34 —
Hersfeld, Isenburg, Solms-Lich, Solms-Laubach, Hanau-Münzen- verg, Stolberg-Gedern und von reichsritterschaftlichem Gebiet. Don einer gemeinsamen Berwaltungspviitik des ganzen Gebirges konnte also nicht entfernt die Rede sein, fast jedes Tal lag ja für sich abgesperrt in dem Grenzwinkel eines anderen Landes. Heutzutage stehen bayerische, hessische, weimarische und meiningische Marksteine auf der Rhön; doch ist wenigstens die überwiegend größere Masse zu Bayern gefallen.
Für den Kulturfortschritt der Gebirge sind jene alten politischen Zustände natürlich vom größten Nachteil gewesen. Sie vermochten aber nicht auseinanderzureißen, was die Einheit Der Bodenbildung j’u einem sozialen Ganzen verband. Die Gleichförmigkeit namentlich des Westerwaldes und Bogels bergen. nl Den Berg- und Tatformen, in der Pflanzenwelt, in der Anlage der meiischlichen Siedlungen wirkte mächtiger, als die Bunt-, scheckigkeit der willkürlichen politischen Grenzen. Dies ist em sehr merkwürdiges Zeugnis für den zähen Zusammenhang von Land und Leuterl.
Sodann zogen sich seit dem Ausgange des Mittelalters die Residenzen der- Fürsten wie die Herrensitze des begüterten Al^ls immer mehr nach den Ebenen und großen Fluhtälern, nach den, dort gelegenen größeren Städten. Seit dem Dreißigjährigen Kriege bis gegen die neuere Zeit hin sind jene rauhen Berggegenderl unseres Vaterlandes für die gebildete Welt wie verschollen gewesen; sie muhten erst wieder entdeckt werden. Richt einmal die modernen Touristen mochten die Romantik der einförmigen Ocde des hohen Westerwaldes und Dogelsberges schmecken. Seit alten Tagen sind jenen Landschaften von tausend Fortschritten der Volkswirtschaft und der Kulturpflege des Staates nur kümmerliche Pflichtteile zugute gekommen. Die abgelegenen Bergbewohner fühlen es heute noch und sprechen es aus, daß sie die Stif- kinder des Staates seien gegenüber den Bewohnern der Riede- rungen mit ihren Residenzen, Haupt- und Handelsstädten, wit ihren gesammelten Erwerbsquellen. 3n dem individualisierten Mittelalter waren die Gaben gleichmähiger verteilt, darum standen damals diese unwirtlichen Gebirge weit weniger in der Kultur zurück gegen die gesegneteren Ebenen zu ihren Fühen. 3n der buroaukratischen Zeit betrachtete man wohl gar solche Berggegen- Heu als ein kleines Sibirien, wohin man mißliebige und unfähige Beamte verbannte, als bequeme Strafkolonien für anstößige Geistliche und dergleichen. Als ob es nicht im Gegenteil der natürlichste Akt der Staatsklugheit gewesen wäre, gerade den Kern der Bsainten dorthin zu senden, wo die härteste Arbeit winkte, wo am heißesten zu schaffen war, um durch gesteigerte Kultur, durch Ausbeutung aller Hilfsquellen der ülngunst von Boden und Klima Trotz zu bieten.
So liefen seit Jahrhunderten tausend feine Fäden zusammen, um allmählich dieses grohe Retz von Rot und Glend zu stricken, welches sich um die deutschen Gebirge zusammengezogen hat, und die feinen Fäden dünken vielen bereits unzerreihbar wie Schiffstaue.
Ein Blick auf die Spezialkarten lehrt, Lab die Dörfer fast nirgends dichter beieinander liegen als auf unseren mageren mitteldeutschen Basaltgebirgen, und zwar seltsamerweise oft in den ödesten Strichen am allerdichtesten. Es ist dies Phänomen aber leichter zu erklären, wie etwa das verwandte, Lab die ärmsten Leute in der Regel die meisten Kinder bekommen. Den rauhen Gebirgen entging die chirurgisch heilende Kraft der groben Kriege, welche die Bevölkerung der Ebenen gar mächtig zentralisierte. 3m Mittelarlter waren die Dörfer in den Ebenen ebenso dichtgesät, wie jetzt noch auf manchen Bergzügen. Die Kriege fegten ein starkes Prozent dieser kleinen Dörfer vom Boden weg und trieben die Bewohner zu gröheren wehrhafteren Orten zusammen. Zahllose Ramen im Bauernkriege und im Dreihigjährigen Kriege ausgegangener Dörfer geben Zeugnis dafür. Aus der hohen Rhön, der Eifel, dem hohen Westerwald usw. verbietet sich das Kriegführen von selbst. Anno 1850 machten wir diese Erfahrung zum letzten Male. Die ärmsten und unwirtlichsten Gegenden haben deshalb noch die Aeberzahl der kleinen mittelaltrigen Dörfchen bewahrt, weil der Hunger kein Magnet für Kriegsheere ist. Also auch hier ist wieder ein mittelalterlicher Zustand unberechtigt ins moderne Leben hineingewachsen.
