Ausgabe 
7.7.1923
 
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torte zu vier Heller unS zwei Heringe tot gleichen Wert gereicht, tzazu in einem Kruge ein Mertel Wein vom besten, der in Lich Mzutreiben war. Brot, Heringe und Wein wurden auf dem Kirch­hof auf einer gedeckten Tafel aufgetragen, ein Prälat oder ein Kanoniker las das Evangelium, ein anderer, angetan mit der Meund bewaffnet mit einem leinenen Tuche, wusch jedem der acht-- >chn Männer den rechten Fuß. Dann erst erhielten die Leute ihre Spende. Jeder Priester des Stifts erhielt ebenfalls ein Brot und ein Viertel Wein, der, der den Leuten die Fähe gewaschen hatte, zwei Schonebrote und eine ganze Watz Wein.

Wenn ich nun noch erwähne, daß auch Lich sein Leprosenhaus gehabt hat, und daß mehrere geistlichen Stifte wie Lorsch, Fulda. Minz, Arnsburg, Ilbenstadt und das Deutschordenshaus Sachsen­hausen Höfe und andere Besitzungen in diesem Städtchen ihr Eigen nannten, kann man sich einen Begriff von dem regen geistlichen Leben, das hier geherrscht hat, machen.

Zum Schlüsse noch ein Wort über die vier in der Gemarkung ausgegangenen Orte Hausen, Rodenscheit, Warnsberg und West-- wich. Don ihnen sind die drei zuletzt genannten für die Verteidi­gung des Markortes wichtig gewesen. Vom Warnsberg, dem heu­tigen zwischen Stadt und Albacher Teich gelegenen Dreuerberg, teilten wir, daß er eine Burg getragen hat, deren Reste noch sichtbar sein sollen. Don ihm hat der Sage nach ein unterirdischer Gang nach Rodenscheit geführt, wo etwa 15 Minuten nordwest­lich der Stadt ebenfalls eine Burganlage über dem ehemaligen Dörfchen vermutet wird, wohl mit Recht, da ein ritterlicher Burg­mann, der sich nach ihm nannte, für das Jahr 1306 zu Lich urkund­lich belegt ist. Rahe dem Dörfchen zog eine alte Straße (Römer­strahe?), die 1322 als via lapidea prope Rodenscheit genannt wird. Das von Rodenscheit Gesagte gilt auch von Westwich, auch hier Dors und Burg, von der ebenfalls eine ritterliche Familie zu gleicher Zeit in Lich nachweisbar ist.

Diese Dörfer sind nicht im 30jährigen Krieg ausgegangen, son- 6em wie wir gesehen haben schon viel früher. Auch sie be- beifen, dah der Volksmund meist nicht recht hat, wenn er diesem Krieg schuld an allen Verwüstungen beimißt, die sich das Volk eben nicht anders erklären kann.

Hiermit will ich meinen äleberblick über die Schicksale dieses lieblichen Städtchens beschließen.

Ich hoffe, Sie haben meinen Ausführungen entnommen, daß mich im Kleinen Interessant^ verborgen sein kann, und Probleme stecken können, deren Lösung sich lohnt. Gleicherweise wünschte ich das Verständnis der Heimat zu fördern, und würde mich freuen, wenn es mir gelungen ist. Die Heimat verstehen, heißt: sie lieben. Darum erblicke ich in der Erforschung ihrer Geschichte und ihrer Denkmäler die vornehmste Aufgabe unseres heimischen Geschichtsvereins, denn nichts ist uns in diesen schweren ZÄten notwendiger, und nichts darf «ns höher stehen als die unzerstörbare Liebe zur Heimat, zu Volk und Vaterland.

Erinnerungen über Franzosengreuel in den Rheingebieten.

