samstag, 8. Dezemvtzr
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1923 — Nr. 49
Das Gebet.
Don Alexander Puschkin").
haben keusche Fraun und fromme Klausner-Greise, älm aufzuschwingen sich in unsichtbare Kreise.
Zu stärken sich das Herz im irdschen Kumpfgewühl, Gebete viel verfaßt voll innigem Gefühls
Doch fernes macht mir so das Herz vor Rührung schlagen, Wie dieses, welches in den trauervollen Tagen Des großen Fastens stets der Geistliche inacht kund, kommt mir öfter noch, als alle in den Mund,
alnd wunderbar die Kraft, die ich davon empfange:
nicht, o Herr, den Geist der Herrschsucht, jener Schlange, Die lauert im Versteck, den Geist, der töricht spricht, Besagter Trägheit Geist gib meiner Seele nichtI Doch meine Sündeii laß, o Gott, mich immer sehen, □lat meinem Bruder laß nie ins Gericht mich gehen, alnd es belebe mir im Herzen deine Huld
Den Geist der Demut, Lieb' und Keuschheit und Geduld!"
Russische Musik in Deutschland.
Don Professor Dr. Adolf Weihman n").
Es ist kaum ein Menschenalter her, daß die russische Musik als neue Macht in die Welt trat. Heute ist sie als die große Offenbarung einer anderen Volksseele, eines anderen Schauens fruchtbar geworden.
Bon dem Augenblick an, toj der russische Musiker flügge wewen wollte, richtete er seinsnB'ich nach Deutschland. Deutschland galt als das Land der □RuftE; es hatte den Klassizismus und die Romantik in sich wachsen sehen: blickte aus eine tangfamt gewachsene Kultur zurück.
Eben diese Kultur zu erwerben und damit die eigenen Kräfte 8u entwickln: das war der Ehrgeiz bei russischen Musikers. 3m Grund: gab es ja nichts dergleichen. Eine ungeheure Menge eir^eborener Musik ruhte, gärte in dem unermeßlichen Rußland. Alle Empfindungen waren mit Musik verknüpft: verlangten den Musikalischen Ausdruck. Denn das Ohr des Russen ist gierig im Auf saugen des Klanges und bereit, ihn schöpferisch zu bereichern' Seme Seele aber, zwischen leidenschaftlichem Ungestüm und hoffnungslosem Zusammeiisinken schwankend, will sich rein in seiner I Musik spiegeln.
Der Schah einer Volkskunst, in Danz und Lied, ist da. Sie v?1 i.vren eigenen Rhythmus, eine ganze eigene Sehnsucht nach I »arbigfeit, die sich in seltsamen Schritten der Harmonie ausspricht. Aber der russische Dilettant, der so viel Reichtum in sich fühlt, braucht den Anschluß an Westeuropa. Er verehrt den deutschen I Musiker, er blickt zu ihm als zu seinem Meister auf.
Der Deutsche aber, den neuen Klang vernehmend, empfindet j wS Starke, den Urlaut einer neuen Welt. Er hat sich seine | öorm .aus der Tiefe gebildet, er hat sich den Zug zum Jenseits m der Polhphonie von Johann Sebastian Bach aus bewahrt, j me Sonate neu geschaffen, die bürgerlich-romanische Musik eines | IKobert Schumann ist aus der Poesie der kleindeutschen Welt 8 geboren, und nun kommt Richard Wagner, die Romantik zu dem | ar an dieser Stelle schon eingehend gewürdigten Klassiker- I •4u«9abe &eg Bibliographischen 3 nstituts entnommen. |
/ Dem Sonderheft „Rußland" der Deutschen Gesellschaft für j AuSlandsbuchhandel" entnommen.
I Dau des Musikdramas zusammenfassend: trotz alledem
I erschließt swy der Deutsche der russischen Farbigkeit. Das Aa° I t'vnale in der Musik, seine Möglichkeiten für die Entwicklung j dm er Kunst, werden stärker noch a ls von Tschechen und □tot- | toegern, von »den Russen der allgemeinen Erörterung unter» I ^rettet. Die Quellen fliehen hier reich: r als anderswo.
