Ausgabe 
9.6.1923
 
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«atftmann «in» die Denkmäler der heimischen Prähistorie noch heute, sie schon den .Romantikern" unserer Wissenschaft waren, nämlich ehrwürdige Zeugen vom Leben und'Treten Wg« Geschlechter, Reliquien der Vorfahren als solche in ihvw Wir­kung sicherlich nicht verächtlich für den, der auch Gemutswerts schätzt. And aus den vielen, meistens gar trümmerhaften, immerhin aber recht oft auch dem künstlerischen Gefühl in ihrer emfachen üweckmäßiakeit oder munteren Schmuckfreudigkelt schmeichelnden Dodenfunden wird der Museumsbesucher je nach Anleitung und eigener Phantasie Bilder der alten Kulturen sich bnvorzaubern BSXÄÄÄÄ aeschichtswissenschast sind, zu Quellen für die Aufhellung der Kutturenttvickliing, der- Kultur- und Vvlkszusammenhange, vor allem, soweit diese noch bis'm die Jetztzeit hinein von Bedeutung sind Doch darüber darf vielleicht eni andermal die Rede fein.

Grünberg. Pfingsten 1923.

Aebersiedlung nach Halle auf »reite StuSentenkretss rtiigiM <UN reqe^i Mgewirkt hatte. Der Franckesche Pietismus beherrschte aber natürkich nicht die gesamte Hallesche Studeiitenschaftz sondem blieb in der Hauptsache auf die theologischen Kreise beschrankt!. Außerdem blieb der Pietismus in der Halleschen Theologie keines­wegs im 18. Jahrhundert alleinherrschend; galt doch Halle später auch als Hauptsitz der Aufklärungstheologie, dessen bedeckender nwtreter Semler in Halle wirkte. Werin wir außerdem in Betracht NHallKr Student mehrfach auch gleich dem Witt^- beraer als starker Biertrinker, oder gleich dem Gießener und Je­nenser als Renommist und Raufbold in Anspruch genommen wurden so haben wir hier gleich ein Beispiel für die schon angedeutete nur bedingte Richtigkeit der in den erwähnten Merkversen gegebene» Charakteristiken. Das gilt auch für Jena und Leipzig, für deren! Studentenschaften der kennzeichnende Gegensatz ^a-mi Renom­misten und Stutzer besonders gern und häufig als feststehende Regel angenommen wird, was wohl besonders auf Zachariäs be- kanntes Epos derRenommist" zurückzufuhren ist.

In Jena fehlte es unter den Studenten ebensowenig an Stutzern wie in Leipzig an Renommisten und anderen Typen des Studententums, die wir noch kennen lernen werden. Bestehen bleibt aber daß in Leipzig unter dem Einflüsse der höheren bürgerliche» Kultur der werdenden Metz- und Welthmndelsstadt die Relgung zu einem geschniegelten und gebügelten Auftreten uater den Studenten weiter verbreitet war als etwa in Jena oder Gwhen, und dah dort auch wiederum unter dem Einflüsse der vorherrschenden grohbürger- lichen Kultur und des stärker als andernorts puhierenden tokt- schastlichen Lebens, der Zusammenhang unter der Studentenschaft im 18. Jahrhundert fast völlig verloren ging und diese in mit- einander nur noch ganz wenige Berührungspunkte habende Klassen auseinanderfiel.

