Ausgabe 
9.6.1923
 
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Samstag, 9, Juni

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Arbeit (vergleichbar ettoa der entfagungsvollen Tätigkeit an einem Wörterbuch oder einer Regestensammlung) gefördert, tveil die Ge­wandnadel diele Jahrhunderte, ja mehr als zwei Jahrtausend«! hindurch in hohem Matze derlaunischen" Mode als Spielball gedient hat. Da aber dieMode" nur dem oberflächlichen Be­schauerlaunisch" erscheint, haben die Fibeln, wo ihre Entwicklung ungestört verlief, auch nach Entstehung der Grundform noch ganz gefetzmätzige Weiterbildungenkunstgewerblicher" Art erfahren. Jede ihrer Zierformen futzt auf der vorhergehenden, formt ihr« Triebe nach dem Geschmack der betreffenden Kultur, sei es (um einmal den kleinen Gegenstand dem größeren Kunstgetriebe zu ver­gleichen), datz das allgemeine Stilgefühl Len meisten unklar, nur vomGenie" bewußt erfaßt, wie in der Regel erst der Nachwelt aufgeht noch nach irgendeinem Ziele stetig hmstrebt (z. B. ver­feinernd oder vergröbernd, naturalisierend ober die Natur fliehend, stilisierend"), sei es, datz der nicht mehr zu überbietende Höhe­punkt erreicht ist und bereits die natürliche Reaktion eingesetzt Hat, nicht selten sogleich ins Extrem fallend und zum Hohn beS alten mit dem größten Geschrei oft gerade von den kleinste!» Geistern begrüßt, wenn einer die Parole ausgegeben hat. Die moderne" Mode freilich erscheint auf vielen Gebieten weit sprung- Hafter und uimtoiivierter als der Geschmackwandel alter Zeiten; sie ist ja auch nur zu oft die Ausgeburt einer krankhaft-abwechs­lungslüsternen, bis zur Narrheit überreizten Phantasie. Wenn nun bei der Gestaltung der Fibel, um zum Thema zurückzukommen, fremdes Gut benutzt und verarbeitet wurde, ist es uns als Ein­dringling fast stets deutlich erkennbar, und meist verrät das Lehn- gut auch auf späteren Entwicklungsstufen noch feine Herkunft; ge­rade damit gibt die Fibel natürlich der Forschung besonders wert­volle Winke.

So ist die Gewandnadel, zumal als Deglettsund. für die Prähistorie, ja nicht minder noch für mehr als ein halbes Jahr­tausend unserer Frühgeschichte, eine der wichtigstenLei!formen" im wahrsten Sinne des Wortes und eine Hauptguelle für die Erkenntnis chronologischer und kultureller Tatfachen. Die Zuver­lässigkeit ihrer Lehren ist schon oft erprobt; und das rechtfertigt zur Genüge das voll gerüttelt Matz an Arbeit und Mühe, das für di« Erforschung dieses an sich bescheidenen, wenngleich nicht selten als prunkendes Zierstück auch ästhetischen Reizes nicht baren Geräts aufgewandt wurde und noch aufgewendet werden mutz, um die bisher offen gebliebenen Fragen, von denen oben nur einige angedeutet werden konnten, einer glücklichen Lösung näher zu bringen.

Rur die Kenntnis wirklich umfassenden Fundmaterials ouS allen Kulturperioden und -gebieten freilich könnte die Typenreihe der Fibeln in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung imd Zuverlässig- keit weiteren Kreisen restlos verständlich machen. Aber wie jede andere Wissenschaft kann auch die Prähistorie nicht matten ihren Teilenpopularisiert" ober gar dem öffentlichen Urteil unterworfen werden. Der Laie mutz es vertrauensvoll hinnehmen wie so vieles auch von anderen Forschungsgebieten, wenn ihm etwa im Oberhessischen Museum die prächtigen Hatlstattsibeln aus dem Dorderwald bei Muschenheim, oder solche aus der Früh-Latönezeit vom Trieb bei Gießen und von der Au bei Niedermockstadi, oder schließlich noch germanische, römische und fränkische als Erkemrtnis- quellen ersten Ranges vorgestellt werden.

