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Antoinettes, und in tiefer Trauer ronnte sie wochenlang nicht malen. Aber die Wiener Gesellschaft war nicht dazu angetan, sich dieser Trauer ewig hinzugeben, und bald erschien Mme. Lebrun wieder in großer Gesellschaft, umgeben von Bewunderern, und malte Aristokraten. Rußland zog sie an, sie reiste dorthin, die Kaiserin hatte sie befohlen und sah auch ihr. Aber eine Katharina II. war fein Modell für eine Lebrun. „Comment faire pour feminiser ce magnifique monstre ?" sagte sie seufzend. —
Katharina selbst gefielen die Porträts auch nicht, und sie tadelte sie offen.
Ihre einzige Tochter, die sie überall mitgeführt hatte und die unterässen heiratsfähig geworden, heiratete gegen ihren Willen einen Grafen de Rigris. Dann reiste Mme. Lebrun nach Moskau stiü» Berlin, wo die kindlich junge schone Königin Luise sich von ihr porträtieren lieh, überall folgte ihr der Erfolg, der Ruhm, das Glück, überall fand sie Freunde, Verehrer, Liebe.
Als sich die Verhältnisse in Paris wieder beruhigt hatten und geordnete Zustände eintraten, kehrte sie zurück. Die drittq Periode ihres Lebens .dauert noch vierzig Jahre. Mit sechzig Jahren noch immer reizend, frisch, anmutig und jugendlich, versammelt sie die einstigen Freunde in ihrem Atelier. Von der neuen Zeit und den Jakobinern wollte sie nichts wissen. 3n ihrem Herzen lebte als Ideal das stille vornehme Trianon, sie hat das elegante Milieu Versailles nie vergessen können. Eine entschiedene Gegnerin der Revolution, der RepUblique, banne royaiiste, an die Litten und Gebräuche des Versailler Hofes gewöhnt, stieß sie sich tm der Roheit der neuen Zeit, in der alles noch unfertig war und noch gärte.
Sie liebte es, etwas zu medisieren und zu politisieren, aber mit Grazie und Geschmack, ihr Atelier, in dem sie nach wie vor malte, war ein Salon, in dem die Gesellschaft aus- und einging.
Duldsam und resigniert bezüglich ihrer Ehe, ließ sie sich feiern, von der Akademie mit offenen Armen empfangen, lebte sie von einem Freundeskreis umgeben schön bis in ähr Alter, heiter, graziös unb liebenswürdig, und malte fleißig ihre Porträts. Aber es war ein Leben auf den Trümmern. Die Gesellschaft, die ihr einst Modell gestanden, war geflohen oder tot. Rapolevn fand wenig Gefallen an dieser „&nigree incorrigible“, die flatterhafte leichtlebige Art der Lebrun sagte ihm nicht zu.
Die Recamier und Mme. de Stael befreundeten sich mit ihr. hnd sie malte diese, die ihr während der Sitzungen aus Corinne vorlas. „Aber Sie hören mir ja nicht zu," rief Atme, de Stael aus. ^Dvch, fahren Sie nur immer fort," erwiderte die Lebrun und miffchte die Farben auf ihrer Palette. Daß sie kein Dild der Recamier gemalt hat, ist schade.
Mit siebzig Jahren schrieb sie ihre Erinnerungen nieder, in ihrem Sessel sitzend, umgeben von mehreren Sekretärinnen, denen sie diktierte.
Sie starb 1842 an Altersschwäche. Sie verlöschte still.
Eine Menge Gemälde sind von ihr geblieben, und die Erinnerung an eine leichtlebige, schwungvolle Seele, frivol und reizend, scharmant, heiter, la fee du Joli. Auf dem Kirchhof von Louve- ciennes wollte sie begraben werden. Die Erinnerung an die Sitzungen mit Mme. du Barch banden sie an diesen stillen Platz, den sie später noch oft besuchte, der Vergangenheit nachtrauernd, die ihr Leben überstrahlte . . .
