat, zu erringen Len Preis: die Tochter des Häuptlings zu küren. Da bricht auch der Basse in schnellster Fahrt, nichtachtend

*) Km H e g e r - V e r l a g W. G. Korn, Breslau, ist ein Buch erschienen, das unter den Weihnachtsbaum eines jeden deutschen Jägers gehört. Anter dem TitelH i e g u e t de u t s ch W e tz de- werkalleweg e" hat H. A. v o n B y e r n unter der Mitarbeit der bekanntesteii deutschen Jagdschriftsteller in einem stattlichen vom Verlag mit größter Liebe und Sorgfalt ausgestatteten Band alles zusammengefaßt, was dem deutschen Weidmann lieb und teuer ist. Interessante Jagdberichte, sachkundige Arbeiten aus der Forstkunde, aus der Schietztechnik wechseln mit stimmungsvollen Schilderungen der deutschen Landschaft und köstlichen Proben bester Lyrik. Erne Reihe ausgezeichnet ausgeführter Reproduktionen von ^agogemälden der besten deutschen Meister, interessante Lichtbilder vom edlen Wcidwerk und geschmackvoller Buchschmuck werden das

$te §Ed des deutschen Jägers zum lieben Freund in stillen Mmterabenden machen.

Besinnungslos liefen wir über den Hohlweg, rutschten kopf- «ver vom nassen, abbröckelnden Ufer und standen plötzlich bis zu tpen Husten im trüben Wasser, während unsere Füße bis zu den Knien rm Schlammboden versanken.

Weiter konnten wir unmöglich laufen. Der Bach wurde für unseren kleinen Wuchs zu tief, und wir durften gar nicht hoffen, hmuoerzukominen; zudem funkelten in seiner Strömung ganz schreck- Ltch die Zickzacklinien der Blitze sie flackerten und wanden sich ne feurige Schlangen und verkrochen sich dann gleichsam in die dStya hingen Algen.

. Jätten leicht ausgleiten und fallen können, aber zu un° kerem Gluck umschlangen uns zwei schwarze, sehnige Hände, und derselbe Dauer, der so furchterregend aus dem Haseldickicht geschallt hatte, sagte freundlich:

Summen Kinderchen, wo seid ihr da ß in geraten! -Unb damit hob er uns auf und trug uns durch den Bach

,. Ww sahen ihn ganz verloren an und fühlten uns völsig in setner Gewalt, aber wunderbarerweise hatten sich seine Gesichts- tfige rn unseren Augen rasch verändert. Wir sahen in ihnen nicht Nur nichts Schreckliches mehr, sondern im Gegenteil, sein Gesicht er­schien uns sehr gütig und freundlich.

. . Iln kräftiger, stämmiger Bauer mit angegrautem Haar »r!ö.bAlllirrbart; auch sein Kinnbart begann schon grau zu werden. Vein Blick war lebhaft, rasch und ernst, aber auf seinen Lippen lag etwas, was einem Lächeln glich.

Nachdem er mit seinem Kittel den Schmutz und den Schlamm von unseren Fützen soweit wie möglich entfernt hatte, lächelte er sogar wirklich und sagte wieder:

Run, ihr ... habt keine Angst ..."

Er sah sich um und fuhr fort:

Macht nichts, gleich kommt ein Gutz ... (Der Guh hatte Mon angefangen.) Zu Futz könnt ihr jetzt nicht mehr Heimkommen. Kinderchen.

Wir sagten nichts und weinten nur stumm.

Macht nichts, macht nichts, heult nur nicht. Ich werde euch -u mir bringen!" sagte er und fuhr mit seiner Handfläche über das verweinte Gesicht des Bruders, was auf dessen Gesicht sogleich schmutzige Streifen erzeugte.

Schau mal, wie schmutzig solche Daueriihände sind," sagte Mser Befreier und fuhr dem Bruder noch einmal mit der Hand übers Gesicht in anderer Richtung, wodurch der Schmutz nicht ver- mindert wurde, sondern nur seine Schattierung nach der andern Seite hin bekam.

Gehen könnt ihr nicht ... Ich würde euch schon führen, aber ihr könnt gar nicht gehen, und eure Schühchen bleiben im Schmutz stecken.

Könnt ihr reiten? begann der Dauer wieder.

Ich nahm meine ganze Kühnheit zusammen, um ein Wort her- vorzubringen, und antwortete:

Ich kann's."

d"'s krnnst, ist's gut!" sagte er, und im Augenblick hatte er mich auf die eine Schulter gehoben und meinen Bruder aus die andere. Dann befahl er uns, einander hinter seinem Racken mit den Händen zu uinfassen, deckt« uns selbst mit seinem Kittel All und trug uns schnell und weit ausschreitend über den Schmutz der unter seinen fest dahinstampfenden, mit großen Bastschuhen be­kleideten Füßen klatschend nachgab.

Wir faßen, mit dem Kittel zugedeckt, auf seinen Schultern. Wir alle zusammen bildeten wohl eine riesengroße Figur, aber wir Patten,es sehr bequem: der Kittel war vom Regen'naß und hart wie Rinde geworden, und wir faßen darunter trocken und warm Wir schaukelten auf den Schultern unseres Trägers wie auf einem Kamel und verfielen bald in einen eigentümlichen kataleptischen Zustand, aus dem wir bei der Quelle unseres Gutes erwachten tfiir mich war dieser Zustand ein wirklicher, tiefer Schlaf, aus dem das Erwachen nicht mit einem Male erfolgte. Ich erinnere mich wie uns Derselbe Dauer ans seinem Kittel wickelt«: alle unsere An- kmschkas umringten ihn, alle rissen uns aus seinen Händen und schimpften ihn Dabei aus irgeitbeinem Grunde unbarmherzig aus. Semen Kittel, unter dem tetr so gut behütet gewesen waren, warfen s« ihrn mit der größten Verachtung vor die Süße. Außerdem drvh- »«i sie ihm noch mit der Ankunft meines Vaters und damit, daß K.e wIstch ins Dorf laufen und die Weiber und Männer mit den Dreschflegeln rufen und die Hunde auf ihn loslassen würden.

Ich konnte die Ursache dieser grausamen -Ungerechtigkeit un­möglich verstehen, was auch nicht verwunderlich war, da sich die gesamte provisorische Hausregierung verschworen hatte, uns nicht W entdecken, teer der Mensch gewesen war, dem wir unsere Rettung zu verdanken hatten.

Ihr habt ihm nichts zu danken," sagten uns unsere Deschütze- E"en,im Gegenteil, er selbst hat alles angestiftet."

Bei Diesen Worten erriet ich sogleich, Laß uflfer Retter nies man anders war als Sseliwan selbst.

11.Kapitel.

®° war es auch. In Anbetracht der Rückkehr der Eltern ent- I Witte man es uns am anderen Tage und nahm uns den Schwur av, weder Vater noch Mutter etwas von der Geschichte, die sich er» eignet hatte ,zu erzählen. '

X*1. der damaligen Zeit, wo es Leibeigene gab, kam es hin iv-ieder vor, daß die Gutsbesitzerskiüber zu der leibeigene»