Ausgabe 
9.6.1923
 
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literarische Haltung der damaligen studentischen Jugend sich ver­anschaulichen. Fast alle deutschen Dichter des 18. Jahrhunderts von Ruf und Bedeutung haben als Studenten von Leipzig mehr oder weniger entscheidende Anregungen hinweggenommen. Bon dem unglücklichen genialen Schlesier Christian Günther bis zum jungen Goethe eine bunte Reihe von Gestalten, aus denen hier nur Lessing, Klopstock, Mhlius, Rabener, Zachariä, Ebert, August v. Thümmel und von späteren Jean Paul für noch manche andere genannt seien.

Bon der Literatur weisen die Ramen Gottsched und Lessing zur damaligen Schaubühne. Gottscheds Reformversuchs der Reuberi- schen Bühne waren nur möglich dank der lebendigen Anteilnahme' der Studentenschaft an dem Theaterleben, über die Geistlichkeit wie ängstlich befangene Hochschullehrer laut genug zu klagen wußten. Lind von der Teilnahme als Dichter, wie sie doch nur wenigen Aus­erlesenen, gleich dem jungen Lessing beschieden war, oder als wirk­sam kritischer Zuschauer und Hörer, dessen lebhafte Kundgebungen mehr als einmal entscheidend eingriffen, von dem Studentenparrerre vor den.Brettern bis auf diese selbst, war nur ein kurzer Schritt, den nicht wenige Lei' damaligen Leipziger Studenten gewagt haben. Gin nicht geringer Teil der Darsteller der im 18. Jahrhundert in Leipzig auftretenden Theatergesellschaften wurde von Studenten oder gewesenen Studenten gestellt.

Fast noch lebhafter aber als an der Schauspielkunst beteiligte sich der Student an der Pflege der Musik, die von alters her, wie wir schon zu zeigen Gelegenheit hatten, der deutschen Studenten­schaft ans Herz gewachsen war. Bon Studenten gebildete oder doch von ihnen stark unterstützteCollegia musica" haben schon zu Bachs Zeiten und unter seiner Leitung öffentliche Konzerte veranstaltet. Dachs Freund, der Student der Rechte Georg Philipp Telemann, war der Gründer eines solchen Collegium ntuficum; er war auch noch als Student, von 17021704 der musikalische Leiter der Strungk-Döbrichtschen Operngesellschaft in Leipzig, bei der die Männerrollen zumeist von Studenten gesungen wurden. Auch Kuh- nau, der Dvrgänger Bachs, Reefe, der spätere Lehrer 'Beethovens, sind schon als Leipziger Studenten öffentlich als Musilkünstler aufgetreten.

Daß sich unter Liesen vielseitigen künstlerischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen, auf die einzelnen Studentenkreise ganz ver­schieden einwirkenden Einflüssen das studentische Leben Leipzigs nicht nur in sich stark differenziert Und des eigentlich studentischen Zuschnitts mehr und mehr entkleidet, sondern damit auch von dem Zusammenhang und Einklang mit dem Studentenleben auf anderen deutschen Hochschulen, auf denen diese Einflüsse gar nicht oder doch wesentlich weniger wirksam wurden, entfernt hatte, ist nur natür­lich. Rur Göttingen mit seinem bekannten Hainbund zeigt hier wieder eine vertvandte, wenn auch in sich durchaus eigenartige und selbständige Entwicklung. Dagegen gehört die Theaterbegeisterung der Jenaer und Hallenser Studenten (Lauchstädt) doch einem an­deren Gebiet und einer etwas späteren Zeit an. Erleichtert wurde diese Entfremdung noch dadurch, daß damals die studentische Frei­zügigkeit, wie ebenfalls schon früher angedeutet worden ist, gegen ältere Zeiten stark gemindert war. Die meisten Hochschulen waren Landeshochschulen, die in der Hauptsache von Landeskindern be­sucht wurden. Meist wurde das Studium auf ein und derselben Universität begonnen und abgeschlossen. Ein Wechsel der Hoch­schule fand seltener statt. Fast nur Studenten höheren Standes, wie der studierende baltische Adel, z. B., der im 18. Jahrhundert häu­figer die Llniversitäten Deutschlands aufzusuchen begann und damit merkbaren Einfluh auf die Weiterbildung des studentischen Lebens zu gewinnen anfing, bezogen wohl mehr als eine Hochschule und trugen so Lazu bei, einen gewissen allgemeinen Zusammenhang des gesamten studentischen Lebens zu bewahren.

