eleven und Betriebsassistenten un$> machte sich dann auf die Suche nach einer Wohnung. Am Schwarzen Brett« der Universität hing ein Zettel, durch welchen »eine ruhige Witwe mit einer Tochter in gesetztem Lebensalter einen soliden Mietsherrn zu mäßigen Preisen suchte". Hans, der mit wenigem auszukommen dachte, schrieb Streifte und Hausnummer in sein Notizbuch und machte sich auf die Suche. Nicht lange, und er fand, was er brauchte. Bor einem Gemeindebrunnen stand ein gebrechliches Haus, das seinen neu­gierigen Giebel so weit nach vorn neigte, daß er durchs Boden­fenster wie durch ein Monokel sehen konnte, was hinter den Schei­ben des Erdgeschosses vorgehe. Es regnete gerade ein wenig, und unter den überhängenden Stockwerken war auf dem Pflaster der Strafte ein allerliebstes trockenes Plätzchen. Hier standen, hübsch vor Nässe geschützt, einige dralle Dienstmädchen. Sie schienen we­nig Eile zu haben, hatten die Hände in die Schürzen gewickelt und warteten, bis sie au den Pumpenschwengel kamen.

Hans musterte die Höhe der Stockwerke und rechnete aus, das) er von den Fenstern der ersten Etage aus die Mädchen des Abends bei den Zöpfen fassen könne. Dies schien lustig zu werden und war eine interessante Beigabe, wenn das Logis sonst annehmbar war. Die Mädchen kicherten und sahen unseren Hans nicht eben schüchtern an, so daß er in Verlegenheit geriet und eilig der Tür zuschritt.

Ehe ers noch gedacht, war er drei Stufen hinuntergefallen in ein schmales Gängchen, das vom Hofe her ein mattes Tages­licht erhielt. Hans, der sich an den Wänden noch gefangen hatte, traute seinen Augen nicht, als er da hinten in dem zerstreuten Lichtschimmer eine Anzahl Weiber wie Schattenbilder mit Besen aufeinander losschlagen sah. Solltedie ruhige Witwe mit der Tochter in gesetzten Lebensjahren" dabei sein?

Hans hoffte, sich unbemerkt wieder davonstehlen zu können. Allein e'n Draht, der beim Schlieften der Tür an einer kleinen Schelle im Hofe zupfte, hatte ihn verraten, un& ehe ers noch ver­muten konnte, war er in dem engen Naume zwischen anderthalb Jahrhunderten, die Mutter und Tochter annähernd zusammen­brachten, eingekeilt.

Die Damen massierten zunächst mit vieler Sorgfalt den Nest von Unmut, der von der Balgerei mit den Nachbarsleuten her noch in den Runzebr ißter Gesichter lag, hinaus, spuckten auf die Finger, glätteten das etwas in Einordnung geratene Haupthaar und liehen dann die melusinischen Quellen ihrer Beredsamkeit spru­deln:Ack, du mein Gott, wer heutzutage auf Reinlichkeit hält, hat einen schweren Stand. Sehen Sie, mein lieber Herr, bei uns ist alles blank, aber die Nachbarschaft, gerechter Himmel, sie erstickt im Dreck. And doch haben sie für dieses Semester bereits ver­mietet, während wir noch leer stehen. Aber wir brauchen doch nicht zu dulden, daft sie in dem gemeinschaftlichen Hofe Hühner ftalten."

Na, sicher nicht," sagte Hans, der den Monolog an dieser schicklichen Stelle unterbrechen zu können dachte.

Na also," fiel von den zwei Alten die Jüngere,-ein,und doch will uns das Gesetz nicht schützen. Sv helfen wir uns denn selbst, und der Schlag, der an einem Huhn vorübergeht, trifft sicher eine Gans, denn das ist sie, sie ebensowohl wie ihre Schwester."

