Ausgabe 
22.9.1923
 
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gang zur modernen Rühung der Wasserkraft, so daß sich in der Jwdustrieentwicklung Japans der Sprung vom primitiven Hand­betrieb zur raffinierten Ausnützung der weißen Kohle plötzlich vollziehen konnte, zuweilen sogar unter Ueberspringung der Zwischenstufe von schwarzer Kohle und Dampfkraft.

Andere Eigenheiten sind mit der Unruhe des Bodens und den heftigen Ausschlägen des gegensatzreichen Klimas verknüpft: so bedingt die Rücksicht auf die vielen Erdbeben die vorherrschende Holz- und Papierkonstruktion der Wohnbauten, ihre schein­bare Leichtigkeit bei starken, wohlverzapften Verbänden; das schwere, zusammenhaltende, ursprünglich aus Korea und China stammende Dach mit seinen charaktervollen und behäbigen Schmuck­formen ist hingegen eine Anpassung an die Monsunregen und Wirbelstürme.

Viele Eigenheiten hängen mit dem Vvrwiegen der vom Süden mitgebrachten Wirtschaftspflanzen zusammen, mit Reis unb Tee, und vor allem mit der wichtigsten Degleitpflanze der malaiischen Wanderungen, dem Bambus. Von großer wirtschaft­licher und sozialer Tragweite ist die Gewöhnung än kleinräumigen Betrieb und intensivste Ruhung des landwirtschaftlichen Bau- landes, an die Kleinsiedelung mit ihrer Begünstigung des größt­möglichen Glücks der größtmöglichen Zahl, aus der die 51/2 Mil­lionen kleiner Bauernwirtschaften zwischen 1/2 und 3 Hektar stam- hten, die dem^svnst so strengen Feudalstaat ein soziales Gepräge gaben. Alle Wirtschaftspslanzen aber finden sich eingespvnnen in ein Reh sinnvoller Sitten und Gebräuche, von der vstasiatischen Neigung zum Zeremoniell überharrpt geschützt, und, wie dieses selbst, tiefwurzelnd in der größeren Stetigkeit der klimatischen Ein­flüsse (neben aller Reigung zu Ausschlägen), der Beständigkeit der Witterung in ihren großen Zügen und ihrem rhythmischen Wechsel nach Jahreszeiten. Sie sind verfolgbar von dem derben Dienst des Bauern- und Reisgvttes Inari mit den ihm geheiligten Füch­sen bis zu dein von den Deemeistern zu einer Art ästhetischen Kult ausgebildeten Cha no yu, der Teezeremonie, aus der Nicht nur viel künstlerische Anregung entsprang, sondern die auch zu einer volleirdeten Schule der Selbstbeherrschung wurde. Die vornehme alte Sitte ist im Verschwinden, wie trotz aller Versuche, sie zu erhalten, auch die Fechtkunst und mit ihr der Kult der ererbten oder aus einer alten Klinge ungeschmiedeten Waffe. Ließ sich doch auch die Stosfechtheit und die Sparsamkeit in der Ver­wendung des Zierats an Waffen und anderem Gerät des täg­lichen Lebens auf die Dauer nicht halten, arrch nicht die Meldung des öffentlich zur Schau gestellten Prunks. Ehedem wirkte der knappe Vorrat der Stamminseln an edlem Metall, außer Kupfer, zusammen mit der Forderung der Shinto-Lehre nach Einfachheit, Echtheit und Reinheit, um aus der Rot eure Tugend zu machen. In Erzgebilden freilich durfte sich der Schönheitssinn schwelgerisch gehen lasseir, in Dronzegeräten ivie auch in diskret geschmücktem Schwertstichblatt, der Tsuba. Dariir, wie in der Keramik, in der die Farbenfreudigkeit des Volkes ebenso wie in Stoffen und Ge­weben zum Ausdruck tarn, hat die Kleinkunst ihr Bestes gegeben; überall erweist sie sich unnennbar von den alten Sitten, denen sie dient.

