®o erweisen die Jugendherbergen grobe, unschätzbare Dienste. Früher kroch man oft zum Bauern ins Heu, — da kam man noch in der Schmier unter, obwohl mancher Gastgeber nicht gerade entzückt war, wenn dann einer seine Gabel oder sein Taschenmesser suchte. Heute aber wird viel mehr gewandert: gastfreundlichen Leuten würden Heu und Stroh heillos ruiniert, wenn soundso oft durchziehende Wanderer sie als Lager benutzen wollten. So kam man begreiflicher Weise auf den Gedanken, dieser Jugend einfach besondere Herbergen zu schaffen; daß man ihr das Wandern heute nicht erschweren, sondern mit allen Mitteln erleichtern muß, das ist sonnenklar. Jugend, wenn sie gesund bleiben soll an Leib und Seele, muh oft heraus aus der iDedrückring der Städte, muh oft und immer wieder trinken können aus dem unerschöpflichen Quickborn der Slatin-, Der Stadtmensch von heute, zumal im Trubel von Aktien, Dollar und Goldmark, hat es leider, leider so vielfach verlernt, auf tiefere, seelische Töne zu hören; alles wird überschrien, und daher dann diese schreckliche 'Haltlosigkeit des modernen Menschen, — diese Hast und Unrast, — dieser Fluch auf feinem Leben. Jugend aber will wieder hören auf das, was der Wald ihr zu sagen hat, — Jugend will wieder hören auf die Stimme in der eigenen Brust, — Jugend sucht, in einem neuen Verbundensein mit der Statur, wieder den Weg zu Gott---.
Denke nicht nur an das Heute, denke auch an das Morgen, lieber Leser. Erst recht an das Morgen deines Volkes! Du weiht selbst gut genug, was bei solchem Gesichtswinkel die Frageun- serer Jugend bedeutet. Sie soll und muh uns gesund bleiben, an Leib und Seele, muh wandern können, muh darum auch Herbergen haben, die ihr das sonst heute recht kostspielige Sßan= dem erleichtern, ja eigentlich erst ermöglichen. „Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft", sagt man so oft; dazu aber gehört, dah wir eine gesunde, starke Jugend haben, — eine Verheißung für das Morgen. Damm — neben anderem — muh diese Jugend wandern, — dämm braucht sie auch Jugendherbergen; und du, lieber Leser, wirst dem hoffentlich dein Verständnis nicht ver- schließen. -----
Naturkatastrophen und Weistesrevolutionen.
Von Dr. Friedrich Spreen.
Die gewaltigen Slaturkatastrophen, wie wir deren soeben eins besonders furchtbare in Japan erlebt haben, haben den Geist der Menschen stets auf das tiefste beeinflußt und in primitiven Zeiten jene mythologischen Vorstellungen entstehen lassen, die in den Welt- untergangs-Sagen ihren Ausdruck fanden. Alle die Bilder, die da von Sintfluten, Weltbränden, vom jüngsten Gericht usw. entworfen werden, sind in der Ausmalung der Einzelheiten von den Eindrücken beeinflußt, die man bei Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Sturmfluten usw. mit Entsetzen erfahren hatte. 2lls die Menschheit im Denken weiter fvrtschritt, wirkten solche Katastrophen nicht weniger heftig auf die Gemüter ein, aber man suchte sich nun mit diesen ungeheuren Naturerscheinungen philosophisch abzufinden und ihnen mit der Kraft eines erkennenden Geistes zu begegnen. Derartige Versuche, diese großen „Unglücksfälle der Natur" in das Weltbild einzuordnen, finden wir schon im Mittel- alter, entschiedener in der Renaissance, so bei Giordano Bruno, am bedeutsamsten in dem „philosophischen" 18. Jahrhundert. So sind durch die „Nevolutionen" der Erde Revolutionen des Geistes entfesselt worden, indem kühne Denker sich im Anblick dieser blind wütenden Naturgewalten von Vorurteilen frei machten und zu einer höheren Betrachtung der Dinge aufschwangen. Ein Beispiel für diesen Zusammenhang sind die philosophischen Streitigkeiten, die durch das Erdbeben von Lissabon, das im November 1755 Zweidrittel der Stadt und 30 000 Menschen vernichtete, hervor- gemfen wurden.
