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haben dieses ehrwürdigen Baues Mauern umschlossen, als sie in her Freskenreihe aus dem Leben Karls des Großen ihren bildne­rischen Schmuck aus Alfred Rethels Künstlerhand empfingen. Ein Torso voll gigantischer Wucht, dem eines Schülers stümpernde Hand unter dem brausenden Zuruf der Menge zu einer Schein- Vollendung verholfen hat; das war das Los eines Lebenswerks, um dessen Gestaltung der erste monumental empfindende Künstler, den das deutsche Volk seit den Tagen Dürers und Holbeins wieder besessen, während der besten Jahre seiner karg bemessenen Schaf- fenszeit gerungen hat. Denn nur zwei knappe Jahrzehnte ungebro­chener Schöpferkraft waren Rethel vom Schicksal zugebilligt; dann versank er, Zkjährig, in der Macht des Wahnsinns. Was für Michelangelo das Juliusgrab, für Feuerbach die Deckengemälde der Wiener Akademie bedeuteten, das waren für Methel die Aache­ner Mathausfresken: die Tragödie seines Lebens. Jahrzehnte muh­ten vergehen, ehe die Machwelt das Fehlurteil revidierte und dem Drohen gab, was dem Grohen war: der Belehrung Zoll.

Mit welch stolzem Glücksgefühl, mit welch zukunftsfrohem fen begrüßte der 24jährige Künstler den ihm zugesallenen Auftrag, den groben Mathaussaal mit Fresken aus der Geschichte Karls des Grohen auszuschmücken, nicht ahnend, welch ein Danaergeschenk ihm damit zuteil geworden. Einstimmig war seinen Entwürfen der erste Preis bei der im Jahre 1840 ausgeschriebenen Äoniur» "renz zu gesprochen worden. Mun hoffte er, durch die Tat auf deut­schem Boden zu erhärten, was seinem Meister,dem unbekamnen, grohen Philipp Beit", desseneinfach-bescheidener^ aber echter Fahne" zugeschworen zu haben, er als die glücklichste Stunde fernes Lebens preist, in den hoffnungsgeschwellten römischen Tagen, rm gleichgestimmten romantischen Kreis von S a n I s i d o r o als höch­stes Ideal vorgefchwebt hatte, die Wiedererweckung der Fresken­malerei Lieber alle Gegensätze hinweg, die diesen vvrwärtsstreben- den, der bläulichen Art der Nazarener so ganz wesensfremden Schüler von dem ein Leben lang im Banne der Lehren und Irr­lehren der Momantik stehengebliebenen Meister trennte, hatte die liess, das innerste Sein der Mazarener durchdringende Auffassung von Der Heiligkeit der Kunst ihr einigendes Band um dies ungleiche Künstlerpaar geschlungen. Lind was hier über alle Verschieden­heiten hinweg zum verbindenden Prinzip geworden, das bildete E- -erseits die trennende Kluft, die Methel von dem mehr äuher-

Kunstbetrieb der Düsseldorfer Schule schied, deren Einfluß er sich durch den Exodus nach Frankfurt entzogen hatte während wiederum jene Düsseldorfer Lehrjahre, ebenso wie sein eigener gesunder Wirklichkeitssinn ihn zum schützenden Schild gegen die mystischen Verstiegenheiten und Verschwommenheit der nazarenischen Malerei diente. Aus Sah und Gegensatz schwang sich Methel empor zum nächsthöheren Prinzip und war ein Eigener und Freier. So gerüstet trat er heran an jenes Werk, das seines Schaffens Krönung, seines Lebens Dornenkrönung werden sollte.

