Ausgabe 
17.3.1923
 
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schon weit an Hüningen und an der Schusterinsel vorbei waren, und an Markt und an dem Jsteiner Klvh und St. Veit vorbei, Wurde einer nach dem andern stille und gähnten und schauten den langen Rhein hinunter, bis wieder einer anfing: Mansche, fing er an, weiht du nichts, daß uns die Zeit vergeht? Deine Väter müssen doch auch auf allerlei gedacht haben in der langen Wüste. Jetzt, dachte der Jude, ist es Zeit, das Schciflein zu scheren, und schlug vor, man solle sich in der Reihe herum allerlei kuriose Fragen vorlegen, und er wolle mit Erlaubnis auch mithalten. Wer sie nicht beantworten kann, soll dem Aufgeber ein Zwölf­kreuzerstück bezahlen, wer sie gut beantwortet, soll einen Zwölfer bekommen. Das war der ganzen Gesellschaft recht, und weil sie sich an der Dummheit oder an dem Witz des Juden zu belustigen hofften, fragte jeder in den Tag hinein, was ihm einfiel. So fragte z. B. der Erste: »Wieviel weichgesvttene Eier konnte der Riese Goliath nüchtern essen?" Alle sagten, das sei nicht zu erraten und bezahlten ihre Zwölfer. Aber der Jude sagte:Eins, denn wer ein Ei gegessen hat, iht Las zweite nimmer nüchtern." Der Zwölfer war gewonnen.

Der Andere dachte: Wart' Jude, ich will dich aus dem Reuen Testament fragen, so soll mir Lein Zwölfer nicht ent­gehen.Warum.hat der Apostel Paulus den zweiten Brief an die Korinther geschrieben?" Der Jude sagte:Er wird nicht bei ihnen gewesen fern, sonst hält' er's ihnen mündlich sagen können." Wieder ein Zwölfer.

Als der Dritte sah, Last der Jude in der Bibel fv gut be­schlagen sei, fing er's auf eine andere Art an:Wer zieht sein Geschäft in die Länge und wird doch zur rechten Zeit fertig?" Der Jude sagte:Der Seiler, wenn er fleißig ist."

Der Vierte:Wer bekommt noch Geld Lazu und "läßt sich dafür bezahlen, wenn er den Leuten etwas weiß macht?" Der (Jute sagte:Der Bleicher."

Unterdessen näherte man sich einem Dorfe, und einer sagte: das ist Damlach. Da fragte ter Fünfte:In welchem Monat esien die Damlacher am wenigsten?" Der Jude sagte:3m Hor­nung, denn ter hat nur 28 Tage."

Der Sechste sagte:Es sind zwei leibliche Brüder, und doch ist nur einer davon mein Veite r." Der Jude sagte:Der Vetter ist Eures Vaters Bruder. Euer V a t e r ist nicht Euer Detter."

Ein Fisch schnellte in die Höhe, so fragte ter Siebente: Welche Fische haben die Augen am nächsten beisammen?" Der Jude sagte:Die kleinsten."

Der Achte fragt:Wie kann einer zur Sommerszeit im Schatten von Bern nach Basel reiten, wenn auch die Sonne noch so heiß scheint?" Der Jute sagt:Wo kein Schatten ist, muß er absteigen und zu Fuß gehen."

Fragt ter Rennte:Wenn einer im Winter von Basel nach Bern reitet und hat die Handschuhe vergessen, wie muß er's an- greisen, daß es ihn nicht in die Hand friert?" Der Jute sagt:Er mutz aus ter Hand eine Faust machen."

Fragt ter Zehnte:Warum schlüpft ter Küfer in die Fässer?" Der Jute sagt:Wenn die Fässer Türen hätten, könnte er aufrecht hineingehen."

Run war noch ter Erlfte übrig. Dieser fragte:Wie können fünf Personen fünf Sier teilen, also daß jeder eins bekomme und doch eins in der Schüssel bleibe?" Der Jute sagte:Der Letzte muh die Schüssel samt dem Ei nehmen, dann kann er es darin liegen lassen, so lange er will."

