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des Gebirgsbauern zeigi sich recht, wie unzweifelhaft ihm der technische Genius von Gott und der Matur zu Leben gegeben wurde, zum Ersatz für die immer magerer gewordenen Felder. Allein mit dieser Gabe ist zugleich ein tief tragisches Element in das Leben des Gebirgsvvlkes gekommen. Das unbelohnte Ringen ganzer Bauernschaften nach Tüchtigkeit im Handwerk läßt sich wohl vergleichen mit dem fruchtlosen Abmühen so manches einzelnen begabten Geistes um eine hervorragende Stelle unter den geistigen Grützen Station.
(Schluß folgt.)
Der Werl des Wanderns für die deutsche Jugend.
Bon Dr. med. Druchhäuser-Ulrichstein.
Der unselige Krieg und seine Folgeerscheinungen haben mit Krankheiten und Ernährungsstörungen unserem Boll und besonders unserer Jugend schwere Wunden geschlagen, deren Heilung das grundlegende Erfordernis ist zum Wiederaufbau, denn aus der' Jugend beruht unsre ganze Zukunftshvffnimg.
Die prächtige Schulung des Körpers und Geistes in unserer Dorkriegs-Armee ist uns verloren. Diese vollendete Durcharbeitung des Körpers, ihre Einstellung des Geistes auf Volk und Daterland kommt heute nur noch ganz wenigen zugute. Ein Ersatz dafür muhte gefunden werden. Ganz selbsttätig wandte sich unsere Jugend, auch di« weibliche, den Leioesübungen zu. Turnen und Sport werden beträchtlich mehr gepflegt, wie vor dem Kriege, und das ist gut so! Es erhebt sich jedoch die Frage, ob dies allein genüge, und sie kann nur verneinend beantwortet werden. Turnen und besonders sportliche Leibesübungen erfordern einen von vornherein hierzu geeigneten Körper, da ihr Bestreben doch meist ist, Höchstleistungen im Wettbewerb und Kampf zu erzielen. So muhte ich dieser Tage im Sportbericht eines starken studentischen Bundes lesen, dah er unter seinem Rachwuchs nur 2 Leute habe, die für Turnen uird Sport in Frage kämen. Leibesübungen aber, die nicht für unsere gesamte Jugend in Frage kommen, wirkliche Krüppel natürlich ausgenommen, können auch nur teilweise unferm Erfordernis genügen. Außerdem betonen Turnen und Sport bei weitem mehr die reine körperliche Ausbildung. Wenn auch nicht besiritten werden soll, dah ein turnerisch und sportlich geübter Mensch auch geistige Dorteile, Entschlußfähigkeit, Mut, Selbstbewußtsein erzielt, so fehlt doch meist die erstrebenswerte Einstellung des Geistes und Gemüts auf Dolk, Heimat und Vaterland, denn der eigentliche Sport ist international. Zu bedenken ist auch, daß Turnen und Sport naturgemäß, da sie starke körperliche Anspannung erfordern, nur kurze Zeit in wenigen Tages- oder Abendstunden ausgeübt werden dürfen und im übrigen der Jugend noch viel Zeit lassen zum ungesunden Wirtschaftsbesuch, Rauchen und Trinken, zu stundenlangem Sitzen in überfüllten Kinos und andern ungesunden, nervenreizenden Zerstreuungen.
Das Wandern, nicht das Spazierengehen, sondern das Wandern als Leibes- und Geistesübung, ist berufen, diese Lücke auszufüllen, ja als vollwertiger Ersatz für alle andern Leibesübungen einzutreten. Das ist auch allseitig bereits anerkannt. Die Zahl der- Vereine, die Jugendpflege besonders durch Wanderungen betreiben, ist ständig im Wachsen begriffen, und Regierung, Behörden, Verbände, Schulen, Stadtverwaltungen haben die Wichtigkeit des Wanderns für unsere Jugend erkannt und suchen es mit allen Mitteln zu fördern. Zur Durchführung mehrtägiger Jugendwanderungen waren Jugendherbergen nötig, um die Jugend von teurer Hnterkunft in Gasthäusern unabhängig zu machen. Ein ganzes Reh von solchen Jugendherbergen ist im Laufe der letzten Jahre über Deutschland gesponnen worden, und in unserm engeren Heimatsgebiet sind vom V. H. C. fünf Herbergen errichtet und weitere geplant. Wie der Vertreter der Stadt Gießen beim Jung-V. H. C.-Tag mitteilte, ist auch eine solche in Giehen im Entstehen begriffen. In Elternkreisen legt man erfreulicherweise lange gehegte Vorurteile ab unb erlaubt der Jugend Wanderungen, auch mehrtägige. Zu solchen, besonders mehrtägigen, ist allerdings sachverständige Leitung und Führung erforderlich, und es empfiehlt sich für die Jugend der Anschluß an Vereinigungen, die solche Wanderungen veranstalten, wie sie heutzutage m jeder Stadt und jedem Städtchen bestehen.
