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1923 — Nr. 18
Samstag, s. Mai
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Eine Totenftadt in der Wstterarr.
Von Dr. Otto Kunkel-Gießen.
Bei Rieder-Mockstadt im Kreis Büdingen, das heute von anderen Dörfern der Wetterau kaum sich unterscheidet, hat schon vor mehr als dreitausend Jahren regeres Leben als sonstwo selbst in unserer an Resten der Vorzeit so reichen Provinz, geherrscht Die große Rekropole in der „21 u“, westlich des Ortes, links der Straße nach Stade n, hat die Kunde davon bis in unsere Tage herubergerettet. Dieses in seinem Umfang, es waren ehemals min- destene. 120 Grabhügel, für Mitteldeutschland so gut wie einzig- artige Denkmal, der Vorgeschichte fällt nunmehr den Forderungen der Gegenwart zum Opfer: der Wald, der die Totenftadt solange treu behütete, wird zugunsten von Siedelungen und zur Gewinnung von Austauschland für die Feldbereinigung gerodet, die Hügel werden verschleift. Vor vielen Jahrzehnten bereits sind von dem bekannten Altertumsfreund DieffenbachinFriedberg meh- rere Tumuli ausgegraben worden, die Funde sind großenteils verschollen. Einiges Wenige aus Grabungen Les Fürsten Bruno liegt im Schloß zuBüdingen. Ferner wurden 1920 mehr als 30 jeöt schon ganz verschwundene Hügel genau untersucht, aus Lenen böt altem das Ober hessische Museum überraschend reich; und bedeutsame Funde gewonnen hat. Lieber 70 Grabhügel werden nun in den nächsten zwei Jahren noch von Len Kulturarbeiten bedroht. Daß ein Teil von ihnen vorher durch das Oberhessifcho Museum gründlich erforscht werden kann, wird der verständnisvollen Unterstützung durch Behörden verdankt, vor allem aber auch der Opferwilligkeit zahlreicher privater Freunde der 2lltertums- Wissenschaft, die teils durch Geldspenden, teils durch persönlich« Mithilfe ber der Grabung die Arbeiten wesentlich fördern, ja erst Elichen: doch hierüber wird im späteren Hauptbericht Rechengegeben. An Ostern konnten die Arbeiten an der Rekropole äge Tage wieder ausgenommen werden, und es steht zu hoffen, e demnächst im Rahmen der verfügbaren Mittel ihre Sorte tetjunfl finden. Erfreulicherweise hat die Feldbereinigungsbehörde J“r £ic spätere Verschteifung weitgehendstes Entgegenkommen in Aussicht gestellt, was die besonders wichtige Auffindung auch der Stedelung wesentlich erleichtern und manchen Hügel, dessen Aufdeckung vorerst unterbleiben muß, fiir die Wissenschaft doch noch nutzbar machen wird.
Die dem -Untergang eines so bedeutungsvollen, in seiner Gröhe einzigartigen Denkmals der Vorzeit und dein Bestreben nach seiner vorherigen wissenschaftlichen Erforschung von allen Seiten entgegengebrachte Teilnahme, nicht minder der Wunsch, auch weiterhin hier ü-reunde für Lie Sache zu gewinnen, gibt Anlaß, hier einiges über diese Wetterauer Totenstadt zu sagen.
, . Schon Jahrhunderte vor dem Beginn der Hügelnekropote war die Stell« besiedelt: nämlich von den st e i n z e i t l ch e n - Bauern, dm den sog. Bandkeramikern. die bekanntlich im dritten vorchristlichen Jahrtausend aus den unteren Donauländern kommmd, weite Gebiete bis nach Indien hin „indvgermanisierten", so auch die fruchtbaren Landstrecken Süd- und Mitteldeutschlands besetzten, sie mit steinerner Hacke und Pflugschar bebauten, und die offene Vetterausteppe besonders dicht mit ihren Gehöften übersäten: der Äugel 15 in Gruppe 1 des Rieder-Mockstädter Gräberfeldes ist, fast zweitausend Jahre später, auf der Stelle eines solchen Gehöftes errichtet worden: Pfostenlöcher, Scherben, Mahlsteine, Huttenlehm hat der Boden aus der Reolithik bewahrt.