Jetzt war die Reihe an ihm selber, und nun dachte er erst einen guten Fang zu machen. Mit viel Komplimenten und spitzbübischer FreunÄichkeit fragte er:Wie kann man zwei Forellen in drei Pfannen backen, also daß in jeder Pfanne eine Forelle liege?" Das brachte äbermal keiner heraus, und einer nach dem andern gab dem Hebräer seinen Zwölfer.

Der Hausfreund hätte das Herz, allen seinen Lesern, von Mai­land bis "nach Kopenhagen, die nämliche Frage aufzugeben, und wollte ein hübsches Stück Geld daran verdienen, mehr als am Ka­lender, der ihm nicht viel einträgt. Denn als die Elfe verlangten, ec sollte ihnen für ihr Geld das Rätsel auflösen, wandte er sich lange bedenklich hin und her, zuckte die Achsel, drehte die Augen.Ich bin ein armer Jud," sagte er endlich. Die andern sagten:Was sollen diese Präambeln? Heraus mit dem Rätsel!"Richts für ungut!" war die Antwortdaß ich gar ein armer Jud bin." Endlich nach vielem Zureden, daß er die Auflösung nur her­aussagen sollte, sie wollten ihm nichts daran Übel nehmen, griff er in die Tasche, nahm einen von seinen gewonnenen Zwölfern heraus, legte ihn auf das Tischlein, so im Schiffe war, und sagte: Daß ich's auch nicht weiß. Hier ist mein Zwölfer!"

Als das die andern hörten, machten sie zwar große Augen und meinten, so sei's nicht gewettet. Weil sie ater doch das Lachen selber nicht verbeißen konnten und waren reiche und gute Leute, und ter hebräische Reisegefährte hatte ihnen von Kleinen-Kems bis nach Schalampi die Zeit verkürzt, so ließen sie es gelten, und ter Jute hat aus dem Schiff getragen das soll mir ein fleißiger Schüler im Kopf ausrechnen: Wieviel Gulden und Kreuzer hat ter Jute aus dem Schiff getragen? Einen Zwölfer und einen

messingenen Knopf hatte er schon. Gils Zwölfer hat er mit Erraten gewonnen, eilf mit seit eigenen Rätsel, einen hat er zurückbezahlt, und dem Schiffer achtzehn Kreuzer Trinkgeld entrichtet.

GssLhs LLNÄ feirt DisKsr Paul.

(Aus neuen Briefen.)

Goethe hat eine ganze Reihe tüchtiger und begabter Diener gehabt, zu denen er in ein herzlicheres Verhältnis trat, als es sonst zwischen Herren und Bediensteten der Fall ist. Reten Seidel, dem Vertrauten seiner ersten Weimarer Jahre, und neben dem origi­nellen Statelmann, testen redseliges Tagebuch fv bunte Bilder aus Goethes .Umgebung zeichnet, tritt nun durch neuere Veröffent­lichungen Johann Georg Paul G o e tz e, GoethesPaul". 3n dem soeben erscheinenden zweiten Band des Jahrbuches ter Sammlung Kchpentergs, ter im Insel-Verlag zu Leipzig veröffentlicht wird und wieder eine Fülle ungedruckten und bisher unteachteten Ma­terials aus dem Goethekreise bietet, werten von Sonrad Höfer einige bis her ungedruckte Briefe Goethes an Goehe herausgegeten, und wir erhalten zugleich einen lebendigen Ein­blick in das Verhältnis Les Dichters zu diesem Getreuen. Etwa ums Jahr 1 777 hatte Goethe den helläugigen, aufgeweckten Bur­schen alskleinen Diener" zur Unterstützung seines Faktotums Philipp Seite! angenommen und lernte bald den praktischen Ver­stands die Arbeitslust und Zuverlässigkeit des neuen Hausgenossen schätzen, dessen große Lücken ter Schulbildung er sich auszufüllen bemühte und den er später auch als Sekretär Bei ter Niederschrift seiner Werte verwendete. Goetze wurde dann sein Reisemarschall, ter ihn z. B. auf ter unerquicklichen Fahrt nach Venedig H90 Begleitete und darüber genaue Aufzeichnungen machte. Während ter Kampagne in Frankreich betreute er seinen Herum mit auf­opfernder Sorgfalt, wofür ter Dichter ihm noch nach einem Men­schenalter, als er die Erinnerungen an jene schlimmen Monate nk^erschrieK, dankbare Anerkennung zollte. Er rühmt das Ge­schick, mit dem sein Diener den Rüfewagen mit seinem kostbaren Inhalt an Wertsachen und Handschriften durch die Gefahren des traurigen Rückzuges hindurch bugsiert, und betont, wie sehr ihm bewußt gewesen sei, daß nur die Tätigkeit des wackeren Mannes ihm die Dinge erhielt. Mit beglücktem OluSzuf begrüßt er ihn nach längerer Trennung:Paul, Teufelsjunge, bist b t's?", und auch die sorgende Mutier Aja dankt demgetreuen Schildknappen", Daß er den Häischelhans io gut behütet. Die Erinnerungen seines Dieners hat Goethe noch 30 Jahre später benutzt, indem er den alten Reisegefährten bat, ihm die Kahnfart auf Mosel und Rhein für seine schriftstellerischen Arbeiten aufzuschreiben, und er hat Goetzes Rieterschrift bei feine:; schönen Schilderung benutzt. 1794 verschaffte Goethe dem Diener eine Stellung als Wegebaninipektor in Jena, blieb aber noch weiter mit ihm in Beziehung, und da­von erzählen die neuen Briefe.

