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»tt bclMffnetei Augen kommen, aber auch mit vewaffneten Herzen — solche Phänomene betrachten, um dann in „stumme Bewunderung" auszubrechen? Wie verschieden von dem gesunden, frohen, Natürlichen Mädchen, das mit Anschuld in Auge und ütmi solches betrachtet. Auch sie verstummt; aber gleichwie Jungfrau Mama «inst, birgt sie es tief in ihrem Herzen. . .,
Am wahre Demut zu lernen (mit diesem Ausdruck will ich den besprochenen Sinneszustand bezeichnen), ist es gut, das! der Mensch aus dem Getümmel der Welt sich zurückzieht (wir sehen puch, bah Christus sich zurückzieht, sowohl lvenn er anfangen soll, den dornenvollen Weg zu betreten, als wenn das Volr ihn zum König ausrrisen will); denn im Leben ist entweder der depre- mierende oder der elevierende Eindruck zu übermächtig, als das) das wahre Gleichgewicht zustande kommen kann. Hier entscheidet natürlich die Individualität viel; denn gleichwie fast ;eder Philosoph die Wahrheit gefunden zu haben glaubt, fast jeder Dichter den Parnah erreicht zu haben, so finden wir auf der anderen Seite viele, die ihre Existenz ganz an einen anderen knüpfen wre em Parasit an die Pflanze, in ihm leben, in ihm sterben (z. D. die Franzosen im Verhältnis zu Aapoleon). Aber mitten in der Ratur, wo der Mensch-, frei von der oft qualmigen Luft des Lebens, freier atmet, hier öffnet sich- die Seele willig jedem edeln Eindruck. Hier tritt der Mensch, heraus als der Herr der Aatur, aber er fühlt auch, dah in ihr ein Höheres sich zeigt, etwas, vor dem er sich beugen mutz; er fühlt eine Aoiwendigkeit, sich hinzugeben der Macht, die das Ganze regiert. (Ich mag natürlich nicht reden von denen, die in der Aatur nichts Höheres sehen als Masse, — Leute, die in Wahrheit den Himmel für eine Käseglocke halten und die Menschen für Maden, die darin leben.) Hier fühlt er sich grotz unr- klein zumal, und das, ohne der Bemerkung Fichtes (in „Die Bestimmung der Menschen") von einem Sandkorn als die Welt konstltu» irrend zu bedürfen, eines Satzes, der dem Wahnsinn sehr nahe liegt.
Frauengestalten aus dem Gsethekrreise in der Thule".
Von R. K au litz - A i e d e ck.
Letzte Sonnenstrahlen eines inüde gewordenen Herbsttages beleuchten das Stratzenband, das sich aus Reval hinauswindet rin Stück Meeresstrand zeigt und an der Spitze der Halbinsel endet. An trostlos grünen, verwaschenen Holzhäusern klebt Tatenlosigkeit; am Strand gähnt verlassen ein großes, stilles Lager, auf dem Kriegsabrüstungsarbeiteu getan werden. Der Wegabschnitt hält die inüde Stimmung fest. Selbst der moderne Steinhauser- blvck nach deutschem Einschlag, mit vielen Wohnungen erfreut nicht. Angepflegt sind Türen, Fenster und Dalkone. Weit ab zieht hier die Gemütlichkeit. Zwischen Stadt und Vorstadt halten sich neben rutzschwcirzem Gisenbahnkörper Kohlfelder und kümmer- liche Gemüsestücke.
