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jnft. .Sie werden sich gezankt Haben," antwvrtete die Mutter leichthin, unb ich dachte nicht Wetter darüber nach.
Degen das Gude unseres Aufenthaltes in Jena kam Friedrich Schlegel an. Seine erste Erscheinung befremdete mich sehr. Ich stand im Speisezimmer am Fenster, als eine kurze, Bngene Gestalt, bewaffnet mit einem tüchtigen Knotenstvck, in unscheinbarem, ja unsauberem Anzug, mit dem Ranzen aus
Lücken keck zur Haustür herein und in eben der Manier in das Eßzimmer trat. Ich erschrak und sah in ihm einen dreisten Bettler. Er bemerkte es lächelnd und hätte sich Wohl mit meiner Verlegenheit längere Zeit Späh erlaubt, wäre nicht gerade seine Schwägerin «ingetreten und hätte ihn bewillkommt. Friedrich Schlegel gefiel mir übrigens nicht sonderlich, und die Aufmerksamkeit, welche er mir erwies, konnte mich nicht günstiger für ihn stimmen.
Die Mutter bereitete sich endlich zur Abreise. Ohne zu wissen, warum, bemerkte man je länger, je mehr das gestörte Verhältnis Schlegels und seiner Frau. Er war ausfahreüd, übellaunig; sie behandelte ihn mit kalter Verachtung. Schelling betrug sich, als ginge ihn Las gar nichts an, er zeigte sich freundlich gegen Schlegel, während er sich ganz vertraulich gegen die Frau benahm und deren Tochter Auguste eine ungemeine Zärtlichkeit bewies, die aber von dem jungen Mädchen schroff zurückgewiesen wurde. Es war, als ob damals in der frommen, reinen Seele dieses lieben Wesens ein Verdacht gegen die Mutter erwachte und gegen den zweiten ihr aufgedrungenen Stiefvater ein Abscheu, welcher sie bei ihrer zarten geistigen und körperlichen Organisation einem frühen Grabe zuführte.
Auguste und ich nahmen schmerzvollen Abschied; ich zwar ahnte von dem, was wenige Wochen nachher sich entwickelte, noch nichts. Wer Auguste zerfloß in Tränen und wollte mich und Betty gar nicht lasfen. Wir sahen uns nie wieder.
Bald nachher wurde Schlegels Ehe aufgelöst, und einige Monate später war die getrennte Frau mit Schelling verheiratet. Weine Korrespondenz mit Auguste dauerte fort, die veränderten häuslichen Verhältnisse aber überging sie in ihren Briefen soviel als Möglich. Sie starb leider bald nach dm: Verheiratung der Mutter, und ihr Tod betrübte mich tief. Was muh ihre liebe Seele gelitten haben in der Entwürdigung einer Mutter, die sie so sehr liebte!
Neue Zeugnisse aus Georg Büchners Leben.
Der so früh dahingeschtedene Georg Büchner, dessen geniale Dramen „Danto-ns Tod", „Woizeck", „Oevnce und Lena" in un° Brt Tagen ihre Auferstehung auf der Bühne erlebt haben, ist erst t als einer der größten deutschen Dichter nach Goethe erkannt rden. Wie sein Werk, so muhte auch sein Leben erst von dem Schutt der Vergangenheit befreit werden, der sich darüber gelagert. Waren uns seine Dichtungen nur in trümmerhafter Form überliefert, so war auch vieles in seinem Schicksal völlig dunkel. Die emsige Forschung, die im letzten Jahrzehnt sich mit Büchner beschäftigte, hat nun ihre Krönung erfahren in der soeben im Insel- Verlag erschienenen, von Fritz Dergemann bearbeiteten Ausgabe seiner „Sämtlichen Werke und Briefe". Der Text dieser kostbaren Schöpfungen ist jetzt erst gereinigt und in seiner älrfprüng- ltchkeit wiederhergestellt; außerdem ist im Anhang alles vereinigt, was wir an Persönlichen Dokumenten über ihn besitzen. Darunter befindet sich auch verschiedenes älngedrucktes von Wichtigkeit.
