Samstag, 17. November
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1923 — Nr. 46
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Das Mordkind
von Robert Walter.
Speher. die altehrwürdige Bischvftsstadt am Rhein, lenkt wieder einmal wie vor mehr als zweihundert Jahren die Blicke der ganzen Welt auf sich. Damals, im Sommer 1689, verschonten die beutegierigen Horden des Mordbrenners Melac nicht einmal die Kaisergrüfke des Speyerer Doms. Heute hausen unter der 2legi.de des fvanzösischen Generals de Metz separatistische Banden kaum minder schl-imm in der Pfälzischen Hauptstadt. Der dem „Rheinischen Beobachter" entnommenen Erzählung liegt eine alte Stadtsage zugrunde, di« aus einer glücklicheren Zeit stammt, als Speyer eine der bedeutendsten Handelsstädte des Rheinlandes war und in der Politik des Heiligen Römischen Reiches deutscher Ration eine nicht unwesentliche Rolle spielte.
Als man das Jahr 1560 schrieb, ereignete sich in Speher in der Pfalz die seltsame Geschichte eines Kindes, die am Rhein auf Und nieder die Genrüter in Erregung versetzte und sich wie ein Mirakel anhört, wenngleich ihre Wahrheit von vielen Zeugen bekundet worden ist..
Es war am Dag des hl. Rketardus, als eben der Sommer in junger Blüte stand, helle Mittagsstunde. Aus dem Dom sangen die Glocken ins Rheintal hin. Da lief ein Knäblein, das dem Ratsmann Helderlin gehörte, vor der Stadt durch die gesprenkelten Wiesen nach dem Rhein hinab. Unten zwischen den Weiden tras es auf den Rotzbuben Eppe, eineä armen Schiffers Kind, der sich Ruten zu einem Kvrbgeflecht schlug und daneben auf die weidenden Pferde achtgab. Der hatte ein kleines Beil, Las scharf in der Sonn« blinkerte und dem Helderlin lustig ins Auge stach. Aach Knabenart begannen sie sofort ein wichtiges Gespräch über das Beil, stritten auch weitz und schwarz, links und rechts, handelten daraus von einem Richtbeil, das in der Folterkammer des Rathauses an» geschlossen läge und mit dem man vor Tag und Jahr Bösewichter vom Leben zum Lode gebracht hätte. Als der Rotzhüter sagte, sein Beilchen sei ebenso stark wie das Richtbeil, stritt Helderlin in aufgeregtem Zorn dagegen, und sein Gesicht schwoll ihm rot an. Er wolle gegen ihn um einen Mainzer Weihpfennig wetten, daß er ihm nicht mit einem einzigen Hieb den Kopf abfchlagen könne, Latz ihm nicht einmal die Haut am Hals schrindig würde.
Wie der arme Rotzbube, der die endlosen Tage einsam auf Len Weiden lag und nur Wasser und dürres Gerstenbrot bekam, von einem silbernen Weihpfennig hörte, den er mit einem Schlag gewinnen konnte, wurde ihm das Herz ganz selig. And weil sich des Ratsmanns Kind jäh vor ihm ins Ried geworfen hatte und chm im Trotz zurief, er solle doch einmal zuschlagen, La hatte er «ls Beil schon hoch über sich und hieb zu — schlug Len weihen Hals auf, Latz Las dunkle Blut herausquoll. Traf ihn auch im Entsetzen ein zweites Mal und warf vor Angst aufschreiend das Beil weit von sich, stand mit verzerrtem Gesicht und stieren Augen und vermochte kein Glied mehr zu rühren.
Dem kleinen Knaben im Ried gurgelte der letzte Atem durchs wlut. Die dünnen Arm«, die sich furchtbar emporgekrampft hatten, vrachen tot ins Gras. Der Rohhüter Eppe schlich fast regungslos keinen Blick von Len Zuckungen Les Sterbenden wendend, mxh hinter die Buschweiden airs Äser, hockte sich hin und fühlte vas viele Wasser an Len Augen vorbeiströmen. Er vergatz sich, in 1 entern Dasein, sank ganz willenlos in das rätselhafte Geschehen.
