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ein, und Sah er vor vierzig und fünfzig Jahren bei- Lahn eines ehrlichen Rlüllers war, der langsam im Strumpf seine Dukaten sammelte und Vorsteher im Stadtbezirk wurde. Waren die Mühlenslüget nicht immer voll Wind und das Haus immer voll Arbeit? Tiefer fühlt er die Müdigkeit des Rheines, wie er mit seinen beiden Armen langsam, endlich dem groben Meere zu rollte, zu Fähen der väterlichen Mühle.
And ungeheure Sehnsucht saht ihn an, in seinem Herzen reißt es voll Heimweh nach dieser allzulangen Pilgerschaft: so tritt er vor die alte Staffelei und malt die Legende vom Verlorenen Sohn. Heut rührt er, der stets genau den Dibelworten gefolgt war, zum erstenmal an dem 'heiligen Text und trägt das Ganze in eine stummere Sphäre empor. Run läuft der Vater nicht mehr auf ihn zu, nun ist er blind. Abgerissen, in grober Leinwand, unter der nur noch ein kleiner Rest von seinem Zeug aus besseren Zeiten schimmert, mit einem Zuchthäusler-Schädel kehrt Rembrandt, der Bettler, zu seinem groben Vater heim. Der steht im gelben Rock mit rotem Mantel und mit der grünen Kappe, Jahre hat er ihn erwartet, nun laßnt er nach ihm and zieht ihn mit seinen zittrigen Händen an die alte Brust. Rot brennt es aus dem Bild hervor, doch auch hier sieht keiner mehr den andern, sie tasten nur noch einander. Aber sie werden gesehen: geheimnisvoll schauen drei Gestalten zu. Sind es noch Menschen oder sind es Propheten, dieser Alte mit dem Stabe, der andre, der Hockende mit dem Barett, die Frau ohne Alter? Aber da taucht ganz hinten aus dem Torbogen noch eine zweite Frau hervor, die wird ihn gewib zu Tische laden, den Heim- gekehrten.
Rembrandt aber lachte am Ende aus zahnlosem Mund über die Welt.
Als der Maler an der alten Spiegelscherbe noch einmal vorüberschlich, die ihm ein Leben lang Magie bedeutet hatte, und sah hinein, da lachte er über die Kapriolen eines Schicksals, auf das er einst vertraute; zu diesem letzten Selbstbild lächle er wie zu dem ersten; nicht wie zu dem ersten. Grinsend lockt es ihn, die hundertfach gefaßten Züge noch oin letztesmal zu fassen. Einen schmutzig gelb-grünen Schal nfimmt er um, an rotem Bande hängt er sich schmunzelnd den groben Gvldring um den Hals, der früher seine Frauen schmückte, sogar einen Ohrring steckt er sich ein, da doch die Frauen tot sind und begraben. Er malt die Ecke eines Bildes mit, das scheint einen römischen Kaiser darzustellen, doch wie er den Malstock darauf zuhält, als wollte ei an dem Bild im Bilde malen, ist es, als fließe er mit seinem Stocke den Kaiser mitsamt seinem Reiche um, und er lacht zu diesem Spähe und lacht zur Groteske der Welt unter der alten weißen Mütze hervor, aus dem gedunsenen Gesichte, dessen Falten er mit Andacht zu Ende malt.
So endet Rembrandts Pilgerfahrt.
Als er dann stirbt, an einem Oktobertage, kommt die Schwiegertochter aufgeregt ins Haus, aber Cornelia ist nicht zu sprechen, die hat sich zu dem Toten gesetzt, sie allein trauert. Magdalena fragt die Rachbarin, ob denn kein Geld im Kasten liegt. Die Alte schüttelt: ihr hätte der Maler gesagt, er lebte schon seit einiger Zeit aus Cornelias Kasse. Da ruft die junge Frau durchs Haus: „Das will ich nicht hoffen, daß der Vater Cornelias Goldstücke nahm, denn davon gehört die Hälfte mir!" Da kommt tauch schon der Motar, den sie bestellt 'hat, beim dieser Cornelia fei nicht zu trauen. Vor seinen Augen öffnet sie und nimmt aus dem Deutel 170 Gulden, beim das zumindest ist ihre Hälfte, und der verstorbene Titus hat noch alte Rechte auf dies Geld, fo steht's in den Verträgen, die man auf Grund von Saskias Testamente geschlossen hat.