I _ . -Nan hat nun erlebt, wie der russische Musiker, der in dev I Heinmt keine Schulen vorfand, sich zunächst in die Lehre des I Deutschen begab, um ein vollwertiger Vertreter seiner Kunst zu I tverden: inan hat Michael Glinka sich dem trockenen deutschen I Kontrapunktiker Dehn anvertrauen sehen, um seine nationale I Oper schaffen zu können. Mit fieberhaftem Eifer lernten sie alle: I die Borodin, Cui, Rimskij-Korsakoff, die sich um Balakirew I scharten. Sie alle wollten auf die Kulturhöhe des musikalischen I Europaertums, zumal des Deutschtums, gelangen, ohne die Gefahr | »u. ahnen die ihnen drohte. Denn Schumann, Liszt, Wagner I waren wohl imstande gewesen, die Eigenart der russischen Musik I S" uickeiJraben. Glücklicherweise geschah dies nur selten. Das | russische Vobstam erwies sich stark genug, um der Verwässerung 3u entgehen. Immerhin wissen wir. wie sehr etwa Schumann« Romantik auf die russischen Musiker gewirkt Hut. Wir spüren es in Nicolaus Medlner, in Sergej Rachmaninow, und nicht zum wenigsten in Tschaikowskij, dem es zum ersten Male gelang, die deutsche Welt ganz zu erobern mit Sinfonien, die leicht gebaut doch diese» Zusammenfliehen zweier Welten, der bürgerlich-
\ romantischen deutschen und der in gegensätzlichen Stimmungen schwelgenden russischen glänzend vertreten. Und hier ist selbstverständlich der □tarne Arthur Rikisch zu nennen, Ser mit künstlerischem Einfühlungsvermögen diese beiden Welten unter seinem Zauberstabe zusammenkl'ingen ließ. Das Werk gegenseitigen Verständnisses zwischen Deutschland und Rußland, das der deutsche Dirigent förderte, wurde durch Rikisch vollendet.
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Dun aber, nach dem Kriege, sind die musikalischen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland in ein neue« Stadium getreten.
Die Wirkungen der russischen Revolution machen sich auch für die Musik fühlbar. War das kaiserliche Rußland enger mit Paris verknüpft als mit Berlin, so drückte sich das auch in der Musst! aus. Das russische Ballett fühlte sich vor allem in Paris heimisch, und ein Igor Strawinskij, der mit dem Dallettschöpfer Diaghileff arbeitete, atmete gern in der Pariser Luft. Auch dies hatte übrigens feine Vergangenheit. Der französische Meister Claude Debussy hatte sich aus dem Reiche Wagners, dem er sich ganz hingegeben hatte, zu dem russischen Volkstum gewandt und aus ihm frische Kraft für seine Kunst der Reflexe zu schöpfen geglaubt. Mussorgskij hatte dem französischen Impressionismus die feste Stütze geliehen, Strawinskij nun, der von der russischen Heimat seinen Rhythmus und älrklang mitgebracht und in der Pariser Luft die verfeinerte Zivilisation des Impressionismus erworben hat, gibt von beiden die berauschende Synthese im „Sacre du Prin» temps", einem Werk, in dem sich. Barbarentum und Verfeinerung in merkwürdigster Art verknüpfen.
Deutschland hatte bis zum Kriege Tschaikowskij kennen und lieben gelernt, aber von den Einflüsien der beiden Russen Mus» forgskij und Strawinskij, deren Klang die gesamte auherdeutsche Welt erfüllte, mir wenig erfahren.
□tun aber, durch die Revolution und ihre Folgen, ist dies <m- ders geworden Berlin ist Zufluchtsort hrnvorragender russischer Musiker geworden. Rußland stellt für Deutschland nicht nur, tot«


