Ausgabe 
17.11.1923
 
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Trotzdem fühlte sich dieser oft recht gedrückt in seiner jungen Ehe. Helene wollte ihm das Leben gar zu schön machen und über­sah, daß eine liebenswürdige Genügsamkeit bisher der eigenste Schmuck dieses Lebens gewesen war. Sie wollte glänzen mit ihrem Manne und durch ihren Mann, aber dieser Mann war unglücklich, daß er nun auf einmal glänzen sollte. Sie diente, um zu herrschen. Der Freiherr seufzte:Als Haydn zu Besuche kam, entdeckte sie staunend, daß ein Genie auch bescheiden sein könne, und sie ward bescheiden, weil sie ein Genie sein will. Hetzt bricht ihre anspruchs­volle Natur wieder hervor. Ich möchte Haydn auf ein ganzes Hahr zu Gaste bitten. Allein das würde doch nichts helfen, binnen Monatsfrist wäre ihr der bescheidene Mann langweilig, und um des bloßen Gegensatzes willen würde sie dann ganz hoffärtig werden."

Statt des einfachen Quartettes schlug Helene ein Orchester vor, auch hätte sie gerne kleine Opern auf Schloß Strüth aufgeführt und hatte eilten fertigen Plan, wie das Musikzimmer zu einem Theater auszubauen sei. Dem Manne schauderte vor diesem Plan, und er blickte schwermutsvoll nach dem Bilde der unmusikalischen Erato. Helene, so dachte er still für sich, hat keinen Sinn für die Größe im Kleinen. Sie überbraust das Allegro und überempfinöet das Ada­gio, das läßt sich hören,- allein ihr mangelt jenes Verständnis fürs Andante, Und das ist ein großer Mangel; denn das Andante ist das wahre Tempo der Ehe. Hart, bescheiden, mäßig bewegt schwebt es einher, gemütvoll beruhigend Und erquickend wie die echte Weib­lichkeit.

In der Tat, je mehr sich Helene in ihrer neuen Würde fühlte und des endlich errungenen Sieges genoß, um so weniger fand und verstand sie das Andante.

So verging der Winter; in der Silvesternacht 1799 geigte man sich auf Schloß Strüth heiter und bewegt ins neue Hahrhundert hin­über, und als nun der Frühling kam und die gute Bauzeit, drang Helene immer bestimmter in ihren Gemahl, daß er das Musik­zimmer erweitern möge zu einem Orchester- und Theatersaal. -Und da er eben im Begriffe stand, auf ein paar Wochen nach Wien zu gehen, so könnte er dort ja gleich mit einem Baumeister Rücksprache nehmen.

Der Freiherr sagte:Wir wollen den Saal bauen; aber ich . fordere einen Preis von dir, den du vorauszahlen, eine Vorbedin­gung, welche du erfüllen mußt." .Und bei diesen Worten übergab er der Frau eine große Mappe und fuhr fort:Diese Mappe nenne ich ein Schmuckkästchen; denn sie birgt allerlei versteckte und ver­staubte musikalische Schmuck- und Schaustücke, allein es erfordert ein geübtes Auge, deren Wert zu erkennen. Versuch es mir zuliebe, ob du die hier eingeschlossenen Noten mit rechter Empfindung spie­len kannst, dir und mir zum Genügen. Gelingt es dir, so gehen wir ungesäumt an den Saalbau."

Helene ging mit Freuden auf die Grille ihres Gemahls ein und öffnete nach seiner Abreise augenblicklich die geheimnisvolle Mappe. Eine Menge schlecht geschriebener Notenblätter mit vielen Korrekturen und Tintenflecken, vergilbt und abgegriffen, lag darin, die sahen gar nicht aus wie Prunk- und Schaustücke. So gar ge­fährlich schien diese Musik gerade nicht, wohl aber etwas lang­weilig. Es waren kleine Andantes, Menuette und Rondos aus Streichmusiksähen vom älteren Stamitz, von Camerlvher, Gaßmann, Eannabich, Holzbauer, Wagenseil und anderen halb verschollenen Komponisten, ziemlich ungeschickt für Klavier ausgezogen von der etwas kavaliermäßigen Nvtenhand ihres Mannes.

