Samstog, 8° Januar
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Schleiermacher als Patriot.
(Ein neuer Briefband.)
In dieser Zeit nationaler Rot wendet sich der Blick zurück nach jener Epoche vor 103 Jahren, da die größte Knechtung unseres Volkes durch eine kühne Erhebung und einen mannhaften Befreiungskampf abgelöst tourbe. .Unter die Helden dieses Zeit- alters der Befreiungskriege gehört auch Schleiermacher, der grobe Romantiker und Theologe, der geniale Mensch, dessen ganze Persönlichkeitssülle und -kraft uns erst jetzt aus den Briefen entgegentritt, die Heinrich Meisner im Berlag von Friedrich Andreas Perthes zu Stuttgaxt-Gotha herausgibt. Dem tourt ber« vollen Briefwechsel mit seiner Braut und den aufschlußreichen Briefen aus den Jahren 1783—1804 folgt nunmehr unter dem Titel „Schleiermacher als Mensch, sein Wirken" ein neuer Brief- band, der die Familien- und Freundesbriefe aus den Jahren 1804 bis 1834 umfasst. Der großartige Umfang von Schleier- machers Schaffen, die Wirkung seiner seelsorgerischen Tätigkeit, die Tiefe seiner wissenschaftlichen Arbeiten, die dichterische Unmittelbarkeit seiner persönlichen Bekenntnisse wird uns in diesen Briesen offenbart, in denen viele Schreiben überhaupt zum ersten- mal andere mit wesentlichen Erweiterungen und Verbesserungen mitgeteilt sind. Aber auch der Politiker Schleiermacher erscheint uns jetzt in einem gan neuen Licht, und sein Wirken vor und während der Freiheits.Uege, das wir bisher mehr ahnten als wirklich kannten, entfaltet sich vor uns, zeigt den großen Prediger in gemeinsamer Arbeit mit den Führern der Erhebung, mit Stein und Gneisenau, mit Ernst Moritz Arndt, Aiebuhr u.a. Auch Schletermachers politische Entwicklung ging wie die der Besten seiner Zeitgenossen vom „Weltbürgertum zum Nationalstaat, tote ein großer Historiker unserer Tage es ausgedruckt. Als ihm, der damals in Halle Prediger war, die Kriegsfurie nach der verlorenen Schlacht von Jena in nächster Umgebung entgegenlohte, da wurde auch in ihm der Gedanke mächtig, daß der Mensch vor allem Pflichten gegen den Staat habe, dem er durch Geburt und Stellung zugehört, und diesem neuen Vaterlandsgefühl verlieh er bereits in Halle, wo er trotz der Unsicherheit und der Aahrnngs- sorgen zurückgeblieben war, unentwegt Ausdruck. Sein mächtiges Wort drang von der Kanzel anfeuernd und freimütig zu Der durch den Fronzvsenübermut erregten Jugend. Aber als Rapoleon im Oktober 1806 die Universität Halle aufhvb, sah der den Feinden verdächtig gewordene Prediger ein, daß seines Bleibens dort nicht länger war, und er strebte nun nach Berlin, wo er den Mittelpunkt der patriotischen Erhebung ahnte.