Ms im Jahre 1792 die französische Aevolutionsarmee die deutsche Grenze überschritt und nach Mainz vvrrückte, da lernten die deutschen Dorf- und Stadtbewohner gründlich den französischen Dolkscharakter kennen in den ungeheuerlichen Prüfungen, die ihnen durch die anmaßenden Eindringlinge auferlegt wurden. Daraus Vergleichsbilder zu dem heutigen Treiben der Franzosen auf­zurichten, ist zeitgemäß und lehrreich. Vor uns liegen dre vor einigen Jahren in rheinhessischen Zeitungen erneut zum Abdruck gelangten MemoirenblätterTreue Geschichte der Drangsale, die ein deutsches Dorf bei Mainz (Fürstentum Rassau-Daarbrücken) im ersten Devolutionskrieg durch die Franzosen erlitten". Der Verfasser erzählt darin seine Knabenerlebnisse aus dem Eltern- Hause und was er darüber hinaus in nahem älmkveise sah und) ptte. Die Freiheitstruppen" waren ein liederliches Gesindel, das den von ihnen überfallenen deutschen Landstrich fast noch schlim­mer heimsuchte als das heutige Heer derKulturnation". Der imnzvsische Vvlkscharakter offenbart sich, derTigeraffe", wie Voltaire seine eigenen Landsleute betitelte. Einige Abdrucke aus dm uns zu Gesicht gekommenen Blättern mögen dies belegen:

Aus der Zeit der ersten Einquartierungen:

, Dergegenwärtige ich mir diese Tage der schwersten Heim- fuchung, welche mit kurzen älnterbrechungen vier volle Jahre wahrte und in ihrem Gefolge neben den oft wochenlang fort« dauernden, Tag und Rächt sich wiederholenden, qualvollen Hn«

Sorgen und Entbehrungen, materielle Opfer und Verluste ohne Zahl auferlegten, so bleibt es mir unbegreiflich, wie meine (jäten Eltern sich durch diese grauenvolle Zeit der schrecklichsten »ruvsal durchwinden konnten, ohne daß das ganze Hauswesen Eig zugrunde gerichtet und sie an den Bettelstab gebracht tour* $?? Der teilnehmende Leser dürfte dies mit uns umso unbegreif- Mer finden, wenn er vernimmt, daß während dieser Periode ffvr V^keMchsten Kriegsdrangsale meine Eltern eine dreimalige ^Eberung erfuhren, deren letztere nach erfolgter Sprengung w dMzüfischen Linien vor Mainz durch Elairfait einen ganzen 8

»ölten Tag hindurch dauerte, und uns außer den teeren Wänden über dem Haupte nicht einmal ein ganzes Stück Möbel übrig ließ. Und jahrelang wurde keine Besoldung bezahlt.

Daß meine Eltern sich trotz der unerschwinglichen Leistungen durch jene tengwierige Drangsalsper-iode glücklich durchschlugen, und ihre ökonomischen Verhältnisse nicht, wie dies in so vielen anbereu Familien der Fall war, völlig zerrüttet wurden, das verdanken wir allein unserer trefflichen Mutter und ihrer um­sichtigen Leitung eines streng geregelten Hauswesens.

Als wir einmal mehrere Tage nacheinander burchmarschie- renbe Trupps von Volontärs, auch die Lkacht hindurch, beher­bergt hatten, ließ sich schon wenige Stunden nach ihrem Abzüge aufs neue Trommelwirbel vernehmen, der uns.mehrere hundert Mann Infanterie zuführte. Vierzehn Tage sollten sie bei uns rasten, eine sehr unerquickliche Botschaft für die vielgeplagte Einwohnerschaft. Jeder Hausbesitzer erhielt zwei, drei dieser Gäste zugeteilt, und wir machten die Bekanntschaft von zwei Offi­zieren, die uns ihre Billette (Einquartierungszettel) überreich­ten und zugleich zwei Bedienten nebst zwei Pferden mitbrachten. Sie mußten auf ihr Verlangen in verschiedenen Zimmern unter« gebracht werden.

®ie Offiziere, roh und gemein, dabei aber hochmütig und zurückhaltend, nichts weniger als redselig, wie es sonst der galli­schen Rasse Art und Weise ist, waren Wohl, wie damals Tausende ihresgleichen, aus der Volkshefe wie Pilze aufgeschossen. Sie ließen sich in ihren Zimmern bedienen und bewirten. Meine Mutter sollte demnach außer dem Haustisch noch drei anders decken.

