Ausgabe 
22.9.1923
 
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nus her Fremde übernommen wurde und was in ursächlichem Zu­sammenhang mit Boden und Klima Les eigenen Erdraums steht. Da zeigt sich als am meisten hervortretend und das ganze Kultur­leben durchdringend ein tiefer seelischer Zusammenhang mit der gefühlsmäßig erfaßten Landesnatur, also Natursinn und Land- schastsgefühl weit über das Durchschnittsmatz der Menschheit hinaus. n , ,. .

Diesen engen und innigen Zusammenhang mit der Matur zeigen Sitte und Brauch von den ernstesten und erhaben­sten Vorstellungen der Religion, die ja ursprünglich eine Matur­religion gewesen ist, bis zu den kleinsten Anlässen des Alltags­lebens. Unverkennbar ist er, wenn etwa eine Schar von Berg­wanderern auf einem Gipfel beim Aufsteigen der roten Sonnen- scheibe, des uralten Reichsshmbols, aus dem Großen Ozean die tausendjährigen Hymnen an die Svnnengöttin Amaterasu mur­melt: wenn der schlichte Mann aus dein Volk sich im einsamen Bergwald von den Kami, den vergöttlichten Vorfahren, umschwebt fühlt; wenn als Auswirkung buddhistischer Vorstellungen die Ge­wißheit der all-einen Matur, die tiefe Verwandtschaft mit jedem, auch dein geringsten Geschöpf allgemein lebendig ist, und die Pro­bleme der Palingenese als etwas Selbstverständliches allen, nicht nur den besonders metaphysisch veranlagten vor, Augen stehen; !wenn die Ehrfurcht vor der Matur dein Gärtner die Hände führt, der den Zwergbaum seines Miniaturhausgartens liebevoll in die ihm gemäße Form hineinspielt und schmeichelt, mit jener un­endlichen Geduld, die auch aus Japan im wahren Sinn des Wortes einen Kindergarten macht.

Damit hängt auch die Meigung zusammen, sich in Form und Farbe der Siedelung und Kleidung der Matur in ihren Formen und Farben, ja sogar der Gesamtstimmung der Jahreszeit anzu­passen, sich einem größeren Ganzen, sei es Familie, Land, Staat oder auch Landschaft harmonische einzufügen,, wenn auch unter Opfern der Persönlichkeit, einige Neigung, die erst seit der fort­schreitenden Industrialisierung ähnlichen Zuständen zu Weichen beginnt, wie sie in Mitteleuropa ein halbes Jahrhundert früher herrschend wurden.

2lber mehr als zweitausendjährige vollendete Anpassung, na­mentlich an die siedelungsgünstigsten Landesteile um die Inland- fee, darf nicht darüber täuschen, daß Sitte und Brauch noch, deut­lich die Spuren uralter Einwanderung tragen, daß sie vielfach eingebrachtes Gut im Erdraum sind und fernen südlicheren Insel- gebieten entstammen. Meerbestimmt zuerst, gebirgsbestimmt so­dann, zeigen sie deutlich ihren Ursprung aus gebirgigen Inseln. Haus und Feuerstätte zeigen noch die Formen des auf Pfählen über dem Strand oder sumpfigen Feldern errichteten malaiischen Hauses, sowohl bei Privatbauten als noch deutlicher da. wo uralte Formen nach, religiöser Tradition immer wieder streng in der alten Bauweise erneuert werden, wie in den Holzbauten der Ahnen­tempel von Ise, oder wo Erinnerungs- und Gräberbauten völlig hen Ahnen geweiht wurden, zum Teil sogar mit allen von ihnen gebrauchten Geräten/ wie im Schahhaus Shosoin von Nara.