In gesellschaftlicher Beziehung genoß im allgemein«, der Stu- deut des 18. Jahrhunderts bei den oberen Schicht«, der Gesell- schäft noch sehr geringes Ansehen. Wir hören wohl davon, dah es ein anständiges Mädchen ohne weiteres bloßstellte, wenn ihr Am- gang mit Studenten nachgesagt wurde. Es kann das den mcht wun- dernehmen, der die Verrohung des Student«,lebens im 17. Jahr- i hundert kenn«, gelernt hat. In Leipzig suchten und fanden dagegen setzt die wohlhabenderen Kreise der Studentenschaft, bie sich aus bem Adel, aber auch aus den Söhn«, der reicheren Kaufmann­schaft, z. B. der Hansestädte oder Frankfurts (der junge Goethe), rekrutierten, Anschluß an die obere Schicht der bürgerlichen Gesell- schäft. Sie konnten dies Ziel nur erreichen, wenn sre w alten rohe- ren Formen des studentisch«, Lebens vollständig abstreiften und sich völlig der Lebensweise der besseren bürgerliche Gesellschaft anpahten. Das Angewohnte dieser Entwicklung lieh die Zeitge­nossen besonders die akademischen anderer Hochschulen, in jedem Leipziger Kommilitonen einen Stutzer, einen Gecken und Schürzen­jäger sehen, der, wie es z. B. imRenommisten geschildert wird, j mehrere Stunden des Tages vor dem Frisiersplegel verbrachte, | um den leicht«, Galanteriedegen aber ein Weihes Band geschlungen hatte als Zeichen dafür, dah et es ablehnte, Satisfaktion mit der I Waffe zu nehmen oder zu geben. Eines ähnlichen Rufes wie! oer 1 Leipziger Stutzer oderpetit mai'tre erfreuten sich auch die Göv- I Unger Studenten. Von ihnen heiht es z. D. aus dem Jahre 1777:

Die Kerls . . . lassen sich alle Tage frisieren, chmieren sich mit wohlriechender Pomade und Eau de Lawende ziehen seidne Strümpfe an, gehn fleißig ins Konzert zum Professor Gatterer, küssen den Menschen die Pfoten; kurz, Bruderherz, der Komment | ist hier schofel."

Reben der von der übrigen Studentenschaft sich aus den an- | gegebenen Gründen völlig fei-nhaltenden eben geschilderten Stu- s dentenklasse konnte man in Leipzig im 18. Jahrhundert noch zwei weitere Klass«, unterscheiden: eine Mittelklasse, die sich, wie es ! z B in den 1787 erschienenenVertrauten Briefen über den poli­tischen und moralischer, Zustand in Leipzig" heiht, entweder den | Reichen nachzuahmen bestrebte, oder ganz im Brotstudrum aus ging, und endlich eine dritte, die ganz Ar-men, als deren Kennzeichen I dieVertrauten Briefe" Kriecherei gegen Gönner, Bettelstolz gegen | andere, Liederlichkeit und Festhalten an der altenburfchikosen j Fidelität" nennt.

Der zumeist im Brotstudium ausgehende Teil der Studenten- | schäft ist überall und zu jeder Zeit auf den Hochschulen vertreten | gewesen. Seine Wesensart bringt es aber mit sich, dah über ihn | niemals viel Worte gemacht worden sind, da er stets nur durch i sein mehr oder weniger starkes Vorhandensein Einfluß aus die \ Gestaltung des Charakters einer .Universität gewinnen konnte, sich I ab« im übrigen immer gleich indifferent und farblos gezeigt hat.

Je eleganter und weltmännischer das Auftreten der wvhl- | habender«, Leipziger Studenten war, um so schärfer muhte davon I die Lebensweise der dritten Schicht, der armen Studenten, av- | stechen, zumal ihre Zahl im 18. Jahrhundert aus keiner anderen I deutschen Aniversität so groh gewesen zu sein scheint wie m dem j als vornehm verschrieen«, Leipzig.

Eine Reihe verschiedener wirtschaftlicher Amstände wirkte zu- I lammen, um gerade nach Leipzig einen starken Zufluß armer Stu- j Renten zu leiten. Einmal hör«, wir davon, dah im KurfursteAum I Sachsen damals die Reizung auch bei den ärmer«, Volksschichten i srhx pari ausgeprägt war, ihre Söhne dem Studium zuzusühren-

Aus dsr Geschichte

des deutschen Studententums.

