Ausgabe 
20.1.1923
 
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Eines Tages wurde der großherzige alte Herr durch den Empfang des folgenden Briefes angenehm überrascht:

Charley Goodfellow, Hochwohlgeboren.

Werter- Herr!

In Gemäßheit eines Auftrages, der unserem Haus vor etwa zwei Monaten von unserem ver­ehrten Kunden Mister Barnabas Shuttleworthy erteilt worden war, beehren wir uns heute morgen eine Doppelkiste Chateau Margaux, Antilopen« brand, violett gesiegelt, an Ihre werte Adresse abzusenden. Die Kiste ist gezeichnet wie neben­stehend. Wir verbleiben, werter Herr,

Ihre sehr ergebenen

Hoggs Frogs Bogs & Co.

.... den 21. Juni 18 . .

PS. Die Kiste wird Sie per Achse am Tage nach Ankunft dieses Brieses erreichen. Wir bitten, Mister Shuttleworthy unsere Grüße zu bestellen.

H. F. B. & Co.

Tatsächlich hatte Mister Govdfellow seit Mister Shuttlewvrthhs Tode alle Hossnung aufgegeben, den versprochenen Chateau Mar- gaux je zu bekommen, und sah dies nun als Zeichen besonderer Zu­neigung des Schicksals ihm gegenüber an. Er geriet in Helles Ent­zücken und lud im ülebermatz seiner Freude eine große Anzahl von Freunden für den nächsteir Tag ein zu einemkleinen Abend­essen", um das Eintreffen der Gabe des gu.en allen Mister Shuttle« worthy festlich zu begehen. Nicht daß er irgend etwas von dem guten alten Mister Shuttleworthy" gesagt halte, als er die Ein­ladungen erließ. Tatsächlich dachte er viel und beschloß gar nichts zu sagen. Er erwähnte niemandem gegenüber wenn ich mich recht cri'imere daß er einen Chateau Margaux zum Geschenk bekommen hatte. Er bat nur seine Freunde, zu ihm zu kommen und ihm ein 'Weinchen von hervorragender Güte und Blume trinken zu helfen, das er vor einigen Monaten aus der Stadt bestellt hatte, und morgen bekommen würde.

Endlich kam der Tag und brachte eine große und durchaus ehrenwerte Gesellschaft in Mister Goodfellows^Haus zusammen. Tatsächlich war der halbe Ort geladen, darunter auch ich, doch zum großen Aerger des Gastgebers kam der Chateau Margaux erst sehr spät, als die Gäste dem üppigen Mahl, das deralte Charley" ihnen darbot, schon reichlich zugesprvchen hatten Schließ­lich kam die Kiste übermenschlich groß und da sich die ganze Gesellschaft schon in gehobener Stimmung befand, so wurde be­schlössest, daß die Kiste auf Len Tisch gestellt und dort ausgepackt werden sollte.

Gesagt, getan. Ich legte mit Hand an, u-rd im Nu hatten wir die Kiste auf dem Tisch, mitten unter den Flaschen und Gläsern, von denen eine erkleckliche Anzahl dabei in Scherben ging. Der alte Charley", nicht unerheblich berauscht und dunkelrot im Ge­sicht, nahm mit gespielter Würde am Kopfende des Ti'ches Platz, schlug mit einem Weinkrug den Takt und forderte die Tischaen assen auf,sich während der Hebung Les Schatzes ruhig zu verhalten".

Nach einigem Hin und Her war die Ruhe endlich hergestellt, rmd, wie es oft in ähnlichen Fällen geschieht, trat tiefes und fast bedrückendes Schweigen ein. Der Bit e, den Deckel zu heben, folgte ich mitgrößtem Vergnügen". Ich schob den Meißel ein, und kaum hatte ich mit dem Hammer einige leich'e Schläge darauf getan, als der Kistendeckel mit einem heftigen Ruck wegflog und im selben Augenblicke, gerade dem Gastgeber zugewandt, der verstümmelte, blutige und fast verweste Leichnam des ennorde'en Mister Shuttle­worthy sich mit einem Ruck sitzend aufrichtete. Er starrte einige Augenblicke lang unverwandt und schmerzlich mit seinen halb- verfaulten glitzernden Augäpfeln Mister Govdfellow ins Gesicht, sprach dann langsam, aber klar und nachdrücklich die Worte:Du hast's getan", fiel, als wäre er vollauf befriedigt, über den Rand der Kiste und streckte seine bebenden Glieder auf dem Tisch aus.

