64

eS in gleicher Vollständigkeit sonst nirgends vorhanden ist. Der verdienstvolle Leiter der Sammlung, Prof. Dr. Curt Sachs, hat nun im Verlag von Julius Bard zu Berlin einen ausführlichen beschreibenden Katalog erscheinen lassen, der uns die Reichhaltig­keit der Sammlung so recht vor Augen führt. So besiht das Mu­seum eine Fülle einzigartiger Zeugnisse aus der Frühzeit der mo­dernen Instrumentalmusik. Dahin gehört das große Blasinstru­mentarium der Raumburger Stadtpfeiferei aus dem 16. Jahr­hundert, in dem Daßflvten, vollständige Chöre von Krummhörnern und Pommern, die einzige bekannte Zugtrompete, sowie ein Doppel- chor der einzigen vorhandenen Rauschpfeifen erhalten sind. So­dann gehören zu den größten Seltenheiten italienische Spinette und Kielflügel des 16. Jahrhunderts, eine Prunktrompete von 1523, 12 Klavizimbel Antwerpener Klavierbauer, die int 1Z. Jahrhun­dert die Führung hatten, 4 der berühmten Silbermann-Klaviere des 18. Jahrhunderts usw. Diejenigen Kostbarkeiten der Sammlung, die aber dem Publikum den größten Eindruck machen, find die Instrumente, die früher großen Musikern gehörten und auf denen gleichsam noch der Geist dieser Genies ruht. Auch in dieser Hinsicht steht die Berliner Sammlung neben denen von Brüssel, London, Pa­ris und QBien in vorderster Reihe. Die Tonwerkzeuge, die von großen stlkännern wie Friedrich dem Großen, benutzt wurden, auf denen Meister wie Bach, Weber, Mendelssohn ihre unsterblichen Werke schufen, sind nicht nur Kuriositäten, sondern teure, ehrfurchtgebie- tende Andenken, die auch für die Erkenntnis des musikalischen Stils ihrer Besitzer überraschende Aufschlüsse zu bieten verntögen.

Wohl niemals sonst in der Geschichte ist ein genialer Feldherr und Herrscher so musikalisch ausgerüstet in den Krieg gezogen wie Friedrich der Große. Seine Flöte und fein Aeiseklavier beglei­teten ihn auf seinen Feldzügen in Schlesien, Sachsen, Böhmen und Mähren. Der Sieger von Soor ließ sich von feinem Kammer­diener Fredersdorf sofort eine neue Flöte schicken, als ihm die Oesterreicher die alte mit seinerganzen Equipage" Wegnahmen. Auch während des Siebenjährigen Krieges blies er in den Winter­quartieren feine lieben alten Sonaten und ließ sich einen Klavier­spieler zur Begleitung kommen. Eine Flöte Friedrichs des Großen aus Elfenbein befindet sich in der Berliner Sammlung: sie besteht aus einem Kopf, der das Monogramm des Königs trägt, aus 8 Mittel-, 2 Herzstücken und 2 Füßen. Die Stücke stehen in einem kostbar geprägten ockergelben Lederkasten französischer Arbeit mit gravierten Messingbeschlägen. Auch Friedrichs Reise­flügel ist uns erhalten, eine Pariser Arbeit, aus Rußbaum ge­baut, rot lackiert und mit Gold verziert. Das Instrument läßt sich der Länge nach in drei Teile zusammenklappen und daher leicht befördern. Roch kostbarer als dieses Instrument eines großen Mannes, dem die Musik die schönste Erquickung seiner Mußestunden war, ist der Kielflügel Johann Sebastian Bachs, ein schmuckloses Instrument aus Kiefer, dessen einzige Verzierung das eingelegte Dorsatzbrett ist. Der Flügel stammt aus dem Nachlaß eines Sohnes desgroßen Bach", des genialen, aber leichtsinnigen Wilhelm Friedemann Dach. Dach besaß diesen Flügel, dessen ma­jestätischer Klang uns seltsam ergreift, in seiner reifsten Zeit, und er ist ein überaus wertvoller Zeuge für Dachs Klavierkunst und Dachs Klavierstil, die durch ihn unmittelbar lebendig werden. Zwei Instrumente der Sammlung werden mit dem teuren Rainen Mo­zart in Verbindung gebracht. Es ist aber fraglich, ob die Salz­burger Violine von 1695 wirklich von dem Wunderknaben gespielt wurde, und auch bei dem von Schmahl verfertigten Taselklavier in Form einer liegenden Harfe, das aus Mozarts Desitz her- rühren soll, läßt sich diese Herkunft nicht einwandfrei nachweisen. Aus Beethovens Besitz stammen mehrere Streichinstrumente, eine Violine, eine Bratsche, ein Violoncello. Der Hammerflügel Karl Maria von Webers, ein einfaches Wiener Instru­ment aus hellem Rußbaum, wurde 1881 von Webers Sohn Kaiser Wilhelm I. vermacht und von ihm der Sammlung überwiesen. Roch unmittelbaier persönlich berührt uns Webers Guitarre jaus Ahorn mit Ebenholz- und Perlmuttereinlagen. Sie ist ein Geschenk der Enkelin Webers, der Frau Ernst von Wildenbruchs, und trägt unten in der Ecke ein eingelegtes großes B, den An­fangsbuchstaben der Schenkerin, nämlich der Braut Webers, Ca­roline Brandt, die ihn mit dieser Guitarre erfreute. DerH a m m e r» flügel Mendelssohns, ein Londoner Fabrikat mit dem handschriftlichen Ramen des Pianisten Moscheles, der das In­strument in Crards Fabrik für den Komponisten aussuchte, steht neben dem Hammerflügel Meyer beer s, der von dem Pariser Grard stammt. Don dem Schöpfer derHugenotten", der viel unterwegs war, sind auch zwei Reiseklaviere vorhanden, eins aus Mahagoni und eins aus Palisander, dessen Deine abschraubbar waren. _____