Aber was hier am bescheidenen Beispiel der Fibel, dem Raum gemäß nur in großen Zügen, angedeutet wurde, das gttt ja mehr ober weniger für alle Reste vorgeschichtlicher Zeiten; dem Nicht»

Die Fibel.

Bon Dr. Otto Kunkel-Gießen.

(Schluß.)

Wenn man die Entstehung der Fibel sich klarzumachen eifrig versucht, so geschieht das deshalb, weil sie geradezu als Muster­beispiel uns genau erkennbar vor Augen führt, wie die Aufwärts­bewegung der menschlichen Kultur in durchaus gesetzmäßiger Bahn vonstatten geht, wie nur die geniale, zielbewußte und zweckmäßige Derknüpfung von Erfahrungen und Beobachtungen mannigfachster Art das Wesen der Erfindung ausmacht und ihren Wert bestimmt, zugleich immer wieder den Grund legend für weitere Fortschritte; man überlege z. B., daß die Federkraft fchlschihin wohl zuerst durch den Echietzbvgen erprobt wurde, die gebetZcaft des Metall­drahtes durch dieklassische" Fibel, und man frage sich, auf welche Weise sonst diese brauchbare Kraft der entwickelteren Technik, für die sie doch später so bedeutungsvoll werden sollte, gleich faßlich hätte zuwachsen können, Ueberhaupt ist es in unseren auf ihre technischen Leistungen so stolzen TagM ganz nützlich und sicher auch reizvoll, einmal darüber sich klar zu werden, wie viele Wur­zeln die Errungenschaften der Neuzeit mit den Leistungen ver­gangener Jahrtausende verknüpfen, wie vieleepochemachende" Er­findungen feit Jahrtausenden notwendig waren, um unfere Kultur­höhe zu ermöglichen; Erfindungen, von denen nur deshalb niemand mehr redet, weil ihre Ergebnisse den modernen Menschen zur Ge­wohnheit geworden sind und weil iste Namen der Leute, die sie alS Bahnbrecher ersten Danges geschaffen, vvm Sturm der Zeiten längst verweht wurden; man denke nur an die Kunst der Feuer­erzeugung, die Töpferei, an den Schietzbogen, an Ackerbau und Viehzucht, die Metallverarbeitung und so unzähliges andere. Nur eins scheint jene alten Erfindungen, wie die primitiver Volker überhaupt, manchmal von den modernen in gewissem Sinne zu unterscheiden und ihnen einen etwas anderen Charakter zu geben; auf allen jene« Gebieten nämlich, too der einzelne, je nach Bedarf, wenngleich bloß behelfsmäßig, selbst noch handwerklich tätig sein konnte, dürste die Allgemeinheit in ihrem ganzen Umfang weit mehr als bei einer entwickelteren, Handwerk und Technik hoch spezialisierenden Kultur vorbereitend, ja mitarbeitend, d. h. wenig­stens Hvischenformen schaffend, und ausbildend an den Erfindun­gen beteiligt gewesen sein. Man könnte sich versucht fühlen, di« DirlammerBorfibel" als eine Zwischenform dieser Art zu be­zeichnen; denn ein wirklicher Fachmann und echterErfinder^ hätte doch wohl das damit angeschnittene Problem gleich in vollkom­menerer Weise gelöst. Solche Erörterungen führen uns aber hier zu weit vom Thema ab; es waren eben nur einige Fragen, die bei der Erforschung des Werdens der Fibel sich aufdrängen, als Beispiele anzudeuten.

Wenn man nun ferner mit besonderem Fleiß nach dem Ur» sprungsgebiet der Fibel forscht und nach den Wegen ihrer Ver­breitung, dann will man auf diese Weise ein weiteres Hilfsmittel gewinnen, um die Bahnen der bro-nzezeitlichen Kullur überhaupt zu erschließen. Es handelt sich dabei um die Klärung der Frage, inwieweit die nordisch-germanische Kultur des zweiten vorchrist- lichen Jahrtausends in selbstänlstger Entwicklung zur Blüte sich entfaltet hat, inwieweit sie vom Süden befruchtet wurde, ober gar auch umgekehrt denklassischen" Ländern Anregungen ge­boten hat.

Die Sammlung und Ordnung aller Fibeltvpen endlich, ihre Eintragung in Fundkarten und -tabellen nach kulturellen und chronologischen Gesichtspunkten wird unverdrossen tn mühevoller

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