Ausgabe 
7.7.1923
 
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We Stadt mtt stürmender Hanv entreißen, fte aber 1366 beim Frie- densschluh ohne Entschädigung zurückgeben.

Bald nach dem Tode dieses kühnen und unbeugsamen Mannes sank der Stern des salkenstemischen Hauses. Bon seinen beiden Söhnen starb der eine frühzeitig und kinderlos, der andere war Erzbischof Werner von Trier, der noch einmal das ganze fallen- steinische Gebiet in seiner Hand vereinigte. Ms auch Werner (1419) ins Grab gesunken war, ging das Erbe, genau wie nach dem Aus­sterben des Hauses Münzenberg, an die weiblichen Linien über, und Lich gelangte nach mehreren Zwischenstadien 1420 an die Brü­der Bernhard und Johannes von Solms und endlich 1436 in den Mleinbesitz Johannes', des Stifters der Linie Solms-Lich.

Der bedeutendste Mrst dieser Linie war Graf Reinhard, der Feldhauptmann Kaiser Karls V., der erbitterte Gegner Philipps des Großmütigen von Hessen, dessen Festung Gießen er auf Be­fehl seines Herrn schleifte, als der große Landgraf durch List und Tücke in die kaiserliche Gefangenschaft geraten war, der Erbauer der Festung Ingolstadt, dem König Ludwig I. von Bayern dort über dem Kreuztor ein Reiterstandbild nach dem jetzt in der Halle des fürstlichen Schlosses stehenden Modell errichtete.,

Anter der Regierung dieses Mannes erhielt Lich das Aus­sehen, kms es in seinen älteren Teilen heute noch bewahrt. Der Ausbau der von seinem Bater 1510 begonnenen neuen Stiftskirche wurde fvrtgesührt. An die Stelle der alten Befestigungen der Stadt traten neue, der Zeit entsprechende Werke, von denen die mäch­tigen Wälle leider nur noch in Resten erhalten sind und bald ganz verschwinden sollen. Für den Kunstsinn und die Pietät Rein­hards zeugen gleichermaßen die sechs Statuen, die er gemeinsam mit Graf Friedrich Magnus in der Stiftskirche durch den Mainzer Bildhauer Schrohe aufstellen ließ.

Die äußeren Schicksale der Stadt in den unruhigen Zeiten des 17. und 18. Jahrhunderts unterscheiden sich nicht von denen der Ämgegend. Die Stürme des 30jährigen Krieges sind über sie hingebraust wie über ihre Rachbarstädie. Oft suchte das Landvolk Schuh hinter ihren Mauern. Anter den enge zusammengepferchten Menschen forderte die Pest zahllose Opfer. In den , ersten acht Monaten des Jahres 1635 starben 1225 Personen an dieser furcht­baren Krankheit. Am die Truppendurchzüge an der Stadt, vor­beizuführen, verkaufte 1644 Graf Ludwig der Stadt auf Wieder­kauf einen Weg durch den Garten. Dies ist der Beginn der Oefs- nung des Schloßparks für die Oeffentlichkeit, ein Recht, das der Stadt indessen wieder verloren gegangen ist.

Die jüngere Linie Hohensolms, die seit 1718 in der Herr­schaft gefolgt war, wurde mit dem Grafen Karl Christian 1792 in den Reichsfürstenstand erhoben. Aber Lich sollte sich nicht mehr lange des Glanzes einer fürstlichen Haupt- und Residenzstadt erfreuen. Durch die Rheinbundsakte wurde es im Jahre 1806 zu einer hessi­schen Landstadt.

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Lich als Hauptort einer großen, mehrere Dörfer umfassen­den Mark, war Sitz eines Gerichtes. Schon lange vor der Verleihung der Stadtrechte, im Jahre 1247, treffen wir Schöffen und Centgraf und eine feierliche Gerichtsverhandlung unter freiem Himmel, in der der Landesherr, Alrich von Münzen­berg, selbst den Vorsitz führt. Der Schultheiß als Vorsitzer erscheint erst unter den Falkensteinern. Sein Amt und seine Befugnisse gleichen den Verhältnissen im benachbarten Hessen, wo die Aemier des Schultheißen und Amtmannes bald eins, bald getrennt sind. Amtsträger sind meist Angehörige des Adels, oft längere Zeit hindurch einer und derselben Familie. Am die Mitte des 14. Jahr­hunderts war es die Familie von Bellersheim. Ms .Unterbeamten erscheinen der Keller und der Centgraf.

