Ausgabe 
8.12.1923
 
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Dem Alten begrub man hinter dem Kirchhof, da er verwerflich gelebt und ohne Deichte gestorben war, sein Töchterchen aber ver­näh man ein wenig . . . Allerdings für kurze Zeit, im ganzen viel- wicht für einen Monat, aber als man sich einen Monat später an sie erinnerte, war sie nirgends zu finden.

Man konnte aber annehmen, dah die Waise in eine andere Stadt gelaufen war oder in den Dörfern um Almosen bettelte. Mel interessanter war, dah mit dem Verschwinden der Waise ein anderer" seltsamer .Umstand zusammenfiel: bevor man nämlich- noch an das Mädchen dachte, bemerkte man, dah auch der Brezelbäcker Sseliwan spurlos verschwunden war.

Gr verschwand so unerwartet und dazu so unüberlegt, wie es vor ihm sicher noch kein Flüchtling getan hatte. Sseliwan hatte ent­schieden von niemand etwas mitgenommen, selbst alle Brezeln, die man ihm zum Verkaufen mitgegeben hatte, lagen noch auf dem Brett, und ebenso unangetastet fand man auch das ganze Geld vor, das er für das Verkaufte eingenommen hatte; er selbst aber kehrte nicht mehr nach Hause zurück.

Die beiden Waisen galten volle drei Jahre als spurlos ver­schollen.

Da kam aber einmal der Kaufmann, dem der längst verödete Gasthofam Kreuzweg" gehörte, auf den Jahrmarkt gefahren und erzählte, dah ihm ein Unfall geschehen sei: auf dem Knüppelweg habe er so ungeschickt kutschiert, dah ihn das umgestürzte Fuhrwerk schier erdrückt hätte, aber ein unbekannter Landstreicher habe ihn gerettet.

Später aber erkannte er den Landstreicher, und es stellte sich heraus, dah es niemand anders als Sseliwan war.

Der Kaufmann, den Sseliwan gerettet hatte, war keiner von denen, die gegen einen erwiesenen Dienst unempfänglich sind; um nicht dereinst beim Jüngsten Gerächt wegen Undankbarkeit zur Rechenschaft gezogen zu werden, wollte er dem Landstreicher etwas Gutes tun.

Ich will dich glücklich machen," sagte er zu Sseliwan.Ich habe am Kreuzweg einen leeren Gasthof; geh hin, werde dort Wirt und verkaufe Hafer und Heu. Mir zahlst du im ganzen hundert Rubel Pacht im Jahr."

Sseliwan wuhte, dah an der verödeten Strahe, sieben Werst vom Städtchen entfernt, nicht der richtige Platz für einen Gasthof tvar und er dort keine Reisenden zu erwarten hatte; aber es war das erstemal, dah man ihm einen eigenen Winkel anbot, und so er­klärte er sich einverstanden.

Der Kaufmann lieh ihn ein.

3. K a p i t e l.

. Sseliwan kam mit einem kleinen, einrädrägen Mistwägelchen auf dm Hof; auf dem Wägelchen befanden sich seine Habseligkeiten, und auf diesen lag, den Kopf zurückgelehnt, eine kranke Frau in elen- dm Lumpen.

Die Leute fragten Sseliwan:

Wer ist denn das?"

Er antwortete:

Das ist meine Frau."

Woher stammt sie denn?"

Sseliwan erwiderte kurz:

Aus Gottes Welt."

Was fehlt ihr?"

An den Füßen leidet sie."

Woher kommt denn das?"

Sseliwan runzelte die Stirn und stietz hervor:

Von der irdischen Kälte."

Weiter sprach er kein Wort, sondern hob den kranken Krüppel aus und trug ihn in die Hütte.

Sseliwan war weder gesprächig noch überhaupt ein angenehmer Gesellschafter. Er wich den Menschen aus und schien sie sogar zu ürchten. In der Stadt zeigte er sich auch nicht, und seine Frau ah niemand mehr feit der Zeit, als er sie auf dem Mistwägelchen Üerhergebrächt hatte. Aber seitdem dies geschehen war, waren 'chon viele Jahre verflossen die damals jungen Leute fingen chon an alt zu werden, und der Hof am Kreuzweg wurde immer baufälliger und unwirtlicher, aber Sseliwan und der hilflose Krüp­pel lebten noch- immer dort und zahlten sogar den Erben des Kaufmanns zum allgemeinen Erstaunen etwas für die Pacht.

