Ausgabe 
7.7.1923
 
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fle wohl ein

Schristleitung-! t % Ernst Blumschein. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch« und Gtetndruckerri, X Lange, ©Ub®1-

Ohne es zu beachten, begab sich mein. Vater in sein Zimmer, wohin wir uns alle geflüchtet hatten.

Da aber vernahmen wir das Klirren von Fensterscheiben. Wiederholte Faustschläge schleuderten mehrere Schalter auf die Strahe Die dadurch entstandene Lücke an zwei Fenstern lieh mein Vater nicht ausbessern, mochten die Domestiken an den folgenden Lagen noch sooft daran erinnern. Es war ihre Schlaf­stube, die Dächte waren frostig. Da waren sie denn gezwungen, mit ihren Mänteln die grvhen Lücken zu decken, um die kalte, Machtluft abzuholten. (Schlutz folgt.)

Das zähe Lebsn der BazMen.

Versuche über dis Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit b« einzelnen Vazillen, die seit einer langen Reihe von Jahren!» englischen Laboratorien angestellt werden, haben das erstauM Ergebnis gezeitigt, dah viele Bazillenkulturen, die in sterilisiert«! Form 1420 Jahre aufbewahrt waren, noch Lebenskraft besaM Das war z. B. der Fall mit den Bazillen des ThPhuS- und Pa«' | thphusfiebers. Dagegen waren alle Kulturen von Diphterie-w Eholerabazillen singegangen. Immerhin waren noch in einig« wenigen Fällen auch Thphusbazillen nach 18Vr Jahren, M» in verschlossenen Glastuben gehalten worden waren, noch w kungsfähig, d. h., sie konnten Typhusfieber Hervorrufen. Am« sehr widerstandsfähige Organismen sind die Bazillen des W brandes und Kinnbackenkrampfs, die nach 19 Jahren noch leb« dig waren. Eine Kultur von Milzbrandbazillen, die sich 31 lang in einer Papierkapsel befunden hatte, infizierte und tw eine Maus nach wenigen Stunden. Selbst wenn die Dazrwn gestorben sind, so bewahrten doch oft noch ihre Gier oder ep° die Lebenskraft. Diese Eier besitzen eine starke »Schale, du gegen Einflüsse der Witterung und andere Einwirkungen w # Es sind sehr hohe Hitzegrade erforderlich, um die Spmen Bazillus zu vernichten, der selbst durch verhältnismährg nie > Temperatur getötet werden kann. Man sieht aus diesw , suchen, mit welcher Vorsicht und Sorgfalt Desinfektionen Krankheiten vvrgenommen werden müssen.

DLs MAseum der Tapete.

Aus Kassel wird uns geschrieben: In Gegenwart dec Spitzen aller ansässigen Behörden, der Kunst-Akademie und der verschie­denen Kunstkreise, sowie Tapetenfabrikanten aus dem ganzen Deut­schen Reich, aus Oesterreich, Holland, der Schweiz, Dänemark und

in den Hausflur getreten wavmi, um ihren Fleuch au stützen einem widerspenstigen töte carr« (Querkopf) geg«^ von dessen ernsten Erklärungen sw wohl ein und M3 andere Wort vernommen haben konnten. Mein Vater war aber bereits oben an der Stiege angelangt, vernahm l«doA wie der er» grimmte Bösewicht unter !chau«Wt«m Verwünschungen dwbÄ- der, Gefaste so heftig auf den Tisch siretz, da« es seine Vchuta nicht war, wenn sie nicht zerbrachen.

Kaum war eine Viertelstunde unter einem gesteigerten hot- lischen Lärm und kannibalischem Geheul verflosten. alSeiner dieser edlen Genossen mit einem Steine am Geländer und an d«r Stufen der Stiege aufpochte »he, citohen bourgeois nllemand, du bht! du bin! (Heda! Burger, deutscher Hauswirt, Wem, Wein!) schreiend gleich einem Aasendem Der bevausgeford<^s citoven verhielt sich ruhig, und tat, als höre er das Toben nicht Aber bald sollte er inne werden, dast es bittet gäbe, auch den harthörigsten Weltweisen aus seinem Glerchmut aufzurutteln.