So pocht der Fluch des Goldes noch an die Sterbekammer des Bettlers. Daß er es war, wird gleich der Herr Rotar bezeugen, denn wie er nun alles aufnimmt und versiegelt, notiert er, daß nichts davon dem Toten gehörte. Rembrandts Eigentum sind nur „seine Kleider, 8 Taschentücher, 10 Mützen, 1 Bibel und das Malgwät".
Riemand im Hause, niemand in der Welt weiß es zu dieser Stunde, daß der alte tote Maler dort mit dieser Bibel und biesem Malgerät an tausend Bilder gemalt und radiert und viel über tausend gezeichnet hat.
Man streitet nur, ob man die Beerdigung zahlen soll, und tut es erst gegen die Zusicherung, bestimmt aus dem Rachlaß vergütet zu werden. Aebrigens sind es nur ein paar Schritte zum Wester-Friedhof hinüber, aber an diesem Ende der Rosengracht, wo sie wohnten, liegt gerade das „Labyrinth" und heut ist Sonntag und dort singt man und fiedelt. Es ist trübe und regnet, niemand weiß, wer etwa mitgegangen ist.
Der Küster schreibt ins Degräbnisbuch: „8. Oktober 1669 Rembrandt van Rijn, Maler aus der Rosengracht.
Dahre mit Gestell, 16 Träger. Hinterläßt 2 Kinder. 20 Gulden."
Der Hund.
Novellevon Z-wan Sergejewitsch Turgenew.
(Schluß.)
Ich legte mich also ins Bett, mein treuer Begleiter Tresor war natürlich auch im Schlafzimmer. AVer war's nun der Schreck, Die Hitze, die Flöhe ober die Gedanken — kurz, ich konnte nicht ein» schlafen. Da half einfach nichts! Mir war so traurig zumute, daß ich s gär nicht beschreiben kann. Ich trank ein Glas Wasser, ich machte das Fenster auf, ich spielte auf der Gitarre die .Kamarin- ftaja'4) mit italienischen Variationen — alles umsonst! Etwas treibt mich aus dem Zimmer Hinaus, nichts zu machen. Endlich raffte ich mich auf, nahm Kissen, Deck, Bettuch und spaziert« durch den Garten nach dem Heuschuppen; na, und dort richtete ich mich ein. And da wurde mir so wöhl, meine Herren: die Rächt war so still, so still; nur ab und zu streichelt ein leiser Wind einem über die Mange wie ein Fraueithändchen; die Luft ist angenehm kühl; das Heu duftet wie der schönste Tee; in den Apfelbäumen zirpen die Grillen; dann schlägt plötzlich eine Wachtel los — und man fühlt ordentlich wie s auch ihr, dem Luderchen, '006Itut, mit dem Herzensfreund im kühlen Tau zu sitzen... And am Himmel ist alles Glanz und Schönheit: die Sternlein flimmern so sanft, ab und zu steigt ein Wölkchen auf, weiß wie Watte, und auch das bewegt sich kaum..
Hier nieste Skworewitsch; Kinarewitsch der es feinem Freunde in allem gleichtun mußte, folgte seinem Beispiel. Anton Vtepa- nitsch sah beide wohlwollend an.