Unsere Zeit, die weniger eifrig den Rätselfragen der Menschheit zugewendet ist, kann sich schwer vorstellen, welch eine ungeheure Erschüttemng der Gemüter dies Erdbeben hervorrief. Während ähnliche Katastrophen der neuesten Zeit, etwa der Ausbruch des Mont Pele, der Untergang San Franciscos oder Messinas kaum irgendwelche Spuren in den Denksystemen hervorgerufen haben sahen sich durch dieses Erdbeben die reifsten Denker jener Epoche veranlaßt, ihre Lebensanschauung erneut zu prüfen und neue kühne Ideen zu fassen. Diese Katastrophe, die so jäh einen blühenden Landstrich in einer Wüst« verwandelte, war ja wie ein Hohn auf die Philosophie, die damals die Gemüter beherrschte: gegen den Optimismus von Leibniz. War das nun jene bestmögliche dieser Welten, die unsere Erde nach der Anschauung des deutschen Denkers darstellen sollte? Gin allgemeines wildes „Nein" schallte dem entgegen, und die ersten starken Zweifel an der Mvdephilosophie flrngen auf Die Aufregung, die das Erdbeben von Lissabon bis rn die Kreise des Volkes und der Kinder hervorrief, ist uns am besten von G o e t h e im Anfang von „Dichtung und Wahrheit" ge- schildert worden. Er spricht von dem „ungehmiren Schrecken", der Il$.„ E tn trieben und Ruhe schon eingewohnte Welt verbreitete . Die Schilderung des Erdbebens ist in dem kindlichen
Sollten m dem sie oem Knaben Goethe sich darbieten mochte und wie ,ie ihm Bettina von Arnim vorerzählt hatte. „Der
Schriftleitung.- Dr. Friedr. Wilh. Lange. - Druck und Verlag d
kleine Wolfgang hatte keine Ruhe mehr!" schreibt Bettina nach den Erzählungen von Goethes Mutter in ihrem „Briefwechsel mit einem Kinde". „Das brausende Meer, das in einem Nu alle Schiffe niederschluckte und dann hinaufstieg am Ufer, um den ungeheuren königlichen Palast zu verschlingen, die hohen Türme, die zuvörderst unter dem Schutt der kleineren Häuser begraben werden, die Flammen, die Überall aus den Ruinen heraus, endlich zusammenschlagen und ein großes Feuermeer verbreiten, während eine Schar von Teufeln aus der Erde hervorsteigt, um allen bösen Unfug an den Unglücklichen auszuüben — machten ihm einen ungeheuren Eindruck." Bettina erzählt auch, wie die Ällgemeinheit sich mit diesem Schrecknis abzufinden suchte: „In den Kirchen hielt man Büßpredigten, der Papst schrieb ein allgemeines Fasten aus. Die Bibel wurde aufgeschlagen. Gründe für und wider behauptet: das alles beschäftigte den Wolfgang tiefer, als einer ahnen konnte." 2kuch Goethe selbst spricht in „Dichtung und Wahrheit" von den geistigen Umwälzungen, die sich daran schlossen: „Die Gottesfürchtigen ließen es nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen."