Vesser als in Leipzig und in dem noch jungen, einer alten studentischen Lieberlieferung entbehrenden Göttingen, die wir bis­her In diesem Abschnitt hauptsächlich in Betracht gezogen haben, hatten sich die älteren, von früher her übernommenen Formen studentischen Lebens etwa in Gießen und in Jena, das im 18. Jahr­hundert als .Universität eine Blütezeit durchlebte, oder in Halle, das bis zur Gründung Berlins am Beginn des 19. Jahrhunderts Preuhens Hauptuniversität war, erhalten.

In dem an diesen Universitäten vor-, wenn auch nicht allein­herrschenden Renommistentum, wie es in Zachariäs schon genann­tem komischen Feldengedicht:Der Renommist" oder in des be­kannten F. Ch. Laukhards Schriften, besonders seiner eigenen Lebensbeschreibung, wahrheitsgetreue Schilderungen gefunden hat, lebte ein Rachklang, wenn auch ein gemilderter, des alten wilden Studentenlebens des 17. Jahrhunderts immer noch fort.

Hier hatten sich, wenn auch, wie bereits angebeutet wurde, innerlich und äuherlich nicht unwesentlich verändert und gelockert, oft verschwindend und dann wieder auftauchend, meist einer fei tat Tradition und Organisation mit geschriebenen Gesehen entbehrend, die alten Landsmannschaften als bis dahin einzige OrganisativnS- form des studentischen Verbindungslebens erhalten.

Sie waren, wie wir sie im viertel Kapitel kennen gelernt haben, int 17. Jahrhundert auf dem demokratisch-genossenschaftlichen Grundsätze der Vereinigung möglichst aller auf der betreffenden Universität studierenden Landsleute aufgebaut gewesen und stellten so die Lenkbar einfachste und einheitlichste Form studenllschen Der-

gtamt wandte sich die größte Zahl Lieser armen Studenten nicht nach der zweiten kursächsischen Universität, dem kleinen Witten- berg, Indern mit Vorliebe nach dem größeren Leipzig, das weit mannigfaltigere Gelegenheiten bot, seinen Lebensunterhalt selbst zu erwerben, als Wittenberg oder eine andere deutsche Universi­tätsstadt. Leipzig war bereits damals der Hauptsitz des deutschen Buchhandels, und auch der Duchverlag begann sich dort stark zu entfalten. Beschränkte sich für den Studenten anderer Hochschulen hie Gelegenheit zur Erwerbung des Lebensunterhaltes in der Hauptsache auf die Erteilung von Unterricht in den Wissenschaften unö der Musik und etwa, noch auf die Abfassung der damals bei allen möglichen Anlässen'üblichen Gelegenheitsgedichte, so erwei- i terte Leipzigs Verhältnis zum Buchhandel unb Buchverlag diese Gelegenheiten um ein bedeutendes. Als Korrektoren und Ueber- feher sehen wir im 18. Jahrhundert sehr viele Leipziger Studenten tätig; ebenso als Zeichner und Kupferstecher.

Wohnung, Kleidung und Lebensweise dieser armen Leipziger Studenten werden uns als vielfach geradezu erbärmlich geschildert. Es ist deshalb ebenso begreiflich, daß zwischen ihnen und der oberen Enehmen Studentenschaft kein Zusammenhang mehr bestehen nte, wie daß auch sie nicht daran denken durften, ihrer Lebens- se ein spezifisch studentisches Gepräge zu geben.

