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wickeln — die Franzosen eben immer erstaunliche finanztechnische Talentei)
Dor allen Dingen wurde aber Las gänzlich heruntergekommene französische Heer im Rheinlande neu eingekleidet — aus Kosten des rheinischen Volkes. Allein der Bezirk Köln hatte in 14 Tagen 25 000 Paar Stiefel zu liefern und jedem Bewohner der lin-. ken Rheinlande wurde aufgegeben, innerhalb 24 Stunden ein Paar Schuhe oder Stiefel, einen Rock, Kapottmantel oder Rock zu der französischen Einkleidung beizusteuern.
Mit dem Einkleidungskommissar, der die genialsten Ideen hatte, war aber zweifellos die Stadt Koblenz beglückt worden. Die Bürgerschaft dieser schönen Stadt erhielt eines Tages den Befehl, sich auf dem Schloßplatze zu versammeln. Sie kam der französischen Einladung pünktlich nach. Daß die Franzosen nichts Gutes im Schilde führten, sah man daran, datz alle von dem Platze führenden Ausgänge militärisch besetzt waren. Den gespannt harrenden Koblenzern wurde eröffnet, datz die grande armee — Schuhe und Stiefel braucht und daß ihnen die Fußbekleidung der Koblenzer vnstehe. Sie möchten- also ihre Schuhe ausziehen. Was blieb den guten Leuten übrig? Sie entledigten sich ihrer Schuhe und machten sich auf Strümpfen auf den Heimweg.
Der kommende Winter 1794 auf 1795 wurde für die Rheinländer ein fürchterlicher Hungerwinter. Die allgemeine Sterblichkeit vervielfachte sich. Die Rheinlands wurden buchstäblich aus- gezogen. Richt nur bis aus die Strümpfe, wie es in Koblenz der Fast war.
Elisabeth Mg6e-Lebrun.
Don Liesbet Dill*),
Im Louvre in der Porträtgalerie hängt ein Bild, vor dem jbas Sonntagspublikum sich drängt und das viel populärer ist als die berühmte Mona Lisa, an der das Volk meist kalt vorübergeht, weil weder sein Schönheitssinn, noch das Gefühl von diesem Bild berührt wird. Es ist das Selbstbildnis der Mme. Bigee-Lebrun mit ihrer Tochter. Die reizende junge Mutter hat sich selbst gemalt in einem eleganten Deshabille mit der hübschen Tochter und scheint zu fragen: bin ich nicht eine zärtliche Mutter, eine glänzende Malerin, bin ich nicht eine entzückende Person?
Als Pariserin in einem Malermilieu aufgewachsen, in der Rue Cvq-Heron, hatte sie mit zwanzig Jahren den Maler Pierre Lebrun geheiratet, ohne Liebe, ohne Illusionen, fast gleichgültig gegen seine Person. Sie sah in der Heirat nur eine chance de libertö, Ihr Gatte war weder berühmt noch sehr zuverlässig, wenig skrupulös in bezug auf Geldangelegenheiten und Frauen, heiter, etwas „beau parleur“, charmant und liebenswürdig. Da er einer jungen Holländerin gleichzeitig die Ehe versprochen hatte, mutzte seine Heirat mit Elisabeth jahrelang geheimgehalten werden, was zu merkwürdigen Situationen in dem Atelier der damals schon sehr gesuchten Porträtistin führte, wo sich die Aristokratie von Paris ein Stelldichein gab, und sie mutzte oft die Warnungen guter Freunde hören: „Rehmen Sie sich in acht vor Lebrun, er ist ein Taugenichts". Indessen trug Mme. Bigee-Lebrun diesen lieber- gang mit heiterer Sorglosigkeit. Sie war damals schon berühmt ünd verdiente mit ihren Porträts sehr viel, sie war sehr rasch die „portraitiste ä la mode" geworden. Das Geld steckt« der Gatte ein, und wenn sie etwas brauchte, mutzte sie ihn wn ein paar Louis bitten. Man versteht diese Resignation einer schönen, jungen und berühmten Künstlerin eigentlich nicht, und auch kaum, daß sie Liesen Mann, den die Geschichte wenig achtungsvoll zeichnet, doch geliebt hat: Geheimnis der Ehe.
