1823
Samstag, 7. April
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Gottfried Kellers zeichnerische Belrerrntniffs.
Wie manche große Dichter — es sei nur an den größten, E-vet!>e> erknner' hat auch Gottfried Keller eine starke Neigung Mr blutenden Kunst gehabt und die entscheidenden Jahre seiner äugend darauf verwendet, ein Maler zu werden. Erst nach schwe» vem -Ätitgen siegte in ihm der Dichter, und er hat uns selbst diesen ergreiserch«! Zwiespalt seines Künstlertunis in seinem „Grünen Hemrrch darMtellt. Bei dieser großen Behütung der bilden- ven Kunst m Kellers Begabung ist es zur Kenntnis seiner dich- rerrschen Große auch notwendig, jene Epoche seines Levens zu ver« gegeittourtigen, in der er Stift und Pinsel handhabte und bald andachtrg den Geheimnissen der Matur nachging, bald sich selbst- Serrttch in fernen Zeichnungen eine neue Welt schuf. Kellers Künstlertum Hai deshaio schon lauge alle seine Verehrer beschäs-- -TOovV ioikkenschchtliche Würdigung seines malerischen
Werkes war solange unmöglich, als er selbst seine Gemälde, Ent- wurfs, Studienblatter und Skizzenbücher als V-rnrächtnis seiner Jugeiwzert eifersucyttg behütete, und auch nachher ist fein Nach- £rÖ ewr «emigend berücksichtigt ivarden, weil man über denKünst- ler Keller durch dle Schilderung des Dichters Keller alles Wich-, r^ jiu Riffen gmubte. Zn Wirklichkeit aber hat sich Kellers ma« iw Cmwiauing in mancher Hinsicht doch anders vollzogen, als er sie in feine» Dekenntnisroman darstellte, und erst jetzt er»
wir in bei Cotta in Stuttgart 7rschtmenm
^rk »Gottfried Keller als Waler" von Paul Schmffner ein» Darstellung, die den Waler in seiner künstlerischen Bedeutung selbständig wnrdrgt und unS r-amit nicht nur einen tiefen Einblick in das tonpr!-mriv ^"enjeiner Phantasie, sondern auch in die Welt
Durch die umfassende Benutzung der in seinem Llachlaß erhaltenen Gemälde, Skizzenbücher, Sammelmappen luni^cksbl^raphischen Aufzeichnungen wird seine ganze Entwick- ^al®t.t>.£,r uns autgeoreitet, ihr enger Zusammenhang ^unP ?e‘nei' behandelt und ihre im allgemeinen befcheioene, aber für reden Kellerfreund wichtige Bedeutung auf« SetÖ‘- Gewiß war Keller als Maler kein Genie; aber er hat docb auch hler Treffliches Eracht, und ein Kenner wie Ha^s '"J?,“1 af. Kunstlerschaft anerkannt, wenn er erklärte: ^.Kchler steckle o^sealxir in einer gewissen herkömmlichen Hand-
-u,ü> 6x17 einc viel zu komplizierte Aatur, um sich W Ä“ f?et mache,». Das, was er äußerlich sah in seiner ipnute lhn Nicht berrisdlgen, und ich glaube, daß er so das Interesse an äer Akalerei verlor. Daß er aber a-^dieser lorenher. heurus em Bild machte, wie das runde .Blick vom
cin wahres «deal von Landschaft ist, zeigt, wes Geistes Kmd er war, und daß er seine Persönlichkeit nicht verloren hatte, war er bei der Malerei geblieben."
