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1923 Nr. 19

Samstag, 12. Mai

Der erste Tag auf Ser Gießener AnibsrflM.

Hans fuhr der kleinen LanLesuniversität entgegen, die aus ihm einen Doktor machen sollte. Als er den Wagen verlieh, trat er unter ein buntes Gemenge von allerlei Leuten, die schwerlich des Studiums halber hierhe» gekommen sein konnten. Frauen in kur­zen, faltenreichen Röcken trugen Körbe auf dem Rücken, undMünner in blauleinenen Kitteln hatten in buntgewürfelten Kissenüberzügen mancherlei Waren verstaut, die sie in der Stadt eingekauft hatten. Hier drückte einer einen kleinen Handkarren, dort zog einer an einem Stricke ein störriges Kalb hinter sich nach. Körbe mit Hüh­nern standen da herum, und aus Zwerchsäcken, die am Boden lagen, hörte man das mißvergnügte Grunzen junger Ferkel. Das sah alles so nüchtern, so trivial aus, das roch so sehr nach Landwirtschaft, daß unferm Hans der Gedanke kam, er könne die Alma mater überfahren haben. Doch da gewahrte er mit einem Male oben am Perron eine Gestalt in schwefelgelber Mütze. Kein Zweifel, es mutzte der Ignaz Kaufmann sein, der hier an einen riesenhaften Reufundländer gekettet war, oder der Hund an ihn.

Roch hatte Hans den frohen Gedanken nicht ganz zu End« gedacht, als Kaufmanns Stimme ihm entgegenhallte:,Ah, sieh da, Hans Höhrle, hast du den Weihwasserpinfel aus den Fingern fallen lassen, um hier den Schläger in die Fällst zu nehmen, so sei willkommen! Und wenn ich dir mit irgendetwas dienen kann, so verfüge über mich."

Damit legte Ignaz seinen Arm in den des Schulkameraden und betrat stolzen Schrittes mit ihm den Wartesaal zweiter Klaffe. Im Bahnhofsportal standen die Dienstmänner stramm, als die zwei dorüberschritten, und Lohnkutscher auf hohem Bocksitz hoben Sie Peitsche vor die Rase und neigten den Zylinder so weit nach vorn, bis er den Stiel berührte. Hans war verblüfft von all de» überraschenden Ehrungen, die man ihnen erwies, und er fragte sich verwundert, durch welche hervorragende Tat fein Freund Ignaz sich diesen hohen Respekt in den vierzehn Tagen seines Hierseins verdient haben könne. Den tieferen Grund, daß nämlich alle diese Reverenzen nur vor der Mühe, vielleicht auch vor dem Hunde, gemacht wurden, begriff er noch nicht.

Auf der Treppe stehend, rief Kaufmann mit einer feudalen Geste einen Rosselenker herbei. Dir zweiEides academrci" stiegen ein. Wohin es ging, war allen bekannt, mit Ausnahme unseres Hans Höhrle, und als das richtige Wirtshausschild erreicht war, schwenkte der Reufundländer rechts ab. Die Pferde parierten ur­plötzlich. Die beiden Freunde stiegen aus, und der Kutscher machte auf der Sollseite seines Aotizbuches eine kleine Bemerkung.

Der Eintritt der beiden Freunde in die Schankstube erregte einen erstaunlichen Aufstand. Ignaz führte den neuen Fuchs an die besterleuchtete Stelle des Raumes, verneigte sich und nannte seinen Ramen:Hans Höhrle". Bon allen Seiten stürzten nun Männer mit narbigen, zuweilen fast noch blutigen Gesichtern auf ihn zu, um sich vorzustellen. Hans hörte eine Menge seltsamer Familiennamen, von denen er keinen einzigen behielt.

Lgnaz zog feinen Schulkameraden nach einem Tische herüber, wo eine muntere Schar in gelben Mützen saß, die ihm äußerst zuvorkommend Platz machte. Einen Augenblick waren die Micke aller auf Hansens schlanke Fechterfigur gerichtet, dann aber ver­schlang der Lärm des Zutrinkens, der Wihworte und der argen- fettige Austausch der Ferienerlebnisse jede Sorge für die Zukunft Einer oder der ander« schien schon etwas hoch za haben, umarmte seinen Rachbar, bot ihm Schmollis an und verabredete für den folgenden Lag einen kleinen Exbummel in die ilmaebung

Gegen 12 Ahr erreichte der Frühschoppen fein Ende. Hans verabschiedete sich, ab in einer billigen Restauration neben Post»

8» Adsm KKmllons 70. Geburtstag.