Hans hatte genug von der Sorte ruhigen Zimmervermieter und wollte zur Tür hinaus. Die Tochter hatte ihm durch eine Flankenbewegung den Rückzug verlegt und drückte ihn einfach wie einen Schubkarren vor sich her. Die Alte marschierte an der Tete, und so kam das feierliche Dreigespann über eine dunkle, von viel- sachen Podesten unterbrochene Treppe nach der ersten Etage. Beim Ueberschreiten der Türschwelle muhte Hans Höhrle sich bücken. Als er sich aber, im Zimmer angekommen, wieder strecken wollte, ftteft er erbärmlich seinen Schädel wider die Decke und quittiert« den Empfang einer nuftgrohen Beule in den Kopfhaaren mit einem ärgerlichen:Gott verdamm mich".

Nur nichts Unchristliches," jammerte die Alte,'s ist nur, bis man sich daran gewöhnt hat," und schob unfern Studio gegen die Fenster hin, wo er in der Tat soviel Raum über sich hatte, daft er sich in seiner ganzen Grüfte entwickeln konnte.

Wo ist das Bett?" fragte Hans. Die Tochter schob einen Kattun Vorhang zur Seite und gestattete somit einen Einblick in einen kleinen Alkoven, zu dem man auf drei Stufen hinaufsteigen muhte. Hier stand eine Bettstelle, der man die Füße abgesägt hatte, damit sie nicht zu hoch hinauswvllte.

Hans erschrak, als er diese Ruhestätte sah, und »erstieg sich zu der ironischen Bemerkung:Hier muß wohl der Mensch zuerst in die Horizontale gebracht und dann wie Brot in den Backofen auf einem Schieber eingeschossen werden?"

Hier haben schon Leute geschlafen, die nachher Minister wur­den und noch Höhere. Wollen sich der Herr nur näher bemühen, er kann sich selber überzeugen!" flöteten die beiden Quartier» geberinneu.

Hans senkte eines seiner Knie auf die Stufe nieder und drehte den Kops dem Plafond zu. Kn der Tat, auf dem weiften Kalkanstrich entdeckte er eine Masse mit Bleistift hin geschriebener Namen, stu­dentischer Zirkel, Zitate aus dem Corpus juris und Bibelstellen. Auch waren ganze Kunstwerke zu sehen, gekreuzte Säbel und Schlägerklingen, Totenköpfe, Kater, die Heringe fraften usw. Die Einrichtung war ja bequem. Man konnte auf dem Rücken liegend mit der Hand die Decke erreichen., und unser Studio fing an, sich

in den Gedanken hineinzuleben, daft auch er eines Morgens er­wachen und die Kunstausstellung da oben um ein Dackelporträt bereichern könne.

Doch zunächst wollte er noch einmal durch die Straften der Stadt irren und nachsehen, ob sich nicht doch was Besseres fände. 3m Gehen fragte er nach dem Preis. Ser war sehr annehmbar. Hans versprach, sich die Sache überlegen zu wollen und wieder­zukommen.

Wie er so, die Häuser begaffend, wandelte und nach Heinen Täfelchen suchte mit der AufschriftZimmer zu vermieten", lies et dem Ignaz Kaufmann in die Hände, der mit seinem Leibburschen August Weber zusammen ein wenig flanierte.

Du hast noch keine Bude?" sagte Kaufmann,wird schwer fallen. Du bist ein biftchen spät inL Semester gekommen. Auch steigern jetzt schon- diese Halunken »Dir Philistern die Preise, weil sie sicher sind, daft sie doch vermieten werden."

Haben Sie schon die Anlage abgesucht?" sagte Weber.Wenn Sie gestatten, begleiten wir Sie bis dahin, möglich, daft Sie da etwas Passendes finden." Er übernahm jetzt die Führung der zwei jüngeren Kommilitonen.

3m vierten Stocke eines vornehmen Hauses sah man hinter der Spiegelscheibe ein kleines Schild hängen, aber die Entfernung war zu graft. Don der Strafte aus war nicht zu entziffern, was es verkünden wollte.