Das Schöffenkollegium wird aus den angesehenen Ortsbürgern gebildet. Schon im 13. Jahrhundert treffen wir das Handwerk in seinen Listen, was im 14. Jahrhundert zur Regel wird. Die Zahl der Schöffen schwankt. Gelegentlich nehmen am Ge­richt die Burgmannen teil. Sie gehören ihrer Herkunft nach meist dem niederen Adel der Wetterau, auch dem der weiteren Nachbarschaft an. In früher solmsischer Zeit begegnen wir Namen wie v. Rehe, Ahrhan u. a., deren Häuser teilweise noch heute nachweisbar sind.

Von den Schöffen wurden wie anderwärts auch die städtischen Angelegenheiten verwaltet, jedoch wirkt hierbei der Schultheiß nicht mit. Das Amt des Bürgermeisters erscheint erst 1350 und dann gleich in doppelter Besetzung, die hinfort stets nachzuweisen ist. Gleichzeitig tritt als weiterer Faktor der Ver­waltung der Rat hinzu, entweder als Erweiterung des Schöffen­kollegiums oder als selbständige Körperschaft. /

Sine etwas genauere Schilderung erheischen die kirchlichen Verhältnisse wegen der hervorragenden Bedeutung, die sie für das öffentliche Leben gehabt haben, und wegen des weit­reichenden Einflusses, der von Lich ausgegangen ist.

Sn Deutschland hatte sich noch vor Bonifatius die irv-schvttische oder culdäische Missionskirche ausgebreitet und am Ober«, Mitteb­und Niederrhein, am Main, in Thüringen und Bayern Klöster ge­gründet Mach Lehre und Organisation stand sie (m Gegensatz z«

Rom, kannte die Heiligen Verehrung nicht, wie sie überhaupt nur die Heilige Schrift allein als Quelle der Erkenntnis anerkannt«. Sie Rom zu unterwerfen oder zu vernichten, zog Winfried-Boni­fatius mit dem Segen des Papstes aus. Da er in Thüringen zu­nächst nichts ausrichtete, suchte er die vom Christentum noch wenig berührten Hessen zu bekehren. Aber auch in Hessen drangen nach ihm noch die Culdäer ein, und eine ihrer Kirchen sucht man im Licher Markwald. Leider wird die Frage wohl kaum gelöst werden, denn die Arckunde des culdäischen Bischofs BeatuS vom Jahre 810, die diese Nachricht enthält, ist uns nicht int Original überliefert und staun daher nicht ohne weiteres auf ihre Echtheit und ihren authentischen Text geprüft werden. Wenn ein phantasiebegabter Pfarrer und Geschichtsschreiber der hessischen Schottenkirchen in der Tatsache einer Licher Besitzung des Chorfrauenstifts Wetter im Hessischen Hinterland einen Beweis für das Vorhandensein einer culdäischen Kirche erblicken will, so ist dazu zu bemerken, daß Wetter der Aeberlieferung nach allerdings eine Gründung zweier schottischen Fürstentöchter, Almudis und Digmudis, ist, daß die ©rünbung aber erst in das Jahr 1015 gesetzt wird, also eher ein Einfluß von Lich nach Wetter als umgekehrt festgestellt werden könnte. Wir wollen daher das Ganze dahingestellt sein lassen und uns nur an das historisch Beglaubigte halten.