Schleiermacher hat schon in Halle in den Tagen des Zusammenbruches aller deutscheii Hoffnungen die Notwendigkeit des Befreiungskampfes ausgesprochen. „'Möchten Sie sich Wohl irgendeine Gefahr irgendein Leiden ersparen für die Gewißheit, unser künftiges Geschlecht einer niedrigen Sklaverei preisgegeben zu sehen und ihm auf alle Weise gewaltsam eingeimpft zu sehen die niedrige Gesinnung eines grundverdorbenen Volkes? scyreibt er an Charlotte v. Kathen am 20. Juni 1806. „Glauben Sie nur es steht bevor, früher oder später, ein allgemeiner Kamps dessen Gegenstand unsere Gesinnung, unsere Religion, unsere Geistes- bildung nicht weniger sein werden, als unsere äußere Freiheit und äußeren Güter, ein Kampf, der gekämpft werden muß, den die Könige mit ihren gedungenen Heeren nicht kämpfen können, sondern den die Völker mit ihren Königen gemeinschafstich kämpfen Iwerden, der Volk und Fürsten auf eine schönere Weise, als es seit Jahrhunderten der Fall gewesen, vereinigen wird und an bat sich jeder, jeder, wie es die gemeinsame Sache erfordert, an
schließen muß.“ Für die „allgemeine Regeneration“, die dieser Erhebung vorausgehen sollte, hat Schleiermacher nun unermüdlich gearbeitet. Er kämpfte für die sittliche Gesundung seiner Volksgenossen, für die Erweckung des religiösen Bedürfnisses, für die Ausbildung der Körperkräfte in Leibesübungen, verkündete die künftige Größe des Vaterlandes im Einklang mit den großen Ideen Hines Stein und Scharnhorst. Und er fühlte sich nicht nur als Deutscher, sondern auch als Preuße. »Um ein neues Deutschland zu haben," schreibt er am 12. Januar 1807, „muß wohl das alts noch viel weiter zertrümmert werden. Außerdem, daß ich ein Deutscher bin, habe ich freilich aus vielen Gründen die Schwachheit, ein Preuße zu sein; aber freilich geht meine Leidenschaft auf eine Idee von Preußen, welche vielleicht in der Erscheinung die wenigsten kennen." Ue&er die geheimen Missionen, die er damals ausführte, ist nur wenig bekannt, da alle feine Aufträge von Wund zu Mund gingen; aber 'tolr erfahren jetzt darüber einiges aus seinen Briefen, von den Reisen, die der durch Kränklichkeit geschwächte Mann nach Königsberg und Dessau, nach Rügen und Schlesien unternahm, um die Gleichgesinnten zu sammeln und bteue Freunde für den Patriotenbund zu werben. Mit allen den Besten dieser Zeit stand er in engem Verkehr. Und er erzählt z B. 1812 dem Grafen Dohna, daß er „grade mit den antifranzösischen Leuten Scharnhorst, Gneisenau, Boyen" beim Staatskanzler zu Tisch gewesen sei: „Gr hat mir sogar ein paar Worte gesagt, die sich auf Aufträge bezogen, welche mir Gneisenau bei meiner letzten schlesischen Reise gelegentlich gab . . Ms dann der Sturm lvsbrach", nahm der Theologe selbst die Flinte zur Hand und exerzierte mit Fichte und Reimer, mit Handwerkern und Kaufleuten zusammen, widmete sich bis zur Erschöpfung den „Landsturm- Geschäften" und wollte sogar als Feldprediger mit. Seine Kriegs- predlgten entflammten die Begeisterung zu heiler Lohe. Mit Wilhelm von Humboldt gemeinsam war er an der Neueinrichtung des Unterrichtswesens, an der Gründung der Berliner Universität tätig, redigierte den „Preußischen Korrespondenten das kühne Blatt der Patrioten und riß die zaudernden Regierungskreise mit fort, wodurch er sich freilich verdächtig machte und dann In der Reaktionszeit beständigen Angriffen ausgesetzt war.
Shaksspssres „Verrsrsns Jahrs".
Shakespeares „verlorene Jahre" - so sind von dem angloamerikanischen Shakespeare-Forscher Arthur Achsfon bte Jahre von 1587-1592 genannt worden die in dem an Dunkelheiten so reichen Leben des Dichters eine besonders klaffende Lucke buben. Wir wissen nämlich nicht das geringste über diese, Zell, die zwischen feinem Verlassen der Heimat Stratford und femer ersten Erwähnung in London als Schauspieler liegen. Das Dunkel o-.eser „verlorenen Jahre" sucht nun Won in einem neuen umfang- reichen Werk zu erhellen, das er Die DEchtevon Shakespeares Sonetten" nennt. Wenn der Gelehrte auch sehr stark mit Vermutungen arbeitet und auf gewisse Voraussetzungen eine stanze ausgedehnte „Geschichte" aufbaut,, so ist sein übet: 700 oe iten umfassendes Buch doch auch mit einer Fülle- von Tatsache und Gedanken ganz neuer Art angefüllt, so daß «uch unsere sehr viel nüchternere Shakespeare- Forschung die neue Arbeit wird beachten müssen. Die Grundlage für Achesons Erzählung bietet die Annahme, daß Shakespeares Beziehung zu Lord Southampton, di« wir aus der Widmung von „Venus und Adonis kennen, bereits früher als 1593 begonnen habe, und daß die meisten seiner Sonette sich auf Vorgänge beziehen, die sich in der Zeit von last


