Ausgabe 
15.9.1923
 
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Zugleich fing sie an zu beten, und kaum hatte fle die ersten Worte gesprochen, so sah sie, wie Las Gespenst sich tote in einen Nebel auflöste und im Mondschein dahinschwand. Es blieb nur noch ein lichtes Schattenbild, und ehe die Bäuerin Amen sagte, war auch dieses entschwunden.

Don der Zeit an lieh sich das Gespenst am Ruhesternhügel nicht mehr sehen, und nachdem diese Plage zu Ende war, blühte h-as Glück in Marbacka neu auf. Es wurde ein ebenso guter Hof mit so stattlichen Gebäuden wie irgendeiner im Bezirk, und die Gigen- tümer lebten in Wohlstand und brauchten um ihr Fortkommen kerne Sorge zu haben.

Die alte Herrin hatte gesagt, was am besten zeige, welch ein bedeutender Hof Marbacka geworden, sei die Tatsache, dah im An­fänge des siebzehnten Jahrhunderts ein junger Bursche von dort auf die Hochschule geschickt worden sei. Er hatte es bis zum Pfarrer gebracht, nannte sich nach dem Hofe seiner Däter Morell und wurde später zum Diakonus von Ämtervik gewählt. Er lieh sich auf seinem Erbgut Marbacka nieder und ist der erste Geistliche gewesen, der im Kirchspiel wohnte. Alle seine Vorgänger hatten ihren Sitz in Sünne gehabt und waren nur an den Predigtsonntagen nach Marbacka herausgekommen.

Die Dauern in Ämtervik waren es sehr zufrieden, nun ihren eigenen Pfarrer zu haben, und vor allem gefiel es ihnen, dah er feinen eigenen Hof hatte, auf dem er wohnte, und sie ihm somit kein Pfarrhaus zu bauen brauchten. Freilich tag der Hof Mar- backa weit entfernt von der Kirche, aber dieser Mihstand wurde reichlich ausgewogen, denn durch feinen Besitz war der Pfarrer ein wohlhabender, unabhängiger Mann.

Das Pfarrersgehalt war nur klein, und der größte Teil da­von fiel an den Propst in Summe, und der Diakonus wäre ein richtiger Hungerleider gewesen, wenn er Marbacka nicht besessen hätte.

Um nun Liefen Zustand, der für Gemeinde und Pfarrer der dvrteilhafteste war, auch in Zukunft zu erhalten, verheiratete der erste Hilfsprediger in Marbacka eine feiner Töchter mit einem Pfarrer namens Lyselius und richtete es so ein, Latz er Hof und Amt zugleich als Erbe empfing.

Ebenso machte es Lyselius. Er gab eine seiner Töchter dem Pastor Erik Wennervik zur Ehefrau, und auch dieser bekam Hof und Amt als rechtmäßiges Erbe.

ilnd die alte Herrin hatte gesagt, alle seien darüber einig ge­wesen, dah diese Angelegenheit aufs beste geordnet sei und dah sie so weiter bestehen müsse. Sie meinte, auch die Pfarrtöchter seien stets zufrieden und glücklich dadurch geworden.

Pastor Wennervik.

Die alte Herrin hatte der Haushälterin auch erzählt, eigentlich hätten die drei Pfarrer Morell, Lyselius und Wennervik den Hof Marbacka gebaut.

In noch früherer Zeit, sagte sie, sei Marbacka nur ein rich­tiger Bauernhof gewesen, und obwohl es ein großes und reiches Gut war, habe es doch dort ausgesehen wie auf allen andern Bauernhöfen. Wenn man Platz hatte für zehn Kühe und einen Stall für zwei Pferde, so war das alles, was man erwarten konnte. Das Wohnhaus umfaßte nur eine große Stube, in der alle Haus­bewohner lebten und Tag und Dacht aus- und eingingen, sowie eine kleine düstere Küche, diekave" genannt wurde. Es befanden sich wohl noch andere Gebäude auf dem Hofe: Vorratshaus und Dade­stube, Schreinerei und Schmiede, Scheunen und Tennen und meh­rere Schüppen; aber sie waren alle klein und konnten wohl auch nicht anders sein, da der Hof damals auch so viel kleiner war. Dur die allernächste Umgebung war urbar gemacht.

