toanberten großenteils ins ferne Ausland, nach Belgien, Holland und Frankreich, um dort verarbeilel zu werden! Den Fährlohn, den man erhielt, die Blöcke zur Verladung an den Rhein zu schissen, nahmen viele als den höchsten für die Gegend aus dem edlen Rohstoff zu erzielenden Gewinn. AlS vor Jahren von Staats wegen eine Musteranstalt für die Verarbeitung des Tones, namentlich für die mehr künstlerische zu feineren Gesäßen, errichtet werden sollte, sträubte man sich dagegen, weil man den Frachtgewinn für die rohen Blöcke einzubüßen fürchtete!
Erst als zuletzt der rechte Mann kam und ben Leuten aus dem Krugbäckerlande fast täglich ins Gewissen hinein predigte, das) nicht in der Ausfuhr des Rohstoffes, sondem in der möglichst verfeinerten Verarbeitung desselben der beste Gewinn für die Gegend liege, raffte man sich aus. Die Krugbäcker einten sich zu freien Innungen, die fröhlich gedeihen, warfen sich auf feinere, kunst- mähigere Arbeiten, die sich zusehends einen immer gröberen Markt erobern, so daß man jetzt dieses Handwerk nur noch künstlerisch etwas reicher befruchten mühte, um die alte hohe Westerwälder Krugbäckerei in eine Kunstindustrie zu verwandeln, die für den Westerwald ebenso bedeutsam werden könnte, wie die Hhren- macherei für den Schwarzwald.
Aus dem hohen Westerwald brauchen die Kirschen zwei Jahre Zeit, um reis zu werden. 3m ersten Jahre nämlich wird die Frucht auf dem einen Backen rot und im folgenden aus dem andern. Mit diesem kleinen Zug hat der Volkswitz die ganze Obstkultur des Landstrichs meisterhaft gezeichnet. Man kann in minder Durch- schnittssumme rechnen, dah hier auf 4000 Morgen Landes etwa drei Morgen Gartenland kommen. Dem A tge des R x?i iländers macht es einen sibirischen Eindruck, dah längs der Landstraßen Ebereschen und in den Gärten wohl gar Tannen statt der Obstbäume stehen. Der Boden ist großenteils ausgezeichnet, aber der jähe Windstrom, welcher durchs ganze Jahr lie kahle Hochebene fegt, läht keinen Obstbau aufkommen, und die Näste die'es Rebel- unb Regenlandes hat selbst die edleren Getreidearten verbannt. „Rvrdteeststurm und aller Weiber Gegreine hat nimmer ein Ende."
Das Register der vornehmsten Westerwälder Ackervslanzen läht sich leicht auswendig behalten: Kartoffeln, Hafer und Gerste. Gesottene Kartoffeln, Kartosselbrot und Kartrf elbranntwein sind der tägliche Küchenzettel gar manches HaiiSbal.S. Dazu streift morgens, mittags und abends der Kafseerefsel, der hier ganz in die häuslich gemütlichen Rechte des Teekessels der Küstenländer eingetreten ist.
• Sowie der südliche Abhang des Westerwaldes eine selbständige Gewerbeblüte gewönne — und die Ratur hat so vielen Anhalt dazu gegeben — würde er aushören, ein vorgeschobener Posten Westfalens zu fein. Er würde aus dem verö'e en Grenzwnll ein wichti« er streitiger Grenzgau werden, auf welche > Nieder deutsches und mtmeldeutsches Kulturleben mindestens gleichen Anspruch erheben könnten.
Auf der Rhön kreuzen sich die Heberlieferungen uralter Ar- mut mit denen früherer Gewerbsblüte. Die historische Armut haftet dort mehr an den einzelnen Tälern und Hochlagen als am ganzen Gebirg,
Schon eine Menge Ortsnamen bezeugen dann als epigrammatische Geschichtsurkunden aus grauer Vorzeit, dah von Anbeginn Armut, Oebe und Düsterheit das Grundwese i solcher Striche gewesen sei: Sparbrod, Wüstensachsen, Kal ennordheim, Wildflecken, Schmalenau, Dürrhos, Dürrfeld, Todtemann. RabenstÄn, Rabennest, Teufelsberg, Mordgraben usw. 3m Geiste der E y- mvlogie des 18. Jahrhunderts leitete man den Rainen der Rhön selbst frischweg von „rauh" ab.
