Samstag, 18. August
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1923 — Nr. 33
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Der christliche RitLer.
(Zum 3 0 0. Todestags Ulrich von Huttens am 23. August.)
Bon Dr. Paul Landau.
Das Idealbild des „christlichen Ritters", das Erasmus von Rotterdam aufsieilte, ist von Dürer in seinem berühmten Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel" gestaltet worden. Dieser gepanzerte Reitersmann kämpft nicht mehr mit Schwert und Speer, sondern mit geistigen Waffen. Umdräut von den Dämonen einer aufgewühlten Zeit, im heißen Streit der Weltanschauungen zieht er sicher und kühn seines Weges, gewappnet mit dem Schild des Glaubens, gerüstet mit den Wehr und Waffen der neuen Bildung, die Humanismus und Reformation darbvten. Die edelste Ber- kvrperung dieses „christlichen Ritters" ist Ulrich von Hutten, der Held der deutschen Renaissance, der im Kampf für die Gröhe und Einheit feines Vaterlandes rasch sein Leben verblutete. Conrad Ferdinand M ehe r, dessen Dichtung „Huttens letzte Tage" die schönste Verklärung seiner Persönlichkeit darstellt, läßt ihn zu Tod und Teufel l es Dürer-Blattes sprechen:
Dem garstigen Paar, davor den Memmen graut, Hab' immerdar ich fest ins Äug' geschaut.
Mit diesen beiden starken Knappen reit' Ich, auf des Lebens Straßen allezeit, Bis ich den einen zwang mit tapserein Sinn Und von dem anderen selbst bezwungen bin.
Einem edlen Ritterblut entsprossen, hat er stets kühne Fehden, wackeres Fechten mit Schwert und Schrift hochgehalten. Gr stand als Landsknecht auf den italienischen Schlachtfeldern, führte mit seinem Freunds Sickingen manch kecken Streich aus und hat das Lob des Ritterstandes gesungen, in dem noch etwas von urväterlicher Sitte und altdeutscher Biederkeit lebte. Wie stets seine Vorfahren zum Treffen, zieht er selbst in die Schlacht der Geister mit feinem Wahlspruch auf den Schild:
„Ich hab's gewagt!"
Wiewohl mein fromme Mutter weint Das; ich die Sach' hätt' g'fangen an. Gott Wöll sie trösten, es muh gähn. Und sollt es brechen auch vvrm End, Will's Gott, so mags nit werden gwendt, Daran*will ich brauchen MH und Händ. „2ch hab's gewagt!"
Dies Rittertum paarte sich aber bei ihm mit einer Bildung, die auf der Höhe der Zeit stand. Gr verdankte sie dem Kloster zu Mlda. in das er zehnjährig gesteckt wurde und wo er wider seinen Willen bleiben muhte. Gr floh, wurde der Freund des Humanisten Crotus Rubianus und suchte sein Glück in der jungen Literatur, die sich damals zuerst zum Wortführer der Ration machte. Ein ewiger Kampf tvar sein Schicksal, in dem er gehärtet, gestählt, geschliffen wurde zu dem leuchtenden schneidigen Degen, als der er m seinen Schriften aufblitzt: Auf der Schule Aufbäumung gegen Ungerechtigkeit: von dem unbeugsamen Vater verstoßen, von seiner Familie verachtet, auf seinen Irrfahrten ausgeplündert und wund- geschlagen: von furchtbarer Krankheit gepeinigt, in Italien Soldat, m Deutschland im Fürstendienst: stets angriffsbereit trotz aller Rote und Mhrnisse. Bei einem Anrecht, das einem seiner Verwandten, Hans von Hutten, durch den Herzog von Württemberg geschah, zeigte er zuerst die Macht seiner Feder. In fünf Reden Ulw in dem prächtigen Dialog gegen die Tyrannen, die er nach * antiken Tyrannen Phalairas benannte, stellte er den Herzog
Ulrich an den Pranger. Das verschaffte ihm Ansehen bet der Mmilie, auch sonst wendete sich alles zum Besseren. Gr wurde von seiner Krankheit wiederhergestellt, dachte ans Heiraten, empfing in Augsburg die Dichterkrone. In dem großen Streit der Humanisten gegen die „Dunkelmänner", der in der genialen Parodie der „Dunkelmänner-Briefe" seinen unsterblichen Ausdruck sand, stand er neben R e u ch l i n, arbeitet auch am zweiten Teil der köstlichen Verspottung mit. Als Diplomat, als Gelehrter hätte er eine ruhige und gute Laufbahn machen können. Aber seine Kämpferseele riß ihn mitten ins Gewühl der Vdeenschlacht: an die Seite Luthers, neben den Revolutionär Sickingen, auf dessen Burg er eine Zuflucht fand. Immer gehetzter wurde sein Leben, immer todesmutiger sein Streiten. Als Sickingen fiel, war auch sein Schicksal besiegelt. Todkrank kam ec nach der Insel Afnau, auch von Erasmus verlassen, der die beschauliche Stille dem heldenhaften Ringen vorgezogen. So fand er in den letzten Tagen des August 1523 mit 35 Jahren ein tragisches, aber stolzes Ende. Früh schnitt der Winzer Tod die Edeltraube, „die hellt gekeltert wird und morgen kreist in Deutschlands Aeckern als ein Feuergeist".
