Ausgabe 
17.11.1923
 
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Mut vergossen und sich schamlos im Kleid des Ermordeten ge° , brüstet habe erfannte also aus den Tod durch das Wasser.

3n einer stillen Oktobernacht, um die neunte Stunde, führten I Ätoei Richter der Nachrichter und vier Schergen das Mordkind aus j Gefängnis und engen Gassen durchs die kleine Pforte am niederen Lor auf die Rheinbrücke hinaus. Denn der Rat hatte Befehl ge-- I geben von dem gebräuchlichen Aufgebot der Bürgerschaft und der I zinspflichtigen Flecken in Wehr und Harnisch abzustehen, da der Delinquent ein Kind sei, und die Hinrichtung in nächtlicher ütille I zu vollziehen. _/"

Der Rotzbube war seit Monden in der Finsternis stinkender I Wände gefefsen und blickte, schwankend und stolpernd auf bem kur­zen Weg in die lichtblanken Sterne, die selig hoch und tief standen, I sprach auch das Agnus Dei den Richtern still und fröhlich nach. Dann warfen die Knechte ihn in den. eisernen Korb, banden ihn mit drei Stricken und stürzten ihn am Seil über die Brücke ins schwarze Wasser.

Rachdem der Rachrichter ein langes Gebet geflüstert hatte und I jedermann glaubte, das Kind fei verschieden, zogen st- das Eisen herauf knoteten den Körper los und rollten ihn heraus Mach einem I Augenblick kam ein leises Röcheln, und das Kind tastete mit den I kleinen Händen über die eichenen Dohlen, datz alle die nächtlichen I Menschen ein heftiger Schreck anfiel. Hastig schlossen die^Schergen den Körper wieder an und warfen den Korb hinab. Zogen ihn ! darauf nach einer langem wartenden Weile wortlos wieder empor. I Mz jetzt die Richter den toten Leib befühlt und sich beredet hatten, I jdatz er nicht mehr leben könne, toanbten sie sich, das Grauen noch I in der Brust spürend, eilig gegen das Tor. Hinter ihnen di^Knechte I Einer trug den Leichnam im Sack auf dem Rucken Und sie liefen, I um das höllische Geschäft hinter sich zu bringen. Verliehen hinter I her kleinen Pforte die Richter und wandten sich seitwärts derMauei I nach dem Totenhäuschen am Friedhof. Einer schlug den Docht an, | wie sie die Tür angezogen und den Riegel fest geklemmt hatten, I und lieh die Oelfunzeln aufgehen. Der Totengräber sackte den Leichnam aus, schob und iiid'te ihn auch in den offenen Loten bäum, I faltete ihm die Finger zurecht. Sie standen dann um den Sarg, die Kappen vor der Brust, und der Trager stotterte ein Vater- unser, die Verdammnis des Feuers zu beschworen. Aber bei der I Ditte um Erlösung vom Liebel blieb ihm der Atem aus, und sie I stürzten gegen das Tor, denn das Kind satz ausgerichtet int Saig, I Wachsweih, und das Wasser rann ihm aus dem Mund.

Die Tür knallte ins Schlotz. Dem Kind öffneten sich die Augen Es fand sich allein in dem Totenbaum in der engen Kapelle, sah mit Erstaunen fünf gtolbige £id)tei* auf ber Erbe, begann bann, | mit eisig verkrampften Händen sich aufzuheben und fing an von der Erlösung zu lallen und zu beten. Aber die Rachtstille rauschte I es ein Und als es nach kurzem Starrschlas wieder erwachte, wurde ihm das Herz in mildem Frohsinn lebendig. Und ehe es sich selbst hören konnte, summte und fang sein Mund.

Erregt mit auf gerissenen Gesichtern, liefen die Richter neben den Schergen zur Kapelle. An der Tür wehrte der erste den andern. Und sie standen lange und lauschten, tote in dem engen Raum das Agnus Dei klang gemessen und ganz unirdischZchwe- | bend Sie schlichen hinein da schwieg es still. Der erste Richter warf seinen Mantel über das Kind, hob es aus dem Totenbaum, und sie trugen es durch die Rachtkälte ins Spital, too noch ein Feuer im Ofen glänzte. Gaben ihm auch trockene Kleider und löffelten ihm eine milde Brühe ein. Da fuhr es plötzlich zusanw men, blickte aus entsetzten Augen um sich und fragte, ob es noch im Leben wäre und in der Stadt Speher?

Als man daraus gegenfragte, wo es denn gewesen sei. begann es langsam und in halbem Schlummer zu erzählen, es hätte auf einer Wiese in grüner Sonne gespielt. Diele Kinder wären mit ihm gewesen, nackend weih, mit roten Seidentüchern um den Hals und bunten Schnallenschuhen. Mitten auf der Wiese hätte ein breiter Lindenbaum gestanden und barunter ein hoher silberner Stuhl. Aus dem Stuhl hätte ein alter Mann in blauem Mantel gesessen, mit weihem Bart und goldenem Kronreif. Der habe kleine blinkende Sternkugeln in die Luft geworfen, und damit hätten sie ihr Spiel gehabt.

Als die Richter das hörten, fürchteten sie um ihr Seelenheil/ liehen das Kind int Spital, gut besorgt, und traten nach einer schlaflosen Rächt mit der wunderlichen Geschichte vor den gemeinen Rat von Speher. Der beriet einen langen Dag. Und in der fol­genden Macht führten zwei Ratsherren den Knaben, wohlgekleidet und mit Speise und einigem Geld versehen,' durch die kleine Pforte aus der Stadt hinaus und befahlen ihm, er solle so fern wan­dern wie er möchte und nicht mehr Heimkommen.

