Theodor Fontane im Dichterweltstreit.
Fontane hat in der literarischen Vereinigung .Der Tunne?', in der er den Pegasus in allen Gangarten reiten lernte, sich häufig mit den Balladen-Genosfen im Wettstreit erprobt; aber daß auch der reife Dichter noch einmal zu dem mittelalterlichen Streitgedicht gegriffen hat, war bisher unbekannt. Wilhelm Hers« veröffentlicht nun im neuesten Heft der .Deutschen Rundschau" eine unbe- iannteTenzone, in der Fontane mit der Fürstin C l e v n v re Reuß feine poetischen Kräfte maß. 3n einer Berliner Abendgesellschaft im Jahre 1862 kam das Gespräch aus die verschiedenen Dichtungsformen, und man nannte auch die Tenzone, das Streit» gedicht, das von den Troubadours erfunden worden ist und m dem zwei oder drei Poeten eine im Eingang aufgeworfene tfrage in immer neuen Strophen behandeln. Die Fürstin und Fontane beschlossen nun ihrerfeits, diese romantische Form zu erproben und zwar wühlten sie das interessante Thema .S tadt oder Lan d . Fontane, in dem damals freilich noch niemand den Meister des realistischen Ron,ans ahnte, trat bezeichnenderweise für die Stadt ein und sandte der Fürstin am nächsten Morgen die erste Strophe, i*>„ran sich in Rede und Gegenrede weitere Bersreihen schloßen. Das Gedicht ist für Fontanes Weltanschauung, die die Schönheit der Großstadt entdeckte, austerordentlich bezeichnend, so dast ein paar Prosen aus feinen Versen mitgeteilt seien. Er beginnt die Tenzone mit folgenden Reimen:
.Stadt oder Land", so lautete die Frage, jlab meine Wahl vertrau' ich diesem Blatt, Dicht lange schwankt das Zünglein in der Wag«^ Links finkt die Schale, und ich rufe .Stadt. Ein Dorf, ein See, ein bistchen Waldidtzlle. Ein Storchennest, ein offnes Scheunentvr, Es reicht nicht aus. ich lobe mir die Fülle, Ich zieh' die Stadt, den Kampf, das Geben vor.
Die Fürstin, die als Dichterin durch ihr schönes Silvesterlied .Das Jahr geht still zu Ende, nun fei auch still mein Herz" bekannt ge» worden ist, tritt nun in ihrer Grwiderungsstrvphe für das Land ein, für den Wald und die Arbeit des Landmannes. Fontane aber ruft ihr daraufhin schwungvoll entgegen:
.Armselig Leben, das, so heuf wie morgen, Sich pflanzenhaft in engem Kreise dreht. Das ohne Herzschlag, ohne Glück und Sorgen Wie Gaub am Baume kommt und wieder geht; Dur da ist Geben, wo in ew'gem Wandeln, Die neue Stunde Deueres wirkt und schafft, Wo rastlos, gegen vorgeschrieb'nes Handeln, Sei« gut, fei'« böse, ringt die Menschenkraft."
Dun verweist die Fürstin auf den ewigen Gleichklang in der .heiligen Gottesordnung der Datur". Fontane aber weicht ans und nennt die Stadt als „Stätte aller Kunst". Als Eleonore behauptet, baf) die Kunst „im Stadtgewühl allein nie gedeiht", verweist er aus Shakespeares:
„Dem Schwan von Avon — ländlich grüne Wiesen, Sie weckten nicht das Lied, das in ihm schlief. Erst London war's, der Gärm des Themse-Riesen, Der Macbeth, Hamlet auf die Bühne rief.
Wohl frommt« dem Dichter, Wals und Feld zu Heben, t Vs frommt ihm wie Erholung, Ruhe, Schlaf, Doch nur in Städten ward von je geschrieben. Das Work, da« zündend alle Herzen traf."
Die fromme Fürstin lenkt nun wieder aufs Religiöse und erwähnt die Versündigung der Engel an die Hirten in der Weihnacht. Fontane aber lenkt zum versöhnlichen Schluß mit den Derfen:
„Aus Bethlehem ist alles Heil gefommen, Uno Bethlehem ist beides, Stadt und Gand."
Dom Februar und seinen Feiertagen.
Die Anordnung des Jahres ist nicht so unveränderlich gewesen, wie die meisten Menschen glauben. Schon die Damen der Monate Ottober bis Dezember, d. h. der achte bis zehnte, zeigen, dast das Jahr bei den alten Römern einmal mit dem März angefangen haben muh. In feinem „Festkalender" erzählt uns aber der römische Dichter Ovid auch, dast die zweimal fünf Männer, d. h. die Dezemvirn, die weit von einander getrennten Zeiten aneinandergereiht haben sollen. Der Januar war nämlich von König Duma Pomprlius an den Anfang, der Februar aber an das Ende des Jahres gefetzt worden; erst fett 450 v. Ehr. trat die heutige Anordnung der Monate em. Seinen Damen aber hat der Februar —nicht etwa von Febr is, das Fieber —, sondern von den Fe- brra, den Bräuchen zur Remigung der Gebenden und zur Sühnung **er Toten: er tfi also der Dersöhnungsmonat der Römer; die Februa sielen in seine zweit« Hälfte. Das Bolk schmückte die
Gräber mit frischen Blumen und brachte Totenopfer. Wir sehen hier also die Borläufer der Feste Allerseelen und Allerheiligen, die auf den 1. und 2. Rovember fallen und dürfen wohl annehmen, dast die zeitliche Trennung eine Folge der llmftellung des Februars ist.