Wo nahm nur dieser Kauz das Geld her, das er für seine eige- Um Bedürfnisse brauchte und das er für den ganz verfallenen Hof zahlen muhte? Jeder wuhte, dah niemals ein Durchreisender dort hineinschaute, und dah kein Fuhrnrann dort seine Pferde füt­terte; doch Sseliwan lebte zwar ärmlich, starb aber immerhin nicht vor Hunger.

Das war die Frage, die übrigens die Dauern in der Umgegend nicht sehr lange quälte. Bald wuhten nämlich alle, dah Sseliwan es mit Leit unsauberen Mächten hielt . . . Diesen unsauberen Mächten hatte er recht vorteilhafte, für gewöhnliche Menschen so­gar unmögliche Geschäftchen zu verdanken.

Es ist bekannt, dah der Teufel rind seine Gehilfen die gröhte Lust daran haben, den Menschen alles Ueble anzutun; besondere Freude macht es ihnen aber, den Menschen die Seele so unerwartet zu nehmen, dah sie sich nicht mehr durch Buhe entsünöigen kön-

Wer von den Menschen diese Ränke unterstützt, denr erweist e gesamte unsaubere Gesellschaft, als da sind Waldteufel, Wasser­geister und Hexen, gern verschiedene Gefälligkeiten, wenn auch

unter sehr schweren Bedingungen. Der Gehilfe der Teufel muh ihnen selber in die Hölle folgen früher oder später, aber un­weigerlich. Sseliwan befand sich in dieser verhängnisvollen Lage. Um in seinem, zerstörten Häuschen leben zu können, hatte er schon lange seine Seele gleich mehreren Teufeln auf einmal verkauft, die ihm seit der Zeit mit allen Mitteln Reisende auf den Hos trieben. Aber niemand kam aus seinem Hofe wieder heraus. Dies geschah auf die Weise, dah sich die Waldteufel mit den Hexen ver­abredeten und plötzlich bei einbrechender Rächt Stürme und Schnee­gestöber erhoben, in denen sich der Reisende verirrte und sich be­eilte, sich vor den lvsgelassenen Elementen ganz gleich wo zu ver­bergen. Sseliwan wars dann sogleich seine Schlingen aus: er stellte ein Licht in sein Fensterchen, und auf dieses Licht kamen zu ihm Kaufleute mit dicken Geldkatzen, Adelige mit geheimen Schatullen im Wagen und Pvpeir mit dreiklappigen Pelzmützen, die innen in ihrer ganzen Weite mit Geldscheinen ausgelegi sind. Das war seine Falle. Aus Sseliwans Tor kam keiner von denen, die hinein­gegangen waren, wieder heraus.

Was Sseliwan mit ihnen tat, wuhte niemand.

Wenn Großvater Ilja in seiner Erzählung an diese Stelle kam, fuhr er bloh mit der Hand durch, die Luft und erklärte ein­dringlich:

Die Eule fliegt der Uhu zieht nichts ist zu sehen: Sturm und Schneetreiben und . . . Mütterchen Rächt macht alles glatt."

Um nicht in der Meinung Grohvater Iljas zu sinken, stellte ich mich so, als verstünde ich, was das bedeutete:die Eule fliegt, der Uhu zieht", aber ich verstand nur das eine, dah Sseliwan ein Waldteufel sei, dem zu begegnen au heroröentlich gefährlich war. . . Möge Gott jeden davor behüten.

Im übrigen bemühte ich mich, die schrecklichen Erzählungen über Sseliwan durch Umfragen bei anderen Leuten nachzuprüfen, aber alle sagten mir genau das gleiche. Alle betrachteten Sseliwan als einen schrecklichen Waldteufel, und alle trugen mir, wie Grvh- vater Ilja, aufs strengste auf,zu Haufe niernand etwas über Sseliwan zu sagen". Auf den Rat des Müllers befolgte ich dieses Gebot der Bauern bis zu einem besonderen, schrecklichen Vorfall, als ich nämlich selbst in Sseliwans Klauen geriet.

