Ausgabe 
8.9.1923
 
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zum Trocknen bereit. Aber man findet tn höheren Lagen unzählige trockne Stellen, von Heidekraut überwuchert, wo man prächtig la­gern kann; nur darf man die Sonne und die Mücken nicht fürch­ten. Den Blick auf den Funkenturm gerichtet, kann man hier tvvhl etliche Stunden, in Ruhe geborgen und dem Weltenlärm entrückt, zubringen.

Jeht erkennt man erst trotz der noch immer achtunggebieten­den Entfernung von etlichen hundert Metern die Einzelheiten der ganzen Anlage: die Gebäude mit den elektrischen und sonstigen Maschinen, 6en Hauptturm und seine sechs Heineren Trabanten, alle festverankert und von besonderen Pardunen und Stahltrossen gehalten. Die Türme ragen trotz ihrer festen, starren Eisengefügs wie feine Filigranwerke m die luftige Höhe. Es ist, als ob sie bei dem Würde leise schwankten. Und von ihnen aus wob ein ge­heimnisvoller Meister ein Aetz von Drähten, durch deren Mund wir zu der ganzen Welt sprechen können. Das ist doch etwas höchst Eigenartiges, schier Rätselhaftes. Wellenbewegung ist alles. Der Mensch ist die Welle, das Ereignis ist die Welle aber wer und was bringt die Wellen in Bewegung ? Der Wille, das Ge­hirn des Denkers und Erfinders. Er erkannte, bändigte und be­zwang die Kraft: aber richtig begreifen und fassen kann er sie doch nicht. Er nannte sie mit einem fremdsprachigen Wort, kann heute alles damit machen, und doch ist Elektrizität nur ein Aus­druck, ein Wort. Das Wesen selbst bleibt uns ein Rätsel.

Vielleicht liegt es ganz tief im Moor vergraben; im Schob der Aatur, von der es kommt und deren Bestandteil dieseKraft" ist. Inmitten der .Urnatur, dieser eigenartigen, den Funkenturm um­gebenden Landschaft, müssen unwillkürlich solche Gedanken kommen. Es sind keine Gegensätze, das wilde Heidemoor und das stolze Gebilde von Menschenhand! AeutzerliH zwar kontrastierend, ist doch beides auf die gliche Einheit zurückzuführen: Aatur und Natur­wirken.

Sv schreite ich sinnend durch das Heidemoor. Strengt man die Augen und Gedanken an, findet man manches. Wie hier z. B. zwi­schen Erika versteckt, die immergrünen Rosmarinheide (Andromeda), die im Mai in so herrlich zarten Glöckchen blüht, oder an anderer Stelle die insektenfressende, so unscheinbare, kleine Pflanze Sonnen­tau (Drosera). Eine kleine, rötlich glitzernde, feinhaarige Avsette, aus deren Mitte der Blütenstiel aufragt. Sv unscheinbar das Pflänzchen, so verhängnisvoll war es manchem Insekt, mancher Fliege, mancher Mücke, die der Sonnentau mitHaut und Haaren" verspeiste. .------

Neuss 00m Mars.