Goethe hat sein ganzes Leben hindurch diese Kindheitserinnerung nicht vergessen und kommt immer wieder auf das Erdbeben und seine Folgen für die geistige Entwicklung zurück. Noch 1830 vergleicht "er die Julirevolution mit jener von 1755, als er an W. v. Humboldt schreibt: „Wie das Erdbeben von Lissabon fast im Augenblick feine Wirkungen auf die entferntesten Seen und Quellen spüren ließ, so sind auch wir von jener westlichen Explosion, wie vor 40 Jahren, unmittelbar erschüttert worden." Allgemein deutete man damals das Erdbeben als einen Vorläufer des 7jährigen Krieges, so Friedrich der Große selbst im 2. Kapitel feiner „Geschichte des 7jährigen Krieges", so Voltaire in seinem „Jahrhundert Ludwigs XIV.“ Voltaire, der bis dahin ein Anhänger des Leibnizschen Optimismus gewesen war, wurde durch die Zerstörung Lissabons in diesem Glauben erschüttert und schrieb fein Lehrgedicht „Das Unglück von Lissabon", in dem er behauptete, daß sich die SBeifen geirrt hätten; es fei nicht alles gut auf dieser Erde, und man müsse fragen, wie ein gütiger Gott solches Unheil zulassen könne. Darauf antwortete Rousseau, da das Gedicht Voltaires das größte Sluffeßen erregte, in einem eine vollständige Abhandlung bildenden Brief an Voltaire, in dem er die Verteidigung der beiden Philosophen des Optimismus, Leibniz und Pope, übernahm. Gr betonte, baß die Leiden des einzelnen zu der Zweckmäßigkeit des Ganzen gehörten; nicht Gott sei an dem Untergang Lissabons schuld, sondern die Menschen, die in ihrem Vorwitz große Häuser erbaut hätten, anstatt in Erd- löchern und Hütten zu wohnen, tote es die Statur befehle. Auch den Unglücklichen bleibe noch die Hoffnung, daß alles wieder gut werde. Heber solche Antwort machte sich Voltaire nur lustig und schrieb nun seinerseits die heftigste Satire gegen den Optimismus, seinen berühmten Roman „Eandide", in dem die Erinnerung an die Lissaboner Katastrophe immer wieder deutlich anklingt. Infolge dieser Streitfrage kam es zwischen Voltaire und Rousseau zum endgültigen Bruch, der besonders für den „Bürger von Genf" von entscheidender Bedeutung wurde.
Aber nicht nur die beiden großen französischen Denker wurden in ihrer Entwicklung entscheidend durch das Erdbeben beeinflußt, sondern auch Deutschlands größter Philosoph, Kant, nahm dazu das Wort. Gr äußerte sich« zunächst in zwei Januarnummern der „Königsbergischen Slachr-ichten" über das Ereignis, das alle Welt beschäftigte, und gab kurz darauf eine eigene Schrift heraus: „Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens, welches am Ende des 1755. Jahres einen großen Teil &er Erde erschüttert hat". Kant beschäftigte sich in seinen Aus- fäßen und in seinem Buche streng naturwissenschaftlich mit der Entstehung der Erdbeben und vertrat die durch die spätere Forschung bestätigte Anschauung, daß die große Verbreitung des Lissaboner Unglückes durch Fortpflanzung der Grderschütterungen im Meere verursacht worden sei. In einer Schlußbetrachtung spricht er sich aber auch vom philosophischen Standpunkt Über die Naturkatastrophen aus und tritt dem „sträflichen Vorwitz" derer entgegen, die solche Schicksale als „verhängte Strafgerichte" an- sahen und sich anmaßten, „die Absichten der göttlichen Ratschlüsse einzusehen und nach ihren Einsichten auszulegen". Die Menschen sollten durch solche Unglücksfälle zur Betätigung der Menschenliebe angeregt werden und dadurch sich, abhalten lassen, durch eigene Schuld Drangsale Über die Menschheit zu bringen, wie eS durch Kriege der Fall sei. Gr schließt damit, daß „der Mensch nicht geboren ist, um auf dieser Schaubühne der Eitelkeit ewige Hütten zu bauen".
Außer diesen bedeutendsten Aeußerungen zu dem Ereignis sind noch unzählige andere Schriften erschienen, die alle die tiefe Erschütterung der Geister und ihr Ringen um einen festen Stand- punkt offenbaren. Eine ausführliche Geschichte des ganzen Unglücks, das vom 1. November 1755 bis zum 20. Februar 1756 in immer neuen Erdstößen fortbauerte, gab Kühelin in einem fünfbändigen Werk. Eine abschließende klassische Darstellung des Erdbebens von Lissabon hat Alexander v. Humboldt im ersten Band seines „Kosmos" geboten, in dem er die Erdbeben von seinem universalen Standpunkt aus in die Kette des allgemeinen NaturgefchehenS einreihte.
Brühl'schen Univ.-Buch- und Steinbruckerei. R. Lange, Gießen.