Die Armut, wo sie von einer kargen Ratur ausgedrungen wird, erhält bis zu einem gewissen Grade das Volk hart und kraftvoll: die Armut der Zivilisation mach! das Geschlecht siech und elend. Der Westerwälder, ob er gleich wenig Fleisch isset, ist doch ein starker Mann. Die Weiber sind meist massiver von Knochen und Muskeln, als der Begriff weiblicher Schönheit verträgt. Die Wucht einer Westerwälder Faust, wenn sie Schläge austeilt, hat historischen Ruf. Jene deutschen Heerscharen, deren Blut den alten Oraniern die Freiheit der Riederlande erobern half, bestanden wohl großenteils aus Westerwäldern. Ja die alten kraftvollen oranischen Fürsten selber mögen zu den Westerwäldern gezählt werden: ihre Burg stand auf den Vorbergen unsres Gebirges, und die heimatliche Linde, worunter Wilhelm der Verschwiegene mit den holländischen Gesandten Rats gepflogen haben soll, ist ein Westerwälder Baum. And unvergessen ist noch immer die Kunde der glorreichen oranischen Vorzeit auf dem Westerwald. Es gibt heute noch alioranisch gesinnte Westerwälder genug, denen das Herz ausgeht, wenn sie die Volkslieder von den Heldentaten in Holland hören. Wer sich überzeugen will, dah die Geschichte Hollands ein Stück deutscher Geschichte ist, der möge die Heber« lieferungen des ehemals oranischen Westerwaldes ausforschen. Holland hat ein kürzeres Gedächtnis gehabt, als das deutsche Volk. Die Linde des Oraniers auf den Dorbergen des Westerwaldes hot, länger standgehalten, als die Erkenntlichkeit Riederlands gegen Deutschland.
Solange es Volksgruppen gibt, deren volle jugendliche Triebkraft noch halb im Schlummer liegt, gleich der Triebkraft ihres heimischen, vom Anbau noch nicht ausgesogenen Bodens, Volksgruppen, die noch in den Flegeljahren ihrer Kulturgeschichte stecken.
wie die Westerwälder Dauern, solange soll man noch nicht vom Ende Deutschlands reden. Wenn die Mittagssonne der Zivilisation die Ebenen bereits versengt hat, dann wird von den kultur- armen Berg- und Hochländen, der Odem eines ungebrochenen naturfrischen Volksgeistes wie Waldesluft wieder neu belebend über sie hinwehen.
Man muh den Raturzuständen im Volksleben wieder gerecht werden und zwar nicht bloß in den Romanen, sondern auch in der wirklichen Welt. 3d) mochte, dah jede Seite dieses Buches für diesen meinen Glaubensar.iiel predigte, und wenn das vielleicht in Einseitigkeit geschieht, da in geschieht es doch jedenfalls auS begeisterter Hcberzeugung. Darum nehme ich den Wald in Schutz gegen baS Feld, baS Land gegen die Stadt, daS rohe, aber stark- und frohgemute jugendliche stcaturleben des Volkes gegen greisenhaft altklugen Sittenschlisf: und die Politit, welche solchergestalt mit der Erkenntnis von Land und Leu en anheb!, müßte eine färben- und gestaltenreiche f öhliche Kunst und Wissenschaft werden, nicht eine dürre, graue Kathederlehre.
3n den Proletariervierteln der Großstädte wohnt bas sieche, hektische, absterbende Volksle. en. 3n den abgelegenen Winkeln unsrer öden Gebirge dagegen, wo auch die armen Leute Hausen, ist der Kern deS Volkes noch immer kräftig und unverdorben, trotz der jahrhundertealten Oe.ßel von Hunger, Elend und Seuchen. Wie die Entartung untrer verbreitetsten Nutzpflanzen nicht vom mageren Boden, sondern von den fetten Fluren auSgega ig?n ist und sich von da eHidemisch als ein Fluch der HeoerfuLur über alleS Land verbreitet hat, so droht es auch mit der Entartung und Erkrankung beS Volkslebens zu gehen. Je e Ra ion. die nicht mehr eine gewisse Masse rohen Raturvoltes in ihren Ges amt kreis einschließt, ist ihrem Untergänge nahe. Kann sie sich ans sich selbst nicht mehr verjüngen, dann werden andre Völ e ü ’e; sie strömen, um sie wieder jung zu machen — aber freilich aus Kosten ihrer teuersten Besitztümer, ihres Stammes, ihrer Sprache, ihrer Sitte.