Die arme Helene plagte sich grausam, diesen trockenen, alt­modischen Stücklein einigen Geschmack abzugewinnen. Die Musik war an sich zwar einfach; dennoch konnte sie vieles kaum lesen, so verworren war die Schrift, und kaum spielen, so holperig war der freiherrliche Klaviersatz, und wo sie etliche Takte bequem las und spielte, da empfand sie nichts und berührte nur mit den Fin­gern, nicht mit der Seele, die Tasten. Der Saalbau schien sich doch in einige Ferne zu schieben.

Dazu tonen äußere Störungen, welche ihr vollends alle Ruhe raubten für diesen verzweifelten Gaßmann, Eamerloher und Ge­nossen. Große Truppenmassen zogen an Schloß Strüth vorüber, die Einquartierungen drängten sich; bei dem Trommelschall, welcher dem wirklichen Kampf, nicht der Parade galt, erzitterte auch das friedlichste Gemüt in kriegerischer Aufregung. And Helene war nicht einmal ein friedliches Gemüt. Sie hätte lieber sich selbst gleich aufs Roß schwingen und mitreiten mögen, und sollte statt dessen den Geist des Andantes aus verblichenen Noten über sich kommen lasten.

Zu einigem Tröste sah sie indes aus den Briefen ihres Mannes, daß es ihm draußen auch nicht friedlicher zumute war. Er schrieb im Huni von Wieit, seine nahe Rückkehr ankündend:3n meinem Leben darf auf Schloß Strüth keine Note von Plehel mehr gegeigt werben. Dieser Plehel, der von einem darbenden Musiker zu einem reichen Musikverleger herabgesunken ist, widmet seinen Gesamt­abdruck der Hahdnschen Quartette dem Konsul Bonaparte! Meine Wiener Freunde lachten mich aus, als ich dafür Acht und Bann innerhalb des Strüthschen Gebietes über Plehel verhängte. Wie darf ein Deutscher diese gemütlichste deutsche Musik dem ungemüt­lichsten Feinde Deutschlands huldigend zu Füßen legen! Und ich sagte jenen, die da lachten: der Konsul Bonaparte wird uns noch

alle Quartettlust vertreiben, zum Danke dafür, daß man ihm un­seren reichsten Quartettschatz gewidmet hat. Man faßt das nicht! Früher glaubte auch ich ganze sturmvolle zehn Hahre lang, wir könnten im Reiche ruhig zusehen, wenn draußen die Völker sich zer­kriegen, und könnten immer lustig Quartett dazu geigen. Aber seit mir der Rastatter Gesandtenmord einen der schönsten Quartett­abende verdorben hat, denke ich anders. Die unterrichteten Leute werden hier nachgerade sehr bestürzt, es soll ganz schief gehen in Italien. Gestern sprach man von einem großen Siege, den unsere Armee bei Marengo erfochten, und heute heißt es, der Sieg sei ein Schreibfehler gewesen und müsse in Niederlage verbessert wer­den. Bonaparte wirft alles vor sich nieder; es kommt eine neue Welt und kommt eine neue Musik. Haydn war der letzte Fürst des Friedens in unserer Kunst. Ich schicke einige Werke von Beethoven nach Schloß Strüth; sie sind verführerisch schön. Allein ich bitte, spiele sie nicht, bevor Du Dich in dem Schatzkästlein der gekritzelten Noten recht heimisch fühlst und der Saalbau gesichert ist. Beet­hoven beunruhigt mich wie Bonaparte."

Bald nachher kehrte der Freiherr zurück. Obgleich gerade vier­zig Husaren auf dem Schlosse in Quartier lagen und wenig mu­sikalischen Frieden aufkommen ließen, fragte er bald nach den alten Noten.