Der englische Astronom T. M. R h v e s, der seit mehr als einem Hahr den Planeten Mars durch ein Niesenfernrvhr auf Teneriffa, einer der kanadischen Inseln, aus einer Höhe von 8000 Fuß beobachtete, hat neue, aufsehenerregende Beobachtungen über Veränderungen auf diesem meistbesprochenen Stern in englischen Blättern veröffentlicht. Er schreibt darüber:Der Mars erscheint weit davon entfernt, als ob er eine tote Welt sei. Gr zeigt deut­liche Spuren von Beränderungen. Einige davon, die auf Teneriffa beobachtet wurden, sind die folgenden: Die dunkle Stelle, die nach ihrer Gestalt Shrtis Major genannt wird und jedem Marsbeob­achter geläufig ist, hat ein Anhängsel erhalten: es ist ein Aus­wuchs an der Seite, der die ganze Erscheinung verändert und ihr eine fast viereckige Form gibt. 3m Jahre 1909 war noch keine Spur davon zu sehen. In der Periode von 14 Jahren haben sich mehr als 100 000 englische Quadratmeilen Land, die früher durch ihre fahlgelbe Färbung alsWüste" charakterisiert wurden, tn ein dunkles Braun verändert. Bon den sog.Seen" sind einige ungewöhnlich dunkel geworden und während einiger Monate so geblieben, besonders Lacus Solls, der vor einigen Jahren "fast un­sichtbar geworden war. Gr zeigt sich nun als ein äußerst dunkler Fleck von etwa 400 Meilen Durchmesser. Einige derKanäle" ha­ben sich verändert, merkwürdige Entwicklungen sind hier zu beobach­ten. Ein breiterKanal", der den 140. Meridian entlang läuft, wurde entdeckt; dieser ist entweder neu oder ein Wiedererfcheinert desKanals" Aethiops, der verschwunden war. Die meistenKa­näle" sind sehr breit und haben grade oder gekrümmte Richtung: einige sind dunkel und ganz deutlich, andere trüber und schwerer zu entdecken. Die von Teneriffa aus aufgenommenen Marsskizzen zeigen nicht das weite und komplizierte Netzwerk wie die Kartmr von Pros. Lewell, aber dieKanäle" sind doch auch hier deutlich eingezeichnet. Leuchtende kleine Flecken von fahlem Gelb wurden beobachtet und ebenso rosa Flecken in denWüsten". Diese Mr­bungen mögen vulkanischen Ursprungs sein. Etwas, was Reif oder Schnee ähnelt und das am Morgen Verschwand, ist auf dem Mars festgestellt worden, so daß man auf Anzeichen von Frost schließen kann." Ueber die Möglichkeit des Lebens auf dem Mars äußerte sich Rhves dahin,,daß er an die Bewohnbarkeit des Pla­neten glaube. Rund um jeden der beiden Pole enthüllte das Fern­rohr einen leuchtenden, runden, weißen Fleck, der im Marswinter zunahm und beim Herannahen des Warssommers sich verringerte. Daß diese weißen Flocken Polarschnee darstellen, wird allgemein angenommen.. Wenn aber Schnee an den Polen ist, so gibt es auf dem Mars nicht nur Wasser, sondern auch Luft, und da sich der Schneebereich der Marspvle etwa ebensoweit ausdehnt wie bei den Polarkreisen der Grd«, so kann man schließen, daßdas Klima

Schriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. Druck und Verlag de

ähnlich ist wie bei uns. Die Veränderungen der Wrbung, die auf dem Mars beobachtet wurden, lassen sich am ungezwungen­sten erklären, wenn man sie mit Pflanzenleben in Zusammenhang bringt. Ein Beobachter, der aus dem Weltraum auf die Erde blicken würde, mühte ähnliche Veränderungen feststellen. Er würde die Steppmr im Frühjahr grün werden sehen, dann gelb werden durch Korn oder trockenes Gras und dann im Herbst braun wer­den. Sv ist also die Schlußfolgerung gestattet, daß der Mars Luft besitzt, Wasser, Wärme und eine beträchtliche Vegetation.

Der Werdegang der Tapete.

Die Tapete ist heute zu einem unentbehrlichen Teil unserer Einrichtung geworden, die viel zur Wohnlichkeit unserer Räume beiträgt und bei der man mehr als früher auf die Wahl einer warmen, stimmungsvollen Farbe Wert legt. Die Einbürgerung der Papiertapete ist aber kaum älter als ein Jahrhundert, und frühere Zeiten haben sich» mit anderen Wandbehängen und Wand­bespannungen beholfen. Die interessante Geschichte der Tapete hat kürzlich der Stuttgarter Kunsthistoriker Prof. Gustav E. Pazau - r e k in einem bei Walter Hädecke zu Stuttgart erschienenen reich illustrierten Buch Largestellt.Tapete", Teppich",Tapisserie" diese drei Worte gehen alle auf dieselbe Wurzel zurück, Las la­teinische tapetum, das zunächst eine Decke, einen Fußbodenbelag be­deutete. In der Spätzeit der Antike kannte man auch schon ge­webte Wandbehäuge, die an die Stelle der ursprünglichen Tierfelle traten, und seitdem waren lange ZeitTapisserien", d. h. solche gewebte Wai'.dbehänge, üblich. Doch nicht nur die Textilkunst sorgte für die Wandbekleidung, sondern daneben auch das Holz mit seinen geschnitzten und eingelegten Vertäfelungen, das Leder mit seinen Tapeten, die Keramik mit ihren bunten Fliesen, BergoIbeteS Metall, Glas mA seinen großen Spiegeln und sogar der Bernstein.