Die Briese Methels an seine Mutter, in denen der erste überschäumenöe Glücksjubel über die ihm zugefallene große Auf­gabe widergeklungen hatte, sie wurden nun zum Zeugen jener allmähliche die brennende Arbeitsbegieröe und Schaffenslust er­stickenden Hemmungen, jener unerquicklichen Verhandlungen und andauernden Streitigkeiten wegen der Aachener Saalgestaltung. Während sein Künstlerwille danach. drängte, den Gestalten, die in seinem Geiste lebten und auf dem Karton nach und nach ein kraftvolles, wenngleich noch farbloses Dasein gewannen, ihre letzte Gestaltung im Fresko zu geben, schleppten sich die Verhand­lungen noch jahrelang trostlos dahin und schon in einem Brief aus dem Jahre 1842 klagt er, daß er zwar jetzt im Degrrfstz flehe, den Vertrag abzuschließen, daß er aber nunmehr auf alles Unvorhergesehene vorbereitet sei. Doch erst nachdem Methel in tvohlbegreiflicher Ungeduld seines lange zurückgedämmten Schö^ferwillens den Machtspruch Friedrich Wilhelms IV. persönlich angerufen hatte, war es ihm im Jahre 1846 endlich vergönnt mit der Ausmalung des Mathaussaales zu beginnen.

Freilich, für das Werk selbst bedeuten diese Jahre der auf­gezwungenen Verzögerung, diese furchtbaren Entwicklungs- und Meifejahre im Werdegang ihres Meisters, einen unsagbaren Gewinn. Fällt doch in jene Zeit Methels Pilgerfahrt zu der hohen Stätte monumentaler Malerei, nach Rom, wo besonders Raffaels vatikanische Fresken mächtig aus ihn einwirkten, und auch unter seinen eigenen Werken fand damals ein geschichtlicher Zyklus in der Hvlzschnittfolgc desKarthagerzuges" seine Gestaltung, der, zufammengepeßt in den kleinsten Rahmen, ein Drama voll Packender Größe vor uns abrollen und uns die zwingende Ge­walt Der Aachener Fresken ahnen läßt, wenn sie der einheitlich gestaltenden Hand ihres Meisters, ungehemmt von äußeren Ein­flüssen nach dieser Schulung im Kleinen entquollen waren.

Von den 8 Szenen der Aachener Dilderfolge zeigen die vier von dem Meister eigenhändig ausgeführten:Der Sturz der Jrminsäule" ,Die Schlacht von Cordova",Der Einzug Karls in das besiegte Pavia" undOtto III. öffnet die Gruft des toten Kaisers Karl" Rethel gleichermaßen als den machtvollen Bän­diger wildtobender Kampfesmassen, wie als den Gestalter, nwje= statischer, ruhevoller Größe. Wie hier in derSchlacht bei Cor­dova" der entfesselnde Kampf dahintobt, gebändigt von rem Stilgefühl seines Schöpfers, wie Der keuchende Atem jener Dresdener Revolutionstage des Jahres 1848, der Geburtsstunde dieses Kartons, darin wiederzuzucken scheint, das ist öon, der gleichen grandiosen Gewalt wie dort imEinzug von Pavia dre

alles beherrschende Gestalt Karls des Großen, der hoch zu Roh, jeder Zoll ein Sieger, einzieht in die eroberte Stadt. Lind das stillste und doch packendste Bild der ganzen Freskenreihe, Otto III. in der Gruft Karls Les Grohen" kündet von der noch im Tode alles niederzwingenden Gewalt des stolzen Franken­kaisers, von der heiligen Macht überragender Größe. T

Wir können es heute gar wohl verstehen, wenn eine Zeit, die in der südlichen Ritterromantik der Düsseldorfern schwelgte, die an die Theaterschlachten, an die Waffen- und Rüstungs­paraden der Plüddemann, der Schnorr von Carolsfeld und Kaulbach gewohnt war, diesen herben Kunstwerken, denen die einschmeichelnde Glätte und der weichliche Farbenschmelz gänzlich gebrach, befremdet und verständnislos gegenübertrat. Was Rethel in den Jahren der endlichen Ausführung der Fresken erlebte. Las war ein völliges Versagen der Mitwelt seinen Schöpfungen gegenüber. Seine Briefe geben Kunde, wie bitter der ehrgeizige Mann seelisch und körperlich darunter gelitten hat; denn keine der törichten Kritiken des Publikums blieb ihm erspart, da der Rat­haussaal, auch während er in der drückenden Sommerhitze auf dem Gerüst an der Vollendung der Fresken arbeitete, der rück­sichtslos ihre Meinung verkündenden Menge zugänglich blieb. So empfand er dies Werk immer mehr als eineZerstörerin seiner Lebensfreude", alseine Tyrannin", unter deren lastender Wucht der nervös überreizte, unglückliche Künstler geistig völlig zu­sammenbrach. Linvollendet lieh er sein grohes Lebenswerk zurück, als er dem furchtbarsten Tod geistiger Llmnachtung anheimsiel.

