Schriftleitung: Dr. FrieLr. Wilh. Langs.

Druck und Bsrlag der Brühl'schen Aniv.-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

Holzstall führe, ti>o Hektor eingesperrt lag. Der Bediente aber kam bestürzt zurück und sagte, der Fremde habe sich geweigert, in den Holzstall zu gehen, er sei auch gar nicht der Hundedoktor, sondern Herr von Hahdn selber. Run war auf einmal der Fürst der t^unst und die Unsterblichkeit als umgekehrter Adel rein ver­gessen, die Gräfin begrüßte den Künstler mit Lachen und Tntschul- digungen, und im Lachen errötete sie beschämt, was ihr viel schöner als jenes erhabene Zurückwerfen des Kopfes und stolze Lockenschutteln, mit welchem sie sonst Gäste zu empfangen pflegte.

Hahdn fand die schöne Dame höchst natürlich und liebens- wurdrg (und das hatte seit langer Zeit kein Mensch gefunden) und Plauderte sich rasch ins unbefangenste, anziehendste Gespräch. Er hatte in London gelernt, auch unter vornehmen Leuten sich leicht zu bewegen, hatte dazu aber auch seine bürgerliche deutsche Be­scheidenheit heil und ganz wieder über das Meer zurückgebracht und redete so schlicht und fests daß die Gräfin in denselben Ton eingehen mußte und gar keinen Platz fand für ihre geziertes Worte und geschnürter! Gedanken.

So gingen die beiden am golden verglühenden Frühlingsabend un Schloßgarten auf und ab, und als sie im besten Zuge waren erschien endlich auch der Freiherr, und Hahdn deuchte ihm ballt ern alter Bekannter, die Gräfin, dagegen war ihm völlig neu; ocnn sie sprach heute ganz wie andere vernünftige Menschen' blickte und bewegte sich ohne alles tragische Pathos, wenn sie das Wetter und die Gegend pries, und, was das größte Wunder der plle Hahdn schien ein besonderes Gefallen an ihr zu haben wäh- rend der Freiherr besürchtet hatte, sie werde ihm das ganze Schloß Struth verleiden. Infolgedessen gefiel sie denn auch ihm ganz besonders, und er fand ihr griechisches Profil heute griechischer als je zuvor.

m , Asch ber Graf gesellte sich jetzt zu den dreien, und die kleine Gesellschaft ging zum Abendtifche auf die Terrasse des Gartens

Aach vornehmer Leute Art fragte Graf Thürmer den berühm- ten Tonsetzer kurz und scharf, welches Werk ihn eben beschäftige. Hahdn erwiderte, er ruhe sich aus von derSchöpfung" das sei eine gar ernste Arbeit gewesen, weil Gott selber die Welt'gemacht f^E^uch eine gar heitere, weil er sie so schön gemacht habe. Als jedoch die anderen Genaueres von diesem eben vollendeten Werk wissen wollten hielt er die Hand ans Ohr und sprach leise: .Hören Sie auf den köstlichen Gesang!" Es zogen nämlich ein paar v ^gend vom Felde heim, und dem

Wächter leuchtete die helle Freude über diese frische Musik aus den Augen, und als sie verklungen war, sagte er:Ich glaube wohl auch eine oder die andere schöne Melodie erfunden zu haben: in England aber horte ich einmal etliche Waisenknaben ein Kinder- lied fingen, da wurde ich ganz glücklich und traurig zugleich: denn eine so schone Melodie hatte ich mit aller Kunst doch niemals ge- mac&t, ja es schien mir die schönste, welche ich in meinem Leben gegutt.

Zum Schlüsse aber brachten die beiden Männer noch eine Streitfrage in Quartettfachen vor den Richterstuhl des Baters beä deutschen Quartetts. Der Freiherr hatte, wenn an den ge- wohnlichen Montagen auf Schloß Strüth gespielt wurde, allezeit uur einen firnen Rheinwein auftragen lassen; denn er behauptete die Kunst sei Erbauung; der Graf dagegen, welcher nicht bloß in seinen Geigen ein Feinschmecker war, bewirtete Donnerstags suf Reuhaus mit Champagner; denn er behauptet«, die Kunst ei Genuß Hahdn sollte nun bestimmen, welcher Wein für ein rechtes Musterquartett passe.