Welches ist nun der Wert dieser Wanderungen für die Jugend? Dah das Wandern den Körper stählt und stärkt, braucht wohl nicht bewiesen zu werden. Cs kräftigt nicht nur die Beine, sondern es arbeitet den ganzen Körper gleichmähig durch, besonders das Wandern in bergigem Gelände. Richt nur dre Korper- muskeln werden betätigt, sondern auch Herz und Lunge werden beansprucht, gekräftigt und durchlüftet. .Der Blutkreislauf wird gefördert durch Tiefatmung. Der ganztägige Aufenthalt in frischer Luft und Sonne fördert Dlutbildung und Blutverbesserung. Di- Bewegung macht Hunger und gute Verdauung WieviÄ he^lichei schmeckt unser Frühstücksbrot nach einem tüchtigen Marsch, als nach mehrstündigem Sitzen auf der Schulbank oder im Kolleg!
Ein großer Vorteil ist die gleichmäßige Verkeilung der körperlichen Betätigung auf fast den ganzen Dag. Es wird mcht gefordert, dah man in einer kurzen Stunde oder gar in Minuten Höchst leistungen erziele, sondern fast unrnerklich, jedenfalls ohne unnötige Heberanstrengung, wird über den ganzen Tag mäßig die körperliche Hebung verteilt Sorgfältig emgÄegte Mast" stunden verhindern Übermähige Ermüdung und das Wvhlgefühl, das nach einer planmähig gut durchgesührten, ganztägigen Wan- berung den Körper durchdringt, wenn abends im Quartter eir^ erfrischende Abwaschung vvrgenommrn wird, ist unbeschreiblich schön.
Mese Vorzüge der Wanderungen würden «Hein zu ihrer Empfehlung schon genügen, aber das.Wandern bietet uns noch
GeschichteN von Hugo Wolf.
(Zu seinem 20. Todestage, 22. Februar.)
20 Jahre sind seit dem Tode von Hugo Wolf dahingegangen, und seitdem ist er allgemein als der moderne Klassiker des deutschen Liedes anerkannt worden, steht als Ebenbürtiger neben den größten Liederkomponisten. Auch seine Persönlichkeit mit ihren vielen Seltsamkeiten und ihrer Dämonie, die bereits von dem tragischen Dunkel der geistigen Erkrankung überschattet war, ist ums durch die Veröffentlichung seiner Briefe und durch die meisterhafte Biographie Desceys nahegebracht. Ein paar wenig bekannte Züge aus seinem Leben seien zu diesem Gedenktag mitgeteilt. So erzählt Helene Dettelheim-Gavillvn aus leinen Anfängen, da er sich durch Klavierstunden mühselig sein Brot verdienen muhte, dah er kein guter Pädagoge gewesen sei, aber ein genialer Anreger. „Seine Sprunghaftigkeit und Hnberechen- barreit," berichtete sie, „fielen uns damals bereits auf, wir hielten aber die Ausbrüche seiner hochgradigen Reizbarkeit für groteske Künstlerlaunen, mit denen er vielleicht zu kokettieren liebte und die uns mitunter sogar Spaß machten. Dabei nahmen wir ihn nicht nur als Musiker, sondern auch als ehrlichen und tüchtigen Charakter vollauf ernst, der durch eine innere Noblesse seines Wesens überzeugte, wie sie in der künstlerischen Boheme sonst selten war. Sv zählte der „kleine Wolf", wie er bei uns hieß, durch zwei bis bret Jahre zum engeren Verkehr unseres Hauses und fand sich ein, ob er Klavierstunde gab oder mcht. Wir bewohnten das Gvldschmidtsche Haus am Opernring, das in allen Stockwerken untereinander befreundete Familien barg, deren jugendliche