Für das Voll blieb sie „le peintre de la reine“. And über ihrem Andenken schwebt wie ein sanfter Schatten, der sich nicht verwischt, sondern vertieft, das traurig-schöne Phantom der Königin Marie Antoinette . . .
Der Wsldpsarrer.
Von Fürstin Marie zu Erbach-Schönberg.
Ihren Erinnerungsbüchern „Entscheidende Jahre", „AuS meiner Kindheit und Mädchenzeit", „Aus stiller und bewegter Zeit", läßt die Fürstin Marie zu Erbach-Schönberg, Prinzessin von Dattenberg, einen vierten Band „Erklungenes und Verklungenes" folgen lDarmstadt, Verlag „Litera".) Für all diese fesselnden Schilderungen, die mit dem Jahre 1894 beginnen und bis zum Ausbruch des Weltkriegs fvrtgeführt sind, gilt sachliches Denken der Verfasserin als oberstes Gesetz. Daß sie, mit den meisten europäischen Fürstenhäusern verwandt, an deren Schicksal Anteil nehmend, allüberall ihre Objektivität zu wahren weiß, muß man bewundernd anerkennen. In London, in Madrid, in Rom, in Berlin, nirgends verleugnet sie ihr tapferes Herz. Hessische Art wird offenbar, die sich Achtung und Liebe erwirbt. Diele wertvolle Menschen, die ihr begegnen, hält ihr Stift fest. Wir empfehlen unfern Lesern dies gehaltvolle Buch und bringen hier das Kapitel zum Abdruck, das die Fürstin ihrem Freund, dem Waldpfarrer Karl Ernst Knodt gewidmet hat.
. . Leise ging das erste Kindersein in ew'ges. lind alles schließt sich wie ein Ring."")
Von dem Dichter, der dieses sang, möchte ich ein paar Worte erzählen. Er war jahrelang mein Rachbar und mein Freund, und ist ein Kind geblieben sein Leben lang, im schönsten Sinne des Wortes, der „Waldpfarrer" Karl Ernst Knodt. Im tiefsten Oden-
*) Unverlierbare Kindheit, aus K. E. Knodt, Lösungen und Erlösungen.
Wald hat er den größten Teil feines Levens zugebracht, und tn dem einfachen Pfarrhause gingen viele der großen Dichter Deutschlands und zahllose Seelen ein und aus, die Trost und Erquickung bei ihm, dem zweiten Justinus Kerner, suchten und fanden. Als er älter wurde und sein Herzleiden zunahm, zog er nach Bensheim in das idyllische „Häuschen" unterhalb des Drunnenweges, ganz in meiner Rähe. <-
Rur ein Wald, den wir unfern Märchenwald nannten, trennte das Schloß und das Dichterhaus, und war auch der Weg steil und ermüdend und für das müde Herz eigentlich zu viel — er kam doch, der allzeit Heitere, Gleichmäßige und Genießensfrohe.
Wie freute ich mich, wenn ich im Schlotzhofe seine Stimme hörte und sein tief-hohles Lachen, und wenn ich zum Fenster eilte und ihm willkommend zunickte — o wie jugendlich und freudig schwang er dann den großen Schlapphut, der den mächtigen Zeus- kopf zu bedecken Pflegte, und ein Buch zu mir herauf haltend, rief er: „Heute bringe ich was Schönes heute wird's aber gemütlich!" —
Bald sah er dann am gewohnten Plätzchen in meinem Zimmer und las — eigene Dichtungen und die andrer . . .