Bon den bisher untersuchten Grabhügeln stammt der älteste, mr Ostern aufgedeckte, Rr. 13 der Gruppe 3, aus der zweiten Hälfte
des zwecken vorchristlichen Jahrtausends, also der Bronzezeit Der nach erhaltenen Zähnen noch jugendliche Tote mit ausgesprochenem Langschadel war auf eine Schicht weißen Sandes gebettet, von dem auch ein Häufchen unter dem zu Häupten der Leiche lie» genden Stein sich fand. Der Tote trug einen im Racken offenen massiven Bronzehalsring mit etwas geriefelten Enden (das erste bei uns bekanntgewordene Stück dieser Art) und am Gürtel ein Bronzebeil (sog. Absatzteli). Vestattungsritus und Beigaben lassen im Verein mit anderen Beobachtungen äußerst wichtige Schlüsse zu “be* .ÄerausbilLung gewisser Formen keltischer Kultur im sudlicyen Mitteldeutschland durch die Mischung bereits früher aus dem Südosten, dem Rordosten und dem Südwesten hier zusammengeströmter Elemente.
wurden dann überschüttet und fast ganz verdrängt durch Kultur- und, wie jetzt unzweifelhaft feststeht, Volks- Wecken, die um die Wende Les zweiten zum letzten vorchristlichen Jahrtausmd, also zu Beginn der Eisenzeit, und überhaupt ui den beiden ersten Dritteln der Ha l l sta 11p e r i o de noch in mehreren Zügen, dm Wegm Ler neolithischen Band-- keramiker aus dem Südosten gefolgt sind.
Ihnen gehört die Hauptmasse Ler bisher erforschten Graber von Rieder-Mockstadt an. Die Toten sind, meist verbrannt, unter mächtigen Grabhügeln bestattet, in denen, wie in einem Fall noch deutlich sich erkmnen ließ, Holz innen bauten, manchmal mit Steinen gesichert, die Behausung deö Lebenden ersetzten. Stattliche Grabservice, zum Teil mit schöner Bema- cking, Boten Speise und Trank für die Reise ins Jenseits, Schmuckringe aus Bronze, eiserne „Rasier-" und andere Messer sanden sich unter den Beigaben, selbst Las Feuerzeug fehlte nicht. Di« Reste einer unverbrannt bestatteten Leiche ruhten auf einem Zweiglager neben dem Prächtigen Grabservice, und eine Schale enthielt sogar den steinernen Fäustel zur Gewinnung des Markes aus dm Knochen, derm zerbrannte Splitter in einer Bieten Aschen sch ich! verstreut waren — das typische eines Totenmahles. Die Degräbnissitte und die Gefäße mit ihrer Ornamentik lassen deutlich die Herkunft dieser Kultur über die Rauhe Alb hin aus illyrisch-thiakischem Quellgebiet erkemim, aus dessen Rahe ja ehedem auch Ströme nach Griechenland sich ergossen haben, um dort zu höchster Blüte sich zu entfalten, während die schon von Haus aus Bescheide- nerm Seitmtriebe im Norden, die übrigens kaum über Gießen hinausgedrungen sind, zunächst verdorrten. 3m Süden lebte bekanntlich der Gedanke des Totenmahles umgefornck in der Grabmalkunst weiter, um dann später durch Vermittlung thra- kischer Reiter auf den römischen Soldatengrabsteinen am Rhein uns wieder nah« zu kommen.
Schon zur Zeit der Blüte dieser behäbigen, bäuertich-sried- lichen Mittelhallstattkultur Beginnt es jenseits des Rheines sich zu regen, indem die Träger jener keltischen Art, deren! Anfängen wir oben bereits zur Bronzezeit bei Rieder-Mockstadt begegneten, nach Osten drängen. Das findet auch in unserer! Rekropole feinen Ausdruck: zunächst tauchen keltische Schmuck- ernten auf, aber nicht der schwere Torques .im Original, ondern eine leichte Dlechnachahmung davon — immerhin, man hat offenbar mit Sorge nach Westen geschaut, und wir fühlen uns fast daran erinnert, wie unlängst neben dem Schlagwort von der „gelben Gefahr" die Reigung für ostasiatifches Kunstgewerbe erwachte: kein Zufall wird es wohl auch fein, Laßt die Gräber jener Zeit oft kriegerischere Ausstattung als bisher aufweisen (Schwerter ufto.).