3m Jahr 1779 war ihr Ruhm bis Versailles gedrungen, und Marie Antoinette lieh sich von ihr porträtieren. Es ist das wundervolle Bild, das die Königin ihrem Bruder Joseph II. schenkte und das sie in einem Seidenkleid mit grotzen panniers und einer Rose in der Hand darstellt. Stolz, klug, hochmütig, in königlicher Würde und Grazie, mit den grotzen runden Augen, der österreichischen Lippe und sehr idealisiert malte sie die Königin. Sie malte sie stets so, wie sie gemalt sein wollte und wie das Volk sie zu sehen siebte. Richt wie sie war. Und diese Schmiegsamkeit verschaffte der jungen Malerin den großen Erfolg.
„3ch versuche dm Frauen, die ich male, den Ausdruck ihrer Physiognomie zu geben; diejenigen, welche keine solche haben, male ich ,reveuses. Änd so hat sie die schöne sehr dumme Mme. Grand, die spätere Mme. de Tallehrand, genratt, von der ihr Gatte sagte, daß sie einen Geist habe — wie eine Rose . . .
Sie malte sie als heilige Cäcilie, ein Rotenblatt in der Hand, die Augen zum Himmel aufgeschlagen, in Ekstase, aber eine heilige Cäcilie, welche ebenso gern bereit ist, das Menuett im Moulin- Jvli mitzutanzen . . .
Die ganze elegante, frivole, reizende Damenschar des Hofes fand sich bei ihr ein, um ihr zu sitzen, die entzückendsten Modelle, wie eine Prinzessin de Lamballe, die Herzogin von Polignac, Mme. de Grammont-Cadervusse, in ihren Spitzenroben und schmiegsamen
*) Die bekannte Schriftstellerin hat in einem reizvollen Büchelchen „Frauen, die nicht altern" (Hans Lohmann, Verlag, Leipzig) acht Porträts aus den Salons berühmter Frauen beä 18. Jahrhunderts zusammengestellt: die vorliegende Skizze über die Walerin Lebrun leitet daß Buch ein.
Samtschleppen, halbnackt und mit Perlen geschmückt, die Locken lose aufgesteckt „modales par excellence“.
Jedermann muß zufrieden sein, war ihre kluge, heitere Philosophie.
Sie arbeitete mit wundervoller, fast sorgloser Leichtigkeit.
Sie malte auch Männer, wenn sie sich auch nur schwer dazu entschloß, denn hier hatte die Phantasie weniger freies^Spiel und sie konnte ihre Geschicklichkeit, der Wahrhaftigkeit Schönheitspflästerchen aufzusetzen, nicht entfalten. Sie malte „Monsieur“, den comte de Provence ohne einen Versuch ihn zu verschönen, . denn sie sah im voraus, datz dies unmöglich sein würde, sie malte Grötry, und gab sich mit diesen männlichen Modellen viel mehr Mühe als mit den ihr viel näher liegenden weiblichen und besonders mit dem unwiderstehlichen Vaudveuil, den sie vielleicht nicht gerade mit Widerstreben auf die Leinwand zauberte. Als sie im Salon 1785 das Porträt des Ministers de Calonne ausstellte, umdrängte die elegante Pariser Welt dieses Bild mit Reugier, denn man flüsterte sich über ihr Verhältnis zu dem Minister allerlei zu, uird wenn auch Mme. Lebrun mit Bitterkeit sich darob beklagte, so konnte sie doch ihre Intimität mit diesem Modell nicht ganz leugnen, und dieser war als Freund und Protektor immerhin sehr kompromittierend für eine sehr hübsche, wenig glücklich verheiratete Frau ... Die Ehe mit Lebrun war von Jahr zu Jahr gleichgültiger geworden, die Ehegatten lebten wohl noch zusammen unter einem Dach, aber Lebrun ging einem abenteuerlichen, ausschweifenden Leben nach und kümmerte sich kaum mehr um seine schöne Frau, als datz er sich von ihr den Lebensunterhalt und seine teuren Passionen bezahlen lietz. Sie gab immer wieder nach, aus Gleichgültigkeit, aus Schwäche, aus einem Drang, Ruhe zu haben, um arbeiten zu können. Sie wollte die Ellbogen frei haben und schaffen. Sie war im Jahre 1783 in die Königliche Akademie für Malerei und Skulptur aufgenommen worden, die sich bis dahin Künstlerinnen gegenüber sehr zurückhaltend benommen hatte, sie hatte über eine Rivalin, die Porträttstin Labille Guiard gesiegt, welche die Derschönerungsmalerei der Lebrun über die Achsel ansah und wahrheitsgetreu porträtierte.