Hier draußen liegt endlich das alte, große Totenfeld von Reval. Mächtige, ausladende Kastanienbäume, unter rostgelbem Laub überdunklen wie Todesfittiche den ganzen Gottesacker und verbergen zahllose halbverwischte Totenhügel. Sterbensmüdig- keit lagert unter den feuchten Baumschatten, und gewiß geht schon im Lenz hier manche junge Blüte ein. Dieser Friedhof im nordischen Lande hat in einem Teile große Aehnlichkeit mit dem .Pore Lachaise". Düstere Grabkapellen liegen in einer Hügelreihe, die letzten Kammern baltischer Adelsgeschlechter, darunter viele nusgestorbene Aamen. Die Wappen sind zerschlagen, die Grabplatten zum Teil aufgesprungen, ungepflegt und vergessen. Eine stille Geschichte Revaler Handelsgeschlechter verraten die Grab- denkmäler, die in frommer Treuherzigkeit oft die ganze Lebensbeschreibung der Toten enthüllen. Langsam verwischen aus verdunkelten Steinen auch Rainen bekannter Reichsdeutscher, die hier im fremden Lande in Gelehrten- und Künstlerkreifen irdische Ehren fanden.
Der Ziegelskoppler Friedhof birgt auch eine Goethe- Erinnerung. Hier ruht unter einem mächtigen Steinaltar in Biedermeier-Zierlichkeit, unter wölbenden Kastanien eine Jugendbekannte Goethes, die Sängerin Mara - S ch m e h l i n g. Als ein „erregbares Studentchen", wie Goethe sich Zelter gegenüber selbst bezeichnete, hatte er 1771 der „Madem. Schmehling wütend applaudiert". Ihre eigen schöne, hell« und starke Sopranstimme hat der Dichter während seines langen Lebens nicht vergessen. Als die berühmte, vielgefeierte Künstlerin ihren 80. und endlich 82. Geburtstag beging, da dichtete der Greis die Greisin zart und sinnig noch einmal an. Mara-Schmehling verbrachte ihren Lebensabend in Reval oder, wie Goethe sagte, in der „Altima Thule", und hier in Reval gaben ihr die kunstfreundlichen Kreise ein Jubelfest. Da flog auch ein Blatt von Goethe zu ihr mit einer wehmütigen; Rückerinnerung an eine ihrer Glanzarien:
„Dort, wo alles wohlgelang, Anter die Beglückten
Ditz dein herrschender Gesang
-Mich, den Hochentzückten."
And I83l dichtete er auch für das 82jährige Geburtstagskind |ene ergreifenden, anmutigen Verse, über denen schon der Hauch einer Lebensmüdigkeit weht-
„Sangreich war dein Ehrenweg, Jede Brust erweiternd;
Sang auch ich auf Psad und Steg, Müh und Schritt erheiternd.
Rah' dem Ziele denk ich heut Jener Zeit, der süßen;
Fühle mit, wie mich's erfreut.
Segnend dich M grüßen."
Es hat den greisen Dichter herzlich gefreut, als ihm dks Sängerin einen gerührten Dank schickte. Zwei Jahre darauf starb sie in Reval, wo sie in aller Zurückgezogenheit, doch nicht vergessen, gelebt hatte. In ihren Grabstein liehen ihre treuen Freunde einmeiheln:
„Hier ruht die Sängerin Mara, sie, die einst ganz Europa in Entzücken und Bewunderung versetzte. Heilig sei diese Statte jedem Freunde des Schönen und der Kunst."
Die Zweige einer alten Kastanie betreuen den Stein, auf dem noch folgende Daten stehen:
„Getr. Elisabeth Schmehling, verehelichte Mara, geb. in Kassel 23. Febr. 1749, gest. in Reval 8. Jan. 1833."