Die alte Herrin pflegte zu Jagen, es sei gar nicht leicht, sich klar zu machen, wie es die drei Pfarrer angefangen hätten, Ställe für zehn Pferde und dreißig Kühe zu bauen, außer all den geräu­migen Scheunen und Vorratshäusern und Schuppen, deren sie zu bedürfen vermeinten. Das Brauhaus und die Drauhauskammer, die als Geschäftszimmer verwendet wurde, stammten auch aus jener Zeit-, desgleichen auch die Milchkammer, die Webstube und die Der- walterwohnung.

Zu allerletzt erst etwa um siebzehnhundertneunzig hatte Pastor Wennervik, der Vater der alten Herrin, ein neues Wohn­haus gebaut. Dieses war in bescheidenerem Maße gehalten als alle die andern Gebäude. Er hatte sich mit einem einstöckigen Hause begnügt, mit Küche und vier Zimmern im Erdgeschoß und zwei Giebelzimmern. Aber sowohl Küche wie Wohnräume waren hell und geräumig und so schön in den Ausmaßen, daß einen das Behagen mit offenen Armen empfing, sobald man nur den Flur betrat.

Pastor Wennervik hatte auch den großen Küchengarten an­gelegt, mit Gewürzkräuterbeeten und Obstbäumen nördlich vom Wohnhaus, und mit dem kleinen Dosengärtchen an der westlichen Giebelseite Er soll der Sohn eines Gärtners und im Gartenbau sehr bewandert gewesen sein. Diele kleine Dosenbüsche und ver­edelte Apfelbäume, die ntxßi jetzt in den Bauernhöfen von Ämter­vik stehen, habe er pflanzen helfen.

Er war Hauslehrer auf einem großen Herrenhof gewesen, und die alte Herrin hatte gesagt, er habe dort seine Dorliebe für Zäune und Gattertüren gefaßt. Ein schmuckes weißes Staket mir schönen Türen war rund um den Küchen garten gezogen, unb ein andr es um das Rvsenbeet. Wenn man den Weg zur Allee hinunterfahren

wollte, mußte man zuvor ein stattliches Gatter öffnen. Der ganze Hintere Hof, über den man dann mußte, war von Wirtschafts­gebäuden und Lattenzaun umgeben, mit Gattertüren an den ver­schiedensten Stellen, und ebenso war es auch auf dem Darderhöfe.

Die Kinder horten gern von Pastor Wennervik erzählen. Sie hatten in einem Wandschrank auf der Dumpelkammer lateinische und griechische Bücher gefunden, die seinen Damenszug trugen, und sogar Gedichte von Bellmann und Leopold, die er mit eigener Hand abgeschrieben hatte. Auch das Klavier und die Gitarre waren zu seiner Zeit auf den Hof gekommen, und so hatten sich die Kinder ein ganz besonders schönes Bild von Pastor Wennervik gemacht. Dicht nur die alte Haushälterin hatte von ihm gesprochen, nein, auch ihr Vater und ihres Vaters Schwestern. Er war ein vornehmer, liebenswürdiger Herr gewesen, der gern gut gekleidet ging. Er liebte nicht nur Blumen und Obst, auch Bogel mußte er gern gehabt haben. Denn von ihm stammte der achteckige Taubenschlag, der auf dem Rasenplatz vor dem Küchenfenster stand. Jawohl, das war leicht zu merken, er hatte alles gut einrichten und ordnen und Mar­backa schön machen wollen. Die Pfarrer, die vor feiner Zeit hier ansässig geweseti waren, hatten meist wie die Dauern gelebt; er aber hatte mit der großen Einfachheit gebrochen und herrfchaft- liche Sitten eingeführt, die das Leben leichter und angenehmer machten.

Marbacka befaß noch ein altes großes Oelbild aus feiner Zeit. Es stellt feine Jugendliebe bar, ein reiches, vornehmes Fräulein aus Dästergötland. Er war der Hauslehrer ihres Bruders ge­wesen, und da er schöner und einnehmender war als irgendein an­derer Mann, deii das Fräulein bis dahin fermen gelernt hatte, so hatte sie sich in ihn verliebt, und er liebte sie natürlich wieder. Sie pflegten sich heimlich im Schloßpark zu treffen, um von ihrer Liebe zu reden und sich ewige Treue zu geloben. Aber eines schönen Tages wurden sie entdeckt, und der junge Hauslehrer bekam seinen Abschied.