Seinem unähnlichen Gehilfen Kehren ward die Ausführung der noch ungemalten vier Fresken nach den Kartonentwürfen seines Meisters übertragen und so gut verstand er mit seiner glatten, süßlichen Farben- und Formgebung den Geschmack der Menge zu treffen, Loch man ernstliche daran dachte, von seiner Hand und in seinem Stile auch die Fresken Rethels übermalen zu lassen. Mur der energische Widerspruch einiger Weniger verhinderte diese Tempelschändung.

Heute, da Las Aachener Ratha . . widerhallte von den Kämpfen wahnwitziger Banden, da zittern wir wiederum um die Erhaltung dieses unersetzlichen Kunstgutes, verzweifelnd daran, dah auch an diesen Eindringlingen die stumme Majestät des toten Kaisers ihre Wacht erweise und sie in die Knie zwinge wie einst den die Gruft öffnenden Machfahren.

Das Quartett.

Bon W. H. Riehl

Viertes Kapitel.

Mur zu rasch, verschwanden die Festtage, welche durch Haydns Besuch wie mit goldenen Lettern in die Chronik des musikalischen Schlosses eingezeichnet wurden. Der Freiherr und die Gräfin fanden sich. aber auch nachher je in besonderer Weise angeregt Von dem freundlichen Wesen des schlichten Mannes.

Helene hatte viel gelernt, nicht für die Musik, sondern fürs Leben. Sie hatte sich einen grohen Künstler ganz anders gedacht: hoch, hinaus, siegesbewuht, voll der eigenen Weisheit, lobbeöürf- tig und schwer zu befriedigen, so etwa ein männliches Seitenstück ihrer eigenen Art. Statt dessen fand sie einen gemütlichen Alten, der fidi nicht besser dünkte als andere Leute, ja, der sichS gar niemals merken ließ, dah er eigentlich ein berühmter Wann sei. Mit edit weiblichem Scharfblick erkannte sie sofort das Reizende dieses anspruchslosen Wesens und mit echt weiblicher Geschmeidig­keit ging sie nachahmend alsbald selber darauf ein. Sie sah, wie sehr dies Haydn und dem Freiherrn gefiel, und so gefiel auch sie sich denn in der natürlichen Rvkl-e und spielte sie so feint, daß Kunst und Matur dem schärfsten Auge nicht mehr zu unter­scheiden waren.

Der Freiherr hatte diesmal von Haydn nichts gelernt, weder als Mensch noch als Bratschist, und so innig er sich an rhm erfreut«, war doch seine Schwärmerei zu unmittelbar, als dah er gerade jetzt besonders scharf über des merkwürdigen Mannes Worte und Wesen nachgedachl hätte.

Die Gäste reisten ab; es ward leer und still im Schlosse. Der Scklohherr empfand diese Stille zum erstenmal in seinem Leben unbehaglich. 2Ibci seltsamerweise vermißte er den alten Haydn weniger als die Gräfin. Sie mußte doch nicht so gar unaus­stehlich fein, denn sie hatte ja Haydn, dem gewiegten Kenner, schier besser gefallen als die ganze übrige Gesellschaft; sie allem hatte ihn vermocht, bas Menuett mitzugeigen, ja, beim Adagio in A sprach er gar von einem Borschaiien ihres Bildes Heleste und ein Hahdnsches Adagio! es mußte doch Poesie auf diesem Bilde ruhen.

And während der Freiherr solchen Gedanken nachhrng, wurde es ihm bald kalt, bald warm, als schleiche ein leises Fieber durch seine Seele.

Erneu Augenblick sprach er recht kühl und vernünftig:He­lene Rjnkt mrr jetzt so schön, weil sie mich an so schöne Tage erinnert Ich. bin verliebt in den Traum dieser Tage, soll ich mich öarunr in Helene verlieben? Sie gefällt mir, weil sie Haydn gefallen hat: liebt man jemals ein Mädchen, weil sie einem anderen gefällt? Sie ist: mir ein Sinnbild der ver­klungenen Musikherrlichkeit: soll ich wohl gar ein Sinnbild hei­raten?"