Heber die jugendliche Entwicklung des so rasch gereiften Genies erhalten wir Aufschlüsse aus den Erinnerungen einiger Schulkameraden. So erzählt der spätere Pfarrer Luck: „Georg Büchner ging schon früh und allezeit gradaus auf das los, was er als das Wesen und den Kern der Dinge erkannte, auch in der Wissenschaft, besonders der Philosophie, sowie hinsichtlich der politischen Dolks- bedürfnisse, wie er sie ansah, und in allem war sein Prinzip die Freiheit, die er meinte. Er war nicht gewillt, daß die Unwissenheit des Volkes benützt werde, es zu betrügen oder zum Werkzeug zu machen, oder gar mit seinem Talent lukrative Spekulationen zu machen. In seinem Denken und Tun durch das Streben nach Wesenhaftigkeit und Wahrheit früh durchaus selbständig, vermochte ihn keine äußerliche Autorität, noch nichtiger Schein zu imponieren. Das Bewußtsein des erworbenen geistigen Fonds drängte ihn fortwährend zu einer unerbittlichen Kritik dessen, was in der menschlichen Gesellschaft oder Philosophie und Kunst Alleinberechtigung beanspruchte oder erlistete. Man sah ihm an, an Stirne, Augen tmd Lippen, daß er auch, wenn er schwieg, diese Kritik in seinem m sich verschlossenen Denken übte. Ich weiß nicht, ob ein gutes Bild von ihm existiert. Wer ich sehe im Geist sein Angesicht, ähnlich einem alten Bilde Shakespeares, von bürgerlich gediegenem, tatkräftigem, aber auch liebenswürdig übermütigem Ausdruck. Es lag darin Zurückhaltung. Entschlossenheit, skeptische Verachtung alles Richtigen und Riederträchtigen. Die zuckenden Lippen verrieten, wie oft er mit der Welt in Widerspruch und Streit lag."
Ein anderer Schulkamerad, der spätere Gymnasiallehrer Friedrich Zimmermann, erzählt von der ausgebreitete» Lektüre des Schülers: „Für älnterholtungslektüre hatte er keinen Sinn; er mußte beim Lesen zu denken haben. Sein Geschmack war elastisch. Während er Herders „Stimmen der Völker" und „Des Knaben Wunderhorn" verschlang, schätzte er auch Werke der französischen Literatur. Gr warf sich srühzeitig auf religiöse Fragen, auf metaphysische und ethische Probleme, in einem inneren Zu
sammenhang mit Angelegenheiten der Naturwissenschaften, für deren Studium er sich früh entschied. Gedichtet hat er, meines Wissens, damals nichts; aber für echte Poesie war feine Liebe groß, sein Verständnis fein und sicher. Die Matur liebte er mit Schwärmerei, die oft in Andacht gesammelt war. Kein Werk der deutschen Poesie machte darum auf ihn einen so mächtigen Eindruck wie der Faust."
Aus seiner letzten Lebenszeit stammen Erinnerungen an Büchner als Züricher Dozenten von dem Stabsarzt Dr. Lüning. Gr machte auf seine Zuhörer einen starken Eindruck: „Der Vortrag Büchners war nicht geradezu glänzend, aber fließend, klar und bündig, rhetorischen Schmuck schien er fast ängstlich, als nicht zur Sache gehörig, zu vermeiden; was aber diesen Vorlesungen vor allem ihren Wert verlieh und was sie für die Zuhörer so fesselnd machte, das waren die fortwährenden Beziehungen auf die Bedeutung der einzelnen Teile der Organe und auf dieDergleichung derselben mit denen der höheren Tierklassen." Als der junge geniale Dozent dann durch den damals in Zürichgrassierenden Typhms auf sein Sterbelager geworfen wurde, wachten seine Hörer des Nachts abwechselnd bei dem Kranken. „Da war ich denn oft genug Zeuge von jenen Phantasien," erzählt Lüning, „wie sie das arme Gehirn des Gemarterten durchtobten und wie sie Herwegh 1841 in seinen drei Gedichten auf Büchners Andenken so ergreifend schilderte; denn als ich 1839 die Bekanntschaft des damals noch unbekannten „Lebendigen" machte, lieh er nicht nadk mich über alles jedes, was Büchner betraf, zu befragen, und aus diesen Erzählungen sind großenteils die Schilderungen jener Phantasien des kranken Dichters entstanden. Das ist ungefähr alles, was ich von Büchner zu erzählen wüßte; vergessen habe ich ihn nicht; wer mit dieser Feuersee einmal in Berührung kam, dem schwand sie nicht wieder aus der Erinnerung."