Alles, was ihm von seinen ersten Jugendträumen blieb, war das Bild der Geliebten, und das war im Grunde recht wenig. Das junge Fräulein hatte es auch mit dem Maler nicht gut getroffen. Sie faß auf dem Bild mit einem überaus faßen und ausdruckslosen Gesicht unter dem gepuderten Haar; man hätte dieses Gesicht eben- fcguf für eine schöne Maske halten können, wie für ein menschliches Antlitz.

Aber ein edles Gepräge trugen dennoch Haupt und Antlitz, und für den, der selbst gesehen hatte, wie diese Augen strahlten und diese Lippen lachen konnten, war das Bild trotz allem schön. Und Pastor Wennervik wurde vielleicht wie einst das Herz toarm, wenn er den Blick auf das Bild richtete.

Vielleicht strömte auch von diesem Bilde die Kraft aus, die bewirkte, daß der unbedeutende Landpfarrer sein Heim mit Blumen und Vögeln umgab und sein Leben mit Musik und alten Liedern zu verschönen strebte. --------

Bom Wandern.

Von Jugendpfarrer Kornmann-Offenbach.

Irgendwo im Wald lagert eine Bubenschar mit ihrem Führer; der Stadtluft entronnen, gibt sie sich ganz dem Augenblicke hin: der unendlichen Ruhe, die über diesen Wald gebreitet ist. Ein paar Singvogel im Gezweig, hin und wieder ein ferner Hahnen­schrei vertiefen eigentlich nur noch den Frieden dieser Stätte. Da mahnt das Abendläuten aus einem Dorf zum Aufbruch, und noch vor hereinsinkender Dacht erreichen teil' den Otzberg mit seiner gastlichen Jugendherberge. Die Buben, doch ermüdet von dem vielen Beerensuchen tagsüber, stürmen ihr Lager, essen noch etwas von Mutters Vorräten und liegen, durch kaltes Waschen noch einmal frisch geworden, bald in tiefem Schlaf, während um den trotzigen Berg der Sturm heult, schaurig-schön.

Die Dacht ist hereingebrochen mit ihrer Kühle, auf dieser Hohe zumal. Der Führer und zwei der Buben, die noch nicht schlafen können, sondern noch sehen wollen, gehen noch ein kleines Stücklem Weges. Drunten im Dorf schlägt ein Hund an, andere ant­worten; ein Gockelhahn meldet sich schon, verstummt aber bald wieder. In dunkler Masse lehnt sich das Dörfchen an den Berg. Sterne blinken auf an dem in unendlicher Tiefe herniederblauen­den Himmel; Sternschnuppen schießen dahin, prachtvoll glitzert die Milchstraße. Melodisch schlägt eine Uhr. Tiefe Sttlle. Frie­den. Irgendwo stampft noch ein Zug durch die Dacht, und- nun bricht auch ein Auto den Frieden. Diesen Frieden bricht der Mensch, der doch so klein ist gegenüber den Welten, dre da über ihm kreisen! Oder ist er groß?! Wir denken an Kreiensen, und an Japan, und werden still; unserer Begrenzungen als Men­schen bewußt, oder sie tvenigstenS klarer ahnend als vorher, treten wir den Heimweg an; bald ruhen auch wir auf dem Lager, das die Jugendherberge uns bietet, und lassen die mannigfachen Ein­drücke des Tages langsam, in uns ausklingen, bis der Schlaf denn auch bei uns zu seinem Dechte kommt.

Am anderen Morgen wecken uns viele, viele Schivalben, die auf dem Dachfirst ihre MorgeiNväsche halten; das ist ein Ab- und Zufliegen, ein Zwitschern, ein Flügel- und Kops- unb Körperchen- puhen! Und dazu nun der Blick auf die Hohen des Odenwaldes, in die Täler ringsum, Blicke von unendlicher Lieblichkeit. Wahr­lick: Diese Jugendherberge liegt am rechten Fleck, solcher müßte es mehr geben! Schade, daß man so bald wieder Wetter muß, aber Schule und Berus wollen doch auch nicht vernachlässigt fein!