2lm 12.Mai 1923 vollendet Adam Karrillon in Wies- oaderi sein.siebzigstes Lebensjahr, Seine Stellung in der deutschen Literatur begründete der OdenwaldrvmanMichael Heyl, sein erster Versuch auf diesem Gebiete, den er als Funt.lndvierzigjährrger in der Zeit von Herbst 1898 bis Früh- 1899 verfaßte, doch wurde dieses in erster Auflage im Jahre 1900 zu Wernheim erschienene Werk erst allgemein bekannt, -904 m die Grotefche Sammlung von Werken zeit- genoststcher Schrrststeller ausgenommen wurde. Ihm folgten an weiteren Oitenwaldromanen und -erzählungen 1906Die Mühle ' Pu der SammelbandDauerngeselchtes" und 191cWams Großvater". Karrillvn, der seine Jugendzeit in seinem Geburtsorte Waldmichelbach, seine GymnasialKAt 1867 bis . -Biamz, darunter fünf Jahre im bischöflichen Knaben­konvikt, feine Studienjahre 1873 bis 1878 in Gietzen und Würz- burg verlebte und dann, nach kurzem Aufenthalt in Eich in 2ibeinMfen unb Rockenhausen in der Pfalz, von 1883 an fünf­unddreißig Jahre in Weinheim als praktischer Arzt tätig war schildert in /einen Werken ausnahmslos Eindrücke und Erleb- nisfe die er selbst als Dorfschüler, als Gymnasiast, als Student, als Arzt und auf seinen Reifen hatte. Durch das Bestreben anbete an Jcinen Reiseerlebnissen teiknehmen zu lassen, erwachte der Schriftsteller in ihm, tote denn auch sein erstes, 1898 erschie­nenes WerkEine moderne Kreuzfahrt", die zwei Jahre zuvor unternommene Reise nach dem Heiligen Lande Mlderi. Die neiden als Schiffsarzt unternommenen Reifen nach Kamerun und Togo im Jahre 1909 und nach dem äußersten Osten im «TI Fren Riederfchlag in der 1912 erschienenen

LVJvesHieibungSm Lande unserer .Urenkel" und in dem MS erschienenen ReiservmanSechs Schwaden und ein Halber" Der Dorfknabe kommt in den Odenwaldromanen zu Wort der Ehmnasmst und Gießener Student in derMühle zu Husterloh" bet Wützourger Student in dem Roman£> domtna mea und OCT Landarzt inBauerngeselchtes", in der Rahmenerzählung uTm Stammtisch zum faulen Hobel" (1922) und vor allem in dem noch mcht verösfentlichten RomanBiljo Ronimus" wo die uvien Erfahrungen mit den Krankenkassen ehtcn jungen Arzt zur Aufgabe feines mit Begeisterung ergriffenen Berufes bestimmen. Glrichfam den Schlussel zum tigeren Verständnis seiner Werke wird seine SelbstbiographleLeben und Treiben eines Welten- vummlers bilden, an die er gegenwärtig die letzte Hand anleat Eßeroem hat er einen Aovellenband unter der Feder Eine vammlung kleinerer Aufsätze und Erzählungen von ihm wird J*®'* einem aussührlichsn Lebensbikde des Dichters demnächst m rraVerlag in Darmstadt erscheinen! darin wird auch das wWlchtKarzerreminiszc izen", das er im Jahre 1907 für die Wetenet 'JubiläumszeitschriftLuöoviciana" verfaßte, abgedruckt iem. Ferner hat er das Studentenleben in Gießen, wo erber Burschenschaft angehörte, in derMühle zu.Huster- wy geschildert, aus der im folgenden eine Episode mitgeteilt werden soll. Gr hat darin feinem als Handelslehcling zu Mainz t6men Mitschüler Ignaz Kaufmann und seinem Leib- r)chLn, dem im Jahre 1880 zu Herborn verstorbenen Tierärzte August Weber, ein Denkmal gesetzt. Anter den Odentoaldöichterm -IsNv ÄamHon unstreitig die eiste Stelle ein, unter den .-imchen Dichtern gehört er zu den ersten und unter den deutschen Kuntotlsten zu den urwüchsigsten und originellsten. Möchte ihm mk» dichterischen Schaffens, von der er erst auf der Mittags- vvye oes Lebens Strauch machte, noch> lange erhalten bleiben!

Prof. Dr. für. «tphil. K. Esselborn,