152

Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Langs.

Druck und Verlag der Brühl'fchen Llntv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Metzen.

Lemminge.

Frau Raklitz war schon schwierig für Lisa Maja gewesen, als deren Vater noch lebte, aber nach seinem Lobe im Hrhre 1801, als sie die Alleinherrscherin war, wurde sie natürlich noch diel härter und herrschsüchtiger. Die Stieftochter befand sich ohne jeden Schutz und Schirm ganz in ihrer Gewalt. Sie war erst siebzehn Oahre alt und diel zu jung, um sich mit der messen zu können, die alt und klug war. Wohl hatte sie einen Bruder, aber der war das ganze Jahr hindurch in .Upsala auf der Universität, van ihm' war keine Hilfe zu erwarten.

Maja Lisa und ihre Stiefmutter waren denn auch bald in offenbarer Fehde. Frau Raklitz wollte ihre Tochter dem alten Brauche gemäß mit dem Hilfsprediger, der an Stelle ihres Vaters gekommen war,, verheiraten. Aber davon wollte Lisa Maja nichts wt sen. Sie widerstand jedem Lleberredmrgsversuch sowohl von selten ihrer Mutter als von der Gemeinde, die den alten Brauch für das einzig richtige hielt. Die Pfarrerstochter jedoch hatte ihre eigenenUmren Ansichten. Sie wollte keinen Mann heiraten. Nur weil er Pfarrer von Ämtervik war, sondern sie wollte ihn auch lreben können.

Der neue Prediger wollte seine Werbung mit Gewalt durch-

Llnü um den großen Gänserich gab es beinah« Tränen.

Zu Frau Aaklitzens Zeit hatte man an einem schönen April­tags die ganze Gänseherde von Marbacka auf den Hügel beim Hofe hinausfliegen lassen. Zu derselben Zeit waren Wilögänse hoch durch die Luft herangeflogen gekommen und hatten nach ihrer Art gerufen und geschrien. Die zahmen Gänse hatten geantwortet und mit den Flügeln geschlagen, wie sie in jedem Frühjahr taten, und niemand hatte je gedacht, man müsse sie einsperren.

Eine Wildgansherde folgte der andern, und die zahmen Gänse wurden immer aufgeregter. Un£> ehe man sich's versah, flog ein großer Gänserich hinauf in die Luft und vereinigte sich mit den Wildgänsen.

Auf Marbacka dachte man nicht anders, als bah er schon nach einer kleinen Weile wieder zurückkehren werde: aber man wartete vergeblich, er kam nicht wieder. Gr war und blieb weg. Lind als er auch in den nächsten vierundzwanzig Stunden nicht wiederkehrte, glaubte man, man werde ihn nie wieder zu Gesicht bekommen. Gewiß war er eine Beute der Füchse oder der Adler geworden, wenn er nicht gar von hoch oben mit zersprengter Lunge abgestürzt Ivar. Es war ja ganz undenkbar, bah eine zahme Gans mit den wilden Gänsen hinauf zum hohen Borden fliegen könne.

Den ganzen Sommer hörte man nichts von ihm; aber dann wurde es wieder Herbst und eine Schar Wildgänse nach der an­dern fam dahergeflogen. Sie riefen und schrien, wie es ihr Brauch war. und die zahmen Gänse auf dem Hügel beim Hof schlugen mit den Flügeln und gaben Antwort.

Frau Aaklitz sah, wie die Gänse unruhig wurden, und wollt« nun gescheiter sein als das letzte Mal. Sie befahl ihrer Stief­tochter Lisa Maja, hinzulaufen und die Gänse einzusperren.

Lisa Maja tat, wie ihr befohlen ttxtr, aber sie war noch nicht an dem Hügel angelangt, als sie ejn starkes Sausen in der Luft ; gerade über sich vernahm. Lind ehe sie sich noch besinnen konnte, ließ sich eine große Schar Gänse gerade vor ihr auf dem Boden nieder. Ein stattlicher weißer Gänserich ging an der Spitze der Schar, ihm folgten eine große graue Wildgans mit neun gespren­kelten Hungen. Die Pfarrerstochter wagte nicht, sich zu rühren, aus Furcht, sie zu verfcheuchen. Sie öffnete nur ganz sachte das I Hoftor und verbarg sich dahinter.