Huttens Bedeutung liegt mehr in seiner Persönlichkeit, in der Kühnheit seiner Ideen, in dem ahnungsvollen Vorausschauen deutscher Ziele, im Aufrütteln seines Volkes, als in seiner literarischen Leistung. So lebendig er zu schildern wußte, so leidenschaftlich und fortreißend seine Rede hinströmte, war er doch kein Dichter, auch kein bedeutender Gelehrter. Seine lateinischen Schriften zeigen ihn als gewandten Schriftsteller des Humanismus. Das Latein war ihm, wie seinen Gefährten, die geläufige Umgangssprache. Er aber wagte den Uebergang zum Deutschen, und wenn er auch nicht die Feinheit und Eleganz seiner lateinischen Werke erreicht, so pulst doch sein deutsches Herz in diesen ungelenken, derben, manchmal mühsam gestammelten Sätzen und Versen ungestümer, freier, hinreißender. Run erst wird aus dem gelehrten Polemiker der Volksmann, aus dem Humanisten der Jouriralist. Luther war auch darin sein Vorbild. ^.Latein ich vor geschrieben hab," sagt er in seiner „Klag und Vermahnung," „das war etnm jeden nit bekannt. Jetzt schrei ich an das Vaterland, Teutsch Ration in ihrer Sprach, zu bringen diesen Dingen Rach!"
Er schrieb aus deutscher Gesinnung, aus deutschem Geiste. Seine Werke sind durchströmt von einer Vaterlandsliebe, wie sie sich damals erst in leisen Anfängen regte. Als ein solcher früher Herold des Deutschtums wird uns Hutten stets ehrwürdig bleiben. Schon in einer seiner ersten Schriften behauptete er, daß die Deutschen mit den Vorfahren verglichen, keineswegs entartet seien. Wissenschaft und Künste, Handel und Gewerbe blühten. Mut und Kühnheit seien unter ihnen noch wach, so daß kein anderes Volk sie in ihren Grenzen anzugreifen wage, auch in ihren Sitten seien sie, von einiger Ansteckung durch den Geist Roms abgesehen, noch unverdorben. Heftig zieht er gegen alles Andeutsche zu Felde, das aus den romanischen Ländern kommt, aus Italien und Frankreich. Gr verhöhnt den gallischen Hahn, dessen frevler Hochmut ihn nicht schreckt, und schlägt einmal 5 Franzosen, die seinen Kaiser zu schmähen wagen, allein in die Flucht, er schildert die „unchristliche Gewalt" des Papstes, die Sünden und Aeppigkeiten Italiens, vor denen er sein Volk bewahren möchte. Deutschland muß nur aus sich selbst vertrauen, wenn es groß und mächtig werden will, es muh einig sein. 3n feiner großartigen „Türkenrede" hat er mit einem Pathos,, das heute so frisch klingt und so wahr ist, wie votz 300 Jahren, die Deutschen zur Einigkeit ermahnt. „Woher kommt Eure Aneinigkeit?" fragt er. „Aus Grenzstreitigkeiten, Eifersüchte-