Aus dem Westerwald, wo die Kriege so wenig aus die Zu- sammenzie^rng der Siedlungen einwirkten, dah jetzt noch ein grober Teil auf der Aebergangsstuse von einer blohen Hofgemeinde zur Dorfgemeinde steht, gingen im 18. Jahrhundert noch einzelne Dörfer aus, sie gingen von selber aus, wie ein Licht ausgeht, weil ihm die Rahrung fehlt. Das wird sich im übrigen Deutschland in dieser Zeit selten finden.
Auf dein Westerwald lag im 14. Jahrhundert eine Burg, Rohrbruch, inmitten eines kleinen Sees. Sie soll über Rächt spurlos in den See versunken sein. An diese melancholische Sage gemahnten mich immer die ausgegangenen Westerwälder Dörfer. Sie versanken spurlos, weil der Boden der Kultur, der sie tragen sollte, zu dünn war, weil er immer mürber geworden; sie sind nicht vertilgt worden, sie sind verloren gegangen versunken über Rächt, man weih nicht, wo sie hingekommen sind.
Vergleicht man die Einwohnerzahl dieser Bergketten mit der Ziffer des Mächengehaltes, dann scheint eS, als sitze das Volk dort Mzu Mim,, nicht allzu dicht. Es ist die« aber nur Trug und Schein. achern-als lehrt, wie vorsichtig man bei dm Schlüsse«
aus nackten statistischen Ziffern sein müsse. Da ein grober Teil des Bodens aus Wäldern und Wüsteneien besteht, welch letztere kaum je kulturfähig werden dürften, da ferner das angebaute Land .selbst einen unverhältnismähig geringen Ertrag abwirft, so ist die an sich dünne Bevölkerung dennoch zu dicht. Auch in den Häusern der zahllosen winzigen Dörfchen drängen sich hier die Leute weit enger zusammen, als es sonst auf dem Lande zu geschehen pflegt.
Der Westerwald hat kaum eine eigene politische Geschichte, er hat nur eine Kulturgeschichte, die seltsamerweise durch ihre unendlich langsame Entwicklung das höchste Interesse gewinnt. Erzeigt kaum ein paar dürftige Baudenkmale aus alter Zeit; aber diese Dörfer selbst, obgleich meist nur aus zehn bis zwanzig strohgedeckten Lehmhütten bestehend, sind historische Denkmale. Sie sind grohenteils uralt, und doch tveih der Forscher nur gar selten em» geschichtliche Tatsache aus ihrer Vorzeit aufzuspüren. Allem das Bild selber, welches sie bieten, malt dem Auge eine geschichtliche Tatsache. Heute noch wie vor hundert Jahren baut sich der Bauer mit einem Kapital von beiläufig fünfundzwanzig Gulden sein Häuschen; die Arbeit der eigenen Hände, die er in den Bau steckt, ist der bedeutendste Teil seines Anlagekapitals, er baut sein Haus im Wortsnm selber. Darum sieht man auch hier noch so häufig wie in alten Zeiten, verlassene, in sich zufammen- salleude Häuser, namentlich auf einsameren Punkten. Denn der hypothekarische Wert, der Wert des Rohstoffs, dec Arbeit der Lage ist da oft so gering, daß gar keine andere Wahl bleibt, als das Haus verfallen zu kaffen, wenn der Bewohner verdorben ist und ein anderer sich nicht sofort einfindet. Die Kosten des Ab- 'bruches würden den Wert des abzubrechenden Materials bei weitem übersteigen. Man reibt heraus, was an Holzweck noch halbwegs brauchbar ist; den Rest mag dann der Rordwestwmd zusammenblasen.
