Kchriftleitung: OluguS Goetz.

®tud und Verlas der Brühlschen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Dietzen,

Eine Hochzeit im Jahre 1 48 5.

Ein junges Mägdlein wurde von ihrer Sippe gezwungen, einen zwar reichen, aber gar ungestalten, tölpifchen Kerl zu nehmen. Ms man sie nun in der Kirchs zusammengeben wollte, fragte der Prie­ster sie, ob sie diesen Ä. zu ihrem Manne nehmen wolle? 21 ach langem Bedenken sagte sie endlich laut und kräftig:Olein !" Der Bräutigam erschrak darüber heftig und weinte sehr. Ms man nun enttäuscht und unverrichteter Sache wieder aus der Kirche gehen wollte, bedachte die Braut sich und sagte:Wenn es nun einmal sein soll, so gebt ihn her, den grämlichen Bock!",

Frie dr i ch Taubmann

war ein Franke und lebte gegen Ende des 16. Jahrhunderts am kursächsischen Hofe. Ms er einst einen Hofmann bei der Hand faßte, sagte dieser zu ihm:Sie haben gar grobe Hände, die sich mit zum Dreschen schicken würden."Allerdings," erwiderte Taubmcmn,ich habe den Flegel ja schon in der Hand."

Bei einer Hostafel fragte Taubmann den Kardinal Clesel, ob er wohl wisse, wo Gott nicht wäre. Der Kardinal antwortete: Bun, in der Hölle!Olein," sagte Taubmann,zu Rom ist er nicht, denn da hat er ja seinen Statthalter."

Als man ihm einst bei einer Tafel keinen Löffel vorlegte und sagte:Sin Schuft, der nicht mitsuppt", schnitt er sich eine Brotrinde zurecht und suppte damit. Zum Schluß er sie auf und rief gleichzeitig über die Tafel:Ein Schuft, der seinen Löffel nicht mitiht!"

Dom alten Fritz.

Ein Bauer und fein Weib wollten eine Bittschrift übergeben. Friedrich fragte nach ihrem Begehren und wies sie an die Kammer. Dort find wir schon gewesen," erwiderten sie.Qlun, dann kann i& euch nicht helfen." -Unwillig zog der Bauer sein Weib mit sich fort, indem er sagte:Komm nur, du hörst ja, daß er mit der Kammer unter einer Decke steckt!" Friedrich lachte und nahm die Bittschrift an.

Lessing,

der einst im Wirtshaus auf feinem Zimmer schrieb, erinnerte sich, daß er einige Besuche in der umliegenden Gegend versprochen habe; er bezahlte daher seine Zeche und ging. Gin anderer Gast nahm gleich nach seinem Weggehen sein Zimmer in Besitz Lessing war kaum eine halbe Stunde entfernt, so fand er die Rückkehr, zur Ergänzung eines Manuskripts, notwendig. Er ging ohne Umstände aus sein Zimmer los, das der Gast auf einen Augenblick verlassen hatte, und setzte sich, seine Arbeit zu vollenden. Während er emsig schrieb, trat dem Fremde erstaunt ins Zimmer und fragte, was er hier mache, worauf keine Antwort erfolgte, weil Lessing viel zu sehr int Geschäfte war. Der Fremde trat näher, sah ihm über die Schultern und fragte barsch:Wer sind Sie?" Ohne aufzublicken, erwiderte Lessing:Ich bin der Evangelist Lukas," dem bekanntlich ein Ochsenkopf über die Schultern sah.