Die Szene, die nun folgte, entzieht sich der Beschreibung. Gin furchtbarer Sturm auf Türe und Fenster fetzte ein, und viele der - kräftigsten Männer fielen au3 blankem Grauen in Ohnmacht. Nach den ersten wilden Schreckensschreien wachten sich aber alle Augen demalten Charley" zu. Wenn ich mehr als tausend Jahre lebe, so werde ich doch nie den geradezu tödlichen Schrecken vergessen, der sich auf seinem geisterbleichen Gerichte malte, das eben erst dunkelrot von Lebenslust und Wein gestrahlt hatte. Einige Minu­ten sah er starr wie ein Marmorbild, und seine Augen, jeden Ausdrucks bar, schieren einwärts gewandt und in die Betrachtung seiner eigenen elenden Mörderseele verloren. Plötzlich schien ihr Ausdruck blitzartig wiederzickehren, er sprang von seinem Sitz auf, warf sich mit "Kopf und Schultern über den Tisch und den Leichnam und sprudelte hastig und überstürzt ein eingehendes Geständnis des scheußlichen Verbrechens hervor, für das Mister Pennifeather gefangen gesetzt und zürn Sterben bestimmt war.

Was er sagte, ist in Kürze dies: Er folg'e seinem Opfer bis in die Näh« des Tümpels, erschoß dort das Pferd mit der Pistole, schlug den Reiter mit dem Kolben tot, nahm das Taschenbuch an sich imb zerrte das Pferd, bas er für tot hielt, mit großer Mühe zu fcen Brombeerbüschen am Wasser. Den Leichnam des Mister Shuttleworthy lud er auf sein eigenes Pferd und brachte ihn so zu einem sicheren Versteck, weit weg durch die Wälder.

Die Jacke, das Taschenbuch und die Kugel hatte er selbst an die Plätze gebracht, wo sie gefunden worden waren, um sich

an Mister Pennifeather zu rächen. Desgleich«, hatte er die Ent­deckung des blutigen Hemdes und Halstuches bewerkstelligt. Gegen das Ende des grausigen Geständnisses wurden die Worte des Elenden stammelnd und undeutlich. Kaum hatte er geendet, so er­hob er sich, taumelte vom Tisch zurück und stürzte nieder . . . tot

Die Mittel, mit denen dieses eben noch rechtzeitige Geständ­nis erreicht wurde, waren zwar wirksam, aber sehr einfach. Mister Goodfellows übermütiger Freimut hatte mir mißfallen, und gleich zu Anfang meinen Verdacht erweckt. Ich war zugegen gewesen, als ihn Mister Pennifeather zu Boden geschlagen halte, und bc- Ausdruck von Feindseligkeit, der, wenn auch nur einen Augenblick lang, sein Gesicht überzog, hatte mir die Gewißheit gegeben, d»ß er seine Rachedrohung, wenn irgend möglich, peinlich wahr machen würde. Daher kam ich dazu, das Vorgehen desalten Charley" in einem ganz anderen Lichte zu sehen, als die guten Burger von Rattleborough. Ich sah sofort, daß alle belastenden Entdeckungen mittel- oder unmittelbar immer wieder von ihm ausgingen. Die Tatsache aber, die mir über den wahren Stand der Dinge end­gültig die Augen öffnete, war derFund" der Kugel durch Mister Govdfellow im Pferde-Kadaver. Ich halte nicht vergessen, wenn auch die Rattleborougher es vergessen hatten, daß eine Wunde da war, durch die die Kugel in das Pferd hinein, und eine andere, durch die sie wieder herausgegangen war. Wenn sie darnach im Tierleib, nachdem sie ihn doch verlassen hatte, gefunden wurde, so lag es auf der Hand, daß sie vom Finder selbst hineingelegt worden sein mußte. Das blutige Hemd und Halstuch verstärkten noch diese Auffassung, denn bei näherer Prüfung ergab sich, daß das Blut Rotwein war und nichts sonst. Wenn ich diese Tatsache und die plötzliche, verdächtige F.eigebigkeit und Verschwendung des Mister Govdfellow überdachte, so kam zu einem Verdacht, der dadurch, daß ich ihn für mich behielt, n~t schwächer wurde.