Sie versuchte sich auch in großen Wandbilderir, in mystischen und mythologischen Darstellungen, ein Bild „La Paix ramenant Pabondance“ hängt im Louvre, aber wir müssen gestehen, die großen „Sujets n’etaient pas son affaire“. Und sie kehrte bald wieder zu den Porträt» zurück. Es gab eine Revolution im Salon, als sie die wunderschöne Duchesse de Grammont ganz schmucklos, ohne Puder, mit einem einfachen Strohhut, ausstellte . . .
Aber bald kam eine andere Revolution.
Elisabeth hatte Mm«, du Barry, die zurückgezogen auf dem Hügel von Louveciennes in dem Pavillon wohnte, den ihr Louis Quinze vermacht hatte, oft gemalt und war zu diesem Zweck wochenlang der Gast der du Barry. Beide verstanden sich ausgezeichnet, und es machte der Künstlerin ein Vergnügen, die veränderlichen und noch immer schönen Züge der verbannten Maitresse wiederzugeben, die von einer melancholischen Würde und „Grazie der Verlassenen" vertieft waren. Es war nicht mehr die glänzende Zeit der Galasoupers im Spiegelsaal von Louveciennes, der ordengeschmückten Kavaliere und des LieblingSlakeien Zamor. Doch die du Barry, einfach in ihrer geschmackvollen Häuslichkeit, vertrauensselig, ohne Bosheit, banne kille, war ein interessantes Modell, und Elisabeth hat sie mehrere Male in allen möglichen Stellungen gemalt. Das letzte Bild, ein Kopf, wurde von den iln» ruhen der eben beginnenden Revolution plötzlich unterbrochen. Mme. Lebrun lieh Arbeiten, Bestellungen, Freundschaften, dem Gatten zurück und floh mit ihrer Seinen Tochter und der Gouvernante nach Savoyen.
In der Reisekutsche satz ihr ein Jakobiner gegenüber, der, während er frühstückte, die bleichen Zuhörer darüber unterhielt, wer jetzt wohl dvan käme. Und die Ramen, die er nannte, diese Opfer der Guillotine, gehörten alle zu ihren Freunden und Be- kannten, mit denen sie soupiert, die sie gemalt, die sie in ihrem Atelier besucht hatten. Ihr Gatte folgte ihr nicht, er blieb in Paris.
Mit diesem Exil begann die zweite Periode ihres Lebens. Sie führte em unruhiges Romadenleben, Rom bereitete ihr einen begeisterten Empfang. Sie wurde in die Künstlerkreise und in die der höchsten Aristokratie eingeführt und wie eine Fürstin gefeiert. Gesandte und Kardinale, Prinzessinnen und junge römische Aristokraten wetteiferten, sie in ihren Salons zu begrüßen. Hier lernte sie eine ihrer gefährlichsten Rivalinnen, die schöne melancholische Tirolerin Angelika Kaufmann kennen, die, ein Opfer ihrer Liebe zu einem Unwürdigen, der sie betrogen hatte, hier zurückgeblieben war. Bald fluteten auch die römischen Klienten in ihr Atelier. Die schöne Gräfin Potocka, eine Polin, zum drittenmal verheiratet und geschieden, hat sie sehr phantastisch drapiert, an einen Felsen gelehnt, gemalt. In Reapel, wohin sie bald weiter- zvg, malte sie die Lady Hamilton, welche drei Porträts bei ihr bestellte, als Ariadne, als Bacchantin, zuletzt als Sybille mit einem blaßgrünen Turban um den Kopf. Dieses schätzte sie als eines ihrer besten Porträts, und sie behielt es für sich, denn Sir William Hamilton hatte die Manie, die meisten Bilder seiner Frau sofort wieder zu verkaufen. Die Königin von Reapel, Marie Caroline, sah ihr, ein beunruhigendes Bild einer schrecklichen grau. Wenn auch Elisabeth als Optimistin, die sie war, diese tragische Person als „ausgezeichnet von Charakter" erschien, sie vermochte sie nicht zu verschönen. Sie kam nach Wien. Dort erfuhr sie den Tod Marie