Napoleon

machte dem berühmten Komponisten Mehul öfters den Borwurf, daß alle französische Musik zwar künstlich sei, daß ihr aber die an­mutige Heiterkeit der italienischen abgehe. Mehul steckte den Vvr- L>«f ein, ging aber zu seinem Freunde Marfollier und bat ihn, ihm ein kleines, recht heiteres Stück zu machen, dessen Plan abge­schmackt genug fei, um einem Libretto-Dichter zugeschrieben wer­den zu können. Marsvllier verfertigte in aller Eile die Oper Jcaro, zu welcher Mehul sogleich die bekannte reizende Musik komponierte, welche heute noch sehr bewundert wird. Die Oper wurde dem Aus­schuß der Opeva-Comique Übergeben mit dem Bedenken, daß sie aus dem italienischen Übersetzt sei und eine schöne Musik habe. Das neue Werk wird von den Schauspieler» mit Begeisterung aufgenom­men, einftuMert und mit großem Pompe angekündigt. Napoleon ladet Mehul ein, mit ihm der Aufführung beizuwvhnen. Dieser stellt sich verdrießlich, sträubt sich, gibt aber endlich nach. Die Oper entzückt jedermann: der Konsul gibt seinen Beifall wiederholt zu erkennen und ruft endlich aus:Wahrlich, nichts gleicht der ita­lienischen Musik!" Das Stück wird unter rauschendem Beifall zu Ende gespielt, und die Namen der Verfasser werden mit Enthu­siasmus verlangt. Ms man die Namen Marsvllier und Mehul nennt, erstaunt jedermann, und von allen Seiten ertönen Bravos. Der Konsul nahm die Täuschung nicht Übel und sagte zu Mehul:, Führen Sie mich immer auf ähnliche Weise an. Es wird mich für ihren Nuhm und mein Vergnügen freuen.

fonien zur Widmung vorgelegt, und nun könne er sich nicht mehr entsinnen, welche Wagner ausgewählt habe. Ms ihm Kietz sagte, es sei beständig von einer Sinfonie in O-Mvll die Rede gewseen, da umarmte ihn Bruckner stürmisch, küßte ihn und rief immer da- dazwischen:Ach, lieber Herr Hof rat, wie danke ich ihnen! Ja­wohl, die V-Moll hat ja der Meister angenommen! Ach, welches Glück, daß ich nun weiß, welche von den zweien!" Gr schwankte aber doch noch und fragte Wagner an, ob es die O-Moll-Sinfonie sei, was der Meister mit herzlichem Gruß bejahte.

So wurde BrucknersDritte" zurW a gner-Sinfoni e", wie auf dem in der Wiener Hofbibliothek befindlichen Manuskript zu lesen ist. Als Widmung aber fetzte er auf das erste Blatt: Shmsonie in O-Moll Sr. Hochwohlgeboren Herrn Richard Wag­ner, dem unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst in tiefster Ehrfurcht gewidmet von Anton Bruckner."

DerfeigsteOsfizier.

im Jahre 1864 war Feldmarschall Wrangel im Kriege gegen Dänemark der Höchstkommandierende der preußischen Armee. Eines Tages überbrachte ein Hauptmann v. T., der dem Generalstab Wrangels angehörte, dem Kritzgsminister von Roon ein Hand­schreiben des Feldmarschalls, in diesex Zuschrift bat Wrangel um eine hohe Ordensauszeichnung für den lieber bringen; zugleich bezeichnete er ihn als feigsten Offizier der ganzen preußischen Ar- wee . Da Roon mit dem Schreiben nichts anzufangen wußte, suchte er König Wilhelm I. auf und fragte ihn nach feiner Meinung über den offenbaren Widerspruch

® öer König das Schreiben gelesen hatte, brach er in herz- Itax» Lachen aus.Sie kennen die eigenartige Rechtschreibung un­seres alten Wrangel nicht?" fragte er.Er spricht ohne Z'.veisel mcht von dem feigsten, sondern dem fe-igsten (fähigsten) Offizier, dem wir die Anerkennung nicht vorenthalten sollten."

Ans neuen Anstzdotenbüchsrn.

