gebracht hatte und den atellgen Ämtern langsam Finger für Finger abschnttt. Diese furchtbare Barbarei erschreckte mich entseh- lich. Daraus hatte ter Schuhmacher ein noch schrecklicheres und Lazu unerklärliches Abenteuer. Als man ihn einmal in die Stadt schickte, um Leder zu kaufen, verspätete er sich ein wenig und machte sich erst am späten Abend auf Den Heimweg. Bald erhob sich ein kleines Schneegestöber, was für Sseliwan ein Hauptvergnügen bedeutete. Er Pflegte dann gleich aufzustehen und aufs Feld hinauszugehen, um im Bebel mit den Waldteufeln und Hexen nach Herzenslust 311 kreisen. Der Schuhmacher wühle das und nahm sich in acht, aber das nützte ihm nichts. Sseliwan sprang direkt vor seiner Aase heraus und versperrte ihm den Weg . . . Das Pferd blieb stehem Zn sei- nem Glück aber war der Schuhmacher von Aatur aus kühn und sehr findig. Er trat anscheinend ganz freundlich an Sseliwan heran und sagte: „Guten Tag?" Aber gleichzeitig stach er ihn aus dem Aermel heraus mit einer großen, spitzen Ahle mitten in den Bauch. Das ist nämlich der einzige Ort, wo man einen Zauberer tödlich verwunden kann. Sseliwan aber rettete sich dadurch, daß er sich unverzüglich in einen dicken Werstpfahl verwandelte, in dem das scharfe Instrument des Schusters so fest stecken blieb, daß er es durchaus nicht mehr heransziehen konnte und sich von ihm trennen mußte, während es ihm doch ganz unentbehrlich war.
Dieser letzte Vorfall war sogar eine kränkende Verhöhnung ehrenwerter Menschen und überzeugte alle davon, daß Sseliwan in ter Tat nicht nur ein großer Äebeltäter und hinterlistiger Zauberer. sondern auch ein frecher sserl war, dem man kein Pardon geben durfte. Man 'beschloß, ihm eine strenge Lektion zu erteilen. Aber Sseliwan wußte Bescheid und lernte neue Listen. Er fing an, sich zu verwandeln, b. h. er wechselte bei der geringsten Gefahr, ja sogar bei jeder Begegnung seine menschliche Gestalt und verwandelte sich mit einemmal vor aller Augen in belebte oder unbelebte Gegenstände. Freilich hatte Sseliwan, dank ter allgemeinen Erregung gegen ihn, trotz seiner großen Gewandtheit, doch auch ein wenig zu leiden. Ihn ganz auszurotten, wollte aber doch nicht gelingen. Der Kampf mit ihm nahm hin und wieder einen sogar etwas lächerlichen Charakter an, was alle noch mehr kränkte und aufbrachte. Nachdem z. B. der Schuhmacher aus aller Kraft nach ihm mit der Ahle gestochen, und Sseliwan sich nur dadurch gerettet hatte, daß es ihm gelungen war, sich in einen Werstpfahl zu verwandeln, sahen einige Menschen diese Ahle im richtigen Werstpfahle stecken. Sie versuchten sogar, sie herauszuziehen, aber die Ahle brach ab, und sie brachten dem Schuhmacher nur den zu nichts brauchbaren Holzgrifs.