Der Gänserich marschierte geradeswegs in den Hof hinein, j und die ganze Familie folgte ihm. Sie verschwanden alle, und I Lisa Maja schlich sachte hinterher, um zu sehen, was da vor sich | ging. Lind siehe, der weiße Gänserich schritt unentwegt zum Gänse- | stall und rief und lockte, bis sein ganzes Gefolge mit ihm hinein- ! ging. Dann zeigte er ihnen den Weg zum Klttertrvg, der mit | Hafer und Wisfer versehen war, und begann zu fressen.

Seht, an so etwas bin ich gewöhnt. So hab' ich es meiner f Lebtage gehabt, keine Rahrungssorgen, immer einen gefüllten j Futtertrog," schien er den Semen zu sagen. I

Aber Lisa Maja Mennervik schlich herzu, und kaum waren I sie alle im Gänsestall, so machte sie die Türe hinter ihnen zu. I Dann eilte sie zu Frau Raklitz. |

Liebe Mutter," rief sie,komm und sieh! Der Gänserich, der I im Frühjahr fortflog, ist wiedergekommen mit einer Wildgans i und neun Hungen."

Aber sie bereute es ihr ganzes Leben lang, daß sie den Gän- j serich eingesperrt und seine Rückkehr verkündet hatte. Denn Frau I Raklitz suchte wortlos nach dem kleinen Messer, das sie beim Gänse- j schlachten benutzte, und ehe der Abend kam, waren der prächtige I weiße Gänserich, die graue Wildgans und alle die niedlichen kleinen | Gänschen tat und gerupft.

Du hast es dem Gänserich schlecht gelohnt, daß er mit so vielen I schönen Gänsen zu uns zurückgekehrt ist," sagte Lisa Maja. Mehr I wagte sie nicht zu sagen.

So wird es allen Gänsen hier auf dem Hofe gehen, wenn I sie sich gegen meinen Willen auflehnen und ihre eigenen Wege I gehen," Versetzte Frau RaMtz mit einem bösen Lächln um den I strengen Mund. -I

setzen und steckte sich hinter die Stiefmutter, die ihm mit Zucker und Peitsche helfen sollte. Aber die Pfarrerstochter blieb bei ihrem Bein, und nun war Frau Raklitz auf den Gedanken ae- kommen, nach Öjerdik zu Landrat Sandelin, Lisas Vormund zu fahren, und mit ihm die Sache zu besprechen.

j Jawohl, das tat sie auch, und sie fand selbstverständlich sowohl bei dem Landrat wie bei seiner Frau die gewünschte Zustimmung. Die beiden kannten Frau Raklitz gut. Sie hatte lange Hahre in

I Ljervik als Haushälterin gedient, und so wußten sie, welche kluge I und überlegte Person sie stets gewesen war. Wahrlich, sie hatte ganz recht, wenn sie die Pfarrerstochter auf Marbacka mit dem Hilfsprediger verheiraten und auf diese Weise di« alte Ordnung aufrechterhalten wollte. Etwas anderes konnte ihrer Meinung nach | gar nicht in Frage kommen.

i Frau Raklitz war, wie gesagt, wohlbekannt auf öjerdik. Man I lud sie zum Abendessen ein, und dann setzte sich der Landrat zu i ch" und besprach die Sache bis tief in den Abend hinein. Es - war elf Llhr vorüber, als sich Frau Raklitz endlich auf den Heim- ' weg machte. Aber die Luft war klar und der Mond hell, man brauchte also nicht zu fürchten, daß sie nicht wohlbehalten heim, ! käme.

Frau Aaklitz war sehr zufrieden mit ihrer Reise, als sie von öiervik abfuhr. Bei Landrats war sie gut ausgenommen worden j der Vormund hatte vollständig mit ihr übereingestimmt, Lisa Maja | müsse den Hilfsprediger heiraten, das fei das einzig richtige.

| Während der Wagen mit großer Geschwindigkeit auf den, | Weg dahinrollte, der vom Llfer des Frykensees nach Sunne führt, z überlegte Frau Raklitz eifrig, wie sie ihre arme Stieftochter quälen i und peinigen wolle, bis sie deren Willen gebrochen habe. Es war I fa nur zu Lisa Majas eigenem Besten, wenn diese es auch jetzt | noch nicht einsah, uitb ihre Stiefmutter brauchte sich also deshalb keinerlei Gewissensbisse zu machen.