Die stärkste, heiligste und heute noch mächtigste Sitte, der A h n e n d i e n st, hat dein Lande außer diesen sichtbarsten Denk­mälern der Vergangenheit noch viele kleinere zu erhalten vermocht, sowie mannigfache uralte Bräuche. Am auffälligsten ist die Ver­ehrung des Alters, aber auch seine Tyrannei und die Verkümme­rung Bet' Jugend in ihren besten Jahrgängen durch zu lang fvrt- gesehte Abhängigkeit und eine Bevormundung, die Initiative und Unternehmungsgeist schwer benachteiligt. Das scheinbare Sich­zurückziehen der Alten durch frühzeitiges Scheiden aus demVorder- grund des öffentlichen Lebens täuscht darin: denn der Austrägler (gv inkhv) gibt damit nicht die tatsächliche Macht aus der Hand, sondern weiß sie auch Unter den Kulissen noch festzuhalten. Die Achtung vor Dem Familienband und, allem, was mit Familien-, Stammes- und Heimatgeschichte zusammenhängt, muh aber doch sicher vorwiegend positiv bewertet werden als eine der stärksten Quellen des Nationalgefühls, wenn auch der einzeln« manchmal in seiner Entwicklungsfreiheit dadurch gehemmt wird.

Andere Sitten von tiefgehender Wirkung auf die ganze geistige und körperliche Vvlksstruktur hängen zusammen mit Wasserwirt­schaft und Seegewöhnung.

Seine beiden H a u p t n a h r u n g s m i t t e l, Reis und Fische, liefern dem Japaner eben seine sorgfältig bewässerten Reissümpfe und das ihn allseitig umflutende Meer. Neben 'diesen beiden Hauptnahrungsmitteln spielen alle andern nur eine untergeord- bete Rolle als Zuspeisen und Beigaben, die schlimmstenfalls ent­behrt werden können und vor allem die- und Dafelsitten nicht entscheidend bestimmen, Fleischnahrung war durch den^Buddhis- tnus und seine Achtung vor denr tierischen Leben verpönt; aller­dings wurden zugunsten des sehr beliebten Wildgeflügels stark an unsere Fasten ausreden erinnernde Ausnahmen zugelassen.

Schon erwähnt wurde die hygienisch überaus wertvolle Ditte des täglichen heißen Bades für alt und jung, arm und reich, das den Arbeitstag als. Familien vergnügen beschließt, sowie die damu verbundene Pslege des nackten Körpers. Sie wird begünstigt durch den großen Wasserreichtum des Landes, vor allem dadurch, daß an so vielen Stellen die heißen Mineralquellen, in DambusröUen aufgefangen und ins Haus geleitet, noch dazu die Mühe btii Hei­zens ersparen. Die dem Volk anhaftende Neigung zur Waffer- verschwendung erschwert ihm allerdings das Eingewöhnen uno Siedeln in wasserarmen Ländern, erleichtert ihm aber den lieber»

fühligsten Analysen hat er den Werken seines Lieblings Shake- speare gewidmet. Sonst bewahrte er auch den K.asstkern ge- aenüber seine Selbständigkeit und fand mancherlei anihnen aus­zusehen Das Theatralische, wo es mit ehrlichen Mitteln sich äußerte, wie bei K o h e b u e. B e n e d i x, ja sogar der B i. r ch - Pfeifer, ließ er gelten. Dagegen war er gegen das Pathos mißtrauisch, so im Urteil über das aufftrevende Talent Wilden- bruchs; erst vor demmärkischen Urion derQuitzows , den er wie kein anderer würdigen konnte, streckte er bie Waffen. -Bon dem Drama der Zukunft erhoffte er Wahrheit, und deshalb begrüßte er die neue realistische Kunst als einziger unter den Alten so warmherzig, erkannte früh 3 b s e n s Bedeutung, warRief erschüttert von TolstoisMacht der Finsternis und begrüßte in Gerhart Hauptmann denstilvollen Realisten , bei hem er innere Natürlichkeit und höhere Notwendigkeit fanü Der einfache Appell an das Herz ist es. von dem Fontane sich hmreißen ließ. Er wollte im Innersten ergriffen werden, denn sein Geseh fand er nur in seinem eigenen Wesen. .