Mit Donneraepolter flogen plötzlich dicke Steine die Treppe hinauf, zerschlug«! das Geländer und Prasselten springend von Stufe zu Stufe wieder herab in den Hausflur. »Reicherer» discretion, citvhens, apres la canonnade lasfauti (Burger, er aebt euch auf Gnade und .Ungnade! Der Sturm folgt auf die Kanonade!) so lietzen sich unter diesem furchtbaren Getos« trium­phierende Stimmen und Hvhngelächter Horen. Angst und Ent setzen hatte uns alle ersaht, weinend sahen wirKinder alle geschart um unser Mütterchen im abgelegenen Stübchen. und dachten nicht anders, als die Decke wurde über uns zusammen­stürzen und alles um uns her in einen Trümmerhau^n^e^ wandelt werden. »Und wo ^ren denn wahrer^ dieses Tumults die beiden Offiziere? Wahrscheinlich nicht zu Hause?

Doch - lieber Leser, sie sahen an ihrem Tische in® spielten. Das Zimmer aber stieb auf den Hausflur, wo dieser unge­heure Skandal verübt wurde.

Als das Bombardement einen Moment nachgelassen hatte, eilte mein Vater herab und trat zu den Offizieren ms Zimmer S Mher wüMgten sie den entrüsteten Hausherrn ke nes Blickes keines Gruhes, sahen auf ihre Karten und spielten weiter.

Wer Zeuge der schändlichen Auftritte ist, die hier unter Ihren Augen und Ohren Vorgehen, der wird gewiß uicht glau­be, daß Sie in Ihrem Logis sind Ich appelliere an mein Hcms recht und werde mich, zählen Siedarauf, von Ihren unverscham ten. wilden Domestiken nicht langer mihhandeln lassem Sie verlangen Wein, nachdem ich ihnen bereits ich werde ihnen heut«, keinen mehr reichen EEren St-: chnm das und machen Sie dieselben verantwortlich für die Beschädi­gungen an meinem Hause. Auchverbitterch ^ErRoheUen ui® Zügellosigkeiten, wie sich solche ihre Domestiken soebm in Ihrer Gegenwart erlaubt haben." Wein Vater schwieg die Galller mich, und als ersterer sich zuruckzi-ehen wollte, sa^teeiner von ihnen ganz frostig: »mais il faul leur donner. (Gleichwohl geben müssen Sie ihnen.)

Versehe man sich einen Augenblick in die Lage mÄnes Va­ters. Was lag doch alles in diesen wenigen Worten? Gin offenes Geständnis nicht nur der Billigung und Zustimmung zu Riefen abscheulichen Ausbrüchen einer mahlosen Brutalität und Fix­heit, wndern auch der wohlbegründete Verdacht. dah dies« Sze­nen einer unbändigen Zuchtlosigkeit absichtlich undaus Verab­redung veranlaht worden waren. Welch ein Zeugnis von Ver­worfenheit und niederträchtiger Gesinnung, welch eine schnöde Verhöhnung alles Rechtsgefühls bei Männern, die mit einem Kominando betraut waren, also über dem gemeinen Troy durch Beruf, Würde und Charakter hätten erhaben sein sollen.

Mit einem Blicke tiefster Verachtung erwiderte mein Vater den empörenden Bescheid des düstern, gallischen Despoten und entfernte sich aus dem Zimmer. Als ihn die zügellose Horde an­sichtig wurde, ertönte aus allen Kehlen das Wort:Du bin, ci- tobenä! Allons enfants de la Patrie!" (Wein, Bürger! Vorwärts, Kinder deS Vaterlands!)