Gr sprach nach kurzem Besinnen, man müsse hier scharf unterscheiden. Beim Quartett tauge der Champagner nicht, sondern her firne Rheinwein; denn die Kunst fei Erbauung: nach dem Quartett aber habe auch ein Glas Chmpgner sein Recht; denn in der Kunst werd« die Erbauung selber zum Genuß. . uadem bleser menschenfreundliche Schiedsrichterspruch für Strüth und Aeuhaus feierlich und mit allgemeinem Beifast angenommen worden war, geleitete der glückselige Wirt seine Gaste zur wohlverdienten Ruhe.

2lm folgenden Morgen schrieb Gräfin Helene unter anderem w ihr Tagebuch: Hahdn auch in der Konversation ein Meister der Kunst, zwei scheinbar fremdartige Themen kontrapunktisch M Verbinden: Erschaffung der Welt und singende Bauernmäd­chen; Unsterblichkeit und alte Geigen, Rheinwein und Erbauung, Champagner und Genuß; Adagio in A»®ur und---, hier

folgen drei verschämte Gedankenstriche.

Der Freiherr fand im Laufe des Tages zufällig dieses Matt, und die Gedankenstriche machten ihm viele ©ebanfct. i sich getroffen von der Wahrheit des Satzes: Haydn e'n -"«Wc ®er Kunst, zwei scheinbar fremdartige Themen kontra- punktifch zu verbinden, freilich in ganz besonderem Sinne; denn es kam ihm vor, als seien er und Helen« diese beiden fremdartigen Themen, welche der alte Hexenmeister ganz unter der Hand gleichfalls kontvapunktisch verbinde: so völlig verändert und so unvergleichlich liebenswürdiger erschien ihm Helene feit Haydns Ankunft.

________ (Fortsetzung folgt.)

Die Gräfin lauerte längst, das Wort zu erhalten, und ihr Bruder begann eben von seinen Geigen, darum pries sie, rasch ein­fallend, des Meisters bescheidenen Sinn und brachte dann in küh- uem Aebeigang ihren vordurchdachten Satz über die irdische Un­sterblichkeit und den umgekehrten Adelsbrief.

Hahdn dessen linkes Ohr solchergestalt auf die Geigen und dessen rechtes auf die Unsterblichkeit hören mußt«, fiel den bet- n . 222tT.2ni>ec. iidt in die Rede.Mit der irdischen An-

'Erblichkeit, gnädige Gräfin, ist es gerade wie mit den alten Gei­gen verehrter Herr Graf. Man sagt, eine. Geige altert nicht, sie wird mit den Jahren immer besser und ist unsterblich (wenn sie nicht verbrennt oder zerschlagen wird). Allein das ist nicht ganz richtig. Hundert Jahre lang wächst eine gute Geige und wirb immer edler im. und hält sich wohl auch noch weiter« fünfzig

Hahre auf der Hohe; dann aber wird das Holz schwächer, der Ton trockener, es geht ans Aachbessern, man unterlegt, füttert und stärkt o^ Decke, und eine geschickte Hand vermag die unsterbliche Geige

wertere fünfzig Jahre in der Fülle ihrer Klangkraft zu erhL- ten. Run aber ist es auch aus und vorbei. Die gefütterte Geias mmmt noch fünfzig Jahre rn Ehren ab; tritt sie dann ins dritte Jahrhundert so ist sie eine merkwürdige alte Schachtel geworden Rur weil unser Lek^n soviel kürzer ist als das Leben einer Geige, glauben wir, die Geige alter« nicht. And so sprechen wir auch von unseren unsterblichen Werken, nur weil wir selber sogar sterb- Uch sind und ihre Dauer mit der viel kürzeren unserer eigenen Tage messen und es im glücklichsten Falle nicht mit ansehen müssen, wie sie eine Weile noch unterlegt und ausgefüttert werden, um endlich doch zu vertrocknen."