Mitglieder ebenfalls herzlich verbunden waren. Dadurch entstand ein ewiges Treppauf und Treppab, ein stetes Zusammentreffen; hatte Wolf gerade kein Quartier und vor allem fein eigenes' Klavier, was bei seiner Geldnot und seinem fortwährenden Wohnungswechsel sich oft ereignete — auch in seinen Briefen eine quälende Rolle spielt — so fand er immer in einer der vier Etagen em Instrument, das ihm Gastfreundschaft gewährte. Bei uns blieb er gerne gegen Abend nach der Stunde und wir beide sprachen von unserer jeweiligen Lektüre, denn wir trafen uns leicht im gemeinsamen Verständnis für Keller, Heine, Lenau, vor allem aber hieß „ Faust die Signatur jener Tage, von der wir die Lösung aller Welträtsel ^erhofften. Die Seltsamkeit seines Wesens äußerte sich wohl in einer „göttlichen Grobheit", hinter der er fein weiches Herz verbergen wollte und die meistens komisch wirkte. Bei den geringfügigsten Anlässen machte sich seine Nervosität in plötzlicher Heftigkeit Luft. Sv spielen z. B. die Ehsendungen von mütterlicher und schwesterlicher Seite in seinen Familienbriefen eine große Rolle, und er ist mahlvs empört, wenn man ihm nicht die richtigen Wurste schickt .Schon die vorletzte Sendung der Würste hat mich 6er- fltmmt," heiht es da z. B.: „Ich denke, ich hab« oft genug Euch die Gattung der Würste vvrgeschrieben, wie ich sie allen anderen vvrziehe. Wozu glaubt Ihr benn, daß ich Euch so was schreibe? Doch nicht deshalb, damit das Gegenteil von dem befolgt werde, was ich wünsche. Mr künftige Fälle habt die Güte und hebt diesen Brief auf, denn ich bin es nun satt, das ewige Wiederkäuen einer Sache, die ich bis zum Heberdruß schon wiederholt habe. Ausdrücklich habe ich immer betont, daß ich frische Wurste will rote Würste, solche Würste, von denen immer gefaselt wird, dah'sie nur zum Kochen sind, solche Würste nur will ich!' Den größten Hatz hegte Wolf gegen Brahms, dessen Kunst er mit . ebenso großer Heftigkeit verurteilte tote er die von Richard Wagner leidenschaftlich verehrte. Der Sänger Dawison erzaglt, daß er einmal mit Wolf zusammen in den Braymsschrn Liedern „unter großer Heiterkeit nach dem sinnlichen Element" suchte, natürlich, ohne es zu linden, denn Wolf war der Heberzeugung, daß der Drahmsschen Musik jede Sinnlichkeit fehle. Als Dawison zum Schluß beim Singen eines Liedes Cis statt C nahm, verbesserte ihn Wolf und fügte hinzu: „Hätte er nur Cis geschrieben, bann Ware es viel besser! Aber so ist Brahms: Sobald er in Gefahr gerät, einmal ausnahmsweise das, Gefühl voll ausströmen zu lassen, gleich mutz er einen Dämpfer drauf setzen. Als die Rachr,chr von Wagners Tode kam, fand Dawison Wolf am Flügel sitzend, den Klavierauszug der „Götterdämmerung vor sich auf- geschlagen. „Stumm beutete er auf die Roten. fang Sieg frieds Sterbegesang, und bann spielte Wolf die mi-
so gewaltigen, ergreifenden Ausdruck, daß ich auf d^m schlechte alten Flügel das gange Orchester zu vernehmen wahme. Als er geendet, vermochte keiner von uns ein Wort zu ^?r£a>en, unb ich entfernte mich schweigend. Dr beging Hugo Woll die -.oten feier für feinen Meister.