Der halbgebildet Städter dünkt sich hoch erhaben über den ungefügen, weltfremden Dauern des Ge irgs, verspottet den einfältigen Mann und merkt nicht, daß ihn beriet;e seinerseits hinter« drein auslacht. Der wahrhaft Ge il ete dagegen er. e int und ehrt die Raturkraft und sittliche Tüchtig eit grat jener veri,samten Volksgruppen, die den härtesten Kam's ums Dn ein führen und denen dieser Kamps eine stählende Schule ist, wenn sie auch sonst blutwenig geschult sein mögen.
Wer den Westerwald, den DogelSle g und die Rhön in ihrer schärfsten Eigenart beobachtet, wer den Eindruck von die ei Höhen alS „dem Leib deS VolkSgeisteS" mitnehmen will, der muß sie im Winter durchwandern, im Winter, wo der Siez der sp ö ei, unwirtlichen Ratur hier am vollkommensten erscheint und das Ringen und die Rot des Menschenba eins am schneidendsten sich dagegen abhebt. Kein andres deutsches Ge'ürg von g'- i h mäßiger Höhe wie der Westerwald sammel ein: s l he Hnmifi: toi Schnee auf seinem Rücken. An den Häusern, deren Strohdach ans der W-etterseite fast bis zur Erde herabzeht, wird der Schier vom Sturm oft dergestalt zusammwwefegt, daß man, von de - Weier« feite kommend, einen Hügel, nicht ein Ha is zu sehen glaubt. Der scharfe, weithin die L ft du H ringende G-ruch ' e aus st en Schornsteinen q''atmenben B mnnk 's len a che' macht, daß der Wanderer die verschneiten, in Rebel gehüllten Dörfer oft leichter auffinbet, trenn er der Rase, als wenn er dem Auge nachgeht.
Der Fall, daß einer ein Dorf in der Ferne sucht, während er — auf der Wetterseite — unmittelbar vor den Häusern steht, ist in harten Wintern auf dem hoben Westerwald nichts Seltnes. Oft genug werden die niete-et Hütten derart verschneit, daß Jdea Insassen das Tageslicht ausgeht, und daß Stollen und Gewölbe durch den Schnee von einer Haustür zur aide m ge traben werden müssen, um den Verkehr mit den Ra chbant wie erher,u st eilen. Wird der Arzt aus ein Dorf gerufen, da tn muß ec nicht fei en vorerst Mannschaft aufbieten, die vor ihm her den Weg auffchguselt. Würde der Wald noch in größeren Massen ge' egt, dann wäre auch die Zwingherrschaft der Schneestürme zur Hälf e ce' rochen.
Die vereinzelten Wälder erscheinen hier oben In ihrer schönsten BSenkung: als die Schuhhegen ter Landeskultur, als die Wälle und Vorburgen der Gesittung. Man fühlt da erst, was der Wald teert ist, wenn man, stundenlang vom Winde gezaust, plötzlich in seinen heiligen Frieden eintritt. Aus dem hohen Westerwalde hat man die Kirchhöfe fast überall am Waldsaume angelegt, selbst wenn man sie darum über die Gebühr vom Orte entfernen mußte. GS ruht eine dichterische Weihe auf dem Gedanken, baß die Leute ihre Toten vor dem Streit der Elemente in den schirmenden Burgfrieden beS Waldes geborgen haben.
Der getealtije Schneefall mit seinem Gefolge von Unfairen und Abenteuern bat für Rhön. Westerwald und V ^elsbe-J zu einem ganz eigenen volkstümlichen Geschichten- und (Sage, if reue den reichen Stoss gegeben.
ES liegt aber eine fiese Versöhnung mit dem Geschick in dein Hmflanbe, baß fast alle biefe Schneegeschichten, wie man sie sich hier in den Bauernstuben am Kachelofen, der „Hitze speien" muß, erzählt, einen humoristischen Grundzug haben. Der Schnee ist recht eigentlich der böse Dämon des Landes, und doch faßt ihn der Volkswitz am liebsten als den luftigen Kobold, der die Leute neckt linb anführt. Heber nichts wird den Fremden so viel vorgelogen und ausgeschnitten als über den ungeheuren Schnee. Es ist vorzeiten