Sseliwan spazierte auch nach dieser Begebenheit im Walte umher, als hätte niemand nach ihm gestochen, und verwandelte sich in ein so echtes Wildschwein, daß er sogar mit Vergnügen Eicheln fraß, als ob ihm diese Frucht wirklich schmeckte. Am häufigsten jedoch flog er in Gestalt eines roten Hahns auf sein schwarzes, zerzaustes Dach hinauf und schrie von dort: „Kikeriki!" Alle wußten, daß es ihm nicht um das „Kikeriki" zu tun war, sondern daß er Ausschau hielt, ob nicht jemand komme, gegen den es sich lohnte den Waldteufel und die Hexe aufzuhehen, damit sie einen schönen Sturm erheben und ten Wanderer zu Tote zerren. Mit entern Wort, die Ehristemnenschen errieten alle seine Listen so gut. daß sie dem älebeltäter nie in die Falle gingen und sich sogar an Sseliwan für seine Hinterlist ordentlich rächten. Als er sich einmal in ein Wildschwein verwandelt hatte, begegnete er dem Schmied Ssawelij, ter zu Fuß aus Kromy von einer Hochzeit heimkehrte: zwischen ihnen gab es einen offenen Kmnpf, In dem ter Schmied ater Sieger blieb, weil er zu seinem Glück einen schweren Eichenprügel in ter Hand hatte. Der Werwolf tat so, als schenke er dem Schmied nicht die geringste Aufmerksamkeit: er grunzte laut und kaute an seinen Eicheln. Der Schmied ater hatte sein Vorhaben scharfsinnig durchschaut: das Tier wollte ihn nämlich torteifaff en, um ihn dann von hinten zu überfallen, umzuwerfen und samt den Sicheln zu fressen. Der Schmied entschloß sich, ter Gefahr zuvor- zufammen; er schwang seinen ^Knüppel hoch über dem Kopfe und ließ ihn mit solcher Wucht auf die Schnauze des Wildschweins nietersausen, daß es kläglich winselte, umfiel und nicht mehr aufstand. Als ater ter Schmied eilig davonging, nahm Sseliwan gleich wieder sein menschliches Aussehen an und schaute dem Schmied ton seinem Treppchen aus lange nach, offenbar in ter unfreundlichsten Absicht.
Aach dieser schrecklichen Begegnung befiel den Schmied ein Schüttelfrost, vor dem er sich einzig dadurch rettete, daß er das Ehininpulver, das man ihm aus dem Herrenhause zum Sinnehmen schickte, zum Fenster hinaus in ten Wind strebte.
Der Schmied galt als sehr einsichtig und wußte, daß Chinin und alle andere Apotheken-Ärznei gegen Zauberer nichts aus- richwn können. Er überstand also die Krankheit, band dann in einen rauhen Faden einen kleinen Knoten und ließ ihn im Misthaufen verfaulen. Damit war alles erledigt, denn sobald Knoten und Faden verfaulten, war auch Sseliwans Macht zu Ente. Und so geschah es auch. Sseliwan verwandelte sich nach diesem Vorfall nie mehr in ein Schwein: jedenfalls sah ihn niemand mehr in dieser unsauteren Gestalt.
Degen den Schabenrack Sseliwans in Gestalt eines roten Hahns war man noch erfolgreicher: wider ihn erhob sich ter scheläugige
Tchriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der
Müllersknecht Ssawka, ein kühner Bursche, ter am Weitschauente ft en und flinksten ton allen hantelte.
Als man ihn einmal in die Stadt auf ten Markt schickte, ritt er ein sehr faules und eigensinniges Pferd. Ssawka kannte die Gemütsart seines Gauls und nahm heimlich aus alle Fälle ein tüchtiges Birkenscheit mit, mit dem er seinem melancholischen Buze- pHalus ein Souvenir in die Rippen zu schreiben gedachte. Etwas in der Art hatte er bereits getan und damit den Charakter seines Gauls soweit bezwungen, daß jener schließlich die Geduld verlor und ein to-enig zu springen begann.
Sseliwan, der nicht erwartet hatte, daß Ssawka so gut bewaffnet war, flog bei seinem Herannahen sofort als Hahn aufs Dach begann sich zu drehen, nach allen Seiten zu schauen und sein „Kikeriki" zu krähen. Ssawka bekam vor dem Zauberer keine Angst sontern er sagte ihn vielmehr: „He, Bruder, du bist an ten Unrechte geraten, du entkommst mir nicht!" Ohne lang nachzutenken schleuderte er sein Scheit so geschickt nach ihm, daß ter Hahn nicht einmal fein „Kikeriki" zu Ente krähen konnte und tot herunterfiel Zum -Unglück fiel' er aber nicht aus die Straße, sondern auf den Hvf. wo er nur Die Erde zu berühren braicchte, um seine natürliche Menschengestalt wieder zu erhalten. Er wurde wieder Sseliwan lief heraus und verfolgte Ssawka mit demselben Scheit in ter Hand, mit dem ihn Ssawka traktiert hatte, als er als Hahn auf dem Dache krähte.