Goehe blieb eine Art Faktotum; er besorgte Köhbabipslanzen für Christiane, inalte das Puppentheater für teifflKeinen August zu Weihnachten aus und vermittelte dem Dichter vortreffliche Knackwürste,sie mögen nur ein bißchen zu stark gesalzen sein". In einem ter neuen Briefe gibt ihm Goethe den Auftrag, für Karl August, ter mit einer Gesellschaft in Jena abends eintreffen wollte, im besten Wirtshaus Zimmer zu bestellen und für ein gutes Abend­esten zu besorgen. Ein anderes Schreiben beschäftigt sich mit ter Regulierung ter Saale und dem Llferschih, den Goetze zu beauf­sichtigen hatte.Du hast wohl getan," schreibt Goethe am 25. De­zember 1798,mich von dem Zustand der Saale Bei gegenwärtigem Frost zu unterrichten. Ich wünschte nun aber, daß Du mir auch einige Vorschläge mitteiltest, wie allenfalls einem zu besorgenden Liebel zu begegnen tonte; obwohl gegen eine so große Raturwir­kung wenig zu tun ist und testet so vrÄ vom Zufall abhängt. Dor allen Dingen müßte man den Eisrechen usti> ten Damm besichtigen, ob sie in solchem Staute sind, Laß ein kommendes Els sie tretet umwerfen noch umgehen kann; ferner müßte dem Brückenntüller aufgegeBen werten, Laß er in einem Falle, wo der Eisgang zu besorgen ist, die Mühle gleich zusetze, wodurch der Zug nach ter Stadt auf einmal gehemmt ist; mehr oder weniger läßt sich ein solcher Ausgang zeitig genug voraussehen. Außer Bieter Vorsorge will mir gegenwärtig nichts einfallen; allenfalls könnte man Ne Leute in ter Saale-Vorstadt auf die Gefahr aufmerksam machen, daß sie ihr Vieh beileite brächten und sich e-nrichteten, aus ten unteren Zimmern in die oberen zu flüchten." Einige Briefe auS dem Jahre 1805 beschäftigen sich mit ter Ausbeutung eines Ala­bastersteinbruches, ter am Südfuß Les Hausberges im Ziegen­hainer Tal entdeckt Worten war.Es ist mir sehr angenehm," schreibt Goethe,daß der Bersuch auf Alabaster glücklich abgelau­fen ist. Fahre mit ter Arbeit fort, bis die 50 Taler zu Ende gehen. Berichte alsdann die Gage ter Sache. Wenn man genugsam gebrochen hat, so dächte ich. verschläge man das äußere Stollen noch, daß nicht jedermann dazu kamt, und ließe den Bruch eine Weile ruhen."Das große Stück Alabaster, von welchem Du mit schriebst, lende sogleich mit anderen, die ihm zunächst an Größe und Güte gleichkvmmen, auf einem von Deinen Karren herüber," heißt eS am nächsten Tage, tem 17. Rotember 1805.

Schriftleitung: August Goetz. Druck und Berlag der Drühlfchen Univ.-Buch- und Steindrucksrei, R. Lange. Gießen.