Jin Verschwinden siird auch die grausamen, wiewohl heroischen Bräuche der Feudalzeit, wie G e f v l g e n t 0 d (jun-shi), Harakiri oder Seppuku; sie haben aber immerhin die um 1870 nut einer tiefen Verbeugung vor dein guten alten Brauch abgeschaffte Blut­rache noch um ein Menschenalter überlebt. Sowohl der Gefvlgen- tod als das so berühmt gewordene Harakiri, dec. Freitod durch Leibausschlitzen, können noch keineswegs als völlig überlebt an­gesehen werden, nachdem für beide zusammen der alte Marschall Rogi, der Held von Port Arthur, noch im Jahre 1912 ein weithin sichtbares Beispiel gegeben hat, das in der Dolksstimmung Ver­ständnis gefunden hat und auch heute noch vereinzelte Nachahmer sindet, wie die allerdings seltener gewordenen Fälle von Harakrrr beweisen, die immer wieder durch die Presse gehen. Die Auffassung des Selbstmordes nähert sich überhaupt mehr der antiken, besonders das Opfer der Persönlichkeit für eine große Sache,, für Staat und Familie, fällt leicht« im Vvrgenuß eines dadurch erhöhten posthu­men Ansehens in einem auf Ahnendienst eingestellten Kulturkreis, als in dem unseren, wo das Individuum die Hauptrolle spielt.

Aus ähnlichen Gründen erklärt sich auch das bis vor kurzem selbstverständliche Opfer der Eigenpersönlichkeit der Frau, die völlig im Familienunterbau der Kultur aufging und verschwand, wenigstens in ihrer Hauptrolle als Familienmutter. Als Geisha, die als ziemlich geiraues Gegenstück der hellenischen Hetäre ange­sehen werden darf, hatte sie keinen Anteil am Familienleben, dafür aber einen recht starken Einfluß auf Gesellschaft und Kultur, ja offenbar sogar auf die Politik, wenn auch aus Schleichwegen. In der Steflung der Frau zum öffentlichen Leben, die keineswegs immeo gleichmäßig bedeutungslos und gedrückt war, zeigt sich eine Pendel- bewegung, ein Auf und Rieder: vom uralten Matriarchat (Riu- kiu), wo die alte Mutter säst mehr bedeutete wie der Vater, zur virilen Heroenzeit (uji), die aber auch starke und heldenmütige Frauennaturen hervorgebracht zu haben scheint; von der effemi­nierten Frühblüte hoher Religivns- und Sprachkultur, in der Frauen als Dichter, als Trägerinnen feinster Sprachentwicklung im Wettbewerb hervortreten, zur rauhen Kriegerart derKamakura­zelt; vom Hetärenspiel der wieder verweichlichten Tokugawa- deriode zum Rückschlag der Sbintoerneuerung mit ihrem Zurück­

greifen auf altnationale Strenge und Einfachheit; ein Wechsel zwi­schen Zeiten ästhetischer Ueberfeinerung und kraftvoller Renver- jüngung.

Aus dem durch dieses Wechselspiel entstandenen geschlossenen Bau der japanischen Aationalkultur sind nun allerdings in jüng­ster Zeit so viel Steine herausgebrochen worden, daß der ganze Bau gefährdet erscheint. Hauptursache ist die zunehmende Indu­strialisierung, überhaupt der überwiegende Einfluß fremder Zi­vilisation, und auch der vsfensichtliche politische Erfolg, der dem Staat beschieden war, sobald er sich mit dieser Zivilisation gepan­zert hatte.