Helene berichtete klagend, wie sehr sie sich geplagt und doch nichts Rechtes herausgebracht habe, es sei aber auch gar zu harte Arbeit. Da sprach ihr Gemahl, wehmütig lächelnd:Mir sind diese alten Melodien ein wahrer Seelengenuß. Sieh, das war die Musik, an welcher ich mit fünfzehn Jahren zuerst musikalisch denken und empfinden lernte. Der Geist meiner Hugend ruhet verzaubert in ihr. So dünkt es mir wenigstens. Oh, könntest auch du etwas bon diesem Geiste heraushören! Wie ich die Mappe dir jetzt gebe, so gab ich sie vor Zeiten Erato. Aber sie wußte gar nichts anzufan- gen mit den alten Blättern. Ich schrieb mir damals diese Sähe aus den Stimmen fürs Klavier, damit ich sie wie rechte Hugend» freunde immer zur Hand haben könne. Ich glaube, meine Klavier- bearbeitung ist recht schlecht, ich kann nur inwendige Musst machen. Und die Form der Originale selber ist oft steif, und die Gedanken find nicht glänzend und reich, aber es ruht doch ein /herzlicher Friede auf dieser Musik, der echte Geist des Andantes. Darum versuche immerhin noch einmal mir zuliebe, ob du nicht auch diesen Kinderfrieden herausspielen kannst."

Tags darauf hörte der Freiherr von fernher, wie seine Frau sich insgeheim wieder an den alten Blättern übte.Sie strebt doch wenigstens nach dem Geist des Andantes," dachte er,und wenn mich mein inneres Ohr nicht trügt, so tut sie's doch mehr noch mir, als dem Saalbau zuliebe."

Sechstes Kapitel.

Um diese Zeit besuchte der Graf den Freiherrn. Er trat so stürmisch ins Zimmer- wie damals, als er die verbotene Guarneri mitgebracht, und rief, er komme, um Lebewohl zu sagen; er ziehe ins Feld. Hetzt, wo das ganze weite Land von großen Kriegs­taten widerhalle, ertrage er's nicht länger, hinter den Geigen zu sitzen, der Soldat rege sich wieder in ihm, und wenn alle Welt sich schlage, dann müsse auch er mitschlagen.

Die beiden Gdelleute hatten in jüngeren Jahren beim Heere gestanden; beide aber hatten damals rasch quittiert: der Graf, weil er für seinen Ehrgeiz zu langsam vorrückte, der Freiherr, weil das leere Garnisonleben feinem idealen Sinn ein Greuel war.

Der Entschluß des Grafen berührte den Freiherrn tief. Meh­rere Tage ging er nachdenklich umher; dann fagte er zu seiner Frau:Dein Bruder liebt die Musik um der Geigen willen, und als uns Haydn besuchte, glaubte er dem Meister das höchste Lob zu geben, indem er gegen mich aus ries: Für einen bloßen Kom­ponisten urteilt der Mann nicht schlecht Über die Geigen. So geht dein Bruder denn auch in den Krieg um des Fechtens willen. Auch ich werde mich als Freiwilliger melden, aber nicht, weil ich so be­sondere Lust zum Fechten hätte, sondern weil mein Kaiser in dieser Not eines jeden Armes bedarf."

Gr war darauf gefaßt, daß Helene ihn zurückzuhalten suche. Allein unter Tränen pries sie begeistert seinen Vorsatz und beklagt» nur, daß sie nicht selber mitziehen könne.Ich bin die Frau eines Edelmannes," sprach sie,un& darf nicht weinen, wenn du mit dem Schwerte ritterlich zu Pferde steigst."

Der Freiherr blickte sie feierlich an und gerührt und- liebevoll zugleich und dachte: die stolze Schwärmerin hat doch ein großes Herz. Sie redeten viel und herzlich miteinander; sie hatten sich noch nie so nahe gestanden.

Vergiß mir aber auch die alte Notenmappe nicht," so schloß er endlich,spiele die Stücklein fleißig mir zulieb und auch wegen des Saalbaues. Es ist nur eine kleine Musik, aber der ehr­liche deutsche Geist des Andantes ruht darin, und man kann sich auch im Andante hoch emporschwingen."

Die Vorbereitungen zur Abreise wurden rasch getroffen. Das Vaterland bedurfte in der Tat jedes Armes, und die Gefährt rückte mit Gewitterschnelle immer näher. Die kurze Waffenruhe, welche auf die Schlachten des Juni und Juli gefolgt, war nur ein Aufatmen zu neuem Kampfe.

(Schluß folgt.)

Schriftleitung.- Dr. Äriedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.