„Ra also", fuhr Porfirij Kapitonytfch fort, „da liege ich nun und kann wieder nicht schlafen. Ich war ins Grübeln gekommen; und zwar grübelte ich über die Weisheit: wie hatte der Procho- rytsch mir die Warnung so richtig gedeutet, und warum mußten gerade mir so wunderbare Dinge passieren?... Ich staunte — eigentlich nur, weil ich es so gar nicht begreifen konnte —, Tre- svruschka aber winselte leise, ins Heu eingemummelt; seine Wunden taten ihm weh. And noch etwas hinderte mich am Einschlafen, muß ich Ihnen sagen — Sie werdens mir vielleicht nicht glauben: der Mord! Da stand er gerade vor mir, so rund, groß, gelb, platt, und mir war's, als gucke er gerade mich an, bei Gott; und fo frech so aufdringlich... ich zeigte ihm schließlich sogar die Zunge, wahrhaftig. Was hast du hier zu gucken? denk' ich. Ich drehe mich a>eg — und er guckt mir ins Ohr, beleuch et mir den Racken, gießt fein Licht über mich aus wie Regenschauer; ich mache die Augen auf — und was meinen Sie? Zedes Blümchen, jedes elende Hälmchen im Heu, jedes jämmerliche Spinngewebe — alles beleuchtet er, als wenn er Münzen draus prägen wollte! Da, siehs dir nur genau an! Es blieb mir zuletzt nichts übrig; ich stützte den Kopf auf die Hand und guckte hinaus. Ich konnte einfach nicht anders; Sie mögen mir nun glauben oder nicht — aber meine Augen waren wie richtige Ha'enaugen; ganz von selbst gingen sie auf und glotzten, als wüßten sie überhaupt nicht, was schlafen heißt. Einfach alles verschlingen können härt' ich mit diesen Augen. Das Scheunentor stand weit auf; wohl fünf Werst weit konnte ich ins Feld hinaus schauen; einiges sah man sehr deutlich, anderes verschwirnrnend, tote das Immer so ist bei Mondschein. So guck' ich denn und gucke und zwinkere nicht einmal. . . And mit einem« mal war rnir's, als bewegte sich irgend etwas — ganz weit, weit draußen ... Es zuckte auf und verschwand. Einige Zeit verging — und wieder huschte der Schatten vorbei, diesmal schon etwas näher; dann abermals, noch näher. Was kann daS sein, denk' ich mir? Ein Hase? Rein, denk' ich, das ist größer als ein Hase — und ein Hase läuft auch anders. And toieber taucht bet Schatten auf unb läuft über den Weideplatz, der im Mondlicht ganz weiß schimmert; wie ein großer schwarzer Fleck sieht er aus; es muh ein wildes Tier fein: ein Fuchs oder ein Wolf. Mir stockte das Herz . . . Warum eigentlich? Was brauchte ich zu er« schrecken? Rachts läuft doch allerlei Getier im Felde herum. Aber die Reugier war noch größer als die Furcht; ich richtete mich auf, riß die Augen auf — und auf einmal überlief mich's kalt, ich wurde ganz starr, als hätte man mich bis über die Ohren ins Eisloch getaucht — und weswegen? Der Himmel mag's wissen! And ich sehe: 6er Schatten wird immer größer, größer, läuft also geradewegs auf die Scheune zu . . . And nun kann ich schon erkennen, daß es wirklich ein wildes Tier ist — groß, mit mach igem Kopf... Es saust dahin wie ein Wirbelwind, wie eine Flintenkugel Herrgott! Was ist denn das? Mit einmal bleibt es stehen, als wittere es etwas ... Das ist ja ... das ist ja der tolle Hund von heute früh! Er ist's ... er ist's! Mein Gott! And ich kann mich nicht rühren, ich kann nicht einmal schreien ... Er rennt auf das Tor zu. funkelt mit den Augen, heult auf — unb über das Heu geradewegs auf mich los!
„Aus dem Heu aber springt wie ein Löwe mein Tresor — unb schon hat er ihn gepackt! Maul an Maul hingen sie aneinander. unb tote ein Knäuel wälzten sie sich auf 6em Boden! Was nun weiter geschah, weih ich nicht mehr; ich weiß nur, daß ich, wie ich war, über sie hinwegsetzte und in den Garten hinaus und ins Haus, in mein Schlafzimmer hinein! ... Fast wär' ich unters Bett gekrochen — ich will's schon gestehen! And In was
*) Bekannter Gassenhauer, das russische Seitenstück zum deutschen Lied vsm „lieben Auzuswi".