Skandinavien wurde in Kassel der Schlußstein der Llmwandlm« des ehedem kurfürstlich-hessischen und später kaiserlichen Aesid^ fchlvsses am historischen Friedrichplatz in ein Museum eigen, st e r A r t gelegt. Machdem bereits vorher neben den im ursprkw, lichen Zustand mit all ihren Kostbarkeiten erhaltenen Prunksäl« der letzten Kurfürsten von Hessen-Kassel eine, städtische neuer, besonders hessischer Meister und ein Museum sh den groben Geiger Louis Spohr untergebracht waren, find j«, alle Aebenräume zur Aufnahme des Deutschen Tapet-!,. Mussums eingerichtet worden.

Wie die persischen uiid griechischen Geschichtsschreiber beriL ten, war es in alten Zeiten üblich, die Wände der Wohnräun« mit buntfarbigen Teppichen lat. tapetum oder ähnlich«, Stoffen zu schmücken, deren Muster den Webstofsen entnomm« waren. Im Wandel der Zeiten wurde diese Art deS WaAj schmuckes durch Papiertapeten erseht, die mit Schablonen |jtt, | gestellte Tierfiguren und später Szenen aus dem italienischen Volks« leben, sowie geschichtliche Darstellungen zeigten, wie die Muse« In Basel und Zürich dem Beschauer vor Augen führen. Den, man hier das WortMode" schon gebrauchen darf, so tont dich von da ab einem regen Wechsel unterworfen. Auber den altgotl« Ehen Mustern, die nach den Kirchengemälden entworfen war«, ; lenten nacheinander Leder- und Seidentapeten, sowie eine neu. erdachte Art, das sogenannte Granatapfelmuster, als Dani- schmuck: die Granate versinnbildlichte von jeher reichen Segen uiij die Blüte feurige Liebe. Bei Beginn des 19. Jahrhunderts seht, der Papiertapetendruck mit teils groben Landschaftsbildern ch wie sie noch in manchen alten Bürgerhäusern die kundigen schauer entzücken. Eine spätere Reuheit der sog. Jugendstil aus einer Mannheimer Fabrik hervorgegangen, war nur von kurz« Lebensdauer, man kehrte infolgedessen zur Rachahmung des ast« Blumenmusters bald zurück.

Diesen Entwicklungsgang der Tapete in seinen Haupterschei, nungen von der Schwelle der älrzeit an aufzuHellen, ist das lstw dienst dieses in der ganzen Welt einzig dastehenden Museums, dal aus kostbaren Sammlungen des Hamburger Geheimrats Ide, hervorgegangen ist und seltene Schätze enthält, von denen die V!chi> zahl aus nie wieder zu beschaffenden Stücken steht. Richt M gibt eine originell hierher verpflanzte alte Tapetendruckerei ein« Einblick in das Werden der Tapete, es zieht auch die getarnt, Wohnungskultur in Deutschland, Frankreich, England, Amerika mi Dänemark, für die in den achtzehn Sälen, die das Museum unv fahl, besondere Abteilungen geschaffen wurden, an dem Besuche vorüber. Das älteste Stück ist ein spanischer Lederdruck von Höch, fter Feinheit aus Cordova (15. bis 16. Jahrhundert), das in­teressanteste ein Druck der Kgl. Manufaktur, das mit der eng. lischen Krone abgestempelt ist. Rur ein zweites Stück ist nach vorhanden und zwar in einem englischen Museum. 3mm« wieder Farben, die es heute gar nicht mehr gibt, Muster, teil! so plastisch wirkend, dah der Schein der Wirklichkeit erreicht lii und Zusammenstellungen in Riesenmahen. Selbst ein Stück da reizenden Tapete im Kabinett der Kaiserin auf derHohenzvllm' ist gerettet Das Museum ist in der Tat ein solches.

Alle Neuerscheinungen liegen vorläufig im Archiv, bis sie ein* mal älter und damit museumsreif sind. Go wird der bedeutsam« - Schöpfung der Ausstellungscharakter genommen und jener bet > Zweckbestimmung ihr gegeben: dah dieses Museum, dessen Um­fang allgemein überrascht, der ästhetischen und ethischen Erzieh des deutschen Volkes dienen darf, denn ... die Wände der Uw gebung lassen auf den Charakter der Menschen schliehen!