Ausgabe 
14.7.1923
 
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unter dem Weheklagen und Händertngen der schuldlosen Sin» wohnerschast der gräßliche Justizmord vollzogen. Das blühende Gors loderte nach allen Richtungen hin in Flammen aus. Rings um das brennende Dorf hatten sich die Truppen aufgestelli, jen- Ei derselben standen die verzweifelnden Landleute und hatten

schaurige Schauspiel vor Augen, wie Haus und Hof in einen Schutthaufen, und ihre ganze Habe, die Früchte ihres Fleißes und ihrer Sparsamkeit, von dem verheerenden Element in Staub und Asche verwandelt wurde; auch war den unglücklichen Opfern einer grausamen Willkür nun der handgreifliche Beweis geliefert, was es für eine Bewandnis mit denn Worte habeFriede den Hütten", ein Wort, das damals in allen großsprecherischen Pro- ttamationen in grobem Drucke prangte.

In einem benachbarten Edelhvfe hatte der General sein Quar­tier aufgeschlagen, unter dessen Oberbefehl diese Truppe stand. Eine Deputation der unglücklichen Schwabenheimer hatte sich ei­ligst hierher begeben, um in Begleitung des hiesigen fürstlichen Geheimrats und eines zweiten Beamten den General aufzusuchen, und ihn um Erbarmung anzuflehen. Schon länger als eine Stunde hatte das Feuer gewütet, die armen Menschen hofften nun die Erlaubnis zu erhalten, dem Feuer durch Löschen Einhalt zu tun, und das, was noch von Gebäuden und Habseligkeiten übrig war, retten zu können. Kurz zuvor hatte der Herr General durch eine reitende Ordonnanz die Meldung des Borsalles, und der von den Offiziere:: vorgenommenen Züchtigungrebellischer Dauern" er­halten. Die Deputation wurde vorgelassen und angehört. Gleich einem Tilly in Magdeburg erwiderte er auf die demütig vorge- brachten flehentlichen Bittei: mit finsterer Kälte:Es ist Zeit, daß ein Exempel statuiert werde, Aristokraten und Feinde der Republik oibts allenthalben, auch hier im Lande finden sich viele, sie sind der Rache der große,: Ration verfallen. Rebellische Bauern ver­dienen nicht die mindeste Schonung, aristokratischen Sendboten sol­len sie kein Gehör schenken, das rebellische Dorf mag niederbrennen, die Bewohner verdienten alle in den Flammen umzukommen I"

Riedergebrannt ist ja bereits der größte Teil," wurde ihm erwidert,und wir bürgen alle mit unserem Leben dafür, daß in unferm unglücklichen Dorfe kein solcher Verbrecher lebt, feiner, der einer solchen Schandtat fähig wäre. Unschuldig sind wir, Herr General, unschuldig sind wir alle! Gott weih es!"

Ohne diesen Beteuerungen, und den von den beiden Beamten dringend unterstützten inständigen Bitten Gehör zu geben, wandte sich der herzlose Mann mit finsterm Trohe von den Flehenden ab, ließ sie stehe:: und begab sich in fein Zimmer.

Rach kurzer Zeit traf eine zweite Deputation ein, die erste !tand noch unschlüssig im Schloßhofe. Man denke sich den Schrecken >er eben Angelangten, als sie die Erfolglosigkeit aller bisher ge­schehenen Schritte vernahmen. Da erschien unter den Trostlosen, von denen mancher bejahrte Mann im tiefsten Schmerze bitterlich weinend dastand, die Edellame, ein Weib, geschmückt mit den hohen Vorzügen des wahren, echten Adels, reich an Geist und Bildung und ausgestattet mit einem edlen Herzen.

Kommt, ihr armen Leute," sprach sie in mildem, teilnehmen­dem Tone,kommt mit mir, wir wollens noch einmal versuche::, ich denke, mit Gottes Hilfe erweichen wir das harte Herz."

Ach, Gott wolle sich erbarmen," schrien die Leute,noch ein Viertel des Dorfes steht, so viel könnte noch gerettet werden, wenn der Herr General die Erlaubnis zum Löschen gebe."