Auch als er der Malerei entsagt hatte, hat er in seinen Ge° dlchtmanuskripten, Schreibunterlagen, Notizbüchern, ja sogar in seinen Protokollen als Staatsschreiber vom Zeichnen nicht lasten können, und in diesen Schnurrpfeifereien wichtige Bekenntnisse hinterlassen. Da sieht man Fratzengesichter, Totenköpfe, winzige Menschlein, schreckhafte HochgemchtSszenen und wundervolle kleine Landschaften. Die Seite sein-s Wesens, die in der Landschaftsmalerei nur wenig zum Ausdrrck kam, die Freude am Humor und am Barocken, entfaltet sich hier ungehemmt. Am reichsten »wß Keller seine zeichnerischen Künste bei der Niederschrift der Gedichte von 1844 spielen und umrankt die Verse mit allerlei bunten Arabesken und vieldeutigen Figur«». Wie er zeichnerisch
mit feinen unglücklichen Liebeswirren fertig wurde, das zeigen seine noch erhaltenen Schreibunterlagen aus der Heidelberger und Berliner Zeit. Er hat da ein wildes Chaos von Figuren auf di« Innenfläche des Deckels gekritzelt, in dem Liebe und Tod sich wunderlich vermischen, der Fiedler Tod unter einem Galgen sitzt, an dem Gehängte baumeln, andererseits der Dichter in Zylinder und Frack sich zur Liebeserklärung vorbereitet oder .in mittelalterlicher Tracht, die Feder am Hut, beherzt auf die Geliebte zuschreitet. Aus denselben Grundakkord, Liebe und Tod, sind die Arabesken gestimmt, in denen sich der Liebesschmerz um die Angebetete seiner Berliner Zeit, die reizende Betty Tendering, austobte; auch hier wird das Dämonische und Tragische immer wieder von Lächerlichem und Parodistischem unterbrochen. Geigte in Heidelberg der Tod unter dem Galgen, so steht er jetzt mit gespreizten Knien, einen Federhut auf dem Schädel, im Tanzschritt da; oder ein Haus ist hingezeichnet, dessen Portal die Inschrift
. kagt. Alle möglichen Ausrufe und Verse oder Dilder- S? jL öazwischengekritzelt, so recht ein Sinnbild für das wirre Durcheinander von Hoffnungen und Befürchtungen, von weichen Gefühlen und grimmigem Humor, die in dem so heiß empfindenden uno daoei so schüchternen Dichter miteinander rangen. Auch der Herr Staatsschreiber hat noch in den langen Sitzungen des Regierungsrates des öfteren feiner Phantasie in allerlei Zeichnungen die Zügel schießen lassen. Die Neigung zu humoristischen Fratzen überwiegt; aber es gibt auch auSgesührtere Skizzen, wie emige Kasperlefzenen oder Gerichtsverhaiidlungen und vortrefs« luhe Landschaften. 2m Protokoll der Schlußsitzung stehen dann bie Worte des Fünfzigjährigen:
„Her kommt der Tod, die Zeit geht hin. Mich wundert, daß ich so fröhlich bin."
Wie die FrsnZosen den Koblenzern auf die Strümpfe helfen.
2m Herbst 1794 war es (fo schreibt die neue Zeitschrift .Der R h e i n", Blätter für die Befreiung der Rheinlande, Ausklärungs- dienst-Berlagögesellfchaft Berlin W 9) den Franzosen durch das mangelhafte Zusammenwirken der Verbündeten gelungen, die linksrheinischen Rheinlande und auch einige rechts am Rhein gelegene Städte zu besetzen. Das ausgehungerte und zerlumpte Franzosenheer hat sich damals im Rheinlande in des Wortes wahrster Bedeutung gesund gemacht. Schier ungeheuerlich waren die Requisitionen, die dem bedauernswerten Lande auferlegt wurden. Köln mußte innerhalb 48 Stunden nach dem Einzuge der ungebetenen^ aber hungrigen Gäste 600 000 Pfund Brot liefern. Was sich in den alten KulturstLdten am Rhein an Wert« und Kunstgegenstäa- den sowie Büchern zum Versand nach Paris eignete, wurde gestohlen. Der dabei zutage getretene Vandalismus ist unbeschreiblich. Daneben wurden für den damaligen Geldwert ungeheuerlich« Geldkontributivnen beigetrieben. Das kleine Trier mußte im Augenblicke der Besetzung die ungeheuere Summe von 3 Millionen Livres zahlen, die unteren Mosellande 4 Millionen, das Land zwischen Maas und Rhein aber ganze 25 Millionen. Gleichzeitig mit ihnen hielt die Assignatenwirtschaft ihren Einzug. Bei den Soldaten erfreute sich sehr bald der Coup großer Beliebtheit, in hohen Afflgnatenfcheinen zu zahlen und sich den ihre Zeche ü6er* steigenden Nennwert ihrer Scheine in guten deutschen Münzen herauszahlen zu lasten. (2n fremden Landen entwickelte!» — und end»


