Samstag, 10. November
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1923 — Nr. 45
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Hoffnung.
Don Stephan George.
And wenn im schlimmsten jammer letzte Hoffnung Zu löschen droht: so sichtet schon sein aug’ Die lichtere zukunft. Ihm wuchs schon heran Anangetastet von dem geilen markt Don dünnem hirngeweb und giftigem flitter Gestählt im banne der verruchten jahre Ein jung geschlecht, das wieder mansch und ding Mit echten maaßen mißt, das schön und ernst Froh seiner einzigkeit, vor fremden stolz, Sich gleich entfernt von klippen dreisten dünkels Wie seichtem sumpf erlogener brüderei Das von sich spie was mürb und feig und lau Das aus geweihten träumen tun und dulden Den einzigen der hilft den mann gebiert. . . Der sprengt die ketten fegt auf trümmerstätten Die Ordnung, geißelt die verlaufnen heim Ins ewige recht aro großes wiederum groß ist ■ Herr wiederum Herr, zücht wiederum zücht, er heftet Das wahre sinnbild auf das völkische banner Er führt durch sturm und grausige signale Des frührots seiner treuen schar zum werk Des wachen tags und pflanzt das Neue Reich.
Stolz und Demut.
Aus den Tagebüchern Sören Kierkegaards.
Kierkegaard, der bedeutendste Denker und Prosaschriftsteller Dänemarks (1813—1855) hat seit langem mit seinen religiösen Schriften auch in Deutschland eine große, dankbare Gemeinde. Seine theologischen Streitschriften sind seit langem Gegenstand eifriger Erörterungen weitester theologischer Kreise. Die nun im Brenner-Derlag, Innsbruck, in einer ausgezeichneten Aebersetzung und sehr glücklichen Auswahl Theodor Haeckers herausgegebenen ,,Tagebücher" führen zu dem Menschen Kierkegaard, des- sen ßecsn, Ddh Qlnfang bis zu ®nbe, neid) einem treffenden Worte Ernst Michels (Die Tat V, 2) „der Kampf einer überragenden Persönlichkeit um sich selbst, um ihre geistige Existenz war". Nirgends vollzieht sich diese Auseinandersetzung mit sich und der Welt klarer und offenbarer als «uf diesen Lagebuchblättern. Aber auch in ihnen bricht der Wille durch, den Leser mit in seinem Kampf hineinzuziehen, rhn zur Abrechnung mit sich selbst zu zwingen. „Sein Leser ist jener einzelne, der um sein Selbst kämpft, nicht jener, der anderer Kämpfe ästhetisch genießt."
« rs29' 2uli.j Wenn man von Keven über Sortebro auf die nackten Selber geht, big entlang dem Strande ziehen, ungefähr eine Diertel- Dvrden, kommt man zu dem höchsten Punkt hier, näm- ncy Grbbjerg. Dieser Punkt ist immer eine meiner Lieblingsstellen ivenn ich hier stand an einem stillen Abend, wenn oas Meer mit tiefem, aber stillem Ernst seinen Gesang anstimmte; wenn mein Auge nicht einem einzigen Segler begegnete auf der ngeyeueren Fläche, sondern das Meer den Himmel begrenzte und .Himmel das Meer; wenn auf der anderen Seite des Lebens oeir,edsames Lärmen verstummte, und die Dögel ihr Abendgebet $. P€n 7 da stiegen aus den Gräbern für mich die wenigen lieben ren, oder besser gesagt, es kam mir vor, als wären sie nicht ge