Alle schwiegen eine Weile. Dann aber bemerkte der Graf mit dem Ausfüttern könne man wohl auch länger als fünfzig Jahre auä&elfen,. wenn man nur ein Holz nehme, welches ebensö 2-, f selber. Gr habe zur Erhaltung einer hundert-

funf5igia5rtgen J2Imati die Spitze seines Schlotzturmes abbrechen laften, denn die Balken des Turmdachies seien urkundlich auch emhundertunöfünfzig Jahre alt und von Wind und Sonne gottach. ausgetroanet.Das ist nun ein wahrer Edelstein ^222222 burr wie Stroh, außen ein wenig vom Warme man riecht das edle Alter schon

n Graf begeistert und bot dem gefeierten

©afte einen halben Balken von zwanzig Fuß zum Geschenke.

. dankend ab, und der Freiherr Pries im stillen

den bescheidenen Mann, weil er lieber von dem Gesang der Bauernmädchen als von seiner Schöpfung gesprochen; die Gräfin weil er das Lob der .Unsterblichkeit so fein gewendet, und der Graf, weil er seinen unschätzbaren Balken nicht angenommen fjatt^ Darüber war es dunkel geworden, und man begab sich in» Mufikzimmer zum Quartett. Zu Ehren des Gastes war eine» seiner schönsten Werke gufgelegt. Das Allegro gelang wider Erwarten; der Freiherr warf nur dreimal um, weil ihn der Ge­danke verfolgte, daß Gräfin Helene heute viel liebenswürdiger sei als jemals in ihrem Leben. Hahdn hörte mit bewunderns­würdiger Geduld; er zählte nicht zu jenen Tonsetzern, welche gleich Krampfe kriegen, wenn ihre Roten nicht genau so vorgetragen werden wie sie sich dieselben im Geiste gesungen haben, und lobte den Eifer der Spieler, sagte ihnen aber auch deutsch heraus, wo gefehlt oder der Sinn vergriffen worden lvar.

Dadurch wuchs ihnen Lust und Mut, und das Abagio gelang noch viel bester; der Freiherr kam nur einmal aus dem Takt« und versuchte dann an vier verkehrten Stellen wieder einzusetzen schreckte aber nach den ersten falschm Roten immer wi der -u ück' wodurch eine etwas befremdend dramatische Bewegung in den ®ang der Harmonie kam. Doch, das tat nichts; das Adagio üxir nidjt umZubrmgen, unö cillc üxiröcn i>t>n öer tiefen und reinen Empfindung der wie in überirdischen Klängen öabtn» schwebenden Weisen.

Die Gräfin fragte den Meister, ob er sich nicht etwas ganz Besonderes gedacht habe bei der hohen und doch so süßen Lyrft dieses Satzes?

Haydn erwiderte, er denke sich freilich etaxu? Besonderes bei jedem seiner Tvnstücke, mute aber keinem Menschen zu, das gleiche wieder zu denken, sondern sei zufrieden, wenn die Hörer nur empfänden, was er empfunden habe. And so vergesse er denn wieder, welche besondere Gedanken kette ihn zu einem Musiksatze geführt. Vorhin freilich fei es ihm fast gewesen als klänge das in Liebe beseligende Walten einer edeln Fväuen- gefiaft aus den Tönen jenes Adagios, das er vor zwanzig Jahren gedichtet heut« wieder an fein altes Herz. Irre er sich dabei so sei die holde Gegenwart der Gräfin wohl gar schuld daß es nun meine, er müsse durch, dieses besonder« Gedankenbild damals zu dem Adagio gekommen fein.

Der Freiherr staunte bei diesen Worten, der Graf war be- friedigt, die Gräfin entzückt.

.Und so wuchs die Freude der glücklichen Menschen, und man geigte ein Quartett ums andere, und tränt ein Glas edeln Weines ums andere, und obgleich, sich Haydn anfangs geweigert hatte auch einmal zur Geige zu greifen, so konnte er doch nicht widerstehen, als ihm di« Gräfin selbst das Instrument gar an­mutig darreichte, und spielte In einem Menuett die zweite Stimme un& der Freiherr wußte gar nicht, wie er's der schönen Helen«