Auf einmal fuhr der Rappe zusammen und wich so jählings | 8ur Seite, daß der Wagen beinahe umgefallen wäre. Das Pferd I plötzlich ganz scheu geworden und am Durchgehen zu sein. I rannte vom Weg ab, setzte über den Grabenrand und landete auf einem Acker, ehe der lange Bengt es zum Stehen bringen | konnte. Als der Knecht das Tier endlich wieder in die Gewalt bekam, zitterte es wie Espenlaub. Obwohl es auf demselben Fleck stille stand, hob es doch immerfort die Beine auf, eins nach dem andern, unL dabei schrie es, wie man selten ein Pferd schreien hört, | bisweilen sprang es auch gerade in die Höhe. Es war nicht um die Welt auf die Straße zurückzubringen. Als der lange Bengt versuchte, es vorwärts zu treiben, schlug es nach hinten aus, daß der Wagen Gefahr lief, zertrümmert zu werden.

Was gibt's? Was ist denn los, Bengt? Kannst du mir nicht sagen, was los ist?" keuchte Frau Raklitz, und in ihrem Schrecken kniff sie dem Knecht fest in den Arm.Ist das Pferd verrückt I geworden?"

»Der Gaul hat mehr Verstand als wir beide," sagte der lange Bengt.Rein, er ist nicht verrückt. Aber er sieht etwas, was wir mit wachen Augen nicht wahrnehmen können."

Lind jetzt trieb der Rappe mit aller Gewalt rückwärts Er hielt die Rase am Boden und schnaubte und wich zurück, ohne zu fragen, was aus dem Gefährt und seinen Insassen werden würde. Glücklicherweise befand man sich auf einem Felde, das im Sommer RogMr getragen hatte und nun abgeerntet und eben dalag. Roch hielt sich der Wagen auf seinen Rädern, aber er näherte sich immer mehr einem breiten, tiefen Graben.

Gerade als der Wagen am Grabenrand angelangt war, hielt der Rappe an. Er stand still, ohne noch weitere Sprünge zu machen, er schnaubte immer wieder aufs neue.

Es wäre am besten, wenn die gnädig« Frau aussteige," sagt« der lange Bengt zu Frau Raklitz;dann will ich sehen, ob ich das Pferd zwingen kann, an dem vorüberzufahren, was es sieht, was das auch immer sein mag.

Die Pfarrfrau öffnete den Fußsack, aber als sie den Fuß amf die Erde setzen wollte, zog sie ihn mit einem Schrei zurück und sprang eiligst wieder in den Wagen.

Ich kann nicht aussteigen, sagte sie zu dem langen Bengi, er bewegt sich"

Ich glaube, Ihr seid ebenso verrückt geworden wie das Pferd sagte der lange Bengt.Was bewegt sich denn?"

. , »Der ganze Acker bewegt sich, der ganze Boden bewegt sich! rief Frau Raklitz; ihre Stimme bebte, und sie war dem Weinen nahe.

Ach was!" versetzte der lang« Bengi, indem er rasch vom Wagen heruntersprang Er glaubte, es sei ein Geist, der ihn«ii im Wege stehe und das Pferd erschrecke; aber Geister pflegten doch aus der Luft zu kommen, daß sie am Boden hinkröchen, das hatte er noch nie gehört.

Aber der lange Bengt sprang auch eiligst auf den Wag«, zuruck und dachte nicht mehr daran, auszusteigen, denn die Pfarr­frau hatte wahr gesprochen der Boden bewegte sich

Gr zitterte nicht wie bei einem Erdbeben, glitt auch nicht! ^hin wie bei einem Erdrutsch, nein, es war, als ob jede einzeln^ Erdscholle Beine bekommen hätte und nun auf dem Weg nach dem Frhkensee unterwegs sei.

________ _________ (Fortsetzung folgt.)