Eilt, eilt, spornte sie die Edeldame <n:, lieh sich melden und trat, umringt von ihren Klienten, in des Generals Zimmer.Das unglückliche Dorf," sprach sie mit Rachdruck und Würde,ist in einen Schutthaufen verwandelt, einen kleinen Teil abgerechnet, der, wenn er erhalten werden dürste, den ärmsten Bewohner:: un& dem beklagenswertesten Teile derselben, den hilflosen Weibern und Kin­dern, noch ein kümmerliches Obdach bieten könnte. Herr General, im Ramen meines Geschlechtes appelliere ich an Ihr Herz, säumen Sie nicht, das Wort der Gnade auszusprechen, ehe es zu spät ist."

Eh bien" (Run, wohlan denn!), versetzte er,so eilt nun nach Hause und überbringt dem Kapitän diese Zeilen." Sie waren rasch geschrieben und den Harrenden eingehändigt, welche unter tiefen Bücklingen, und noch auf der Stiege der edlen Frau ihren Dank stotternd, im Fluge davoneilten.

Änd noch heutzutage beiden einzelne veraltete Mauern in jenem fv schwer heimgesuchten Orte auf diese Greueltat der neun­ziger Jahre. Sie stehen da als Erinnerungszeichen des gallischen Vandalismus, der hundert Jahre zuvor, zur Zeit des vierzehnten Ludwigs, des allerchristlichsten Königs, schauderhafte:: Andenkens, in der höchsten Blüte stand, und in den deutschen Rheinlanden, besonders der Pfalz, die schönsten Städte und zahllose Dörfer mit der raffiniertesten Grausamkeit durch Feuer und Schwert ver­wüstete und dem Erdboden gleich machte, wobei an den unschuldigen Einwohnern haarsträubende viehische Greuel verübt, und sie dem namenlosesten Elende völliger Verarmung preisgegebe:: wurden. Längst hat die Fülle der Jahre einen Schleier über die von unS erlebte grauenvolle Tat des bösen Feindes geworfen. Aber ver­gessen ist sie nicht bei allen, die sie erlebt haben. Unauslöschlich, ja recht mit Flammenschrift in meine Seele geschrieben, steht das Andenken an jene Feuersbrunst, welche das blühende Schwaben- Heim verzehrte. Ich war als Knabe mit einer Menge Neugieriger welche der Schreckenskunde keinen Glauben schenken wollten, aus eine Anhöhe gelaufen, von wo aus sich das ganze, am Fuße eines langgedehnten Weinberges gelegene Dors präsentiert. Wie groß

war unser Schrecken, als wir das hell zum Himinel auflodernde Flammenmeer erblickte::, in welchem die Dächer der Wohnungen auftauchte:: und untergingen, und rings um das wogende Feuer- meer her die aufgestellten Brandstifter mit ihren blinkenden Ge­wehren und Säbeln, die Trauerszene überwachend, und dann die zerstreuten Dorfbewohner, die bejammernswerten Opfer einer un­menschlichen Barbarei, welche obdachlos umherirrend, in den Häu­fen: und Hütten der Rachbargemeinde:: Aufnahme fanden.

Plünderungsszenen beim Rückzug der Franzosen am 29. Oktober 1795, als der Hausvater in dringenden Familien­angelegenheiten auf mehrere Tage nach Frankfurt gereift war:

Es mochte mittags 1 Ähr gewesen fein, als der stärkste An­drang flüchtender Heereshaufen sich ins Dorf ergoß. Änsere eben wieder wohlbefestigte, verschlossene Haustür flog, den donnernden Kolbenschlagen weichend, krachend in den Hausflur, dichtgedrängte Massen ftürmten hastig darüber hinweg und füllten in einem Augenblick alle Räume des Hauses nach oben und unten. Unter Trümmerhaufen zerschmetterter Hausgeräte, Fenster- und Spiegel­glas und Federn, die aus den aufgeschlitzten Bettdecken umher- lagen, und sich in Bewegung setzten, wenn ein Luftzug durch die zertrümmerten Fenster drang, in diesen: grausigen Chaos von Ver­wüstung stand meine Mutter, ich ihr zur Seite.

Die von dem stattlichen Hause angelockten, nach Raub lüster­nen Haufen hatten sich bei diesem Anblicke wohl augenblicklich überzeugt, daß hier den freien Künsten der Republikaner kein Uebungsplatz mehr geboten, ja nicht einmal die Freude einer Nachlese vergönnt fei; solch' eine unerwartete Täuschung hätte wohl bei Menschen von gewöhnlichem Schlage eine gewisse Apathie, wenn auch nicht eine Regung des erbarmenden Mitleids, hervor­gerufen, hier bewirkte sie gerade die entgegengesetzte Stimmung.