Ein reiches, aber auch sturmbewegtes Menschenschicksal knüpft sich an den Aamen. Die von Königen und Großen in vielen Reichen bewunöSrte, von einer ungezählten Menge geliebte und verehrte Sängerin hat kein ungetrübtes Lebensglück genossen und den Seelenfrieden erst in späten Jahren gefunden, als sich- über ihren Künfllerruhm schon leise Schleier des Vergessens legten. Eines dürftigen Musikers Kind, fiel Elisabeth Schmehling zuerst als Violinkünstlerin in Leipzig auf. Em englischer Gesangsmeister bildete sie darauf im Gesang aus. Durch ihre seltene Strmmis entzückte sie unter ihren begeisterten Zuhörern auch; den jungen Goethe in Leipzig. Als sie 1771 von Friedrich dem Großen nach- Berlin an die Hofoper gezogen wurde, wuchs ihr Ruhm ins Anermeßliche. Wenn sie mit ihrer Hellen, machtvollen und doch so innigen Sopranstimme sang, namentlich in der Oper „Dri- tannicus" dann pochten die Herzen in wildem Glück. Sie sang mit „einer „Donnerstimme und mit mütterlicher Weiblichkeit," sagt Zelter, „daß mir die bittersten Tränen aus den Augen stürzten Es war, als wenn tausend Aachtigallen um Rache schlugen." Ihr Herz schenkte sie in Berlin dem kgl. Violoncellisten Mara Da Friedrich- der Große ein Ehebündnis mit dem Violinkünstler seines Bruders nicht zug-eben wollte, floh das Paar. Ibn den Abgesandten des Königs wieder aufgegriffen, traf die Liebenden eine harte Strafe: Mara wurde als Pfeifer in ein Küstriner Regiment gesteckt. Elisabeth Schmehling schloß aber einer Vertrag auf Lebenszeit und erreichte damit die Erlaubnis, ihren geliebten Mara zu heiraten. Duld flohen die Liebenden ein zweites Mal aus ihrem goldenen Käfig, der König löste jetzt den Vertrag Die Sängerin zog nach England, wo sie bis 1802 als angeschwärmte berühmte Konzert- und Kirchrnsängerin wirkte. Aamentlich sang sie in den großen Handel-Gedenkfeiern in der Westminsterabtei die Sopranpartien. Auf ihr Ehebündnis fiel viel Leid Mara grub sich seinen Antergang. Doch selbst im tiefsten Elend hat sie ihn nicht ganz verlassen. Er starb vergessen und fremd in Rotterdam im Jahre 1808. Als ihr Zelter einmal seine Bewunderung über ihren Edelmut und ihre Aachsicht ausdrückte, antwortete sie bewegt: „Er war der schönste Mann, den man sehen konnte."
Roch eine zweite Frauengestalt aus dem Goethekreise hat hier in Ziegelskoppel ihre letzte Ruhestätte gefunden: die schöngeistige Generalin von Berg, die m.it ihren Töchtern in Goethes Hause in Weimar verkehrte. Ihr hatte Goethe einmal einen Jasminzweig übersandt, den sie aus dem Gute ihres Bruders in Heimthal bei Frllin' in Estland einpflanzte. Ihr Grab bezeichnete eine große schöne Ame, im Geschmack der ersten Jahrzehnte des voiigen Jahrhunderts. Ein Ahornbaum breitet seine Zweige darüber aus Die Rachmittagssonne scheibet und nordische, kalte Winde blasen über die alten Gräber. Da spürt's der Goethe- freund, daß sich eine neue Welt zwischen Goethes Weimar und diesen alten Gottesacker, der „Altima Thule" drängt.
Aachen in seiner Kaiserpracht.
Die Tragödie der Rethelschen Rathausfresken.
Von Dr. Hedwig Fischmann.
War's ein Satyrspiel, war es der erste Akt eines weltenbewegenden weltenzertrümmernden Trauerspiels, auf den in diesen Tagen Karl der Grvtze, von Rethels Meisterhand gemalt, zornig herabgeblickt, als hier, auf der Könungsstätte der deutschen Kaiser, der Separatisten frevle Hand einen köstlichen Stein aus dem einst soesestgesügten Dau des Reiches lvszubrechen suchte? Roch wissen wir es nicht. Aber der alte Geist des Reides und der Zwietracht, der unter des großen Frankenkaisers kleinen Rachfahren sein Werk zerristen und zerstückelt hat, er schwelt, von westlichem Wind ange- facht, einer giftigen Flamme gleich unter dem Bode«, der einstmals Karls des Großen Pfalz, getragen.
Doch eine echte Tragödie von zermalmender Wucht, die Tragödie der strebenden und ringenden Künstlerseele, den immer neu- aeborenen Zwiestreit zwischen dem Zukunftsreich der Kunst uno dem am ewig Gestrigen haftenden, dumpfen Arieil der Menge