Als Karl der Groste deutsche Monatsnamen einführte, erhielt -er Februar den Damen Hornung, d. h. der kleine Horn, eigentlich der Sohn des Horn, man gab ihm also denselben Dameir wie dem Januar, der in Mitteldeutschland noch Im 19. Jahrhundert der große Horn hiev, Bezeichnungen, die auf den harten Frost in diesen Monaten Hinweisen. Freilich kann der Hornung nicht mehr soviel ausrichten wie der Januar, er sagt deshalb zu diesem: .Hätt' ich die Macht wie du. so liest' ich erfrieren das Kalb in der Kuh!" Gleich zu Anfang des Monats, am zweiten, wird zur Erinnerung an Jesu Kommen in den Tempel zu Jeru» falem, wobei Simeon nach dem Gukas-Evangelium, Kap. 2, V, 23, von dem Kinde gesagt haben soll: „Ein Licht zu erleuchten die Heiden", Lichtmest gefeiert; die Kerzen werden vierzig Tag« nach dem heiligen Abend geweiht und ausgeteilt. An diesem Tage soll nach dem Bolksglauben in Deutschland der Bär aus dem Winterschlaf erwachen und sich noch einmal umsehen. Sieht er die Sonne scheinen, geht er in seine Höhle zurück und legt sich auf die andere Seite. Annette von Droste-Hülshoss hat uns in einem Brief an ihre Schwester das Volkslied mitgeteilt:
„Wenn de leine Lechtmih kümmt heran, Dann gelt de fröhliche Tyd an.
Dann lacht derwv (irgendwo) ein Specht, Dann fleutet derwo ein Knecht, Dann legt derwo en Hohn (Huhn), Dann kalft derwv ’ne Koh (Kuh), Dann geit alles in vollen Flore to.“
Bor allem sind die Tage zu erwähnen, die die Zeit vor dem vierzigtägigen Fasten um Jesu Tod abschließen. der Sonntag Esto- mihi, der Rosenmontag und der Fastnachtsdienstag, die eigentliche Fastnacht mit ihren lauten Scherzen und Spähen, ihren Maskenzügen, in denen sich noch Reste der römischen Bacchanalien und Luperkalien zeigen. Mit dem Dienstag ist der Fasching ober Karneval zu Ende, dessen Dame nichts mit der nun solgeirden Enthaltung vorn Fleischgenust (carne Dale«! Fleisch lebe wohl!) zu tun hat, vielleicht aber mit dem Carrus cavalis, dem Darrenschifs in den älmzügen; es folgt der Afchennittwoch. an dem der kathlolisch« Priester die Gläubigen mit geweihter Asche bestreut; die graue Zeit beginnt, die bis zum Gründonnerstag dauert. Vom Februar fei noch der 24., der Matthiastag genannt, mit der Wetterregel: „Mattheis bricht all Eis, findt er fein«, so macht er eins". In der Weltgeschichte lebt er als der Tag der 48er Revolution, die Louis Philipps Sturz und die zweite Republik in Frankreich herbeiführte. 3n der Literaturgeschichte ist der „24. Februar" dec Titel von Zacharias Werner« Schicksalstragödie.
Die deutsche Kulturarbeit im schleswigschen Grenzgebiet.
Die dänische Propaganda tritt in Mittel- und Südschleswig immer unverhüllter hervor, und es bedarf des Zusammenschlusses aller deutschen Kräfte, um ihr zu begegnen. Wie Dr. Klaus Witt in der Zeitschrift „Äiedersachsen" aussührt, leisten dabei die Hauptarbeit zwei große Organisationen: der „Wohlfahrts- und Schulverein für Dordschleswig" und der „Schleswig-Holsteiner Bund". Auch das Büchereiwesen hat durch die „Zentrale für Dvrdmark- büchereien" groste Förderung gefunden, indem 25 Standbüchereien in den Grenzdörfern eingerichtet wurden. 3n einer ganzen Reihe von Orten werden Jugendkurse verschiedener Art und deutsche Dortragsabende veranstaltet; auch Wanderredner sind tätig. Di« deutschen Zeitungen kämpfen gegen die Schmu hkonkurrenz der deutfchgesch'riebenen Dänenblätter einen schweren Kam; s; in diesem werden sie unterstützt von einer Reihe wertvoller Zeitschriften, wie den Zeitschriften „Dordschleswig" und „Der Schleswig-Holsteiner". Deben dem Flensburger Stadttheater, das u. a. auch in dem dänisch gewordenen Apenrade regelmäßige Aufführungen veranstaltet, wirken auch das Flensburger Orchester, der Kantaten-Chor und das Flensburger Vokalquartett sehr oft in größeren und kleine en Ortschaften jenseits und diesseits der Grenze. Die Plattdeutsche Bühnenvereinigung „Flensburger Speidel" Deranftaltet Gastspielreisen nach Dordschleswig, und der Flensburger „Plattdütsche Vereen" ist überhaupt sehr rührig. Außer zahlreichen und anderen Vorträgen dienen auch die „Dordmark-Vorträge" de« Flensburger Kuust- gewerbes der Förderung deutscher Kultur.
e<6rtftl«Uuna: August Goetz. — Druck und Verlag der DrüLl'fchen Univ^Buch- und Steindruckerei. D. Lange. Wiehe«.


