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1923 Nr. 29

SamstLg, 21. Juli ßjte

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Sommerlust in alter Zeit.

3n früheren Zeiten, da Las Reisen in die Sommerfrische noch nicht so üblich war wie heute, mutzten Lie Menschen mehr in der Rahe ihre Sommerlust suchen. Die beschaulicheren und ruhigeren Verhältnisse brachten es mit sich, Latz man in der schönen Jahres- zeit seine 3dhllik auch zu Hause fand und lieber int eigenen Gärt­chen oder im städtischen Kaffeegarten sich erholte, als sich tagelang den Erschütterungen der Postkutsche anzuvertrauen und alle Un­annehmlichkeiten des-damaligen Reisens auf sich zu nehmen. Wenn manreiste", so begnügte man sich mit einer Landpartie. 3m Gärtchen, das nahe vor den Toren der Stadt lag, verbrachte man Sommers die hübschesten Stunden. 3n seiner vortrefflichen Schil- derung einer deutschen Stadt vor 100 Jahren erzählt Otto Bähr: Man beschäftigte sich dort mit Gartenarbeiten, empfing Besuche von Freunden, nahm sich in wohlgefülltem Korbe Abendessen mit ufw. 3m Garten befand sich ein kleines Häuschen, in welchem Gartenwerkzeuge, einiger Hausrat und Erfrischungen aufbewahrt wurden. Die Einrichtung der Gärten war sehr einfach. Reben den graden Wegen, welche sie durchschnitten, lagen rechts und links die schmalen Rabatten, meist mit Buchsbaum eingefaßt und mit ausdauernden Ziergewächfen oder Obststräuchen, mitunter auch Obstbäumen besetzt. Dahinter die Gemüseländer. Hm das Häus­chen herum einige Rasenplätze mit Ziersträuchern und vielleicht ein paar Blumenbeeten für Sommergewächse. Auch hie und da eine angelegte Laube. Die Umfriedigung des Gartens war meist eine lebendige Hecke." Klemm erzählt von diesem Gartenleben im Sommer:Hier hauste in den frühesten Morgenstunden und abends der Hausvater, während in einer in einem Winkel angebrachten, oft mit Bohnen umzogenen Laube Mama mit den Töchtern einen Räh tisch auf geschlagen hatte, an dem sodann ein einfaches Abend­brot eingenommen wurde. Diese kleinen Gärten zwischen den Hinterhäusern oder vor den Toren waren der Sitz des tiefsten Friedens, bescheidenen Glücks und herzerfreuender Ordnung. Da kauerte an stillen Abenden der Hausherr im Schlafrock am Relken- weg, prüfte und besah, senkte und stengelte seine Lieblinge oder ging an den Spalieren hin, nachzufehen, ob die gepfropften oder okulierten Bäume gediehen und ob die Trauben sich färbten und läuterten."

Wollte man sich ein besonderes Vergnügen leisten, so ging man in den städtischen Kafeegarten, der schon im 18. Jahrhundert aufgekommen war. Bierhäuser oder Schenken zu besuchen, galt damals dem soliden Bürger noch für unfein, und erst später hat sich mit der Verbesserung und Verbreitung des Bieres das mo­derne Wirtshauswesen entwickelt. Die Kaffeegärten aber machten eine Ausnahme und wurden auch von der feinen Gesellschaft be- 'ucht. 3n Kassel versammelte man sich im Henkelschen Garten. Am einen Rasenplatz herum," erzählt Bähr,war eine Anzahl Vm&en, in welchen die Honoratioren, namentlich an Sonntagen, ziemlich steif dasatzen und Kaffee oder Tee tranken." 3n Ber­ti n war bereits in der friderizianischen Zeit der Tiergarten von Kaffeegärten bevölkert, und man machte Sonntags gleich nach dem Mittagessen eineWallfahrt" nach dem Hofjäger oder nach den ZÄten, wo Kaffee und Weißbier getrunken wurde und wo,gegen Belegung von vier guten Groschen ein Orchester, das aus Geige, Baßgeige, Flöte und Klarinette bestand, das musikalische Gehör arterte. Das regste Leben herrschte in den Zelten, wo besonders bie Sonntag-Frühkonzerte die ganze feine Gesellschaft intZirkel", wm mit einer Flora-Statue geschmückten Rondell gegenüber den -Wirtshäusern, veranstalteten. Aehnlich war eS m D r r S d e n auf

der Brühlfchen Terrasse, im Münchener Glas-, Löwen- untz englischen Garten, vor allem auch im Hofgarten und in Wieg intAobelprater", den die feinen Leute vor demWurstlprater" der Kleinbürger bevorzugten.