Wie Ssawka erzählt, war Sseliwan diesmal so wütend, daß et «hm nur knapp entrinnen konnte: ater Ssawka war ein erfindungsreicher Butsch und wußte einen vortrefflichen Streich. Er wußte daß sein fauler Gaul mit eimnmal feine Faulheit vergaß, wenn rmn ihn dem Haufe, ter Krippe zuwandte. Das tat er nun- 2113 ofeHiüan, mit dem Scheit bewaffnet, gegen Ssawka losging, lenkte ssawka das Pferd sofort auf ten Heimweg und verschwand Er galoppierte außer sich tot Angst nach Hause und erzählte erst am anderen Tag ton ter schrecklichen Geschichte, die sich mit ihm begeben hatte. Und Gott sei Dank, daß er zu sprechen anfing: man tottc schon gefürchtet, daß er aus immer stumm bleiben werte.
r.Kapitel
An Stelle tes erfchreckten Ssawka wurde ein kühnerer Bot« ausgesandt, der Kromh auch erreichte und wohlbehalten wieder zurückkehrte. Ater auch dieser erklärte, als er die Reise hinter sich hatte, daß er lieber in die Erde versinken wolle, als an Sseli- wairs Hof torüberkommen. Auch die anderen fühlten das gleiche' die Furcht wurde allgemein; dafür wurde freilich Sseliwan von allen in verstärktem Äfaße beobachtet. Abo und in was er sich auch verwandelte, man entdeckte ihn immer und überall und suchte seine verderbliche Existenz in jeglicher Gestalt zu vernichten. Ob Sseliwan vor feinem Hof als Schaf ober Kalb erschien, man er« bannte ihn sogleich und schlug ihn, und in keiner Gestalt gelang es ihm, sich zu verbergen. Als er einmal sogar in der Gestalt eines neuen, frisch geteerten Wagenrades auf die Straße hinausrollte und sich zum Trocknen in die Sonne legte, wurde auch diese List entdeckt, und finge Leute zerschlugen es in kleine Stücke, so daß Achse und Speichen nach verschiedenen Richtungen auseinanter- flogen.
Don all diesen Vorkommnissen, die die heroische Epopöe meiner Kindheit ausmachen, erhielt ich immer rechtzeitlg schnelle und glaubwürdige Kunde. Zur Geschwindigkeit ter üfachrichten trug diel bei, daß sich auf unserer Mühle stets ein wechselndes her gefahrenes Publikum befand, das zum Mahlen herkam. 'Während die Mühlsteine das mitgebracht Korn mahlten, mahlte der Mund ter Mahl- gäste mit noch größerem Eifer allen möglichen Ülnfinn. Von dort brachten die Mädchen Mofjka und Aosjka alle interessanten Geschichten mit, die darauf in verbesserter Redaktion mir mttgeteilt wurden. Ich dachte dann nächtelang über sie nach und schuf für mstch uirtz Sseliwan die fesselndsten Situationen, da ich zu ihm, trotz der Diirge, die ich über ihn hörte, in ter Tiefe meiner Seele eine starke, herzliche Zuneigung hegte. Ich glaubte fest daran, daß die Stunde kommen werte, in der ich mit Sseliwan auf eine ungewöhnliche Weise zusammentreffen müßte, und daß wir einander sogar noch viel mehr lieben würden, als ich den Großvater Ilja liebte, an tem mir mißfiel, daß eins feiner Augen, namentlich das linke, immer ein wenig lachte.
Ich konnte durchaus nicht länger glauben, daß Sfeliwan seine übernatürlichen Wundertaten in böser Absicht tue; ich dachte sehr gerne an ihn, und sobald ich einfchlief, erschien er mir gewöhnlich still und gütig und sogar etwas gekränkt im Traume. Ich hatte ihn noch nie gesehen und koimte mir sein Gesicht nach den entstellenden 'Beschreibungen ter Erzähler nicht torsteilen, aber seine Augen sah ich, sobald ich meine eigenen zumachte; es waren große sehr tiefe und gütige Augen. Während ich schlief, befand ich mich mit Sseliwan im besten Einvernehmen; vor uns öffneten sich im Walde diele verborgene Höhlen, wo wir viel Brot und Fleisch und warme Schafspelze für Kinder versteckt hatten, die wir hervorhvlten, schnell zu den uns wohlbekannten Hütten im Dorfe trugen und vors Dachfenster rügten; wir klopften an, damit jemand herauS- schaue, und liefen selbst eilig davon.
_ _______________________(Fortsetzung folgt.)_______________________
Brühlfchen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen-