Drei Fabeln.*)
Bon Theodor Etzel.
Der Reichstag der Dögel.
Als einst die wilden Dögel unter dem Vorsitz des Buntspechte- vor des Wlers Thron versammelt waren, erhoben die Drosseln Klage über den Menschen: •
Wir stellen den Antrag: Das ganze Volk der Vögel möge sich gegen den Menschen erheben und ihn vernichten. Denn trotzdem wir dem Menschen niemals einen Schaden zugefügt haben, hängt er im Walde Schlingen mit Eschenbeeren auf, um uns arme Vögel zu fangen, zu morden, zu sreffen.
Die Finken: Ihr irrt euch, es sind nicht Schlingen, mit denen er uns Vögel sängt, sondern Ruten, die er mit Leim bestreicht. Auch frißt er uns nicht auf, sondern sperrt uns in Käfige, damit wir ihm singen sollen.
Die Rebhühner: Richt doch, er frißt uns! Aber er verfolgt uns Vögel nicht mit Schlingen, auch nicht mit Leimruten, sondern mit tvdbringestden Knallrohren.
Die Finken: Der Wahrheit die Ehre! Er tötet uns nicht! Er verfolgt uns mit Leimruten und beraubt uns der Freiheit. DieDrosfeln: Wir wissens besser! Gr mordet uns in Schlingen. Die Rebhühner: Zum Teufel! Gr tötet uns mit Knallrohren. Der Buntspecht (hämmert): Laßt uns nicht streiten, sondern einig werden. Das eine steht also jedenfalls fest: der Mensch ist unser grausamster Feind, der uns---
Die Drosseln und die Rebhühner: — tötet!
Die Finken: — einsperrt!
Der Buntspecht (hämmert): Ruhe! — Ich konstatiere nochmals: der Mensch ist unser grausamster Feind---
Die Zaunkönige: Wir protestieren! Der Mensch verfolgt unS Vögel nicht. Er bekümmert sich nicht im geringsten um uns. (Große Unruhe.)
DieKrähen: Gemeine Lüge! (Lauter Beifall). Er kümmert sich sehr wohl um uns. Er sorgt für uns als bester Freund.
Die Drosseln, Finken und Rebhühner: Verrückte Be» hauptutzg! — Beweis! — Beweis!
DieKrähen: Er kommt aufs Feld heraus uni> bebt für uns mit dem Pflug die Würmer und Engerlinge 'aus dem tiefen Boden empor. 8m Schweiße seines Angesichts ernährt er uns.
Die Schwalben: Unsinn! Gr ernährt uns nicht! Dagegen baut er Häuser, damit wir Dögel unter sicherem Dache sorglos nisten können — unter des guten Menschen Schutz.
Die Spatzen: Rein! Er schützt uns nicht, doch ernährt er uns. Aber nicht, wie die Krähen irrtümlich sagten, mit Würmern und Engerlingen, sondern mit fruchtbaren Weizenähren, die er für uns Vögel großzieht.
DieSchwalben: Ihr irrt euch: er gibt uns Schuh, nicht Speise. DieSpahen (heftig): Schweigt! Wir wissen es besser. Er schützt uns nicht, doch ernährt er uns mit den besten Körnern.
DieKrähen (wütend): Zum Donnerwetter, nein! mit Würmern!
*) Der „Fahne" entnommen, einem „Führer zu Dichter» pnd Denkern", mit welchem der Verlag von Walter Seifert in Stuttgart auf gediegene Bücher, im vorliegenden Falle auf Etzels hübsche „Fabeln, hinweist.