Der Höhepunkt dieser alten Sommerlust war aber dieSanfc Partie"; sie war kein allsonntägliches Vergnügen wie heute, son­dern ein seltenes Fest, zu dem man wochenlange Vorbereitungen traf. Schon wenn der Berliner nach Eharlottenburgausflog", war das eine große Sache, denn man brauchte mit dem CBagetf wegen des vielen Sandes" 5 Stunden. Verregnete die Landpartie, dann herrschte große Trauer. Einmal hatte Ehodowiecki bett Seinen versprochen, mit ihnen am Sonntag den Vergnügungsort Französisch-Buchholtz zu besuchen. Aber es regnete, und darob war die Stimmung so trübe wie der Himmel. "Da zeichnete dev Meister zum Tröste das köstliche BlattWallfahrt nach Fran- zösisch-Buchholtz", auf dem wir in komischer Ülebertreibung eine solche Ausflugsgesellschaft der guten alten Zeit sehen. Voran die Tochter mit einer Heugabel, die Würstel und Vrezeln trägt, dann die beiden Söhne auf einem Esel reitend, der noch in zwei Körben die Kleinsten trägt, und die RachHut bilden die feingekleideten Damen, die Kuchen und Wein tragen, während den Zug ein lustig siedelnder Verehrer beschließt. Wer sich keinen eigenen Wagen mieten konnte und so in geschlossener Gesellschaft das seltene Ver­gnügen einer Spazierfahrt genoß, der stieg in den geräumigen Kremser, wo man bunt durcheinandersatz, beim Hinweg nach dem Ausflugsort noch etwas steif, aber beim Rückweg desto vergnügtet und ausgelassener...

Frauen und Telephon.

Von Hasse Zetter st m*).

3st 3hnen schon aufgefallen, daß es besonders schwierig ist, einen Menschen vom Telephon wegzukriegen, wenn man zufällig selbst telephonieren will? Haben Sie mal vor einet Telephonzelü Sestanden und darauf gewartet, daß der oder die da drin auf» ören soll? Haben Sie nicht dann nach 5, 10, 15 Minuten eins unbezwingliche Lust verspürt, die Tür aufzureißen und einfach ben Menschen vorn Apparat wegzuzerren und die ganze Geschichte selbst zu übernehmen?

Einer meiner Freunde wollte mal in einem besseren Lokals in Stockholm telephonieren. Die Zelle war von einem Herrn be­setzt. Mein Freund beschloß zu warten. Er setzte sich auf einen Stuhl und nahm die Ahr in die Hand. Als fünf Minuten vergan­gen waren, holte er tief Atem, um sich zu beruhigen,' nach 8 Mi­nuten beschloß er, die Tür aufzumachen und dem Wann feine Mei­nung zu sagen, aber gerade da hörte der Mann auf und kam her­aus. Mein Freund wollte ihm eben die Wahrheit über die 8 Mi­nuten sagen, als ein anderer Herr, der gar nicht gewartet hatte, in die Zelle schlüpfte und sich an dem Apparat zu schaffe« machte.

Mein Freund war zuerst überrascht, aber mit starker Willens­anstrengung entschloß er sich, auch diesen abzuwarten. Er wartet« 5 Minuten, und dann war seine rechte Hand ziemlich fest geballt.

*) Don Hasse Zetterström ist im Verlag von Dr. Eysler u. Ev., Berlin, ein Bändchen neuer Grotesken unter dem seltsamen Titel Kapriöolen" erschienen; in einer der Geschichten hat er selbst erklärt, was das für Dinge sind. Wie lustig und erfrischend dies« Lektüre ist, weichen die Leser aus der Probe »Frauen und Tel«- vhon" folgern föttnenu