Die frühesten Tapeten, die nicht mehr auf die Wand gespannt, sondern geklebt wurden, bestanden aus Seinen, Baumwolle Seide, Pergament und wurden durch Len Zeugdruck mannigfach geschmückt, der bis ins 18. Jahrhundert vorherrschte. Das Papier, das man hie und La schon seit dem 16. Jahrhundert verwendet hatte, konnte erst in Aufnahme kommen, als gegen Ende des 18. Jahrhunderts verschiedene Erfindungen gemacht wurden. Die bereits 1699 er­fundene Walzendruckmaschine wurde durch Oberkampf 1785 ver­bessert, und 1798 ließ sich Louis Robert die Papier-Schüttelmafchine patentieren, die bald an Stelle der kleinen Papierbogen die end­losen Papierrollen setzte, die erst die Herstellung von Tapeten in unserem Sinne ermöglichten. In England wurden Papiertapeten in großem Maßstabe schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hergestellt, aber diese hochentwickelte englische Tapetenindustrie kam infolge der Revolution der napoleonischen Kontinentalsperre nicht recht nach Lein Kontinent, fand früher in Amerika Aufnahme Papiertapeten waren gegen Ende des 18. Jahrhunderts in^Deutsch­land noch eine Seltenheit, und als Goethe 1797 auf feiner Schweizer Reise im GasthofZur Sonne" in Heilbronn abstieg, notierte er sich ausdrücklich:Die Zimmer sind geschmackvoll und artig mit französischem Papier ausgeschmückt."

Noch auf lange hin litt die ästhetische Entwicklung der Tapete darunter, daß man mit ihr frühere Wandverkleidungen nachzu­ahmen suchte. Die Tapetenmuster stellten Steinarten da, textile Ge­webe aller Art, auch Nachahmungen von Holz, wie Täfelungen unb1 Bambusstäbe. 1835 kamen die ersten abwaschbaren Tapeten auf, aufdringlich glänzende Papiere, die alte Lackmalereien ober Holz­bretter imitierten. Der höchste Schmuck der Papiertapete des Biedermeiers bestand in gotischen Ruinen, in Sandschaftsmalereien oder anderen Darstellungen, die den geschlossenen Raum aufhoben, indem sie eine offene Weite vortäufchten, und meistens farblos in Grifaille gehalten waren. Die erste Farbigkeit brachte bunte Blumenmuster: daneben gaben sich alle möglichen Kunststile hier ein Stelldichein, und man brachte sogar mit Wolle bestäubte Ta­peten auf den Markt, die ein Textilmuster naturgetreu nachahmen sollten und einen höchst ungesunden .Unterschlupf für Ungeziefer gewährten. Erst spät kam die Erkenntnis, daß die Tapete den Raum abschließen soll, daß sie deshalb eines möglichst unauffäl­ligen Flächenmusters bedarf und ihre schönste Zierde in der Farbe zu suchen ist. Die Neuschöpfer des englischen und des modernen Kunst­gewerbes überhaupt, die Moris und Orane, verwendeten als Or­nament stllisierte Pflanzen, die zum erstenmal dem Charakter des Papiers angepaßt waren. Die Bedeutung der Farbe für die Ein­richtung der Wohnräume hat schon Goethe in seiner Mrbenlehre betont: er ließ, da ihm farbige Tapeten noch nicht zur Verfügung standen, die Wände seiner Zimmer einfach gelb oder lichtblau tönen. Der Wille zur Farbe spricht sich bei ihm zum erstenmal deutlich aus, und erst 100 Jahre später haben unsere neuesten Tapetenkünstler diese Farbigkeit ausgenommen, nachdem auch nun­mehr die Industrie die Sichtechtheit und Waschechtheit der Papier­tapete in vollendeter Weise gesichert hat. Die Aerzte erkannten den wohltätigen Einfluß bestimmter Farben auf die Gemütsstimmung, und diesersinnlich-sittliche" Wert der Farbe, der durch die Ta­pete in unsere Wohnung getragen wird, dürfte uns in den nächsten Jahren besonders wichtig fein, denn die Farbe wird, wie Pazaurek sagt,in unserer politisch, sozial und wirtschaftlich schweren Zeit Las hauptsächlichste Element der Lebensfreude zu vertreten haben".

Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.