Inzwischen betrieb ich eine rastlose Einzel suche nach dem Leich­nam des Mister Shuttleworthy. und zwar aus guten Gründen weit weg von den Stellen, zu denen Mister Govdfellow seine Leute geführt hatte. Schließlich kam ich nach einigen Tagen zu einem alten trockenen Brunnen, dessen Ocffnung von Brombeeren über­wuchert war. Und auf dessen Grund fand ich, was ich suchte.

Nun hatte ich zufällig das Zwiegespräch der beiden Kumpane belauscht, als Mister Govdfellow es fertig gebrach! hatte, seinen Freund durch Schmeichelei dazu zu bewegen, daß ec ihm eine Kiste Chateau Margaux versprach. Diesen Zufall beschloß ich auszu­bauen. Ich besorgte mir ein starkes Stück Fischbein, führte es in die Kehle des Leichnams ein und verbarg ihn dann In einer alten Weinkiste, wobei ich darauf achtete, den Körper so zu biegen, daß auch das Fischbein mitgebogen war. Daher mußte ich den Deckel mit Gewalt niederdrücken, bis ich ihn mit Nägeln befestigt hatte, und ich nahm richtig an, daß, sobald die Nägel herausgezogen waren, der Deckel weg- und der Leichnam ausspringen würde.

Nachdem ich die Kiste so hergerichtet hatte, zeichnete, nume­rierte und adressierte ich sie wie oben angegeben, dann schrieb ich einen Brief im Namen der Weinhändler, bei denen Mister Shuttle­worthy kaufte, und befahl meinem Diener, die Kiste auf ein Z ichen von mir in einem Schubkarren zu Mister Goodfellow zu fahren. Wegen der Worte, die ich den Leichnam sprechen lassen wollte, verlieh ich mich aus meine Bauchrednerei. Ihre Wirkung stellte ich der Gewissensnot des Mörders anheim.

Ich glaube, es ist nichts weiter zu erklären. Mister Penni- featber wurde sofort freigelassen, erbte das Vermögen des Onkels, machte sich die böse Ersah in .!g zunutze, begann ein neues Leben wrd führte es zu einem glücklichen Ende.

Philipp Otto Runge als Vorläufer dee modernen Farbenlehre.

Die Schüler, die er im 19. Jahrhundert nicht bilden konnte, wird ihm das 20. zuführen." Mit diesen Worten hat Alfred Lichtwark, der Wiederentdecker des großen Malers der Romantik Philipp Otto Runge seine Dedeutung für die Zukunft voraus« gefügt, und seine Prophezeiung beginnt sich zu erfüllen. Ein Zeichen dafür, daß man Runge endlich als einen der großen deutschen Meister zu erkennen beginnt, ist die jetzt im 3n,,[« Verlag zu Leipzig erschienene Darstein ,g seines Lebens und Werkes von Paul Ferdinand Schmidt, der erste Z rsuch,der Erscheinung eines der größten Deutschen im Zusammenhang und als Gesamtheit gerecht zu werden." Runges Wolle., und Schaffen wirkt sich erst heute aus: Kunst und Wissenschaft knüpfe!» an die Ahnungen an, die er zuerst verfinn'icht, und -s ist die Farbe, die im Mittelpunkt feiner Weltanschauung stand, die auch heute wieder zur Grundlage alles malerischen Schaffens ge­macht wird. Runge 'hat sein Leben lang darum gerungen, der Farbe ihre Bedeutung als Ausdruck göttlicher Geheimnisse, als Deutung der Welträtsel zu erobern. Darum malte er seine Bild­nisse und romantischen Dekenntnifse, begründete er in enger Fühlung mit Goethes Studien seine tiefsinnige Farbenlehre. ®r besaß ein außerordentliches Gefühl für die seelische Wirkung der Farbe, wie es wohl bei ihm in solcher Innigkeit zum erften« mal in der Kunst auftritt: Farben und musikalische Klänge stan­den für ihn in innigster Wechselbeziehung, feine Farbenmystik und Farbensymbolik ist tief erlebt. 3m Anschuß an Jakob BLHwes