— 176 —
Dann aber besann er sich, es ward ihm heiß, und er meinte, die Sache habe doch ein anderes Gesicht: Helenens treue Neigung hatte sich seit Jahren ausgesprochen in ihrer Quartettreue: sie hatte ihren Geschmack dem feinige« geopfert; sie hatte sich veredelt Lurch seine Musik, sie war in die Quartettschule gegangen hatte ihre Koketterie hinweggegeigt, und dies war allerdings in jenen schönen Tagen zum erstenmal klar geworden, wo Haydn ihr die Meisterschaft wahrer Anmut bezeugte, indem er ihr Spiegelbild aus dem Adagio in A=®ur hervorstrahlen sah.
Md dann blickte der Freiherr weiter in die Zukunft. Sollte pr für alle Zeiten so einsam, familienlos auf seinem alten Schlosse sitzen bleiben? Sollte er sich nicht auch einen Stammhalter wünschen, nicht sowohl seines Hauses und Wappens — die Kunst hatte ihn über Standesvorurteile erhoben — als einen Stammhalter seines Quartetts? Sollten seine Notenschätze nach seinem Tode zerstreut, sollte auf Schloß Strüth nicht mehr gegeigt werden, toenn einmal der Fiedelbogen seiner Hand entsunken war? @r stand im besten Mannesalter — vierzig Jahre — und bei der Gemütsruhe, welche ein regelmäßiges Hausquartett verleiht, hoffte er wohl über siebzig alt zu werden, And in dreißig Jahren konnte er es nicht bloß zu einem quartettspielenden Sohne bringen, sondern zu einem fangen Quartett von Söhnen. Dann mochte er seine letzten Tags in Frieden genießen und ruhig zuhören, wie die Kinder geigten.
Er drehte sich solchergestalt im fortlaufenden Zirkel zwischen Quartett und Helene, so daß er zuletzt beides gar nicht mehr voneinander trennen konnte, und obgleich es ihm von dieser steten Kreisbewegung fast schwindelte, ließ er sich doch gegen niemand etwas merken. Nur fiel es den Quartettgenossen auf, daß das Bild Eratos nicht mehr wahrend des Spielens verhängt war, und daß der Freiherr auch nicht mehr zwanzig Takte statt zehn zählte, wenn er etwa beim Pausieren unversehens auf das Bild geblickt.
Plötzlich gab ein großes Ereignis den Ausschlag für Gräfin Helene, das war die Schlacht von Novi, in welcher Suwarow als Oberfeldherr des österreichisch-russifchen Heeres die Franzosen niederwarf, am 15. August 1799. Schon im Juni und Juli waren kleinere Siegesbotschaften aus Italien gekommen und hatten das patriotische Herz des Freiherrn höher schlagen lassen. Während er’g bei der Kunde Les Rastatter Gesandtenmordes fast für sündlich hielt, in so greuelvoll schwerer Zeit einem heiteren Künstlerstill- | leben sich hinzugeben, ward es ihm jetzt so frei und hoch zumute, daß er niemals reiner sein Quartett genoß, als in diesem Lenz I un& Sommer, welche Kunst, Liebe, Natur und Politik im gleichen I goldenen Sonnenschein erglänzen ließen.
küßte sie, und wie sie dies alles geschehen ließ und erwiderte das war auch eine Antwort. '
Der Graf hatte in einer Fensternische den Brief gelesen Er trat im selben Augenblicke hervor, als jene beiden die zart- lrche Gruppe bildeten, und las laut: „Anter den Gefallenen beklagen wir leider auch den Rittmeister von — —• der Name ist so undeutliche geschrieben, wie liesest du ihn? — Gnetenheim oder Grebenheim?"
„Tretenstein?" rief der Freiherr, ließ Helenens Hand fahren und griff nach dem Briefe. - „Gretenstein! — den Satz habe ich ganz übersehen; — Gretenstein, das ist der Gemahl Dabettens!" „Allein was habt denn ihr beide miteinander?" fragte der @raf, welcher nun erst ahnte, was vorgegangen. Sein Freund aber war so betroffen von jenem Satz im Briese, daß er nicht zu antworten vermochte, und Helene, welche vorhin nicht die Sprache gefunden hatte, ja zu sagen, mußte jetzt erzählen, daß sa toel( der Freund nun hierfür die Sprache nicht sand, Doch, kam er nach wenigen Minuten wieder zu sich selbst Lienen zurück und sie konnten sich. alle drei erkläre» und aussprechen, sich freuen und beraten, hoffen' und Pläne spinnen, nno nxls man fonft bei Dektvbungen zu tun pfsegt
Als der Bräutigam spät abends wieder nach. Hause ritt ^ums er kaum wohin er sein Pferd lenkte. Er fürchtete sich entsetzlich vor seinen eigenen Gedanken, die ihm grundschlecht vorkamen, vor denen er sich hätte ins Grab verstecken mögen, und die ihn doch nicht verließen. Der Rittmeister, welcher vordem zur rechten Zeit niemals hatte fallen wollen, mußte jetzt gerate jur unrechtesten Zeit gefallen fein. Die Schlacht von Novi
Srcißerm - zum Bräutigam gemacht, und "* Augenblick da er eben Bräutigam geworden, erfährt daß durch dieselbe Schlacht von Novi seine frühere, nie d-^^.rgessene Braut Witwe geworden war. 3m Jubel über k-arra-J?Of>t »ar, €r na<$ Beuhaus geritten, und doch zu Hause geblieben, wenn er den Brief meßt SSL ^stkalisch begeistert gelesen hätte, sondern Wort für Wort, wie man Briefe lesen soll, und nicht bloß ins Ganze wie man eine zwanzigstimmige Partitur am Klaviere liest ’ tnt erstenmal in seinem Leben räsonierte et über die Musik tat aber sogleich, wieder bei sich selber Abbitte; denn er wußte pUn?: 5^5 ^esentI^er fei- daß er jetzt noch und wieder an St daß er die Musik anffage, als habe sie ihm
Helene für Erato untergeschoben. 7
(Fortsetzung folgt.)