denn er hatte nie einen Sterbenden oder einen Toten gesehen. Bor ihm kam die Sonne am weihblauen Himmel herab und hinter ihm begann der Abend, ihn mit kühlem Flügel anzuwehen. Dann kletterte er Lurch Lie Weiden das Ufer hinauf. Die Pferde grasten still im goldgrünen Licht. And er ging ganz voll Frieden zu dem Enthaupteten, sah erstaunt, dah die Erde Las Blut aufgetrunken stnd wie es nur wenige Gräser schön rötlich und braun bemalt hatte lind eingetrocknet war. Aber plötzlich schlug ihm das Herz, als « Vas bfaugrüne Wams sah, Las da unnütz einen Toten kleidete. Es hatte eine gestickte Borte und kupferne Knöpfe, in doppelter Reihe blinkend. 3fym wurde warm inwendig, und er dachte an den silbernen Weihpfennig, den er mit einem Hieb gewonnen hatte und Len er nun wohl niemals bekommen würde. Dann befühlte er die Höschen aus feinem Leder und beschaute die Schuhe. And während er die bunten Schnallen auflöste, sah er die eigene zerlumpte Hose und sein schwarzes Sackhemd, fing mit fliegenden Händen an, den Aoten auszuziehen und schlüpfte hastig in das köstliche Gewand. Schnell ging er hin und her, lachte in die untergehende Sonne, und Las Kleid war wunderlich an seinem Leib, denn er mutzte in Fröhlichkeit laut singen, und sang ein frommes Lied — verstummt« erst, als der Schein über dem Wasser längst grau geworden war.
Mit heller Freude über das Wams war er heimgelaufen. Aber als er aus der Dämmerung in das Stalloch sprang, wo die Eltern hausten und ihm ein schlimmer Fluch en-gegendrohte, verkroch er sich schweigend ins mulmige Stroh. Am Morgen schüttelte ihn di« Faust des Vaters aus düsterm Schlaf, hielt ihm das kostbare KleiL vor Augen, und er solle sagen, woher er es gestohlen habe. Da erst erschreckte ihn Lie Wahrheit, unL er begann eine Geschichte von einem Kriegsmann auf mächtigem Rappen zu erzählen — und lächelte, noch zwischen Schlaf und Wachen, gläubig dazu. Das sei ein vornehmer Herr gewesen, der habe ein goldgewirktes Wappen an der Satteldecke getragen und Mitleid mit seiner armen Rackt» heit gehabt. Habe auch viele gütige Worte zu ihm gesprochen und vorm Wegreiten das Wämslein aus der Satteltafche geschnallt.
Der Vater war damit zufrieden und jagte ihn auf den Dienst! zu dem Herrn, dem er die Tiere austreiben mutzte. Als er aber Lurch die Gassen stelzte und sich von den Buben, die ihn nur im verrotteten Kleid tannten, begaffen lieh, sah ihn ein Bürger, der mit dem Ratsmann Helderlin und andern die lange Rächt ausgewesen war, den verlorenen Knaben zu suchen. Der griff ihn heftig an und fragte nach dem Kleid. Wessi aber der Bube kein« 2lL-twort sagen wollte und aus bösen Augen sah, schleppte er ihn in Las Ratsmanns Haus. Dort war nur Wehklagen und Entsetzen, und dem Knaben stiegen im fremden Leid Lie Tränen auf. Er schluchzte und stammelte, als er die Mutter schreien hörte, untz erzählte aus unschuldigem Herzen und wie im Traum, Latz er um einen WPtzpfennig dem Kind Len Hals aufgefchlagen' hätte und wie er den Leib vor der Rächt auf der Rotzkoppel int Ried habe liegen lassen. Die Frau stürzte starr hin, als stürbe sie, unD der Ratsmann mutzte an sich halten, datz er den Mörder nicht auf der Stelle erwürgte. Sie schleppten ihn zum Rathaus hinauf, wo man seine Schandtat zu Papier brachte und ihn in ein düsteres Loch sperrte.
Der gemeine Rat von Speyer besann sich eine lange Weile, Ms er aber kein rechtes Airteil finden mochte — denn der Mörder war noch ein unvernünftiges Kind —j wandte er sich um ein Gutachten an einige Räte des kaiserlichen Kammergerichts. Die wurde« sich eins darüber, Latz der Mörder seiner schlimmen Tat nichf fremd sein konnte. Latz er mit Bedacht und um des Raubes will«