2m Verlag von D. G. Teubner, Leipzig, hat Dr. ! Wilh B r u ch m Ü l l e r etn vortEiches, knapp ge­faßtes Buch erscheinen lassen: -Das deutsche I StudententumvonseinenAnsange: n&iS | zur Gegenwart". Wie er in fernem Borwort lagt, legte er feine Arbeit weniger «n au breite, be­hagliche Zustandsschilderung als auf bie Heraus | Weitung der die Entwicklung vorwartstreibenden Momente. Sines bet fesselndsten Kapitel ist das Zeit- | alter der Aufklärung und des Pietismus im 18 .zaht- j hundert, wo der Student mehr und mehr unter ben | Einstuh des höheren Bürgertums gelangte. Da biefer | Abschnitt von hohem allgemeinen Interesse ist, mochten I wir ihn hier toiebergeben:

SSatte in der deutschen Kultur des 17. Jahrhunderts noch durch- tius 5^. tofitoe Einsluh vorgeherrscht und hatte der Student dem dadurch Rechnung getragen, dah er unter Anleitung d^ ^vdieren-- den DDels möglichst viel von den Gebräuchen des höfischen Lebens, sr-ilich meist in rein äuherlicher Form, annahm der studentische Liinkkomment seiner Zeit ist z. D. durchaus von v«, hock cheu -rmk litten oder -Unsitten des 16. und 17. Jahrhunderts beeinflußt Jo j ringt sich im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklarun^ und des PiAisimus. eine neue Macht als mitbestimmend m d-w kwu schm | Geben empor, das gebildete Bürgertum, und alsoald sehen wir > auch den deutschen Studenten, dessen Hvupkmasfe sich mehr und mehr aus dieser bürgerlichen Schicht ergänzte, dem Einflüsse dieses neuen Kulturträgers hingegeben.

Es ist selbstverständlich, dah der Einfluß des Bürgertums, das lick selbst erst entwickelte, nicht überall gleichzeitig und gleichmäßig stark auf den Student«, einwirkte. In Rostock, in J«ra, ,n Hülle, Wittenberg oder Gießen blieb zunächst das studentische Leb«, un Treiben noch ziemlich unbeeinflußt, wahrend auf der 173» gegrun beten Hochschule Göttingens, die sich mit am erst^ dem neu er­wachten Geistesleben öffnete, ober in Leipzig, das damals als der Hauptsitz einer höheren bürgerlichen Kultur und verfeinerten Le- vensführung zu gelten begann, eine mehr oder weniger starke Am- sormung des Studententums einfehte, die besonders weck tn Leipzig sortschritt.

Daß auch diese Entwicklung wieder zu einer neuen Differenzie­rung des Stridententums beitrug, wurde bereits den Zeitgenossen bewußt Diese Erkenntnis drückte sich z. B. darin aus, daß man den einzelnen Hochschulen und- ihren Studentenschaften einen beson­deren, sie von den übrigen unterscheidenden Chararter zuschmeb und das in viel gebrauchten und deshalb in stark voneinander ab­weichenden Fassungen überlieferten Merkversen mederlegte,die wobl nicht überall das Richtige trafen, schon deshalb nicht, weil sie in ihrer apodiktischen Kürze die Abweichungen innerhalb em und derselben Studentenschaft unberücksichtigt liehen und lassen muhten, die aber an sich als erste literarische Zeugnisse dieser auseinander- strebenden Entwicklungen auf den verschiedenen Anwersitäten Be­achtung verdienen.

Leipzig als der Hauptsitz des studentischen Stutzertums, Halle als die Hochburg des Pietismus, Jena als die llassische Stätte des Renommisten" und Witt«,berg als Ort stärksten Biergenusses finden wir z. D. in folgendem Spruche zusammengefaßt:

In Leipzig sucht der Bursch die Mädchen zu betriegen, 2n Halle muckert er und seusfzet ach! und weh! In Jena will er stets vor blander Klinge liegen, Der Wittenberger bringt ein ä banne Amitie.

Wenn der Hallenser Student hier als Pietist und Mrtcker hin- gestellt wird, so verdankt er diese Kennzeichnung dem starken Ein­flüsse August Hermann Franckes, der auch in Leipzig vor seiner