Seit dem Jahre 1133 gehörte die Wetterau zur Diözese Mainz. Lich unterstand dem Archidiakonat St. Maria ad Gradus in Mainz und dem Archipresbyterat des Landkapitels in Friedberg. Zweifel­los ist hier eine sehr alte Pfarrkirche gewesen, die schon lange vor ihrem ersten urkundlichmi Auftreten bestand und die Mutterkirche der Markdörfer wurde. Im Jahre 1239 wird ihre Gemeinde zum ersten Male genannt. Am Anfang des 14. Jahrhunderts zählt sie einen Rektor (Pfarrer), einen Vicepleban und einen Kapellan. Rektor und Pfarrer war 1315 ein Stiefsohn Philipps III. v. Falken­stein, Graf Otto von Ziegenhain, der Sohn Mechtilds Von Hessen. Früher als die Pfarrkirche wird 1210 eine ihrer Filialen, die Ka­pelle in Rodenscheid (jetzt WüstungRoter Schütt"), Begannt. Dort stand noch 130*6 ein Dorf, das aber bald darnach ausgegangeit sein muß, denn das Mainzer Shnodalregister des 14. und 15. Jahr­hunderts meldet die Transferierung der Kapelle, d. h. ihrer Heilig­tümer und ihres Gottesdienstes, nach der Kapelle auf dem Stein­wege, wo wir wahrscheinlich eine alte Wallfahrtskirche zu suchen haben. Ein anderes Filial, die Kapelle in Hausen, war im Jahre 1315 von der Mutterkirche getrennt und zur selbständigen Pfarrkirche erhoben worden. Man wollte mit dieser Maßregel der beginnenden Entvölkerung des Ortes und damit dem gänzlichen Eingehen der Kirche entgegenwirken. Das Kirchengebäude wurde in der Reformationszeit 1557/58 abgebrochen. An den ausgegange­nen Ort erinnern heute noch dieHäuser Wiesen"; die Stelle, an der die Kirche stand, heißt noch jetztDer Kirchberg". Endlich war die Schlohkapelle ein drittes Filial der Pfarrkirche.

2m Jahre 1316 errichtete Philipp III. bei der Kirche ein der heiligen Maria geweihtes Kollegiatstift und inkorporierte ihm die Pfarreien Lich (mit dem Marien- oder Pfarraltar, dem Nikolaus­altar und einem Frühmessealtar, später noch dem Trinitatis- und dem Johannesaltar, die mit Vikaren beseht wurden), Ober-Ohmen, Münster bei Bessingen und Bellersheim, deren Patron er war. Im Laufe der Zeit kamen eine größere Anzahl Kirchen und Ka­pellen hinzu; 1504 waren es außer den schon genannten die Pfarr­kirchen Rieder-Bessingen, Hungen mit den Altären der heiligen Jungfrau, des heiligen Sebastian und der heiligen Katharina, so- svwie dem Marienaltar des Hungener Filials Langsdorf, ferner Großen-Eichen, Windhausen. Nonnenroth und Villingeir. Mle diese Kirchen und Mtäre bildeten die Benefizien, die von dem Ka­pitel des Stifts zu besetzen waren und die ihm reiche Einkünfte brachten. Hierdurch und durch weitere Stiftungen gestaltete sich Me Lage der Kanoniker mehr als auskömmlich. Das Stiftsvermögen wurde von dem Kämmerer verwaltet. Daneben lief dis Verwal­tung des Pfarrkirchenvermögens, desBaues", durch dieBau­meister" durchaus selbständig. An ihr ist die Bürgerschaft betei­ligt; der eine der beidenBaumeister" wird aus der Zahl der Kanoniker, der andere aus der der Ratschöffen auf bestimmte Zeit gewählt.

Die Kanoniker wohnten in eigenen Häusern. Sie wählten ihre Prälaten: den Dekan, der an der Spitze des Stifts stand, den Scho- last und den Kantor, sowie die Inhaber der übrigen Stiftsämter frei aus ihrer Mitte und vergaben die Benefizien, d. h. die Pfarr- die Vikar- und andere Stellen, nach bestimmten Grundsätzen. Ihre Pflichten bestanden in Chordienst und Seelsorge. Die letztere liehen sie jedoch in der Regel bei den auswärtigen Pfarrstellen immer durch Vikare ausüben. Die Schule des Stifts diente hauptsächlich der Vorbereitung für den geistlichen Stand.

Mit der Einführung der Reformation durch den Nachfolger des Grafen Reinhard Solms wurde auch das Stift reformiert und das Kollegium aufgehoben. Nur die Prälaturen blieben in gewis­sem Umfang als Titel der Pfarrer bestehen. Noch heute heißt der erste Pfarrer Stiftsdechant, der zweite Stiftspfarrer.

Eines alten Brauches, der auf einer Stiftung aus dem Jahre 1417 beruht und sich bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahr­hunderts erhalten hat, darf ich hier gedenken. Mljährlich auf Gründonnerstag wurden achtzehn armen Männern je zweiSchone-

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