Versuchen wir es," sagte Weber und'drückte auf die Klingel neben der Pforte. Die Tür sprang auf, und unsere drei stiegen über die Kokosmatten eines eleganten Treppenhcmses dem vierten Stockwerk entgegen. Am Glasverschlag war mit zwei Reißnägeln eine Visitenkarte befestigt, die -den Namen Amalie Braun, Ober» förstersgattin, trug. 3m nächsten Augenblick schon zeigte sich eine Dame in schlichtem, aber fein geschnittenem Kleide, die sich nach dem Begehr der Herren erkundigte. Weber verneigte sich und fragte, ob hier nicht ein Zimmer zu vermieten sei.

Gewiß," sagte die Dame,wollen die Herren nur ein treten!" Es war ein schönes großes Zimmer mit wohlgepflegten Möbeln, denen man anfaß, daß sie die schonungslose 'Behandlung der After­mieter noch nicht oder wenigstens noch nicht lange ertragen hatten,

Hans lebte auf, als ihn die Vorstellung übermannte, er könne in so viel Behaglichkeit seine Abende verleben. Weber war der­weilen prüfend über den Parkettboden gegangen, hatte durch die Scheiben über die Bäume der Anlage nach den gotischen Giebeln einer benachbarten Kirche hingesehen und kam nun mit der Frage zurück:And der Preis, gnädige Frau?"

3st das Zimmer für Sie?" war die schüchterne Gegenfrage.

Nein," für diesen jungen Herrn, der eben erst zur -Univer­sität kommt."

Dann vierzig Mark im Monat."

Das wollen wir uns einmal überlegen", sagte Weber, der sah, wie Hans Höhrle beim Nennen der hohen Summe zusammenzuckte.

Drei Männer verneigten sich tief, eine Dame leichthin, und Weber als rechter Flügelmann verschwand mit den beiden, die Glastür leise ins Schloß ziehend. Indessen fing es an zu dunkeln. Hans mußte zu einem Entschlüsse kommen bezüglich seiner Woh­nung oder in einem Hotel übernachten, was er der erneuten Kosten wegen gerne vermieden hätte. Er verabschiedete sich von seinen Begleitern, Hans sah den beiden nach, bis sie die Dämmerung verschlang. Sie waren das Studentenideal, von dem er als Gym­nasiast geträumt. Nun war er wohl selber Student, aber das Herz wollte ihm bei seinem zu geschnürten Geldbeutel nicht recht weit werden. Er sah nur Jahre des Sparens und der Arbeit vor sich Er konnte den flotten Burschen nicht spielen.

Er ging selbst zum Bahnhof, holte seinen Koffer und trug ihn höchst eigenhändig dem billigen Quartiere bei der Pumpe zu, das er am Nachmittage besichtigt hatte. Die beiden Alten, wohl zufrieden, daß ihnen der Himmel endlich doch einen Mieter gesandt hatte, nahmen denHerrn Doktor" bereitwillig auf, und es währte nicht gar lange, und unser Hans, ermüdet von des Tages wechsel­vollen Eindrücken, lag wohlgebettet im niedrigen Alkoven, einiger­maßen erstaunt darüber, wie er nur das Kunststück fertiggebracht habe.

Eine Bekehrung.

Don Martin Andersen Nexv.

Der auch in Deutschland durch gute UedersetzungA» schon sehr bekannt gewordene dänische Dichter, bet die Not der Armen verkündet, die er am eignen Leid gefühlt hat, gibt in seinenProletarier-Novel­len" (Verlag von Albert Langen, München: Uebersetzung von Pauline Gottschau-Klaiber) Bilder der Liebe und Ein­fühlung, die nicht anklagend und tendenziös, wohl aber in ihrem milden Glanze erschütternd wirken. Besonders fein und gerecht weift er sich auch der Psyche leidender ober verlassener Frauen zu nähern, wie gerade seine ge* diegensten Novellen bartun, undEine Bekehrung" wird ihm sicherlich auch in unserem Leserkreise da und dort weiteren Eingang verschaffen.

Sie haßte die Männer, und das mit dem aufrichtigsten, be­rechtigtsten Haß von der Welt sie war verschmäht worben. Zu­nächst haßte sie nur einen Mann, aber das eine bringt das an-