Oft aber „lasen wir nicht weiter", weil wir immer gar zu viel zu erzählen unb zu bereden hatten und — zu lachen. Ja, diese Kunst verstand er, verstanden wir meisterlich, und das ist das Schönste und Köstlichste in diesem traurigen Leben, wenn zwei miteinander lachen und miteinander schweigen können . . . Als der Waldpfarrer nicht mehr kam, weil er „mit dem Sommer gegangen war" (1917, im 62. Jahre feines Lebens), da habe ich — v wie oft noch — wartend am Fenster gesessen und auf die fröhliche Stimme vergeblich gelauscht. And wenn ich durch den Märchenwald ging, dachte ich an jeder Biegung des Weges, und allemal da, wo die schlanken weihen Dirken stehen: Jetzt kommt die Rübe- zahlgestalt, jetzt muh er kommen, der kleine, kugelrunde Mann mit den beweglichen Beinen und Händen, mit dem wundervoll gepflegten weißen Bart, der die originellen Krawattenverhältnisse des mächtigen Halses verdeckte. —
Sie war schön, die Zeit, als ich noch erwartungsvoll diesen Weg hinuntereilte in das liebe „Häuschen", wie wir alle, Knodts Freunde, es nannten. Ein mvdänes Häuschen war es, mit aller- hand gemütlichen Möbeln, schönen Bildern, die Malerfreunde ihm geschenkt, und mit dem großen Dechsteinflügel im Wohnzimmer, mit einer Kvlossalbüste von Dach dahinter. Durch das große Erkerfenster blickte man in den weiten, westlichen Himmel hinein, der sich über der Rheinebene wölbt. Don einem kleinen Flur, wo Väter Knodt schon immer ungeduldig auf den Gast wartete, gelangte Man in sein Tuskulum und daneben in das große, schöne Eßzimmer.
Dort waltete Frau Käthe, die liebe, sinnige Hausfrau, schon ihres Amtes. Der Vater setzte sich an seinen Platz zu Häupten des langen Tisches und schlürfte behaglich seinen Tee, mit einer Zitronenscheibe darin, und hin und her flog der Rede Strom. Manchmal waren auch die Söhne da, Karl und Theodor. Dann wurde musiziert. Denn nicht nur die' Poesie und die bildende Kunst waren tu dem Häuschen daheim. Die Musik war Vater Knodts ureigenste, herzerquickendste Freude, und mit ihm sie zu erleben, war ein unbeschreiblicher Genuß. Der größte war, mit ihm unten im Häuschen oder bei mir im Saale droben das Vibelwerk des Münchener Kvnrponisten Koennecke zu hören, ein einzigartiges und tiefergreifendes Sprechvraiorium, das er für Max Reinhardt schuf und das noch immer der Aufführung harrt. Biele wertvolle Menschen habe ich im Häuschen kennen gelernt. Der Tisch konnte sie oft kaum alle fassen, die ba erwartet und unerwartet kamen. Aber unter Frau Käthes Zauberstab versagte auch in den schwierigsten Verhältnissen Rektar und Ambrosia für die geistig angeregten und anregenden Gäste niemals. —
Im Juni 1916 feierte Karl Ernst Knodt seinen sechzigsten Geburtstag und den Vorabend dazu mit feiner Familie bei mir, im kleinen Freundeskreis, zu dem auch der junge und vielversprechende Musiker Otto Braun gehörte, den ein freundlicher Zufall Knodt und mir zugeführt, als er noch ein Knabe war.
Des Dichters schönste Heimatlieder wurden von Litt von Me- nar-Kanitz vorgetragen, seine Lieblingsstellen aus dem vorhin genannten Oratorium „Saul und David" und zwei Kantaten von Dach, auf die Dr. Karl Anton Gedichte von Knodt angepatzt hatte und meisterlich vortrug. ,, r _
Der Waldpfarrer war ein glücklicher und lebensfroher Mann an jenem unvergeßlichen Abend. ......
Im nächsten Spätsommer schloß sich „leise hinter ihm die laut« Tür des Lebens zu", und von ihm heißt es, wie er einst gesungen:
„Run bin ich durchgedrungen. Durch alle Rächt und Rot.
Es hat sich heimgesungen Das Lied im Abendrot.
Mit goldgemaltem Flügel Schwäbt's hin am Himmelsrand, Fliegt's über Dal und Hügel Zum fernsten Meeresstrand.
Megt's über alle Meere Und durch den Abendschein. Los aller Erdenschwere - Ins letzte Lickt hinein."