Menzel und die Kochkunst.

Bildende Kunst und Kochkunst sind schon gar manchmal in der Kunstgeschichte eine Verbrüderung eingegangen. So war der berühmte Koch des Grafen Zinzendorf ein in seiner Zeit angesehe­ner Maler. Claude Lorrain empfahl sich durch seine Küchenkennt­nisse dem römischen Maler Tasso, der ihn als Koch annahm und zugleich seine künstlerische Ausbildung leitete. Der später so be­rühmt gewordene Landschafter hatte feine kulinarischen Fähigkeiten von seinem Vater geerbt, der aber die Begabung seines Sohnes

recht gering einschätzte und verächtlich erklärte, er habe es nie so­weit gebracht, eine gute Pastete zu bereiten. Canvva hat bekanntlich die Aufmerksamkeit des Senators Salieri, der für seine Ausbil­dung sorgte, dadurch erregt, daß er, bei dem reichen Herrn als Küchenjunge angestellt, für dessen Tafel einen Löwen höchst natur­getreu modellierte. An solche Beispiele erinnert Dr. G. Lenz in einem Aufsatz derBergstadt", in dem er auf eine bisher wenig beachtete Beziehung. Adolf Menzels zur Kochkunst hinwies. Es handelt sich um die Vorlagen, die der große Meister für die Haupt­stücke eines Tafelgeschirrs entworfen hat, das zur Silberhochzeit des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm 1882 von der Ber­liner Porzellanmanufakiur angefertigt wurde.Die Geschichte des Ornamentes," sägt Lenz,kennt irn 19. Jahrhundert nichts Geist­volleres als diese mit kapriziöser Erfindungsgabe und virtuoser Technik hingeschriebenen gastrologischen Phantasien des großen Meisters. An die Bestimmung der Schüsseln und Gefäße an­knüpfend, für deren Bemalung die Vorlagen verwendet werden sollten, hat der Künstler die Bestandteile und Zutaten verschiedener Gerichte zu reizvollen Trophäen vereinigt. Er läßt uns hier ge- wisserinaßen das Vorspiel erleben, das in Küche und Keller den einzelnen Akten des in einem festlichen Mahle sich vollziehenden Dramas vorausgeht. Den .Unterfaß der Suppenterrine schmückt ein Spargel, auf dem eine Schildkröte und ein gesottener Hummer lie­gen, und der mit Hahn und Taube und allerlei Suppen kraut, Schoten, Karotten, Erbsen sich auf eine Suppe vorbereitet, für deren Wohlgeschmack somit alle Voraussetzungen gegeben sind. Auf den Deckeln der Terrinen, die dieses köstliche Gericht aufnehmen sollen, sind allerliebste Putten im Kampf mit Fliegen und Wespen, den zudringlichen Suppenschmarotzern, dargestellt. Auf der Fisch- schüsfel halten Putten, die als Fischer gekennzeichnet sind, ein Retz, in dem allerlei Seeungeheuer gefangen sind, und ein Krokodil, auf dessen Rücken mit Schilflranz, Dreizack und Muschel ein feister kleiner Poseidon thront. Die Wildschüssel, dieWonne unserer Tafeln", ziert eine leckere Wildpret-Trvphäe, auf die ein als St. Hubertus kostümierter Putte mit Jagdspieß und Jagdfalken, von zwei Jagdhunden geleitet und von Jagdgeflügel umschivärmt, triumphierend heraufklettert. Das Ornament der B.atenschüssel zeigt einen Ochfenkopf, der mit den schönsten Tafelgemüsengar­niert" ist, umgeben von Putten, die als lustige Küchengeister an einem Bratspieß turnen, als Kellermeister das Kellerlicht und den Weintrichter schwingen oder als Koch mit fettverklärtem Angesicht die Kelle und die Bratpfanne führen. Aus der Früchtfchüfse! end­lich tragen ein Reger und eine Negerin eine Ananas, in deren Blät­tern ein exotischer Märchenprinz steht."