Das werde ich zu ordnen wissen," sagte sie ganz ruhig dem Domestiken, der ihr den Befehl der Herren Offiziere überbrachte.

Aus ber Küche eilte sie ins Zimmer, in dem sich die un­holden Gesellen beieinander befanden.

Ich kann nur annehmen," redete sie die Herren an,daß Ihr Domestik mich belogen hat, Ihr Befehl kann es unmöglich gewesen sein, jedem von Ihnen einzeln aufzuwarten an beson­deren Tischen."

Hub warum denn nicht, Madame?" fragte der eine ernst und trocken.

Das kann wohl Ihr Ernst nicht sein," versetzte sie rasch. Es ist keinem Ihrer Landsleute, die ich bisher im Quartier hatte, eingefallen, die Mühen und Beschwerden einer Hausfrau so übermäßig zu steigern und solche rücksichtslose Forderungen an sie zu stellen. Im Gegenteil, sie nahmen allesamt Platz an unferm Familientische und aßen mit uns, was wir gerade hatten. Doch, meine Herren, sollten Sie es mit Ihrem Ansinnen wirklich ernstlich gemeint haben, so erlläre ich Ihnen, daß ich Ihrem Wunsche oder Befehle nicht nachkommen werde,' suchen Sie sich ein anderes Quartier, Sie können ja Ihre Einquartierungsbillette umtauschen, dann bin ich vielleicht so glücklich, mit Ihren Stan* desgenossen, die uns zugewiesen werden, besser zurecht zu kommen."

Betroffen standen die Reufranken da. Eine so runde, ent­schiedene Erklärung von feiten eines Weibes hatten sie wohl noch nie vernommen. Die unerwartete Szene hatte sie verblüfft.

Wollten Sie, Madame, uns beiden denn Nicht an einem Tische, und unfern Domestiken an einem andern servieren lassen?" fragt? nun der eine fast herablassend freundlich.

Das kann geschehen," sagte meine Mutter und entfernte sich

Zwei Tage nach jener Szene luden die Domestiken ein halbes Dutzend ihrer Kameraden zu sich ein. Die Wohnstube meiner1 Eltern, die sie innehatten, füllte sich mit diesen von der Straße bereingerufenen Kindern der Republik, und alsbald begann in diesem Raume ein tobender Lärm, ein Schreien, ein tolles Rasen, daß einem Sehen und Hören verging. Besoffene, tobende Bauern* burfchen in der Schenke am Kirmestage bürfen harmlos spie­lende Kindlern genannt werden Im Vergleiche mit dieser Bande zügelloser Freiheitshelden, Hub wie greulich wild wurde die Marseillaise hervorgegurgelt, dann um die Reihe herum das ca ira" und die schaurigecarmagnole" unter den wütendsten Gebärden und Tänzen weithinschaltend in alle Räume des Hauses und durch die geöffneten Fenster auf die Straße hinausgebrüllt: Du vin, citvhen! Allons depechez-vous dvnc," (Wein, Bürger! Run, eilen Sie doch!) schrien um die Wette Maurice und Benoit. Aber mein Vater hatte ihnen außer dem gewöhnlichen Quantum, in einem "Kruge bestehend, bereits zwei andere gegeben, welches im Ru geleert waren, und nun auf Befehl in der eben vernomme­nen liebenswürdigen Manier wieder gefüllt werden sollten.

Bonne mine ä mauvais jeu (gute Miene zum böse . Spiel), dachte mein Vater, dem bösen Hunde lieber zwei Stücke!

Gefüllt reichte er ihnen die beiden Krüge hin mit der Be­merkung, sich in etwas zu moderieren.Wein ist kein Wasser, sagte er ihnen,wenigstens hier bei uns nicht, was ihr von euenre Getränke auf Tisch und Boden verschüttet bildet euch nicht ein, daß ich so töricht sei, es euch zu ersetzen. Dies ist die letzte Portion, dis ich euch verabreiche, wonach sich zu richten."

Unter greulichere Flüchen und Drohungen taumelte der ®e* Ms seinen Kameraden entgegen, welche «den aus dem Shumer