Ganz ähnlich ist es mit dem Vogelsberg.
Die Rhön dagegen hat bessere Tage gesehen als die gegenwärtigen, sie hat eine Geschichte gehabt, welche mehr war als eine bloße Geschichte des Elendes; ihre Blütezeit liegt in der Vergangenheit, die des Westerwaldes in der Zukunft. Die Parallele liehe sich in tausend Einzelzügen entwickeln. Das geschichtliche Andenken erloschener Betriebsamkeit kann bei den Mhönern nur dazu 6ei tragen, die Naivität der Armut zu brechen, und die fehlgeschlagenen Versuche mit modernen Jndusttwanlagen zeigen den Leuten erst recht, wie arm sie eigentlich sind. Die Fichtelberger wären auch glücklicher, , wenn sie statt der magischen Feldsteine einfaches Granitgeröll auf ihren Aeckern liegen sahen. Die Leute vom hohen. Westerwald, deren 3ndustriegeschichte nut dem Kapitel vom Schneeschaufeln anhebt und endigt, sind viel zufriedener. Wie es mancherlei Stand und Beruf unter den einzelnen Nkenschen gibt, so auch unter den Ländern. Wan vermeint aber in unserer geldgierigen Zeit, jedes Land müsse schlechterdings zu einem 3ndustrielande gemacht werden. 3m Spessart hat man es mit Bergwerken versucht, die eingestellt sind, mit Glashütten. die aufgehört haben. Geblieben aber ist den Leuten durch . diese verunglückten Versuche das Drwuhtfein ihrer Ohnmacht und Armut. Ja manche ursprüngliche und natürliche Formen des Gewerbesleihes im Sande sind durch diese Versuche mit neuen Betriebszweigen obendrein verdrängt worden.
Wir finden in diesen Gebirgen den merkwürdigen Widerspruch, dah die Leute oft einen unbestreitbaren inneren Beruf zur Gewerbtätigkeit haben, während ihnen die Lage des Landes ihre industriellen Talente, ihren Eifer zum Fluch tverden läht. Darum ist es in diesen Gegenden ganz besonders bedenklich, mit solchen neuen Industriezweigen zu experimentieren, deren Gedeihen nicht sicher vorauszusehen ist. Ein verunglückter Versuch, der im Flachland höchstens ein paar Familien auf einige Jahre zurückbringen würde, verdirbt und verstimmt hier eine ganze Volksgruppe auf ein Menschenalter und darüber.
3u diesen Gebirgen geht das Handwerk barfuß, hier wohnen die Raturkinder der Industrie. Ja man könnte sagen, unsere Gebirgsbauern unterscheiden sich dadurch von den Flachlandbauern, dah sie das angeborene technische Genie besitzen, welches jenen mangelt. Dasselbe Elend, welches sich bei den industriellen Dörfern des schlesischen Gebirges und des Erzgebirges, in grohen, weltbekannten Zügen darstellt, wiederholt sich bei den Rhöner Holzschnitzern im kleinen. Die Besitzer gröberer Werkstätten in den Städten und an den Landstraßen klagen nicht über Mangel an Absatz, dagegen gehören die Holzschnitzer in den abgelegeneren Orten zu den ärmsten unter den armen Leuten. Jene arbeiten teilweise für auswärtige Abnehmer, diese aber für den beschränktesten Ortsbedarf, das heißt für Kunden, die selbst nichts haben!
Die Industrie unserer Gebirgsbauern ist meist erst ein Kind der neueren Zeit. Am Schlüsse des 16. Jahrhunderts finden wir auf dem jetzt so betriebsamen Schwarzwald noch keine Spur kndusttieller 'Arbeit. Erst die gänzliche Umwandlung der bäuerlichen Verhältnisse in der Llebergangsperiodr zur modernen Zeit und die landwirtschaftliche Feuer- und Eisenkur des Dreißig- jährigen Krieges zwang die Gebirgsbauern zum Handwerk. Aber mit welch unglaublicher Triebkraft hat sich nun seit etwa 150 Jahren diese neue 3ndustrie der Holzschnitzer, älhrenmacher. Stroh- und Weidenflechter. Spitzenklöppler, Leineweber, Nagel- schmiede und Desenbinder überall in die Höhe zu arbeiten gesucht! 3n diesem gewaltsamen Durchbruch der jüngsten Metamorph»!*