Die Originalskizzen Menzels, die in Wasser- und Deckfarben ausgeführt sind und entzückende Kunstwerke darstellen, befinden sich in der Berliner Nativnalgalerie. Leider hat Menzel nicht auch die Randverzierungen für das Tafelgeschirr entworfen, und so wurde dafür ein Rokokogeschirr aus fridericianischer Zeit nach- gsahmt, das zu den Menzelschen Vorlagen ganz und gar nicht paßt. Aus diesen mit feinstem Geschmack und geistreichster Er­findung geschaffenen Arabesken der Kochkunst darf man nicht den Schluß ziehen, daß die kleine Exzellenz auch ein großer Verehrer der Küchengenüsse gewesen sei. Die Arbeit ging bei ihm dem Essen vor, und Paul Meherheim erzählt in seinenErinnerungen", wel­cher Kriegslisten und .Ueverredungskünste es bedurfte, um ihn von der Staffelei an den gedeckten Tisch zu locken. Schickte man ihm ein gutes Frühstück ins Atelier, so war das ganz vergeblich, denn er ließ es unberührt stehen oder wurde von den malerischen Reizen der Gerichte so ergriffen, daß er sie abzeichnete. Seine Angehörigen konnten es erleben, wenn et nach langem, vergeblichem Warten end­lich in Sicht kam und die Suppe aufgetragen wurde, daß er doch noch nicht erschien, sondern zunächst einmal seine verstaubten Stiesel und die umgekrempelten Hosen abzeichnete. Bei Festessen, an denen er teilnehmen mußte, widmete er feine größte Aufmerksamkeit den Menukarten, die er mit Zeichnungen bedeckte.

Ein Grabstein der Familie Knoblauch im Kloster Arnsburg.

Eine treffliche Darstellung des Klosters Arnsburg bei Lich bieten die Hessischen Kunstdenkmäler, Kreis Gießen, II. Teil, Darmstadt 1919, verfaßt von Heinrich Walbe und Karl Ebel. In einemAnhang" zu diesem Werk behandelt Victor Würth die Grabsteine, die im nördlichen Seitenschiff sich befinden. Don einem dieser Denkmäler sagt Würth (S. 94): JmoberenDrittelgestürzterSchildiDreiFrüchts Mohnköpfe (?) im Dreipaß stehend an gefe­dertem Stiel. Das Wappen ist noch nicht gedeutet. Keine Jnschrift.

Dieses Wappen ist indessen nichts anderes als dasjenige der Familie Knoblauch: es ist ein redendes Wappen: Al- lium sativum. Wir verweisen auf S. 177 jenes Denkmälerwerkes, wo ein Auszug aus Kindlingers Sammlung geboten wird und wo wir lesen (Nr. 40, Anmerkung 42):Insigne huius modi: Allium oder Knobelach per modum crucis transversum.

3m übrigen machen wir darauf aufnterffam, daß bereits bei RveSchen, Wanderung durch die nördliche Wetterau, Gießen 1897, S. 68, das Wappen richtig gedeutet wurde. Dr. QL QL

Schriftleitung: August Goetz. Druck und Verlag der Drühl'fchrn Univ->Buch. und Steindruckeret, R. Lange.