storben. Ich fühlte mich so wohl in ihrer Mitte, ich ruhte mich au« in ihrer Amarmung, und es war mir, als wäre ich außer dem Ueibe und schwebte in einem höheren Aether mit ihnen — und .oec heisere Schrei der Möwe erinnerte mich daran, daß ich allein stand, und alles verschwand vor meinen Augen und ich kehrte zuruck mit Wehmut im Herzen, um mich in das Gewühl der Welt zu mischen, ohne doch solche selige Augenblicke zu vergessen. — üft stand ich hier und schaute aus über mein vergangenes Leber, über die verschiedenen Amgebungen, die Macht auf mich aus- geübt hatten: und das Klemliche, das so oft im Leben Anstoß gibt, die Wielen Mißverständnisse, die so oft Gemüter voneinander trennen, die, wenn sie recht einander verständen, mit unauflöslichen -öan&en sich Slsiammenknüpsen würden, schwanden hin vor meinem betrachtenden alick. Wenn das Ganze — in solcher Perspektive Wehen — nur die größeren, die kräftigeren Amrisse zeigte, und s° Nicht, wie man so oft tut, im Moment mich verlor, sonder» das Ganze sah in seiner Totalität, da stärkte ich mich die Dinas anders anzugreifen, zu gestehen, wie oft ich selber Mißgriffe ge- ian hatte und anderen zu vergeben. — Wenn ich hier stand, ohne daß Verstimmtheit oder Verzagtheit mir miefr selbst als eine Enkli» tifon zu den Menschen sehen ließ, die gewöhnlich mich umgeben, oder ohne daß Stolz mich selbst zu dem konstituierenden Prinzip in einem kleinen Kreise machte, — wenn ich so hier stand, allein und verlassen, und die Macht des Meeres und der Kampf der Elemente mein Nichts erinnerten, und aut der andern Seite der sichere Flug der Dögel mich an Christi Worte erinnerte: „Nicht ein Sperling fallt zur Erde ohne den Willen eures himmlischen Da» ters : da fühlte ich auf einmal, to|e groß und wie klein ich bin; da hatten jene beiden großen Mächte: Stolz und Demut, freundlich sich vereinigt. And glücklich ist der Mann, für den dieses möglich ,st in jedem einzelnen Moment seines Lebens; in dessen Brust jene beiden Faktoren nicht bloß einen Vergleich geschlossen, sondern einander die Hand gereicht und Hochzeit gehalten haben — eine Ehe. . we^r eine Dernunstehe noch eine Mesalliance ist, sondern eine in Wahrheit stille Hochzeit, gehalten in der tiefsten verborgenen! Kammer des Menschen, im Allerheiligsten, wo nicht viele Zeugen zugegen sind, sondern wo alles vor sich geht allein vor den Augen d e s s e n, der allein der ersten Hochzeit beiwohnte im Garten Eden und das Paar segnete, — eine Ehe, die auch nicht unfruchtbar bleiben, sondern gefegnete Früchte haben wird, was auch in der Welt sich zeigen wird vor dem Blick des erfahrenen Beobachters; denn mit diesen Flächten geht es wie mit den Kryptogamen in der Pflanzenwelt; sie entziehen sich der Aufmerksamkeit der Menge, stnv nur ein einzelner Forscher sucht sie auf und freut sich an feinem Fund. Ruhig und still wird sein Leben hinfließen und er wird weder des Stolzes berauschenden Becher, noch» der Derzweif- Mng bitteren Kelch teeren. Er hat gefunden, was jener große Philosoph — der durch seine Berechnungen die Angriffswerkzeuge der Feinde vernichtete — wünschte, aber nicht fand: jener« archimedischen Punkt, der eben deshalb außer der Welt liegen muß, außerhalb der Schranken von Zeit und Raum.
Hier habe ich das Meer sich kräuseln sehen bei einem sachten Lüftchen, es spielen sehen mit den kleinen Steinen; hier habe ich 'Ewe Oberfläche sich wandeln sehen zu einem Ungeheuern Schneegestöber und den Baß des Sturmes anfangen zu fistulieren gehört; hier habe ich, sozusagen die Entstehung der Welt und ihren Anter» 9?r5 gesehen 2ln5[i.cte, die in Wahrheit Schweigen gebieten. Doch wozu diese Ausdrücke, die so oft entheiligt werden? Wie oft begegnen wir nicht diesen sentimentalen Blondinen, die, wie Nhm» pben 'n weißen Kleidern, mit bewaffneten Augen - von ihnen /gilt, was Ghnther bei einer anderen Gelegenheit sagt: „Leute, die