Deshalb sind diese Kritiken so köstliche Dekenntmsse Fon- tanescher Weltanschauung, hingeplaudert mit der unnachahmlichen Grazie und tiefen Lebensweisheit dieses warmherzigen Zweiflers. Sie sind bewunderungswürdig in ihrem scheinbaren Sichgehen- f offen das doch so viel bewußte Disziplin birgt, in ihrer Fülle seiner Beobachtungen, die über das Theater ins Leben hmaus- areifen Der Meister der Anekdote erzählt die reizendsten Ge­schichten und zeigt seine Plauderkunst vor allem in den ausführ­lichen Inhaltsangaben, die man damals forderte und die heute wegen des Mangels an Raum mehr und mehr verschwinden. Echt Fontanisch sind diese Kritiken auch in ihrer Bewunderung und Ablehnung der einzelnen Schauspielerpersönlichkeiten. Er verlangte vom Schauspieler, daß er seine Rolle auf einen gemeinsamen; Grundzug des Eharakters zurückführe; er suchte auch bei ihm den Herzenston und verachtete leere Routine, kaltes Virtuosen­tum So hat er von den großen Schauspielern, die noch aus besseren Zeiten in die Aera Hülsen hineinragten, vor allenDöring ver­ehrt und die prächtige Frieb-Blumauer, zwei humorvolle, kerngesunde Persönlichkeiten, deren Seelenwärme er in 05o11mer wiederfand, von dem er 1883 sagte:Er ist weitaus- das^reichste Talent, das wir an der königlichen Bühne besitzen 3it wm Heroinenspiel Sachmann-Wagner fand er den I^wn Nach­klang aus der größten Zeit des königlichen Theaters, da die Bet Y-- mann und Krelinger herrschten. Die einzigartige Menschen­darstellung der N i e m a n n - R a a b e feierte er, prägte aber von der beliebtesten Tragödin Clara Ziegler das Wort:Sie spielt Kaulbach. Diese Abneigung gegen alles Pathos, gegen die Meiningerei ließ ihn jedoch auch den Größten verrennen, dem er als Kritiker begegnete: Matkvwsky. Wohl mutzte er immer wieder seine bezwingende Größe anerkennen, aber das Wesen die­ses gewaltigenSzenenerschütterers war ihm, der »keinen Sinn für Feierlichkeit hatte, doch fremd.Ich bin Anti-Matkowskh, bekennt er,halte seine ganze Spielweise für eine Verirrung und ftnde diesen nach dem Prinzip von Flut und Ebbe hergerichteten Wechsel von Stentorfchreien und flüsterndstem Geflüster vorwie­gend komisch." 3m übrigen hat er in seinen Rollenanalysen das Spiel der vielen .Unbedeutenden, an denen das damalige Schau- Welhaus so reich war, ebenso treffend wie scharf dargestellt, sich Damit viele Feinde zugezogen, uns aber bie beste Schilderung be8 damaligen Theaterstils geboten, der heute so antiquiert an- jnjutet, aus dessen Fehlern man aber in der Spiegelung Fontanes stets wird lernen können.

Japanischs Sitten und Gebrauchs.

Von Prof. K. Haushofer.

Die nachstehenden Ausführungen sind dem soeben im Ver­lag von B. G. Teubner, Leipzig, erschienenen Buche Japan und die Japaner", von Pvof. K. Haus ho f er, entnommen, einer erstmaligen knapp umrissenen Landes- und Volkskunde Japans, die angMchts des letzten furchtbaren Naturereignisses, das das japanische Volk getroffen hat, bei unseren Lesern gewiß auf großes Interesse stoßen wird. Der Verfasser geht aus von den natürlichen Grundlagen des Landes, erklärt aus ihnen die Entwicklung von Pflanzenwelt, Tierreiche und Menschentum, Das Schicksal des einzelnen sowohl als die von der Ge­samtheit geschaffene staatliche Lebensform in ihrer Eigen­art und zeigt, wie hier die Kraft des menschlichen Willens es verstanden hat, sich nicht nur diesen gegebenen Grund­lagen anzupassen, sondern sie auch umzuformen und zu be­herrschen und wie so der heutige Staat mit seinen hoch­stehenden Kultur- und Wirtschaftsformen geworden ist. Aus dem Buche mit einer Reihe wertvoller Kartenzeichnungen kann so der Staatsmann sowohl wie der Kaufmann und Techniker alle nötigen Vorkenntnisse für ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit einem Volk erwerben, das uns trotz der Kriegsereigiiisse in weiten Kreisen freundlich gesinnt ist.

Sitten und Gebräuche müssen landeskundlich zur Be­urteilung ihres kulturgeographischen Eigenwerts vor allem darauf- hin-geprüft werden, was an ihnen allgemein menschliches Gut oder Mch gemeinsamer Besitz weiter Grdräame ist und in der Vorzeit