6. Kapitel.

3m Winter, als man im Hause die Doppelfenster einhängte, konnte ich nicht mehr so oft wie bisher mit Grohvater Ilja und den anderen Bauern zusammenkommen. Man lieh mich nicht in den Frost, sie aber hörten auch bei der Kälte nicht zu arbeiten auf, wobei sich mit einem von ihnen eine unangenehme Geschichte er­eignete, die Sseliwan wieder auf die Szene brachte.

Ganz zu Anfang des Winters ging der Bauer Ritolai, ein Reffe Iljas, an seinem Ramenstag nach Kromh auf Besuch und kehrte nicht mehr zurück. Zwei Wochen später sand man ihn am Saume von Sseliwans Wald. Nikolai sah auf einem Baumstumpf, stützte sich mit dem Kimi auf einen Stock und hatte offensichtlich, als er sich ausruhte, nicht gemerkt, dah ihn das Schneegestöber bis über die Knie einschneite. Die Füchse hatten ihm schon Rase und Wangen abgenagt.

Offenbar war Rikolai vom Wege abgeirrt, war müde gewor­den und erfroren. Aber alle mußten, daß dies nicht so einfach und nicht ohne Sseliwans Schuld geschehen sei. Ich erfuhr es durch die Mädchen, die in unserem Hause sehr zahlreich waren und fast alle Ännuschka heihen. Es gab da eine große Annuschka, eine kleine Annuschka, eine blatternarbige Annuschka und eine runde Annuschka und dann noch eine Annuschka mit dem Beinamendie Flinke". Diese letztere war bei uns eine Art Reporter und sorgte auch für das Feuilleton. Ihrem lebhaften und mutwilligen Cha­rakter hatte sie auch ihren Rufnamen zu verdanken.

Rur zwei Mädchen hiehen nicht Annuschka nämlich Revnila und Rastja, die eine gewisse Sonderstellung einnahmen, tveil sie in dem damaligen Orjoler Modenmagazin der Madame Morosowa eine besondere Erziehung erhalten hatten. Außerdem befanden sich drei Laufmädchen im Hause Osjka, Mosjka und Rvsjka. Der Tauf­name der einen war Matrjona, der aridere Rajissa, wie aber Osjka in Wirtlichkeit hieh, weih ich nicht mehr. Mosjka, Osjka und Rosjka teuren noch minderjährig und wurden deshalb ziemlich wegwerfend behandelt. Sie liefen noch, barfuß herum und hatten nicht das Recht, aus Stühlen zu sitzen, sondern mußten unten auf den Fuh- bänkcken kauern. Ihre Pflichten bestanden in allerlei erniedrigen­den Obliegenheiten, wie Tassen spülen, Waschbecken hinaustragen, die Zimmerhündchen spazieren führen und schnelle Gänge für das Küchenpersonal ins Dors machen. 3n den Heutigen Gutsbesitzer- Häusern kennt man einen solchen unnötigen Menschenüberfluh nicht mehr, aber damals erschien er ununtbehrlich.

Selbstverständlich wuhten alle unsere Mägde und Mädchen viel über den schrecklichen Sseliwan, bei dessen Hof der Bauer Nikolai erfroren war. Anläßlich dieses Vorfalles erinnerte man sich auch wieder an alle seine alten Schelnrenstücke, die ich bisher noch nicht gekannt hatte. Jetzt kam eS auch, auf, daß der Kutscher Konstantin, als er einmal um Fleisch, zu holen in die Stadt gefahren war, aus dem Fenster: von Sseliwans Hütte ein klägliches Stöhnen und die Worte gehört hatte:Ach, mein Händchen schmerzt, ach, er schneidet mir die Finger abl"

Ein Mädckren, die große Annuschka, erklärte das so, dah Sseli­wan während eines großen Schneegestöbers einen ganzen herrschaft­lichen Kutschschlitten mit einer ganzen adeligen Familie zu sich