Diese Tat der Ratsleute blieb jedoch nicht verborgen, Schon am dritten Tag wuhte Stadt und. Lcmd'vom Leiden und der Auf­erstehung des armen Rotzbuben Eppe. Man geriet in einen Auf­ruhr der Seelen, forschte toeitum nach dem Wanderer, sand aber feine Spur mehr von ihm. Und die Mildherzigen glaubten und sagten hernach, der Himmel habe an dem Mordkind ein Wunder getan, ein Engel habe es über die Sterne weggeführt.

Rheinische Sonette.

Don H. G. RdSert Fischer*).

I.

Do schwer und bang wohl peitschte nie uns geile Meute Voll fremden Bluts. Wir haben es gelitten Lind sind mit heilgem Zorn durch unser Leid geschritten. Und keine Rot erschien, Rot, die sich uns'rer scheute.

Roch freut der Gallier nicht sich einer fetten Beute: So schwer und roh er auch darum gestritten.

Hetzt aber hilft ein Kain ihm aus unsrer Mitten.

Der spricht:Komm, Bruder, komm I Wir haltenRichttag heute!

Wir ahnten nie und nie, datz Schicksal feindlich trennt. Wir glaubten, datz es enger aneinander kettet Lind einen gleichen Zorn in alle Herzen bettet.

Weh', Kain, wenn das Zeichen deiner Stirn entbrennt Lind deine dunklen Triebe dich verklagen muffen!

Steh ab und komm zurück, Latz wir dich, Bruder, küssen!

II.

Willst, du die Stratze des Verrates gehen Lind treulos fürder deinem Bruder fein? Sprengst du den Ring, der uns umschloß, allein, Lim nicht mehr fest mit mir im Leid zu stehen?

Latz nicht die Farben von den Dächern wehen, Die freudig einst ich flocht in's Lied hinein. Das dürfen nicht des Rheinlands Farben sein, Die wir am Maste des Verräters sehen.

Halt' ein! Halt' ein! Zerbrich die Bande nicht, Die dich mit deinem Vaterland verbinden. Bedenke ernst: Im Anfang war die Pflicht!

Wenn wir an Rhein und Ruhr sie nicht mehr finden, Wer hofft dann noch aus Rettung und auf Licht?

Volk! Volk! Was gilt denn Spreu in Sturmeswinden?...

*) Dem neuesten, unter dem TitelDer Sieg des französischen Kapitalismus" erschienenen Heft desRheinischen Beob­achters" entnommen.

Das Bühnenbild im Laus der Jahrhunderte

Von Dr. Paul Landau.

Während man früher von den Taten des Regisseurs und des Bühnenmalers in der Oeffentlichkeit wenig wußte, i't in neuester Zeit neben dem Spielleiter der bildende Künstler immer mehr in den Vordergrund getreten; ja, man hat sogar ge­fordert, datz der Regisseur Maler sein müsse, weil er nur dann aus seiner bildnerischen Phantasie heraus die Inszenie­rung ganz einheitlich gestalten könne. So i]t das Bühnenbild mehr und mehr zur Grundnote der ganzen Aufführung ge­worden. die Rhythmus, Tempo und Wesensart^ des Spiels bestimmt. Der Expressionismus, der uns eine kühne Stilisie­rung und Reuformung des Bühnenbildes gab, hat diese Wen­dung hauptsächlich gefördert und eine gewaltige Zahl neuer Lösungen und genialer Phantasien geschaffen.

Die Beteiligung des Malers und Plastikers an derLheater- aufführung ist ja nichts so Reues, tote es vielfach erscheint. Die äußere Ausstattung des Szenenbildes ist stets durch den Geist und Stil der bildenden Kunst geschaffen worden, unb ihre Entwicklungen spiegeln sich in der Bühnendekoration wider. In den strengen Linien der griechischen Bühne zur Zei! des Sophokles entfaltet sich der Geist des Phidias und der heilige Ernst des Tempelstils. In der späteren Zeit des Hellenis­mus wurde dann die Dühnenmalerei ausgebildet und über­wucherte mit ihren üppigen Arabesken die strenge Einfalt der Säulenordnung; die Wände fingen an zu blühen und zu leben; allerlei mythologisches Volk und fabelhaftes Getier trieben ihre Scherze, und jene großartige Schmuckkunst, tote wir sie in Pompeji auf ihrer Höhe sehen, umwob mit ihrem Spätglanz das Theater des römischen Kaiserreiches. Richt weniger eng ist der Zu­sammenhang zwischen Kunst und Bühne im Mittelalt er. Auch hier wird das Szenenbild in engster Anlehnung an die Bildhauerkunst der Altäre und die Darstellungen der- Malerei geschaffen, und gewiß haben auch große Meister mitgehokfen, die Bühne der Mysterienspiele aufzubauen, an deren Gestaltung sich alle' Zünfte beteiligten. Die Mitarbeit berühmter Künstler an dem Werk der Bühne können wir aber erst eingehender m der Renaissance verfolgen. Was Leonardo Sa Vinci im Ersinnen von Theatermaschinerien, Kostümen und Bühnen­bildern leistete, macht ihn zu einem der genialsten Regisseure aller Zeiten, und die Maler der Barockbühne sind in seinen Dahnen toeitergeschritten. Raffael, der die Bühnenbilder zu Ariosts Komödien und den Festaufführungen am päpstlichen Hose schuf, benutzte die antiken Wanddekorationen für feine tftoecte. In der Renaissance ward auch die Form des modernen Theater­saals gefunden, die dann im Barock ihre reife Ausgesniikung