Da die obere Schicht freiwillig auf ein solches Leben aus Rück­sicht auf die bürgerliche Gesellschaft verzichtete, wird das Festhalten an derburschikosen Fidelität", von der dieVertrauten Briefe" sprachen, in Leipzig tatsächlich nur von kleineren in Der breiten Masse mehr verschwindenden Zirkeln geübt worden fein. Wenn es auch mehrfach im Laufe des 18. Jahrhunderts aus besonderen Anlässen zu Unruhen in der Studentenschaft und bei diesen Ge­legenheiten zu meist rasch vorübergehenden Versuchen zur Grün­dung studentischer Verbindungen gekommen ist, so wird uns doch vielfach von den zeitgenössischen Schilderern Leipziger Lebens aus­drücklich bezeugt, daß Kommerse der Studenten oder Zweikämpfe für Leipzig Ausnahmen von den gewöhnlichen Verhältnissen be­deuteten. Es ist begreiflich, d<ß deshalb das Urteil solcher zett- aenössischer Schriftsteller, die das Ideal des studentischen Lebens in der Pflege des studentischen Komments erblickten, über die Leip­ziger nicht besonders günstig lautete. Der bekannte F. Chr. Lauk- bard, der klassische Schilderer Jenenser und Gießener Studenten- treibens im 18. Jahrhundert, nennt das Leipziger Studentenleben einegroße Armseligkeit und glänzendes Glend", das Wesen der Leipziger sei weder burschikos noch fein. Ein Duell kennen sie nicht, sie lassen sich entwederausmaulschellieren", oder man geht mit Stöcken und Fäusten auf den Gegner los. Da der Zusammenhang fehlt, fehlt auch das Ansehen, das der Student andernortes ge­nießt :Die Studenten verlieren sich unter Kaufmannsdienern und Knoten unb machen nirgends eine Gesellschaft für sich aus; auch sticht ein einziges Leipziger Kaffeehaus der Kaffee spielte im Leben des damaligen Studenten eine größere Rolle als heute, selbst die bierfeuchtesten Hospize, wie man damals die üblichen Kneipgelage bezeichnete, begannen mit Kaffee oder Villard ist den Studenten eigen, nicht einmal ein Traiteurhaus . . . Man findet aber auch Studenten in den allerniedrigsten Kneipen, in Kneipen, wohin kein Hallenser gehen würde. Der Student spielt B Leipzig überhaupt keine Figur. Freilich, wer dort viel Geld t, der kann es zur Rot einem Ladenschwengel gleichtun, aber s können wenige und so hat der Scheren- und Ellenmajor in genere große Vorzüge vor den Studenten." In dem Urteil Über das geringe Ansehen der Leipziger Studenten begegnet sich Lauk- yard ganz mit Christoph Friedrich Rlnck (Studienreise 178384). Dieser schreibt u. a.:Hier ist der Geist der Freiheit nicht untev Len Studenten, viele sind stolz und dumm, andere ehrlich und ein­fältig, sie haben das edle, das sich ermannende nicht wie in Jena. Sie sind zu wenig geachtet; die Gelehrten gehen hier zu Fuß, Kaufleute hingegen fahren . . . Die Studenten finb in keinem sehr großen Ansehen, außer bte durch Geburt, Geldaufwand und Artig- wit sich besonders auszeUnen können. Keiner darf in die öffent­lichen Gesellschaften, tote das Konzert, den Ball, die Harmonie, die Brüder-Gesellschaft usw., außer der sich in einem gewissen vor­nehmen Hause' durch obengenannte Eigenschaften auszuzeichnen un­beliebt zu machen weiß."

Die eigenartige Färbung des studentischen Lebens in Leipzig Wahrend des 18. Jahrhunderts wurde noch mehr betont durch die literarische Entwicklung jener Zeit, als deren Hauptmittelpunkt Leipzig in der vorklassischen Zeit Les 18. Jahrhunderts galt.

An keiner anderen deutschen Hochschule war damals die Teil­nahme der Studentenschaft am literarischen Leben, an Theater unb Musik so lebendig und allgemein verbreitet wie in Leipzig. 3m Jahre 1697 hatten hier schlesische Studenten, feurige Anhänger ihres berühmten Landsmanns Opitz, die Görlitzische poettsche Ge­sellschaft gegründet, die (nicht die einzige ihrer Art, nur ausge­zeichnet kntrch die Entfaltung und Dauer ihres Daseins) 1727 durch ihren damaligen Senior Gottsched eine bedeutsame Um- und Aus­gestaltung erfuhr und noch beute alsDeutsche Gesellschaft" fort- blüht. Der Dichter Paul Flemming fand in diesem Kreise schle­sischer Studenten Leipzigs Anregung und herzliche Freundschaft. Wie sich bann weiter im 18. Jahrhundert Leipzigs literarische Be­deutung in den Ramen Gottscheds uiid Gellerts kurz ausdrucken läßt, so kmm man in der Stellungnahme zu diesen Ramen mich- die