Gleich als trage meine Mutter die Schuld, daß nur Trümmer sichtbar und zum Rauben nichts mehr übrig geblieben war, stürz­ten sich Dutzende auf f i e los, und, was noch nie vorgekommen war, richteten wutentbrannt die Spitzen ihrer Bajonette gegen sie. Ringsum war sie eingeschlofsen, und an beiden Seiten meines Kopfes, der dicht an ihren Leib gedrängt war, starrte das, tod­bringende Eisen.Ein grüß Tal" (ein großer Taler) schrien einige, anderede l'argent, vite, allons, de targent! tont de suite," und rückten mit den Spitze:: der Bajonette bis zum Kleide meiner Mutter vor. Rur ein leichter Stoß, auch ein Anstoß ans Gewehr von den Hin- und Herwvgenden mußte meine Mutter durchbohren, und ihr Blut sich über mein Angesicht ergießen.

Ganz vergeblich war es, daß meine Mutter, auf die Verwüstung im ganzen Hause hinweisend, beteuerte, nichts mehr zu besitzen,,um sie befriedigen zu können, und ihr Mitleid auf lebte; taub waren ihre Ohren, die Augen aber funkelnd und starr auf ihr Opfer gerichtet, gleich den Spitzen der Bajonette, die ihren Leib berührten, schnau­bend vor Wut, ging ihr Geschrei in ein lautes Brüllen über da war der Moment der Entscheidung eingetreten sie wäre dem Mordanfall sicher erlegen, die treue Mutter, hätte Gott nicht Wache gehalten, ihr teueres Leben mit feinem Schilde beschirmt und nicht in der letzten schrecklichen Sekunde noch einen rettenden Engel zu Hilfe gesendet. Dieses Werkzeug der göttlichen Vorsehung war General Gikemeher.Ach, Herr General, schrien mehrere Stimmen auf der Straße sehen Sie da, der da hat meins Sonntagskleider auf seinem Arm, der da, der da" usw., helfen ©te mir, Herr General!"

Unter diesem Rusen und Zetergeschrei blickt meine Mutter :m Augenblick der aufs höchste gestiegenen Todesnot nach dem Fen­ster; ein Mann zu Pferde, in glänzender Uniform, mit einem Federhut, ritt gerade auf der Straße uns gegenüber; da erhob auch meine schwerbedrängte Mutter ihre Stimme, und rief so laut sie konnte:Helfen Sie, Herr General!" Er hört den Notschrei. Er hält an, er lenkt fein Pferd nach den: zertrümmerten Fenster und donnert mit gewaltiger Stimme und in sichtbarer Entrüstung einige Worte in das vollgepropfte Zimmer. ,

Wunderbar war die Wirkung derselben, mir unbegreiflich, ja einem Zauber gleich. Das eben noch tobende, wütende Volk stürzt übereinander aus allen Winkeln hervor, drängt sich zusammen, ballt sich zu einem Knäuel nach der Tür hin, die aber viel zu eng ist um die Herausströmenden durchzulassen; es tritt durch die Verstopfung der Stubentür eine Pause ein, die der entrüstete Ge­neral benutzt, um feinen Zornes Worten freien Lauf zu lassen

Von dieser außerordentlichen Erscheinung betroffen, blieb ich ganz verblüff: auf meinem Flecke stehen, und blickte den Wunder­mann staunend an, der im Ru so Großes vollbracht, und merne gute Mutter von ihren mörderischen Drängerii befreit und ihr das Le­ben gerettet hatte.

Herr General," mit diesen Worten trat die erlöste Mutter zu ihm ans Fenstertote soll ich Ihnen meine Dankgefühle mit Worten ausdrücken, Sie sind mein Lebensretter geworden tn den schrecklichsten Augenblicken, da ich jede Hoffnung cmfgeben mußte! Rehmen Sie die Mittagssuppe bei mir ein, ich bitte ich will sogleich Anstalten treffen--"

O, wie könnt' ich heute etwas genießen, erwiderte er,ver­liere ich doch mein ganzes Vermögen." Nachdem er jeden Dank abgelehnt, und noch wenige höfliche Worte gewechselt hatte, ritt er weiter, und langte gerade noch wie bei uns, zu rechter Zeit in der Behausung des Geheimrats an. Ja, es war die höchste Zeit auch hier. Der älteste Sohn des Hauses, Assessor bei einem fflrft- lichen Amtsgerichte, schwebte eben in der höchsten Lebensgefahr.