- j, , r. , , - , - - --------- Des Freiherrn
gründl^er deutscher Sinn ließ ihn über das kommende Geschick Santes und Volkes ebenso nachhaltig grübeln, wie über die Durchführung eines Quartettsahes. And er hätte so sehnlich ge- d?st. die Deutschen in ter Politik auch einmal Meister würöM, wie in ter Kammermusik. Es sah ater zur Zeit noch gar nicht darnach aus.
Waren die Oesterreicher geschlagen worden, so hätte er sich als ehemaliger Offizier wieder zum Heere gemeldet; da aber das revolutionäre Frankreich gebrochen war und die gute alte Zeit wiederzukommen schien, war es denn doch besser, Quartett zu spielen und sich zu verlieben nach gutem, altem Brauche.
Der entscheidende Sieg in Italien hatte den Freiherrn in diesem ©inne bereits seit mehreren Tagen still und tief bewegt, als am 1. September ter Brief eines Freundes eintraf, welcher Bei Novi mitgekämpft und Genaueres über die Schlacht meldete. Der Freiherr geriet in hellen Jubel ter Begeisterung, fang und pfiff Quartetthemen und wurde von solch einem patriotisch-musikalischen Feuer ergriffen, daß er den Schluß des langen Briefes mit schwimmenten klugen und nur so obenhin aufs Ganze las, wie man am Klavier eine zwanzigstimmige Partitur zu lesen pflegt.
Dann ließ er satteln und sprengte zum Grafen nach Neu- Aus; der Bediente mit einem schweren Pack Noten auf dem JlCanteiiacr hinterdrein.
Dr. Friede. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
Fünftes Kapitel.
3m Spätherbst war die Hochzeit auf Neabaus — nahirfirh TKufif g€f$mü(ft. 3n der Kirche fang ter Schulmeister - LI s4enket der Weisheit GM teT„S
E^r mit Orgeltegleitung und etwas verchristlichtem Texte 0;°?. ^chfosses stimmten Bauernmädchen das
^lrhes Haydn so wohl gefallen. Außerdem ater hatte ter ?n deines Orchester zusammengebracht, das während an überaus frische und heitere !)-Dur-Shmvhonie
Mozarts spielte, die ter-selte 1778 für das Fronlächnams- Iett° als geschrieben, obgleich sie eher an Figaros Hoch-
äeit als an Ben Fronleichnam erinnert Das Allearo beaann tei den „Backhändeln" und das Finale schloß teim PuKna uM ungeachtet die Tischgesellschaft während des so überaus harten ^dugws .gerate e.nen überaus zarten Rehbraten verarbeitete genoß sie doch die Musik nicht minder als den Braten Man bot damals die höchsten Gaben ter Tonkunst noch anspruchslos und nahm, sie harmlos hin, wo und wie man .sie fand/ und glaubte noch nicht, daß eine gute Musik besser und eine schlechte man recht viel Amstände damit mache. Zum te Aeiherr noch gerne ein kleines Quartett gespielt, ter Graf ater widerriet dem dringend und behauptete für ihn ser heute ter vierstimmige Satz durchaus ungeeignet und nur der zweistimmige zulässig. y
der Hochzeit kam gar vieles anders, als es ter Frei- 5?.Lr hnt^e. Dem sonnigen Sommer folgte ein kalter
stürmischer Winter. ' y lauer,
Dem Grafen eröffnete er sofort seine Kriegsneuigkeiten und 8. ^pm den langen Brief; der Gräfin hingegen überreichte er
Aotenheft aus dem großen Paket zum Geschenke und sprach: ^Dies sind drei Klaviersonaten von einem jungen Manne namens Beethoven: - eine tief bewegte, seltsam aufregende Musik, hier
I k^s geschwOllLn und geschraubt, etwas eigensinnig und für den Spieler schwer zu behandeln, und dennoch voll bezaubernder Schönheit. Wenn der junge Mann erst einmal reis geworden ist für den Quartettfaß und seine Launen im strengen Anschluß an Mozarts und Haydns Schreibart abae- 1 c, -
föhffen hat, dann kann etwas Ausgezeichnetes aus ihm werden " 211r MS Septembertagen, da unser Held im Siegesjutel
«st mehr noch an die Gräfin, welche auch für den Spieler so I auf dem Meere zwischen Ä&n unb
flrenaen 9aB- daß sie in der | der Freiherr eben recht weltvergessen in Len Flitterwochen schwär-
1 «SS-Ste* * •** b°° «•ä**9**- Ä'Ä'ffÄ8'Ä ** s Baß d^se Hund schon so lange erwartet,
™ aug Aeberraschung, sondern vielmehr wegen völligen Mangels an Aeberraschung gar nicht wußte, wie sie antwort aK, li.e r» öevkgen IN wirklich bezaubernder Schön-
' gab ihr der Freiherr die Hand und umarmte und