Um einer Verflachung der heiteren Kunst unserer Zeit ent» gegenzuwirken, muß man in die Anekdotenschätze unserer deutschen Literatur zurückgreifen. Zwei neu erschienene Bücher greifen diese Aufgabe auf und dienen einem guten Zweck, denn dem in den wirt­schaftlichen Nöten^chier verzweifelnden Menschen muh auf irgend eine Art AufheMrung und damit neue Kraft gegeben werden. Das Anekdvtenbuch" herausgegeben von Kurt Ziese- nih (AntäuS-Berlag Lübeck) beschränkt sich auf die bekannten Autoren Johann Peter Hebel, Heinrich v. Kleist, Detlev v. Lilien- cron und Wilh. Schäfer und will damit zugleich einen literarischen Entwicklungsgang ausschließen, während derAnekdoterich", herausgegeben von Wilh. Paul Zieger (Verlag der Freude in Wvlfen^ittel), wie schon der Name andeutet, das Netz weiter auswirft und Schnurren aller Zeiten und'Völker auf tischt. Aller­dings, der deutsche Humor ist auch hier bevorzugt, und zahlreiche große Persönlichkeiten werden durch kleine Erlebnisse und gelun­gene Ausdrucksformen dem Volke näher gebracht. Die Kultur ver­gangener Zeiten spiegelt sich in diesen Geschichten, die zum Teil aus der Wolfenbütteler Bibliothek entnommen find.

Wir wollen aus beiden Büchern ein eigenes kleines Schatz­kästlein zusammenbauen, wobei wir es nicht nötig haben, im ein­zelnen die Quelle anzugeben, denn dasAnekdotenbuch" und der Anekdoterich" sind verträgliche Geschwister, die sich einander er­gänzen und nicht aufeinander eifersüchtig zu fein brauchen.

Gutes Wort, böse Tat.

3n einem edekmännischen Dorf trifft ein Bauer den Herrn Schulmeister im Felde an.Jsts noch euer Ernst, Schulmeister, was Ihr gestern den Kindern zergliedert habt: So dich jemand schlägt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar?" Der Herr Schulmeister sagt:Ich kann nichts davon und nichts dazu tun. Es steht im Evangelium." Also gab ihm der Bauer eine Ohrfeige und die andere auch, denn er hatte schon lange einen Verdruß auf ihn. Indem rettet in einiger Entfernung der Edel­mann vorbei und fern Jäger.Schau doch nach Joseph, was die Zwei dort miteinander haben." Ms der Joseph kommt, gibt der Schulmeister, der ein starker Mann war, dem Bauer auch zwei Ohrfeigen und sagte:Es steht auch geschrieben: Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch wieder gemessen werden. Ein vvllgerüt- telt und überflüssig Matz wird man in euren Schoß geben"; und zu dem letzten Sprüchlein gab er ihm noch ein halbes Dutzend drein. Da kam der Joseph zu seinem Herrn zurück und sagte: Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr, sie legen einan­der nur die heilige Schrift aus."

DerBranntweinsäuferunddieBerlinerGlocken,

. Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lichnowskh, ein heil­loser und unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlä­gen, die er deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Branntweins enthalten wolle. Er hielt auch, in der Tat, Wort, während drei Tage: ward aber am vierten wieder besoffen in einem Rinnstein gefunden, und, von einem .Unteroffizier, in Arrest ge­bracht. Im Verhör befragte man ihn, warum er, seines Vor­satzes eingedenk, sich von neuem dem Laster des Trunks ergeben habe?Herr Hauptmann!" antwortete er,es ist nicht meine Schuld, Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken: ,P o m meranzen! Pom meranzen! Pom meranzen!'Laut Teufel, läut, sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der Königsstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh' ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathaus still: da bimmelt es vom Turm herab: .Kümmel! Kümmel! Kümmel! Kümmel! Kümmels Kümmel!' Ich sage zum Turm: bimmle du, daß die Wolken reißen und gedenke, mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelturm herab: .Änisette! Musette! Änisette!' Was kostet das Glas, frag ich? Der Wirt spricht: .Sechs Pfennige.' Geb Gr her, sag ich und was weiter aus mir geworden ist, das weiß ich nicht.