Der unvermittelte Zusammenstoß zwischen Alt und Reu gibt oft seltsame Kontrastbilder, so wenn die heutige Kaiserin von Japan im eleganten modernen Kraftwagen in das nach strengem Shintostil gebaute Mausoleum des Meiji-Kaisers oder in den ur­alten Tempelhain der Sonnen-Ahnengöttin nach Ise fährt; oder wenn der moderne Kupferkönig oder Grohreeöer, ebenfalls im Kraftwagen und' im tadellosen englischen Herrenanzug, aus Auf­sichtsrat oder Herrenhaus kommt und sich in seiner halb ameri­kanisch, halb japanisch gebauten Villa sofort in bequeme japanische Haustracht umzieht, um im innersten Raum auf weichen Matten mit feinen Freunden das Chanohu, die alte Teezeremonie, zu pfle­gen und dazwischen wieder die geheimsten Probleme der pazifischen Geopolitik zu erörtern. Die konservativsten Hüterinnen alter Sitte sind, wie überall, so auch hier die Frauen. Rüst: bet den oberen Zehntausend ist die angestammte Tracht schon durch europäische Kleidung verdrängt, weil der Hof mit dem Beispiel vorangegangen ist. Die meisten Frauen aber wissen zum Glück noch, daß sie sowohl das einfache blauweihe Kattungewand als das schimmernde Bro­katfestkleid mit dem reichen Obi-Gürtel hundertmal besser kleidet als die Pariser Toilette oder das angloamerikanische Tailormade. Draußen im europäischen Zimmer, wo die Gäste empsangen werden, spielt allerdings die Dame des Hauses auf dem Dechstein-Flügel; aber im innersten, mit Goldschreinen und Hängebildern gezielten Raume, wo es zur Hauskapelle mit den Jhai (Ahnentafeln) der zweitausendjährigen Familie geht, da spielt sie eine Stunde später im Kimono, auf Kisseir und Watten kniend, die liegende Harfe (Koto). Reben die moderne Bronzestatue im Gehrock, die irgend­einen verdienten Mann üarstellt, fetzt der Shinto-Priester die ri­tuellen Tvtenopfer und die Bambusbehälter mit den Sakaki- Zweigen an Stelle des Lorbeers, die Wanderbegleitpflanzen der Südseekorsaren, die mit Jimmu-Tenno die Jnlandsee entlang fuhren.

So reichen sich heute in einem ausgesprochenen Uebergangs- zeitalter alte Sitte und neue Gewöhnung die Hand und machen die japanische Folflvristik zu einem der umstrittensten und umstreit­barsten Gebiete.

Deö Ernstes dieser feiner Lage in der Schwebe zwischen Alt find Reu ist sich das japanische Volk durchaus bewußt, und es mehren sich die Zeichen, daß es mit wachsendem Verantwortlich­keitsgefühl danach trachtet, durch rechtzeitig aufgerichtete Dämme Has Schöne und Gute an der alten Kultur vor völliger Ueberflu» hing oder Wegspülung zu schützen. Dabei prallen die Gegensätze natürlich scharf aufeinander.

Inmitten beider aber treibt, Massen und Zahlen überschätzend, materiell und mechanisch eingesteflt, in opportunistischen Partei- bildungen zusammengefaßt, die große Masse immer mehr jjtit der Möglichkeit, ihr Schicksal zu bestimmen, aber immer weniger durch schicksalsgehärteten Charakter daAU befähigt hin und her, wie das Plankton der Jnlandsee, zwischen Landmarken alter Kultur und Schlagschatten hastiger äleberneuerung treibend zwischen den Gezeiten!

Die Geschichten der alten Haushälterin.

Von Selma Lagerlöf.

Der Gänserich.

Eines aber hatten die Kinder doch an Pastor Wennervik aus­zusetzen: Er hatte in seinen alten Tagen noch Jungfer Aaklih, seine alte Haushälterin, geheiratet. Diese war von Hof zu Hof gegan­gen und solange von harten Hausmüttern gehetzt worden, bis sie dem Gelüste nicht mehr widerstehen konnte, nun auch ihrer­seits gu hetzen und zu plagen.

Wenn Pastor Wennervik nun doch einmal heiraten wollte, so hätte er jedenfalls daran denken müssen, sein liebes junges Töchterlein vor der Stiefmutter zu schützen. Daß es dieser hatte .erlaubt sein sollen, ihrem Stiefkind zu befehlen, wie es ihr gerade paßte, sie zu strafen, sie zu schlagen und ihr eine ganz unangemes­sene Arbeitslast aufzubürden, das konnten die Kinder ganz und gar nicht begreifen.

Sie hatten einen ungeheuren Spaß an dem Dock, der sich ein­stens betrunken hatte und in diesem Zustand die Frau Raklitz samt ihrem Branntweinkrug umstietz.

Und ebenso nahmen fie Partei für die Marktleute, die ihr auf dem Markt von Ombergshed ihr Obst stahlen und ihr dann« noch zuriefen, der Pfarrer von Marbacka sei ein viel zu guter Wann, um sich von armen Leuten seine Aepfel bezahlen zu lassen.

.Und die Kinder waren ganz entzückt von dem Meisterdieb, der hie Türe zu Frau Raklitz' Vorratshaus öffnete, obgleich sie ein fieues Schloß davor hatte legen lassen, das groß und schwer genug ür ein Gefängnis gewesen wäre.